Ausgabe 
24.6.1908
 
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Tarnt. Und um Martha Bartikows Angclegenheiteii, die dir so viel Kopfzerbrechen zu verursachen scheinen......"

0, nicht im geringsten", fiel ihm Isabella mit Auflachen ins Wort.

Also", sprach Heinz toeiter,um diese Dinge einmal gründlich zwischen uns klarzulegen, will ich div Folgendes sagen: Martha Bartikow füllt meiner Mutter nicht zur Last. Im Gegenteil. Sie erleichtert ihr baS Leben auf jede erdenkliche Art, und seit vielen Jahren ist meine Mutter körperlich nie so rüstig und wohl­auf gewesen !vie gerade jetzt, wo Martha ihr sieben Achtel ihrer Arbeit abnimmt. Wie wenig sie aber darauf ausgeht,alle Augenblicke mit mir zusammenzutreffen," magst du daran sehen, baß sie sich seit dem Frühling, ohne daß wir etwas davon wußten, bemüht hat, in irgend einem Mutterhaus als Diakonissin anzu- Tom'men."

Und tvvher iveißt du diese interessante Tatsache jetzt auf einmal?" unterbrach Isabella.

Weil Martha Bartikow nachdem ihre bisherigen Ge­suche allenthalben abschlägig beschieden worden find mich vor­gestern um meine, sozusagen amtliche Empfehlung beim Mutter­haus in Kaiserswerth gebeten hat, zu dem ich noch von meiner Mifsionstütigkeit her Beziehungen habe."

And du hast ihr diese Empfehlung geschrieben?" fragte Isabella und streifte Heinz mit einem mißtrauisch-lauernden Blick.

Sa . ... da sie sich auf keine Weise von meiner Mutter und mit zum dauernden Bleiben bewegen lassen wollte."

Aha! Es scheint also, daß du mehr auf ihre Nähe erpicht bist, als sie auf die deine!"

jedenfalls werde ich sie nach ihrem Weggänge im Interesse meinet Mutter und im Hinblick auf das Gedeihen der Abend- fthule schmerzlich vermissen."

Isabella runzelte die Stirn.

Du tust fortwährend, als wenn das ganze Wohl und Wehe der Abendschule einzig von diesem Mädchen ab hinge; und für meine Tätigkeit findest du schon seit Monaten kein anerkennendes Wort mehr."

Das ist nicht meine Schuld, Isa. Du weißt, toie glücklich sth über den Eifer war, mit dem du gleich nach unserer Verlobung j in deiner Masse an die Arbeit gegangen bist. Aber dein Eifer ist lahm geworden, wie -deine Liebe zu mir."

Dos ist nicht wahr", fuhr Isabella auf.Deine Liebe hat nachgelassen."

Heinz biß sich auf die Lippen. Nach einem kurzen Schweigen fuhr er fort:

Ich muß oft an das Gespräch denken, das ich im vorjährigen Frühling mit dir hatte bald nachdem du mißlaunig von deiner, Konzerttournse zurückgekehrt warst. Da sagtest du: ^Schließlich ist wohl alles im Leben nur schön, solange man sich darnach sehnt. Wenn miau es erst erreicht hat ...." Du brachest ab und drehtest an deinen Ringen. Im Geiste sehe ich es heute noch, und höre deine Worte, als hättest du sie erst gestern gesprochen.. Und so . . . ."

Nein. . . das ist nicht wahr", fiel ihm Isabella in die Rede.Ich werde deiner nie überdrüssig l»erben. Gewiß gebe ich za, daß nicht der innige Friede zwischen uns herrscht, der zwischen Brautleuten herrschen sollte. Aber du trägst die Schuld . . oder vielmehr dein Beruf. Dein Beruf, der dich fo voll- ,ständig in Anspruch nimmt, daß ich mich von ihm zur Nebensache herabgewürdigt sehe, dein Beruf, der dich mir entzieht, der mich dir entfvenrdet. Werin du mich ioirklich so lieb hast, wie ich dich lieb habe, so gib deinen Beruf auf; und alles wird gut sein zwischen uns, fein Schatten wird mehr unser Glück trüben."

Was soll ich?" fragte Heinz, als ob er nicht verstanden, hätte.

Deinen Beruf sollst du aufgeben, den Talar ausziehen, der dich zum Sklaven macht," fuhr Isabella fort.M i r sollst du ge­hören .... Oder wenigstens mich an erster Stelle stehen lassen in deinem Herzen, nicht an zweiter. . . ."

Vollrath stand und schüttelte den Köpf.

Ich weiß wirklich nicht, was ich dir darauf antworten soll", sagte er endlich.

Heinz!" flehte Isabella mit Tränen in den Augen.Bitte, bitte, lieber Heinz, tu doch, um was ich dich bitte. Sieh, ich habe schon keine Ruhe, mehr, weil ich immer denken muß, daß du mich Überhaupt gar nicht richtig lieb hast. Hub nun hab' ich rnir's in den Kvpf gesetzt, dich zu prüfen, wie du mich einst geprüft hast, von dir, zu verlangen, daß du mir deine Liebe beweist. Bitte, bitte, lieber Heinz, tu es doch." Sie haschte nach seiner Hand, die er ihr tvillenlvs überließ, und küßte sie. .Ach, ich will dich ja auch so lieb haben zum Tank, viel mehr, als du ahnen kannst Hörst du? Viel mehr. Und du brauchtest darum nicht müßig dahin zu leben. Rein . . . das würde ich gewiß nicht von dir

verlangen. Gine Tättgkeit ntitf? der Mairn Haben. Nur dein eigener Herr sollst du fein, frei, und nichr abhängig von Dienststuuden, Vortchrrften und Brrgesetzten. Du könntest als Teilhaber in Papas Geschäft eintreten . . . als mein Mann hast du doch das Recht dazu, und Papa wüche sich sicher furchtbar freuen. Und später, wenn Papa sich alt und nylde zurückzieht, könntest du dich mit Werner in die Leitung teilen, der so gut zu dir paßt und dich so lieb Hat."

