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sechzig Jahre Dors-Leseverein
Won E. R a u (Mönchröden).
Es ist schon im gewöhnlichen Menschenleben ein Ereignis, wenn jemand seinen sechzigsten Geburtstag feiern kann, wieviel mehr in einem Verein, der durch eine so. lange Wirksamkeit der: Beweis für feine Daseinsbercch- tigung erbracht hat. Und daher sei es im folgenden gestattet, einen kurzen Rückblick aus die Gründung und Ent- wickelung des Vereins zu Möuchröden (Koburg), der am 10. November v. I. dieses seltene Fest feiern konnte, zu. werfen. . .
Won dem Schullehrer Wittniann wurde dieser Verein im Jahre 1847 ins Leben gerufen. Schon bei seinem Entstehen hatte er 40 Mitglieder, die der Drang nach Fortbildung zusammengeführt hatte. Und daß dieser Drang in dem jungen Verein mächtig war, beweist ein Bereinsbeschluß, daß nicht iiur, wie die Statuten vorschreiben, Samstag abends gelesen werden sollte, soiidcrn auch am Donnerstag: Die Anmeldungen, die zahlreich einliefen, konnten zuerst mündlich bewirkt werden, als es aber dabei zu Unzuträg- lichkeiten kam, bestand man auf schriftlicher Anmeldung. Schon nach zweijährigem Bestehen hatte sich ein kleines Kapital angehäuft, das man nicht bei Trinkgelagen vergeudete, sondern zu einer Christbescherung für arme Kinder verwandte, wobei 27 Schiefertafeln, 20 Federbüchsen und 49 Schulbücher an 66 Kinder ausgegebeu wurden. Der Lese- Verein hielt 26 solcher Christbescherungen im festlich ^erleuchteten Saal ab, wobei 342 Gulden insgesamt ausgegeoeü wurden. Mit Gesang der Schulkinder begann in Anwesenheit der Bereinsmitglieder und zahlreicher Gäste die Feierlichkeit. An die Rede des Ortslehrers schloß sich eine Katechese über die Weihnachtsgeschichte an, der die Ber-
sinnlose Zeit — denn ich glaubte an sie. Ich war jung und töricht genug, mir einzubilden, sie liebe mich."
Edeltraut sah ihn aufmerksam an — um ihre Lippen zuckte ein kleines Lächeln.
„Und wie endete es?" fragte sie.
„La Atouche sd'Or war eines Tages mit einem sehr lichen, jungen amerikanischen Petroleumfürsten über Hamburg nach Newhork durchgebrannt. Damit kam ich denn gründlich zur Vernunft und schwor mir, nie wieder den Kopf zu verlieren." , ,, rr
„Haben Sie den Schwur gehalten?" fragte sie rasch.
„Wer so schwört, schwört nur, weil er sich in Gefahr fühlt. Tie Versuchung kommt nicht immer in schillerndem Kleide mit Schellen und Kastagnetten dahergesprungen. . . sie kommt auch in Verkleidung. Darf ich weiter sprechen, oder haben Sie nun schon genug?" ,
„Da Sie noch nicht genug hatten" ■— sie lächelte fein ironisch — „so möchten Sie, soll's eine Art Beichte sein, wohl weiter sprechen." .
„Meine dritte Geliebt: war eure arme, kleine, halbverhungerte Konfektioneuse oder Probiermamsell in einem Modc- basar. Sie tanzte weder inn Ballett, als ich sie kennen lernte, noch flog sie in goldenem Harnisch durch den Zirkus, sondern sie war im Begriff, ins Wasser zu springen, um ihrem elenden Dasein ein Ende zu machen. Ich kam dazu, verhinderte cs, und so wurden wir bekannt. Sie war ein sonderbares Maochen — arm wie eine Bettlerin und dabei hochmütig wie eine Herzogin. Krank, schwach, jämmerlich zum Zerblaseir — und daber von stahlharter Energie. Unliebenswürdig, verbittert unb, von grenzenlosem Egoismus — und doch in ihrer Liebe maßlos, selbstvergessen und demütig. Bis zuletzt blieb sie ihrem Grundsatz treu, frei und unabhängig zu bleiben, und auch nicht das Geringste sich von mir schenken zu lassen. Sie half sich allem durch, mit bitterstem Elend kämpfend. Es hat mir oft das Herz bedrückt und ward mir unerträglich, wie sie so klaglos darbte. Zu helfen war ihr nicht. Neben dieser spartanpchen Bedürfnislosigkeit ging wieder, als wunderbarer Kontrast, em heftiges Streben nach selbsterrnngenem Ruhm, nach Reichtum und Macht. Ich habe vergessen zu sagen, haft sie ursprünglich zum Theater hatte gehen wollen, jedoch ihre Stimme durch eine Krankheit verloren hatte. Ties Mädchen habe ich erst bemitleidet und dann geliebt. Wenn ich das letztere ungeschehen ! machen könnte, stünde ich als ein besserer Mensch vor ^hncn.
(Fortsetzung folgt.)
