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milienKÜnmer, Ws es so verheißungsvoll nach Aepfeln und Pfeffer- wichen duftete, erst recht nicht anZhielt, da folgte sie der dringenden Bitte einer Freundin, mit ihr zu einem Wohltätigkeitskonzert zu gehen. Ein Kirchenkonzert — das konnte ihr niemand verübeln — trostbedürstige Seelen suchen und finden ja zuweilen ihren Trost in geistlichen Liedern und frommen Worte».
Rach mehreren älteren Werken, die Anne Maries unruhige Seele teilnahmslos ließen, wurde die Komposition eines jüngeren, twch unbekannten Künstlers von dein gutgeschulten Domchor vor- getragen, einer der Psalmen Davids — lateinische Worte — aber bei den ersten Tönen horchte Anmr Mraie auf. Wie griffen die mächtigen Akkorde ihr ans Herz — ein gewaltiges, erschütterndes Klagelied. Das verstand sie, das begriff sie — das war Leid von ihrem Leide, Jammer aus ihrem eigenen, tiefzerrissnen Herzen! Und nun ringt sich aus den brausenden Orgeltönen eine wunderbare, klare, weiche Tenorstimme emtzor — kein Laut in der dichtgedrängten Menge, atemloses Lauschen auf allen Gesichtern — in den weiten Hallen nichts Ivie die Stimme der trostberanbken Menschenseele:
Bigilavi et sactus sum sicut Hasser folitarius in tecto.
Vorgebeugt, atemlos lauscht die junge Frau.
„Bigilavi et sactus sum sicut Passer folitarius in tecto" setzt der Chor jetzt ein in schweren, tiefen Klagetönen — „Passer folitarius", das Wvrr, oder mehr noch, der tief ergreifende Klang haftet ihr im Gedächtnis, findet einen Widerhall in ihrem Herzen sie hebt das Textblatt in ihrer Hand und sucht die deutsche Ueber- fetzung: „Ich bin schlaflos und rote ein einsamer Sperling auf dem Dache." Und weiter: „Meine Tage gehen hin wie ein Schatten, und ich verwelke wie Heu."
„Entfernet hast Du von mir den Fremck und den Nächsten..."
Sie list nicht weiter, die Buchstaben verschwimmen vor ihren Klugen, das Textblatt zittert in ihrer Hand, sie lauscht und lauscht, und die erschütternde Klage des königlichen Sängers des einsam gewordenen Vcannes, steigt aus ihrem eigenen Herzen empor wie ein Schrei zum Schöpfer aller Kreatur.
Der letzte Ton ist verhallt — es folgen andere Nummern, Weihirachtslieder, ein Choral — Anne Marie hört es kaum, immer noch klingt ihr dies unvergeßliche „Passer folitarius" im Herzen wieder. Ein grenzenlokcs Mitleid mit sich selber überfällt sie — sie wird es nicht los all die langen, langen schlaflosen Stunden der Nacht, ihr Kissen feuchtet sich von Tränen, und die bebenden Lippen murmeln: „Schlaflos bin ich und wie ein einsamer Sperling ans dem Dache."
Mit verweinten Augen und schmerzendem Kopf kommt sie zum Frühstück. Die Mutter sieht es und macht sich ihre eigenen Gedanken. Ist endlich der Trotz gebrochen, hat endlich daS Heimweh dis rastlose Seele gepackt?
„Ter Christbauni ist schon da, willst Du ihn schmücken helfen, Anne Marie?" fragte sie, nm die Tochter zu zerstreuen, die schweigend am Tische sitzt und das Brot in ihrer Hand zerbröckelt.
Anne Marie fährt auf. „Ach nein — kein Christbaum, Mama! Laßt mich in Ruhe ich kann das alles nicht sehen."
Sie nimmt Hut und Mantel und geht hinaus, die klare, kalte Mnterlust wird ihr gut tun.
