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Wirket, so lange es Tag ist.
Roman von Maximilian Böttcher.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Na. . . dann muß ich auch so zufrieden sein", antwortete Isabella und küßte ihn auf die Stint. „Hm", machte sie plötzlich und blickte nachdenklich, mit ein wenig zusammengezogenen Brauen, ins Leere, „eigentlich war es doch verteufelt unvorsichtig von Bannemann, auf Bartikow zu schießen, während du dicht daneben standest. Wenn die Kugel nur einen Zentimeter weiter nach links gegangen wäre, so wärest du tot gewesen." Sie erschauerte und schmiegte sich wieder an ihn. „Schrecklich, ime furchtbar nahe der Mensch doch oft dem Verderben ist! Ich werde Bannemann übrigens das nächste Mal, toenn er kommt, nicht empfangen — zur Strafe für seinen frevelhaften Leichtsinn!"
„Möchtest du, wenn ich "dich recht herzlich "darum bitte, ihn dir nicht ganz vom Halse schaffen, ihn merken lassen, daß er besser täte, seine Besuche einzustellen, weil dir nichts mehr an ihnen liegt ?" brannte es Heinz auf der Zunge. „Fühlst du nicht, daß er die Hoffnung auf dich noch immer nicht aufgegeben hat?" Aber er brachte die Frage nicht heraus. „Isabella würde den Grund zu deiner Bitte nur in der Eifersucht suchen," dachte er. Doch das stand fest bei ihm: War sie erst als sein Weib ins Pfarr-' haus eingezogen, so wollte er schon Mittel und Wege finden, dem Forstmeister feine- Tür ein- für allemal zu versperren. . . •
„Ach, tote bist du langweilig und kalt", stieß Isabella hervor, sprang von dem Sofa, auf dem sie neben Heinz gesessen hatte, auf und dehnte ihre schlanke Gestalt, die — wie einst an heißen Sommeü- tagen _ —• von den losen Falten eines weißseidenen Spitzenkleides umflossen war.
Auch Heinz erhob sich,
1 „Komm", sagte er und warf einen Blick durch das offene Fenster in den Park hinaus, auf dessen Blättergewoge noch die Tropfen des herniedergegangenen Regens glänzten, „komm ins Freie."
„Kvmm", antwortete Isabella und hing sich, rasch versöhnt, in seinen Arm. lieber die nur noch ganz wenig feuchten Kieswege schritten sie durch Garten und Park zum See hinab, wo Isabella einen Korb mit Backwerk aus dem Pavillon holte und die schwarzen Schwäne fütterte, die nahe ans Ufer herau- geschwommen waren, sobald sie das ihnen wohlbekannte weiße Kleid erspäht hatten. Darnach ging sie, immer eng an Heinz' Arm geschmiegt, zu ihrem Triumphstuhl, der im Schatten der großen Blutbuche stand. Während sie den Oberkörper weit zurück- lehnte, Hub sie wieder mit ihrer schmeichlerischen Stimme an:
„Weißt du wohl, Süßer, hier war es, wo du mich zum erstenmal geküßt hast? Ruck' deinen Stnhl dicht an meinen heran. So. Nun leg' deinen Arm unter meinen Kbps, damit ich ein feines Kissen habe, und laß mich so schlafen. Nur ein Viertelstündchen . ... das Gewitter hat mich müde gemacht."
Heinz willfahrte ihr. Sie ließ auch gleich die Lider zufallen, und er hatte Muße, ungestört und in aller Ruhe ihr Gesicht zu
betrachten, das ihm trotz all seiner reizvollen Lieblichkeit heute weicher vorkommen wollte denn je zuvor. Und wieder, gegen seinen Willen, erschien vor seinem inneren Auge Martha Bartikows wie in Adarmor geschnittenes, vom Ansdruck keuscher Seelenreich- heit und unbeugsamer Charakterfestigkeit durchgeistigtes Antlitz.
Wie im Zorn gegen sich warf er mit einer unwirschen Bewegung den Kdpf zurück; und gleich schlug Isabella die Augen' wieder auf.
„Wie rücksichtslos du bist. Kttnnst du, mir zu Liebe, denn nicht ein paar Minuten still fitzen?" herrschte sie ihn an.
' Langsam zog er seinen Arm unter ihrem Nacken hervor und' stand auf. .. .
„Nimm mrr's nicht übel, Isa. Ich muß nach Hause", sagte er nervös.
„So so!" Sie schnellte aus ihrer liegenden Stellung auf und blickte ihn halb spöttisch, halb finster an. „Du warst gewiß heut' noch nicht bei deiner! Mutter. Und deine . . . deine Jugendfreundin wartet wohl auch aus dich?" fragte fie mit Ironie.
„Nun bitte... so antworte doch!" stieß fie erregt hervor, als Heinz schweigend die Achseln zuckte.
„Erwartest du wirklich auf solche Worte eine Erwiderung voll mir?" fragte er. „Leb' wohl! Ich will gehen!" Er streckte ihr die Hanv hin.
„Bleib noch", befahl fie. Und gleich wieder in den Krallen ihrer Heftigkeit, fuhr sie mit tvogender Brust fort: „Denkst du vielleicht, ich durchschaue es nicht, daß deine sonst so stolze Freundin nur deshalb deiner Mutter iwch immer zur Last fällt, weil sie so die schönste Gelegenheit hat, alle Augenblicke mit dir zusammen- zutreffen? Ich weiß genau, daß du gestern, vorgestern und vorvorgestern abend mit ihr und deiner Mutter vor Eurer Tür auf der Bank unter der Linde gesessen hast, anstatt zu mir zu kommen. Aber natürlich — nach Fichtenhöhe brauchst du zwanzig Minute,: und über die Sttaße nur eine'oder zwei."
„Gewiß", entgegnete Heinz gelassen; „meine Mutter nimmt es mir eben nicht übel, toenn ich nach einem Vierte lstimdcheu wieder zu meiner Arbeit zurückkehre, während du außer dir gerätst, wenn ich dir nicht den ganzen Abend widme."
Isabella, die mit trotzig verzogenen Lippen dasaß, machte eine wegwerfende Geste.
„Ach Gott... — Um Ausreden bist dir ja nie verlegen," wollte fie sagen; aber sie beherrschte sich und sagte nur: „Auch, daß du dieses Mädchen, trotz meines Protestes, doch noch als Lehrerin in die Abendschule auf genommen hast — das ist doch nichts weiter als ein Opiat für ihr Herz."
Heinz fühlte, daß die Ruhe, mit der et nun schon Wochen und Wochen allen Ausfällen seiner Braut begegnete, ihn heute ver- lassen wollte.
„Ich habe dir schon drei-, viermal erklärt, Isabella", antwortete er nach einem tiefen Atemholen, „daß ich Martha Bartikow deshalb um ihre Tätigkeit in der Abendschule gebeten habe, weil ich nach 'Fraulein Reichardts Fortgang um eine Hilfskraft in großer Verlegenheit war — du mußt endlich Begreifen lernen, daß ich das Wohl einer Einrichtung, die so viel Gutes stiftet wie die Abendschule, unmöglich deinen Launen hintanset^zr