, wn9" — sagte sie, ihn erwartungsvoll anblickend — „bitte, - sprechen Sie ddch weiter. War da etwas zwischen Ihnen? Das bat mich oft beschäftigt." , j
„Wilhelm ist so ein sonderbarer Mensch — man kommt ihm zu Zeiten nicht gern unter die Augen, unb dcshalo blieb |
,/TaS tut mir sehr leid. Ich habe gedacht. Sie waren I in jeder Beziehung seiner wert gewesen." I
„Ich hoffe, daß ich seiner deshalb nicht unwert war, und | sicherlich wäre er der letzte gewesen, der den stab gebrochen | hgtte über Tinge, die das Leben eben mut pch bringt. Sie » sind unvermeidlich, wenn auch zu beklagen." |
Sie sah ihn von der Seite an, ernst und nachdenklich. | „Wir haben über so vieles zusammen gesprochen, Herr von Lohsen, Sie haben mir eigentlich Ihr ganzes Leben oßenbait, I mir war oft, als hätte ich Sie von frühster Jugend an gekannt — und doch hat das Hauptkapitel gefehlt, die Frauen,. von j denen ich meinte, sie hätten in Ihrem Leben keine Rolle gespielt
Glauben Sie wirklich, daß ein Mann an sein dreißigstes Jahr heranrücken kann, ohne daß die Frauen eine und wenn auch noch so untergeordtiete Rolle gespielt haben? Was aber das Haupt- kapitel betrifft, meine gnädigste Freundin, so hat das nichts damit zu tun. Tas kommt noch!" — Er lächelte.
„Sprechen Sie von Ihrer Heirat?" — fragte pe ganz ruhig. ?
„Ja," versetzte er ebenso. I
Innerlich sagte er sich: Jetzt ist der Augenblick oa und j du mußt ihr) die einst dein zweites Selbst wird, alles sagen. I Mögen andre dies lächerlich, abgeschmackt ober unpassend finden, | du Helmuth Lohsen, kannst nicht anders.
Edeltraut hatte etwas nachgedacht und sprach letzt wieder:
„Tas Hauptkapitel kommt noch! — Sehen Sie, das verstehe ich eben nicht — ich meine, bas kann ich Ihnen nicht nach- empfinden. Wieviel Frauen müssen beim für euch kommen, bis endlich bie Fran kommt? — Angenehm, so etwa die siebente zu sein . . . Dem! Himmel sei Dank, daß mich bas alles nichts 1 angeht." |
„Darf ich Ihnen erzählen, wie viele dagewesen sind? 1
Wieder dies schnelle, leuchtende Erröten: „Gewiß dürfen - Sic, aber ich wundere mich, daß Ihnen das Vergnügen macht." |
„Es macht mir nicht das geringste Vergnügen, noch weniger jvill ich vor Ihnen mit meinen sehr zweifelhaften Eroberungen | renommieren — aber cs liegt mit seht viel daran, Fräulein । Edeltraut, in Ihrer Meumng nicht länger mit dem Heiligenschein des flügellosen Engels dazusteheu. Sie sollen mich kennen, wie Mb bin."
„Es freut mich sehr, wenn Ihnen etwas dran liegt," sagte sie herzlich und sah ihn warm an.
Er holte tief AteM, zog sein Taschentuch, lüftete den Stroh- Hut ein wenig und wischte sich leicht über die Stirn. Es kam' ihm vor, als stünde er plötzlich, durch lauter Zufälle geschoben, ! vor Unerhörtem. Seine sonnengebräunte Gesichtsfarbe nahm einen fahlen Ton an.
„Ich rede jetzt nicht davon, wie oft ich mich als junger Leutnant auf einem! Ball in Komtesse Ella oder Baronesse Elsa verliebte, weil sie so niedlich aussahen und reizend tanzten.. . . ich könnte von diesen Harmlosigkeiten nichts erzählen, weil ich sie vergessen habe."
„Ich weiß wohl, daß Sie nicht davon sprechen."
Es entstand wieder eine Pause. Sie dachte schon, er werde weiter nichts sagen, als er, säst rauh, herborstieß:
„Meine erste Geliebte war eine Tänzerin ans dem! Corps de Ballet. Wie ich dazu kam, weiß ich selbst nicht, aber ich fürchte es war die Eitelkeit des blutjiingen Fähnrichs, welcher es den (älteren Kameraden nachtun wollte. Sie war recht hübsch, aber ein albernes Geschöpf, und nach kurzer Zeit langweilte mich dies Gemisch von Habgier und Unbildung und ich mochte wohl auch nicht all ihren Wünschen entsprechen, kurz, die Sache verlief, zu beiderseitiger Zufriedenheit, im Sande."
„Wie sonderbar!" sagte das junge Mädchen kopfschüttelnd.
„Meine zweite Geliebte war eine Zirkustänzerin," er schüttelte sich und sein Ton ward hart und böse, „sie nannte sich La Mouche d'Or, und diese goldene Fliege war schön, giftig und gefährlich wie eine Wespe. Abend für Abend füllte sie den Zirkus.bis auf den. letzten Platz. Ihr Flug durch ihn, weite Bahnen beschreibend, war die Sehenswürdigkeit der Saison, sie selbst der Star, von dem „man sprach", und ich der Glückliche, dem sie unter Tausenden ihre Gunst schenkte. Und sie besaß die Kunst, die Menschen — ich meine die Männer, rasend zu machen. Der gute Schnadewitz war damals außer sich. Er sürchtete, ich würde gerupfter und zerrupfter aus der Affäre hervorgehen, als schließlich der Fall war. Immerhin war es eine böse, eine


