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und Konfessionen zusammen. Der Zufall spielt einmal dein Zentrumsmann ein nationalliberales, dem Konservativen ein sozialdemokratisches Blatt in die Hände, der Katholik erhält eüt Buch, das vom protestantischen Standpunkt aus geschrieben ist. Oder ganz abgesehen vom Zufall, er nimmt eine derartige Zeitung oder ein solches Buch, um sich zu unterrichten. So lernt er gar oft, sei es mit, sei es ohne Absicht, den Standpunkt des Gegners erst richtig begreifen und wird ihm dann eher Gerechtigkeit widerfahren lassen. -Das Erfordernis dafür ist natürlich, daß die Bibliothek über den Parteien steht, und das muß eine wirkliche Bolks- bibliothek. Die Bücher- und Lesehalle ist also ein eigenartiges Gebilde, das nicht nur bildeude, sondern auch soziale Ziele verfolgt.
Vermkßeh-es,
* Die Not in den russ i s ch e n Dö r fe rn ist gegenwärtig sehr groß und ward durch einen ungewöhnlich strengen Winter noch schlimmer. Im Dezember betrug die Durchschnittstemperatur 20 Grad unter Null. In manchen Dörfern — so erzählt in der „Revue suisse" ein russischer Arzt — Hausen Menschen und Tiere zufammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Als der Arzt einmal am frühen Morgen einen dieser Menschen- und Viehställe betreten nrußte, war er einer Ohnmacht nahe, denn die Luft war vollständig verpestet. Die Holzwände der armseligen Stuben sind an vielen Orten mit Mist bedeckt; auf diese Weise? erzielen die Bauern eine etwas größere Wärme. Seife ist fast vollständig unbekannt; durchschnittlich verbraucht jede Person nur etwas mehr als ein Pfund pro Jahr, aber . . . Wäsche inbegriffen! Die Bauern sitzen die langen Winterabende im Finstern, iveil auch Petroleum für sie zu teuer ist; eine Familie verbraucht höchstens 20 Liter im Jahre. Der Hunger macht die armen Leute so schwach und widerstandslos, daß die Sterblichkeit außerordentlich groß ist. Die Kinder besonders sterben wie die Fliegen. Als der Arzt den Müttern vorhielt, daß sie die kleinen Patienten erst dann ins Krankenhaus brächten, wenn die Krankheit schon weit vorgeschritten sei, antworteten sie ihm: „Wenn die Kleinen nicht stürben, was sollten wir dann wohl mit ihnen anfaugen? Wir haben ja selbst nicht zu essen!"
ipe. Edisons Einkommen. Der große amerikanische Erfinder hat einen Riesenprozeß gewonnen, den er gegen alle diejenigen Personen und Fabriken anstrengte, welche ihm das Patentrecht an den von ihnen augcfer- tigten Kinematographen, Kinetoskopen, Biographen, kurzum allen Apparaten, welche sogenannte „Lebende Photographien" darstellen, bestritten. Edison wurde vom Gericht als der alleinige Besitzer der diese Apparate schützenden Patente anerkannt. Nach einer oberflächlichen Schätzung wird durch diesen Gerichtsbeschluß das Einkommen des Amerikaners um mindestens eine Million Dollars erhöht werden, wozu wahrscheinlich noch eine Entschädigungssumme für bisher nicht geleistete Lizenzgebühren treten wird.
* Das Geheimnis eines S ch l a n g e n m agen s. Kannibalismus ist bei den Reptilien gang und gäbe. Das zeigt ein Fall, den uns ein Forscher aus einem großen zoologischen Institut mitgeteilt hat. Der Magen einer afrikanischen Brillenschlange (Naja melanoleueaf, die eine Länge von 42 Zmtr. hatte, enthielt eilte andere, 36 Zmtr. lange Schlange, die ziemlich häufige Leptodira hotamboeia. Auch diese hatte ihre Mahlzeit noch nicht verdaut, denn in ihrem Magen fand sich ein Frosch; die Mahlzeit dieses Frosches, aus einer Menge schwarzbrauner Ameisen bestehend, konnte auf die aufgenommene Nahrung nicht weiter untersucht werden. Der Frosch, der in der inneren Schlange war, war übrigens dreimal so groß, wie der Kopf der ersten Schlange, die die zweite gefressen hatte.
§ V„de r Verleg en lieft. Sommerfrischler (zur Bäuerin):
E doch ,ein Skandal! Da ist direkt in der Butter ein großes Stuck Margarine! — Bäuerin: „Na, so ein Luder von einer Kuh!"
Literarisches.
