Montag den 23. Novemver

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1908 Nr. |84

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Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von E. Gaboriau.

Nachdruck Verbote».

lFortsetzimg.)

Mit eiitcmittoi blieb der alte Absinth stehen; ihin war ein Einfall gekommen.

Wenn man die Wirtin verhaftete und verhörte?

Wozu? Hat Herr Segmüller sie nicht zehnmal mit seinen Fragen bis aufs Blut gepeinigt, ohne etwas aus ihr heraus- Aubekvmiueu? Oh, sie ist. eine schlaue Fliege! Diesmal würde sie antworten, Mai wäre ihr begegnet und hätte seine zehn Franken Angeld zurückverlangt. . . Aber mir müssen zu einem Ent­schluss kommen. Wenn der Komplize noch nicht benachrichtigt ist, so ivird es jedenfalls nicht lange mehr dauern; tvir müssen also darauf gefaßt sein, cs auch mit ihm zu tun zu bekommen.

Verflucht! rief der alte Absinth wütend; das beste wäre vielleicht, den Burschen wieder einzusperren.

Niemals, antwortete Lecoq, nienmls! Ich will sein Ge­heimnis haben, und ich werde cs haben. Wir werden ja bald sehen, was er jetzt machen wird, wo er Geld und einen Plan hat; denn er hat beides, Alter, dafür will ich meine Hand ins Feuer legen!

Juu selben Augenblick trat Mai in einen Tabaksladen und kam, mit einer Zigarre ine Munde, ein paar Augenblicke darauf wieder heraus. Die Besitzerin des Marienburger Gasthofs hatte also Mai Geld gegeben; der Ankauf der Zigarre bewies es klar und deutlich.

37. Kapitel.

Mai war in das Gewirr der kleinen Straßen beiin Temple eingebogen. Bald darauf sahen der. alte Absinth und sein junger Kollege ihn stillstchcu; eine jener hartnäckigen Kleiderhandlerinnen,, die jeden Vorübergehenden als ihre Beute ansehen, hatte ihn an­gerufen. Mai leistete einen Augen bück schwachen Widerstand ; schließlich gab er nach und verschwand in ihrem Laden.

Also hat er schließlich doch seine Kleider zu versilbern gewußt, brummte der alte Absinth. Aber tvozu? Er hat doch jetzt Geld !

Der junge Beamte schüttelte nachdenklich den Kopf.

Mai bleibt in seiner Rolle, versetzte er, und vor allem liegt ihnr daran, das Kostüm zu wechseln. Das ist ja stets der erste Gedanke eines entsprungenen Gefangenen.

Er schwieg. Mai kam aus dein Laden heraus, und zwar verändert vom Kopf bis zu beit Sohlen. Er trug jetzt eine Hose aus grober blauer Leinwand, dazu eilte Art Joppe von schwarzer Wolle, ein geivürfeltes Seidentüch um beit Hals, auf dein Kops eine hohe iveiche. Mütze, die er auf das eilte Ohr geschoben hatte. Er sah nicht vertrauenerweckender aus als Lecoq; man hätte sich wohl lange besonnen, wem von beit beiden man lieber in irgend einem Waldwiitkel begegnen möchte.

Mai selbst aber schien über den Kleiderwechsel ganz glücklich zu sein; er fühlte sich offenbar in den neuerstandenen behaglicher. Nebrigens hatte er seine Tuchkleider nicht verkauft, sondern trug sie, in ein Tuch eingeknotet, unter dein Arne Er hatte also sein

Kapital vermindert, nicht vermehrt. Nur seinen seidenen Zhlmdcr- hnt hatte er verkauft.

Lecoq wäre gerne bei der Trödlerin eingetreten, tim sie aus- zufragen; aber er begriff, daß dies unvorsichtig sein würde. Mai drückte soeben seine Mütze auf den Kopf, mit einer Miene, die über seine Absichten keinen Zweifel ließ. Die ernstliche Jagd begann, und bald hatten die beiden Spürhunde alle ihre Erfahrung und all ihren Atem nötig, um ihr Wild nicht zu verlieren.

Mai hatte tvahrscheinlich in England und in Deutschland gewohnt, da er die betreffenden Sprachen so ausgezeichnet be­herrschte, aber sein Paris kannte er ganz sicherlich so gut wie der älteste Pariser; ohne jemals zu zögern, eilte er in bie krummen engen Gäßchen jenes Stabtteils, er wußte ganz ge­nau, welche Häuser zivei Ausgänge hatten, er kannte bie dunklen Höfe, die burch schmale Gänge wieder mit anderen Höfen in Ver­bindung stehen.

Zweimal hätte er beinahe die Beamten von seiner Spur abgebracht. In der Passage Frvpilton hing sein Entkommen an einem Haar. Wäre er noch eine Minute länger in der dunklen' Ecke geblieben, in der er sich hinter einem Haufen leerer Fässer verborgen hatte, so wären Lecoq und Papa Absinth weitergegangen.

Die Verfolgung bot immer unangenehmere Schwierigkeiten. Es Ivar Abend geworden, und damit hatte sich der leichte Nebel erhoben, der stets den ersten schönen Frühlingstagen folgt. Die Gasflammen brannten in dem Dunst mit rotem Licht, ohne zu leuchten. Außerdem war es gerade die Stunde, uw diese Straßen am belebtesten sind; die Arbeiter kommen aus ihren Werkstätten, die Hausfrauen kaufen das Abendessen ein, hunderte von Kindern schwärmen um die Häuser herum, wie Bienen vor ihrem Stock. Mai wußte sich mit wunderbarer Geschicklichkeit jede Menschen- ausammlung, jede Stockung int Wagenverkehr zunntzen zu machen; aber ebenso geschickt blieben seine Verfolger ihm auf den Fersen.

Schließlich verließ er das Gebiet der engen Straßen; die List hatte ihm nichts genützt, jetzt wollte er cs mit der Schnelligkeit, versuchen. Auf dem Boulevard Sebastopol angekommen, wandte er sich nach links, der Seine zu, und auf einmal fing er an zu, laufen Er rannte mit ungeheuerer Schnelligkeit, die Ellbogen au den Leib gebrückt, in stets gleichmäßigem Laufschritt, ohns nach links oder rechts gn sehen. So lief er den Boulevard Se­bastopol hinunter, über die Place du Chatelet und die Brücken, und dann den Boulevard Saint-Michel hinauf.

Bor dem Clunymuseum hielt eine Dvoschkenreihe. Mai blieb beim vordersten Wagen stehen, sagte einige Worte zum Kutscher und stieg ein. Im nächsten Augenblick fuhr die Droschke int Galopp ab. Aber Mai war nicht drin; er war ans der an­deren Seite wieder ausgestiegen und nahm einen anderen Wagen, während der erste Kutscher, den er vorher bezahlt hatte, ahnungÄ- los weiterfuhr.

Vielleicht glaubte Mai jetzt frei zu sein. Er täuschte sich. Hinter der Droschke, die ihn davonführte, hielt ein Mann sich an den Federn fest und lief ... cs war Lecoq.

Der arme alte Absinth tvar schon auf halbem Wege vor dem Justizpalast ganz erschöpft hingefallen. Lecoq rechnete nicht da­rauf, ihn an dem Tage noch wiedevzusehen, denn er hatte genug zu