Auf Heinz Vollraths Stirn stand eine Falte. Eine Flut von Erivrdernngen wogte ihm durch Herz und Hirn. Aber nur die eine sprach er ans:

Nach allem, was über Mitgift- und ähnliche Fragen bisher zwrschen uns verhandelt worden ist hätt' ich's nicht für mög­lich gehalten, daß du mir zutrarren könntest, ich möchte meine Selbständigkeit und mein Selbstgefühl eintauschen gegen die Rolle des Mannes, der nichts weiter ist als der Mann seiner Frau. Und nun laß mich gehen, ehe. . . ." Er brach ab und streckte Isa­bella die Hand hin.Leb Wohl."

Isabella aber nahm die dargebotene Hand nicht. Regungslos saß sie, den Kopf vvrgebeugt, die Zähne trotzig in die Unterlippe grabend, und finstren Blickes sah sie Heinz nach, der, seinen Hut lüftend, mit einem letztenAdieu" von bannen ging, ohne sich noch einmal umzuwenden.

(£t war noch nicht lange fort, als Bannemann in seinem! gelben Jagdwagen am Schloßportal vorfuhr und den ihm öff­nenden Diener fragte, ob der Herr Kvmmerzienrat oder das gnädige Fräulein zu sprechen wären.

JSer Herr Kommerzienrat wären in Schönaue, dem gnädigen Fräulein würde er den Besuch melden, antwortete der Diener, führte den Forstmeister in den Empfangssalon und ging mit der Karte davon.

Isabella ließ Bitten; den vor kaum einer Stunde ge­faßten Vorsatz, Bannemann zur Sttafe für seinenleichtfertigen" Schuß bei feinem nächsten Besuch nicht zu empfangen, hatte sie vergessen.

Nach Abstspelung der stereotypen Eiilleitungsphrasen sagte der Forstmeister mit einem prüfenden Blick in Isabellas Gesicht:

Gnädiges Fräulein antworteten mir zwar vorhin auf meine Frage, daß es Ihnen gut ginge. Ich möchte doch aber behaupten, daß gnädiges Fräulein heut noch weniger wohl aussehen als sonst in letzter Zeit. Ja .... ohne indiskret sein zu wollen, gnädiges Fräulein haben heute entschieden eine finstre Wolke auf der fchönen Stirn, die für eine glückliche Braut durchaus nicht paßt. Darf ein treu ergebener Freund nicht erfahren, aus welchem Wetterwinkel die Wolke herstammt? Natürlich nur des­halb, um zu sehen, ob er sich nicht mit Rat oder Tat als Besser- wettermacher betätigen kann?" schloß er.

Isabella, die es nie für sich behalten konnte, wenn ihr etwas schwer auf dem Herzen lag, die immer ein offenes Ohr brauchte, ihr Leid oder ihren Verdruß zu klagen (mitunter nahm sie dabei fogar zur Zofe oder znm Wirtschaftsfräulein ihre Zuflucht), emp­fand es als Wohltat, daß sie sich heute so rasch über ihren Kummer aussprechen durste. Und sie verschwieg demtreu ergebenen Freunde" nichts, weder denewigen" Hader um die Reise, noch ihr vergebliches Bemühen, Heinz zur Ausgabe seines Berufes zu bewegen,dieses anspruchsvollen Berufes, den ich nun bald an- fangen werde, zu hassen". Nur von ihrer Eifersucht auf Martha Bartikow sprach sie nicht . . .

(Fortsetzung folgt.)

Goethes Litt.

(Zum 150. Geburtstage Lilli Schünemanns.)

Auf den gestrigen Tag (23. Juni) fiel der 150. Geburtstag Lilli Schönemanns, der blutjungen Frankfurter Patrizier- tochter, die Goethe beinahe geheiratet hätte. In dem Blüteu- kranz schöner Frauen, die in Goethes' Leben unb Dichten eine Rolle gespielt haben, nimmt Lilli durch Schönheit und Anmut eine besondere Stellung ein. Sie wird erst durch die neue in Weimar auftauchende Sonne, Frau von Stein, überstrahlt. Goethes Liebe zu Lilli währt verhältnismäßig nur kurze Zeit. In knapp einem Jahre, feit den ersten Januartagen des Jahres 1775, in denen er ihre Bekanntschaft machte, bis zu seiner fluchtartigen Reise nach Weimar währt dieser Liebesroman. Um so tiefere Spuren hat er in seinem Wesen und Dichten hinterlassen. Eine Reihe der herrlichsten Perlen seiner LyrikWarum ziehst Du mich unwiderstehlich ach! in jene Pracht."Im holden Tal der schneebedeckten Höhen" usw. ist diesem schönen Menschen- kinde gewidmet. InWahrheit und Dichtung" hat er feine Leidenschaft zu Lilli noch als Greis mit so glühenden Färbest ausgemalt, daß allem durch dies: Schilderung die Frankfurter Schöne in die Unsterblichkeit eingegangen ist

Zu Eckermann hat Goethe sich gelegentlich dahin geäußert, daß sie die erste und letzte gewesen sei, die er tief unb wahrhaft