Ausgabe 
24.2.1908
 
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teilung der Geschenks an zwei langen Tafeln folgte. Mit Gesang wurde die erhebende Feier geschlossen.

Da die Bücheranschaffungen und die Christbescherungen fast das ganze Kapital des .Vereins verschlangen, konnte erst im Jahre 1852 ein geeigneter Schrank bei Schreiner­meister Günther bestellt werden. Onkel Toms Hütte hatte es den Mitgliedern angetan, weswegen beim Borlesen dieser Geschichte noch ein Leseabend mehr eingelegt wurde. Mer auch andere Unterhaltung als nur Borlcsen gewährte der Verein seinen Mitgliedern, denn am 27. Januar 1855 fand int Leseverein mit Genehmigung des Vorstandeseine V o r st e l l u n g v e r s ch i e d e n er T i e r st i tn m e n statt, auch gab ein Kraftmensch t n r u e r i s ch e U e b u n g e n zum besten". Die Bücher wurden fleißig entliehen, durften aber nicht an Nichtmitglieder hinausgegeben werden.

Welches Ansehen dieser Verein damals hatte, beweist der Umstand, daß der Schriftsteller Gerstäckcr und der beliebte Spinnstubenerzähler O. v. Horn Ehrenmitglieder des Vereins waren, die ihn mit reichen Büchersendungen beschenkten. Im Archiv werden noch Briefe dieser Schrift­steller aufbewahrt. Als im Jahre 1855 eine Geschichte Andreas und Beatrice gelesen wurde, beschloß man, daß solche Geschichten, die die Moral nicht vorwalten lassen, nicht mehr gelesen werden sollten. Im Mittelpunkte aUer Veranstaltungen stand immer die Christbescherung. Im Jahre 1856 wurde sogar eilte .Havannazigarre, die der Vorsitzende von Gerstäcker erhalten hatte, zu gnnsten derChristkasse" versteigert. 1856 besaß der Verein schon 210 Bücher, so daß er den Verein in Weidhausen mit Büchersendungen unterstützen konnte. Die Versammlungen, die immer von 30 bis 40 Mitgliedern besucht waren, .fielen 1858 einer Blatternepidemie wegen aus. Inzwischen wurden dem Verein eilt Kronleuchter, zwei gedrechselte Leuchter für den Vorleser und ein Hirschgeweih geschenkt. Doch der ^Verein war schon weiter bekannt geworden. 1858 schrieb die HildburghäuserDorfztg.":In den stillsten Tälern wachsen die schönsten Blumen. Auch das schöne Tal von Mönchröden im Koburgischcn hat seine Fruchtbar­keit im stillblühenden Schönen und Guten. Seit zwölf Jahren besteht dort unter der Leitung des Lehrers Witt- manu ein Leseverein, welcher gegenwärtig 71 Mitglieder zählt. Mit der Liebe zur Bildung vereint sich leicht die zum Wohltun, und so hat dieser Verein seit zehn Jahren Christbescherungen für arme Kinder veranstaltet, an deren letztem auch HofmannsWeihnachtsbaum" teiluahm, und der besonders armen Kindern zuteil wurde. Wir würden diese stille Wirksamkeit nicht an das Licht der Ocffentlichkeit stellen, wenn sie nicht ein so nachahmungswertes Beispiel wäre für Tausende von Dörfern und Gsmeinden Deutsch­lands."

Der Verein vergrößerte sich so, daß er eine neue größere Wereinsstube in Benutzung nehmen mußte. Im Jahre 1861 wurde beschlossen, daß regelmäßig Wschnittc aus der deut­schen Geschichte neben den Dichtungen vorgelesen werden sollen. Aber auch vaterländische Grundsätze hat der Verein gepflegt, denn es wurde 1863 eine Erinnerungsfeier für Theodor Körner gehalten, und das Andenken an die Völkerschlacht bei Leipzig wurde durch gemeinschaftlichen Kirchgang, Umzug, Konzert und Fackel­zug, an dem sich 500 Personen beteiligten, festlich begangen. Die Kriegsereignisse von 1866 und 1870/71 wurden ausführlich besprochen int Leseverein und an die Kriegs­teilnehmer Gaben abgesandt. Seit 1869 steht die Bibliothek auch Mchtmitgliedern gegen Lesegebühren zur Verfügung. 1876 wurden dem Kantor Wittmann für seine Verdienste zahlreiche Geschenke überreicht. 1880 trat er von der Leitung zurück. Die Christbescherungen für arme Kinder hörten auf, der Verein sank bis 1890 auf 20 Mitglieder herab, so daß er manchmal gar nicht tagen konnte, bis Lehrer Hauff das Vereinsleben neu belebte. Heute besitzt der Verein 431 Bände und zählt 69 Mitglieder. In Zukunft will der Verein eine Lesehalle einrichten und durch Aufführung ländlicher Theaterstücke für Unterhaltung sorgen.

volkshMiotheken.

