1908
Z-
■
MM WWW
- ■x5&&tyWit
Der einsame Spatz.
Novelle von Jassy T o r r u n d.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Und Haics war nicht bei mir, als unser Kind starb," sagte Anne Marie hart und bitter. „Und, Mutter, du hattest doch die anderen — ich aber hatte nur das eine — nur bas einzige — und Gott nahm es mir!" Ihre Stimme brach inl Schluchzen.
Die Mutter schloß sic m ihre Arme.
„Du bist noch jung, Anne Marie, der liebe Gott wird Euch ein anderes Kind zum Tröste geben."
Anne Marie fuhr heftig auf. „Niemals, Mutter!"
„Aber Kind
.-Nein, Mutter, damit ist es ans," sagte die junge Frau hastig und trocknete ihr Gesicht, das schon wieder seinen starren, kalten Ausdruck ailiiahin. „Ich gehe nicht mehr zurück."
„Aber um Gottes willen, Kind, was hat cs denn zwischen euch gegeben? Ich wundere mich ja selber, daß du gar nicht schreibst, und daß kein Brief von Hans kommt. Ist er böse, weil ivir dich mitnahmen? Habt ihr euch erzürnt?"
Anne Marie schwieg. lieber diesen Punkt verweigerte sie jede Auskunft. Sie hätte es nicht über die Lippen gebracht, dies Schreckliche, ivas ihr Gatte, der Vater ihres Kindes, getan — das; ihm seine tote Wissenschaft über jedes väterliche und menschliche Gefühl ging. Was cs ihn selber gekostet hatte, mit wie viel Schmerzen, mit welch heiligem Opfermut Hans Birkholz dieses Werk vollbracht, das ging freilich weit über das Verstehen und Begreifen seines jungen Weibes hinaus. Er hatte etwas getan, was sie von jeher aufs tiefste verabscheut hatte, woran sich selbst die Gedanken der Dokto 'sfrau in diesen drei Jahren nur müsam und widerwillig gewöhnen konnten — und nun gar Ivar dies Ungeheuerliche, Niewiedergntzumachende au ihrem eigenen Kinde geschehen — ihr graute vor der Hand, die solches Werk vollbracht! Sie sagte sich ii^ der Bitterkeck ihres Schmerzes, bis zu ihrer Todesstunde würde sie's ihm nicht vergessen können, daß er das getan — und das; er nicht bei ihr gewesen, als das Kind starb! Was ein unglücklicher Zufall verschuldet — daß man den Arzt vom Bett des eigenen Kindes zu einem fremden, kranken gerufen — wurde in ihren Augen zur schwcr- lastenden Schuld für den Vater, die ihn anklagte vom Bdorgen bis in die Nacht hinein. Vielleicht, nein sicher wäre ihr Kind gerettet worden, wenn der Vater, der Arzt zur Stelle gewesen, wenn er all' sein Können aufgebotcn hätte. Hatte er doch in derselben Nacht das andere, das fremde Kind gerettet! — In diesem Gedanken, der bei ihr förmlich zicr fixen Idee wurde, versank alles übrige, — selbst die Trauer um den toten Liebling.
„Sie wird sich schon wieder zurechtfinden," sagte die Mutter indes tröstend zum Vater. „Sie kann eben nicht darüber weg, daß Hans nicht bei ihr war, als der Kleine starb."
?lch — Anne Marie fand sich nicht so leicht zurecht, wie die Mutter glaubtr. (SS war, als sei etwas in ihr gestorben und mit deut Kinve zugleich ins Grab gelegt. Sie batte ihren Halt
verloren, ihr Ideal, das sie angebetet wie einen Gott, lag zer- trünrmert im Staube — den Mann kannte sie nicht mehr lieben, niemals zu ihm mrückkehren, sagte sie sich in-den S'"idcn wilder, trotziger Verzweiflung. Dazwischen freilich kamen wieder andere Stunden, tvv sic in verzehrender Sehnsucht au ihren Gatten dachte, dm sie einsam und freudlos in seinem verödeten Hause znrückgelaffcn — aber helfen konnte ihr das auch nicht! Helfen konnte ihr keiner! —
So verging eine Woche nach der anderen, die Tage wurden kürzer und dunkler, und die Zeit nahte heran, wo die ewige Liebe ihre Schwingen ausbrcitet, um cinz-ukchren in die Herzen und Wohnungen der Menschen. Weicher, weißer Schnee hüllte die erstarrte Erde ein, und Erbarmen und Liebe wachten auf in den Mmschenherzcn und schickten sich an, ihre Wunderwerke zu tun.
Anne Marie war nun fast ganz auf sich uud ihren Kummer angewiesen. Die Mutter hatte alle Hände voll zu tun und den Kopf voll von hundert kleinen Geheimnissen, von fröhlichen Sorgen und wichtigen Plänen — und selbst die jüngeren Schwestern hatten in ihrem weihnachtlichen Eifer keine Zeit mehr für Anne Marie, und keinen anderen Gedanken, als die gestickten Morgenschuhs für den Papa, die trotz allen Fleißes nicht fertig werden wollten, und die wunderbare Zeichnung in rosa Seidenpapier für die Mama, woran sich schon ein halbes Dutzend Bleistifte verschönernd aogegnält und ein ganzer Gummi hoffnungslos zerrieben hatte.
Einmal in dieser Zeit war ein Brief von Hans gekommen, eine kurze Anfrage, tvie es Anne Marie ginge und wann sie heimkehre.
Hastig schob die junge Fran das Briefblatt zurück, um ihren Mund zuckte es in trotzigem Weh. Wie kühl seine Worte klangen! Das war nun der Brief, den sie längst erwartet, wonach sie sich heimlich gesehnt. Kein Wort von Rene stand darin, kein flehentliches Bitten, sie möge heimkchren zu ihm, dem verlassenen Gatten!. Trotz und Zorn kämpften immer noch in ihrem Herzen gegen die alte, heiße mächtige Liebe, und machten ihre Augen blind, daß sie nichit erkannten, was alles zwischen den Zeilen von Hans Birkholz stand — ein heißer, sehnsüchtiger Schrei: Kehr' heim, mein Weib, mein alles, ivas nur noch geblieben!
Sie antwortete in gezwungen gleichgültigem Ton: Es ginge ihr nicht gut, sic müsse sich erholen und vergessen lernen. Dort aber — sie vermied das Wörtchen „daheim" — erinnere sie jedes Ding an das, was sie verloren.
D rei Tage vor Weihnachten. Die Eltern hatten den Schwieger- svhn zum Feste eingeladen. Aber er hatte auch seinen Trotz und Stolz — er schrieb zurück, es sei unmöglich, er hätte zu viel zu tun und könne nicht fort.
Schweigend legte die Mutter den kurzen Absagebrief in die Hände der Tochter: in ihren Augen stand die Frage: Wirst Du ihn allein lassen? Wirst Du nicht jetzt endlich heimkehren zu ihm?
In Anne Maries Herzen kämpfte es übermächtig. ' Sie, die sonst immer klar und sicher ihren Weg gegangen war, fand, sich nicht mehr zurecht, wußte nicht mehr, was sie wollte. In dieser Stimmung, die ihr die Einsamkeit ihres Mädchenstübchens zur Pein machte, tvährend sie's doch in dem großen traulichen Fa-