—• „M ärz ", Halbmonatsschrift für deutsche Kultur. Herausgeber: Ludwig Thoma, Hermann Hesse, Albert Langen, Kurt Aram. Zweites Februarheft 1908. Preis Mk. 1.20, im Abonnement : das Quartal (6 Hefte) Mk. 6. Verlag von Albert Langen in München. Tas Februarhest der vortrefflichen Halbmonatsschrift enthält eine Reihe wertvoller Beiträge, die in weiten Kreisen besondere Beachtung finden durften. Der Turiner Prost Guglielmo Ferrero geht in seinem geistvollen und tiefgründigen Aussatz „Die wirtschaftliche Krise und die Fortschritte des Luxus" den Ursachen der gegenwärtigen wirtschaftlichen Krise nach, lieber die „Ausstellung älterer englischer Kunst in der Königl. Akademie der Künste zu Berlin" schreibt Sabine Lepsins und unterstützt ihre. Ausführungen durch die Reproduktion mehrerer Porträtwerke der englischen Meister. Kurt Aram spricht über „Münchens Niedergang als Theaterstadt" und kommt zu dem Ergebnis, daß nur eine ernsthafte Konkurrenz die gegenwärtigen Münchner Bühnen aus dem Schlendrian herausreißen kann. Jacob Schasf- ner steuert einen neuen köstlichen, von Naturfrische durchwehten „Märzbrief" bei, der diesmal vom Sport und von Berlin handelt. Eine feinsimiige Erzählung „Der Tod des Bruders Antonio" wird die zahlreichen Fremtde und Verehrer Hermann Hesses erfreuen. Ein Aussatz von Frank A. Vanderlip „Streifzüge eines Amerikaners durch die politischen Probleme des europäischen Kontinents" wird sehr interessieren, besonders die Ausführungen des Verfassers über die Sozialdemokratie in Deutschland und über die liberalen Entwicklungen in Europa überhaupt. Fr. Erhard vergleicht in seinem Artikel.'Mehrung Kleidung, Liebe und die Rechte der Natur" in geistreicher Weise unfern heutigen Kültnrzustand mit den ursprünglichen, für den Menschen natürlichen Verhältnissen. Weiter bringt das Heft die Fortsetzung des Romans „Zwölf ans der Steiermark" von Rudolf Hans Bartsch. In den Rubriken Rundschau und Glossen finden iuit eilte große Anzahl aktueller Themata behandelt. Wir heben daraus hervor, den Ausruf des Dr. I. Lewy, zur Gründung „eines unabhängigen Bundes zur Einfuhr u u g d e s Reichstagswahlrechts in Preußen" und die Gloßen „Kaltes Wasser" von Dr. Heinrich Hutter und „Staatsretter von Gothus, in denen iit stark satirischer Weise politische Vorgänge der jüngsten Zeit behandelt werden.
Die tiefsten Lieder.
Klingt noch so voll die Saute, Wie frischer Bergesguell, Und jittert’S durch die Sailen Auch noch so warm und hell: Die tiefftat deiner Lieder, , Vom ©ebnen beiß durchwühlt, Tie hat aut dieser Erde Kein Menscheuherz gefühlt. Die tönen nur dir selber Wie Aeolsharfen weit, Die nimmst du nngefungen Mit dir zur Ewigkeit. Albert Kohl.
Weisheitsworte.
Natur hat weder Kern noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male,
Dich prüfe Du nur allermeist, Ob du Kern oder Schale seist.
Golt ziemts, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in sich, sich in Natur zu hegen.
Und es ist das ewig Eine,
Das sich vielfach offenbart, Klein das Große, groß das Kleine, Alles nach der eignen 3lrl. Goethe.
Silbenrätsel.
aut, av, be, berg', I>ra, bieg, des, der, ef, el, el, enz, go, gust, ib, ist, la, ne, ui.
Aus den vorstehenden 19 Silben sind 8 Wörter zu bilden uns so nntereiuander zu setzen, daß ihre Anfangsbuchstaben von oben nach unten und ihre. Endbuchstaben von unten nach oben gelegen, je den Namen einer bekannten Burgruine ergeben. Die einzelnen. Wörter nennen den Namen für:
1. Einen Ort. 5. Eine Stadt.
2. Eine Halbinsel. 6. Ein Säugetier.
3. Einen Fluß. 7. Ein Schristzeichen.
4. Eine Stadt. 8. Einen Vornamen.
L. Barthels, stud. arch. Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Lampe.
Richtige Lösungen gingen uns zu von: Präparand H. Der» in. Lich, ferner mehrere aus Gießen, Rodheim, Butzbach und Lollar.
äiebaftiou: P. Witiko. Rotationsdruck und Verlag der B rü hl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