Die jetzt mächtig einsetzende Bewegung, unseren weitesten Volksschichten Bildung zu vermitteln, ist bei uns nicht alt. Zwar lassen sich die Uranfänge bis auf Luthers Zeiten zurückführen, aber es wurden nur recht winzige Erfolge erzielt. Einen wirklich nennenswerten großen Auf­schwung brachten erst die 90 er Jahre des vorigen Jahr­hunderts. Dieser Fortschritt ist einmal zu verdanken der größeren Einsicht, die man inzwischen von dem Wesen der Volksbibliotheken gewonnen hatte, dann aber auch vor allen Dingen dem Bekanntwerden der englisch-amerikani­schen Public Libraries, ihrer Einrichtungen und Erfolge. Wie so oft, haben wir auch in dieser Beziehung wieder einmal aus dem frisch aufstrebendenLande der un­begrenzten Möglichkeiten" den fördernden Keim für die Entwicklung des allgemeinen Volksbildungswesens emp­fangen. Es entstand die Bücher- und Lesehalleubewegung, die es sich zur Aufgabe setzte, die Kenntnis dieser Public Libraries in Deutschland zu verbreiten und ihre Ein­richtungen und Erfahrungen auch für unser Vaterland und für unsere Verhältnisse fruchtbar zu machen. An ihre Spitze stellten sich hervorragende Männer und große Vereine. Die vielen Anstalten, Bücher- und Lesehallen, welche neu errichtet wurden, erfreuten sich eines glänzenden Zuspruchs und erwiesen damit aufs deutlichste ihre Daseinsberech­tigung.

Die Bedeutung und den Stutzen solcher Bibliotheken wird' heute niemand mehr bezweifeln. Doch sei es uns gestattet, einmal auf die sozialen Vorteile dieser modernen Volks- bildniigsanstalten einzugehen, indem wir mit kurzen Worten den trefflichen Ausführungen des Stadtbibliothekars von Elberfeld, Dr. Emil Jaeschke, folgen. Er schreibt:

Die Volksbibliothek darf eine hervorragende Stelle' unter unseren sozialen Einrichtungen beanspruchen. Es wird heute so viel geklagt über den Verfall des Familien­lebens, über die Verrohung unserer Jugend, Alkoholismus! und die ans ihnen sich ergebende Zunahme der Verbrechen. Alle Sachverständigen sind sich darin einig, daß der beste Kampf gegen all diese Gebrechen in der Vorbeugung be­steht. Forschen wir nach den Gründen für diese so un­erfreulichen Erscheinungen, so werden wir in vielen Fällen als erste Ursache die Langeweile, den Mangel an geistiger Anregung und Beschäftigung finden. Sie treiben besonders den männlichen Teil der Familie gar oft auf die Straße, in die Kneipe, die Tingeltangels usw., d. h. nach jenen! Orten, wo die Verführung am stärksten ist. Es gilt also, alle diese wieder im Hause zurückzuhalten, ihnen geistige Anregung zu bieten. Und was wäre besser dazu geeignet, als ein schönes Buch? Gerade in solchen Fällen wird eine fesselnde Erzählung oder ein Zeitschriftenbaud am besten den Zweck erfüllen. Sehr lehrreich ist in dieser Beziehung auch das Ergebnis einer Umfrage, die 190-1 von de la Vigne unter den Besuchern der Osnabrücker Bücher- und Lese­halle veranstaltet wurde. Auf die Frage:Was taten Sie früher, vor Eröffnung der Bücherhalle während dieser Zeit?" antworteten 62 Prozent der Antwortgeber, sie hätten auch früher Zeitungen und sonstige Schriften ge­lesen. Viele bekennen, daß fast nur minderwertige Lektüre in ihre Hände kam. Ein stattlicher Teil, ungefähr SO Proz., sagt offen und frei:Ich saß im Wirtshaus" oderIch spielte Karten" usw.

Ein anderer Grund, der viele in das Wirtshaus und auf die Straße treibt, ist der Mangel an einem gemütlichen Heim. Für alle diese bildet eine behagliche, gut durch­gewärmte und erleuchtete Lesehalle einen sehr beliebten Zufluchtsort. Noch ein letzter Punkt soll aufgeführt werden, der für den Nutzen solcher Anstalten spricht. Man beklagt so oft den schroffen Gegensatz, in dem die einzelnen poli­tischen und konfessionellen Parteien in unserem Vaterlande stehen, und den gehässigen Ton, in dem sie einander be­fehden. Und auch hier ist die Bolksbibliothek berufen, schlichtend und mildernd einzugreifen. In der Ausleihe treffen die Vertreter der verschiedensten Stände, Parteien