Planlos und ziellos wandert sie durch die Straßen, zuletzt durch eins der malerischen alten Stadttore, und ist mm draußen int Freien. Frischer weht hier der Wind in ihr blasses Antlitz, W)lt ihr die brennenden Augen, fängt sich in dem langen, schwärzst Schleier und wirbelt ihn übermütig.in die Luft. Anne Marie sieht sich um, jetzt erst merkt sie, wohin sie geht — den Weg zum Friedhof.
„'s ist auch egal," denkt sie und wandert weiter, und durch den Kops klingen ihr die Töne des Psalmes. Fast wie ein Gebet, und Beten beruhigt ein trauernd Herz. Nun steht sie an der Pjvrte. Still und verschneit hegt die wohlbekannte Stätte vor ihr. Die Großeltern liegen dort, sie kann ihnen auch einen Kranz hintragen — zum Weihnachten. Sie geht die paar Schritte zurück bis zu der Bretterbude, wo ein altes Wtziblein Kranze feilhält. Ein Mann geht vorbei, ein Arbeiter in blauer Bluse, der hat die Wül)e nicht gescheut, den weiten Weg von der Stadt her seine Last von Tannenzweigen und ärmlichen Kränzen zu tragen. Auch «in winziges Bäumchen mit Lichtern. Langsam, gesenkten Hauptes geht er vorüber.
Anne Marie legt ihren Kranz auf die Gräber der Großeltern nieder. Wie die Cypreisen gewachsen sind, seit sie zuletzt hier war — vor drei Jahren, kurz vor ihrer Hochzeit, am Arme ihres Verlobten. Und dann zog sie fort, und dann kamen jene Tage grenzenlosen Glückes, wo ihr das Herz so voll war, daß eS schier die ganze Glückseligkeit nimmer fassen tonnte. Goldene Tage — und was ist davon geblieben? Ein kleines, verschneites Grab, weit, weit von hier — zertrümmert ihr Glück, in den
Staub gesunken ihr Ideal — und sie selber — allein, verlassen', „Passerv solitario" murmeln die zitternden Lippen die Worte, die ihr seit gestern so vertraut geworden wie Laute ihrer Muttersprache. Sie kniet nieder und drückt das heiße, junge Gesicht in den weichen, kühlen Schnee, der auf den Gräbern liegt. Milde Verzweiflung wacht auf in dem Herzen der einsamen Fran, die sich so weit, so hoffnungslos weit vom rechten Wege verirrt. Ach, wer dort liegen könnte und ruhen wie. die guten alten Leute, die im Leben so friedlich miteinander gingen und nun auch im Tode vereint ruhen dürfen. Ausruhen für immer! Dem Leben entfliehen, das so grausam sie getäuscht, das ihr alles genommen, daran ihr Herz hing. Wie ein Schleier legt es sich über ihre schmerzenden Sinne — langsam rinnt die Kälte ihr durch die Glieder, kriecht über sie hin tote lähmend.
Stimmen und näherLnnmende Schritte wecken Anne Marie mts ihrer Versunkenheit. Sie fährt zusammett und rafft sich auf, hastig läßt sie den Schleier über ihre verweinten Augen fallen. Ter Totengräber und ein paar Leute mit Sck).aufeln und Geräteit gehen vorüber — die müssen ein frisches Grab graben — und morgen ist Heiliger Wend! Anne Marie schrickt zusammen. Art den stillen, mit Efe» begrünten und friedlich überschneiten! Grübest der Großeltern erwachte die Sehnsucht nach dem Todes- schtai und ewiger Ruhe im Herzet der jungen Fran — diese Männer mit ihren Schaufeln, mit ihren Brettern und Stricken, der bloße Gedanke an das gähnende dunkle Loch in der hart- gefrorenen Erde laßt sie erschauern. Die Liebe zum Leben regt sich in ihr — ein jähes Granen vor dem Tode scheucht ihren Fuß> daß sie eilfertig von dannen schreitet. Einen andern Weg als den, den die Männer gehen. Einen Weg, der an einer hohen' Zypresfenhecke entlang führt und dann plötzlich einbiegt in jenes! stille Revier, wo ein kleines Grab sich ans andere reiht — der Ktnderfriedhof. Winzige Kreuzchen und halbverschneite Engel ragen ans der tiefen Schiteedecke hervor. Und wieder schauert die junge Frau zusammen. So liegt jetzt auch Hansis Grab unter dem weichen, weißen Schnee. Ob wohl ein grüner Kranz! daranf liegt, oder ein Kreuzlein von Immortellen? — Weiter geht sie und weiter — sie möchte den traurigen Gedanken an das einsame Grab ihres Kindes entfliehen, das selbst die Mutter ungeschmückt ließ. Und der Vater? . . . Sollte seine Hand es! geschmückt leiben — dieselbe Hand, die. . .
Es steigt in ihrer Kehle auf und würgt, als sollte sie dran ersticken. Sie muß steheu bleiben, um Luft zu schöpfen — und scharrt sich um. Unabsehbar breitet sich das Leichenfeld um sie her — und jetzt auf einmal, hier unter den Kindergräbern, geht ihr ein wunderliches Verstehst auf — so furchtbar traurig und doch so einfach, daß sie nicht begreift, weshalb sie nicht eher daran gedacht hat. Es ist, als ob all diese kleinen, verschneites Gräber eine stumme, ergreifende Sprache zu ihrem Herzen redeten/ als ob sie ihr erzählen von deut Herzeleid vieler hundert Mütter/ die gelitten haben, was sie leidet, die tljre Hände aufheben und schmerzvoll fragen: Wer kann uns helfen? Und sie Antwort kommt von selber: der Arzt. Aber auch er weiß nicht allerer findet nicht immer das Rechte. „Ja, wer das wüßte!" hatte! damals Hans Birkholz gesagt. Ja — wer das wüßte! Er wollte! es wissen, und dazu half ihm doch all seine tote Weisheit aus den Büchern nichts. Er mußte es erforschen an der Natur, am! menschlichen Leibe selber. Also darum, darum...! Sie nickte vor sich hin. Unfaßlich schien eS ihr immer noch, abex milder konnte sie jetzt darüber denken — begreifen zwar nicht —■< aber verzeihen.
Sie geht weiter in schiveren Gedanken — und bleibt abermals! stehen, denn neben sich hört sie plötzlich einen Laut, einen einzigen! kurzen, halbunterdrückten Jammerlaut. Unweit vom Wege steht der Mann in der blauen Binse/der vorhin mit feinen Kränzen! an ihr vvrüberging, vor einem kleinen Grabe — ganz allein. Sie fieht nur das halbabgewandte Profil, hagere, vergrämte Züge, ein tiefgebeugtes Hairpt. Er hat ihre Schritte im weichen Schnee! nicht gehört, und glaubt sich allein mit seinem Weh — allein in der verschneiten Einsamkeit des Kirchhofes. Mitleidig blickt Ann« Mari« hierüber — solche Trauer ist heilig! Auch wieder einer, der sein Liebstes verlor. Unb er ist allein, der Mann, der Vater — wo ist des Kindes Mutter? Schon vorangegangen? Oder krank? — ober fern von ihm, daß er allein an seines Kindes Grabe steht? Passer folitarius — so ganz allein. . .
Es gibt ihr einen Stich ins Herz, und nun hämmert es plötzlich wie rasend, als solle «S zerspringen. Passer folitarius/ — auch e x allein, ihr Gatte — allein wie dieser Mann! Zurück- gelassen als einsamer Wächter am Grabe ihres Kindes. Und nun heute am Vorabend des Weihnachtsfestes! Sv geht er wohl auch und trägt eilten Kranz hinaus, und steht und schaut auf das Grab. . . (Schluß folgt.)


