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Da war er fort.
Erika schlug die Hande vors Gesicht. Mit einem Schlage Itrni! ihr plötzliches Erkennen gekommen. Mit einem dumpfen Schrei sank sie auf ben Hocker zurück und verfiel in Weinkrampfe.
Nun folgte eine peinliche Szene: Das jähe Abbrechen der Musik, das Rennen und Bedauern und Fragen der Gäste! Und wie sie dann hinausgetragen wurde, an all den neugierigen, mitleidlosen konventionellen Gesichtern, vorbei!
Erst zu Hause in ihrem Zimmer fand sie wieder Selbst- beherrschung. — Ihr Gemahl verließ sie sofort wieder. — Sie hörte feine Schritte auf dem Korridor verhallen, hörte die Vor- faaltür zuschlagen und unten das Coups wegfahren.
Er war fort. Gut so!
9htn kramte sie die bunte Pappschachtel hervor und nahm das halbe Pfefferkuchen Herz heraus und führte es an ihre Lippen. Vom Zettel küßte sie jeden Buchstaben und sie küßte jede der dürren Blumen. Das hatte ja er geschrieben, er, mit der weichen Stimme und mit dem sinnenden Blick in den guten Augen, er, Hcrald Emmrich, der Müllerbursche, der ihr auf dem Monde ein Schloß bauen wollte!
Am airdcren Tage kain Frau Kommerzienrat Enkau und terkundigte sich nach Erikas Befinden.
Erika brachte das Gespräch auf Herald Emmrich.
„Das ist ein Genie, trotz seiner Jugend. — Jetzt meines Mannes erster Direktor, obgleich er bloß als einfacher Müller- bursche gelernt hat; aber durch eiserne Energie , hat er sich tiefe Bildung angeeignet und durch sein Patent viel Geld verdient. Alle Achtung vor diesem Mann!"
„Ist er verheiratet?" Gespannt blickte sie in der alten Dame gütiges Gesicht.
„Nein, nein! Mir sagte er — für ihn wäre eine Heirat inusgeschlossen!"
16. Kapitel.
Das Ivar ein trauriges Silvester, als Erika einzog in Mühl- Ivinkel, einzog als geschiedene Frau.
Kein Schnee deckte mit mildem Weiß die klägliche. Natur. Nur mühsam arbeitete sich die Halbchaise durch den Morast der zerfrorenen Straße. — Es war noch dieselbe Halbchaise, .die wegen Erika und ihrer Freundin Beate von Horbach angeschafft worden war. Damals glänzend und schmuck, jetzt alt und wackelig. Wie sie, gerade wie sie: damals jung und schmuck, jetzt gebrochen und alt, — alt trotz ihrer Jugend.
An der Tür des Herrenhauses stand Irene. Sie nahm Erika an sich und ging, die schluchzende Schwester stützend, Schritt um Schritt mit ihr in die Flur uud die Treppe empor.
Sie traten an das Sofa. Da lag die Mutter mit schmerz- verzerrtem Gesicht. Das galt nicht der Tochter, das galt ihr selbst. Schon seit Monaten peinigte sie die Gicht und machte sie teilnahmslos an allen Vorgängen in Mühlwinkel.
Böse Zungen im Orte behaupteten, das wäre die Folge vom vielen Biertrinken noch aus ihrer Schenkmädelzeit. —
Erika strich.der Mutter mit der Hand über die Stirn.
Seit langen, langen Jahren die erste Liebkosung.
Um der Mutter Mund zuckte es wie bei einem weinenden Kinde. Mit Mühe brachte sie die Lippen auseinander: „Mr haben kein Glück in unserer Familie. — Das macht das Geld!"
Nun weinte sie leise.
Am Abend kam der alte Guttermann aus der Fabrik. Er war hager geworden und ging geduckt.
Stumm begrüßte er die heimgekehrte Tochter.
Nach einer Weile sagte er: „Es ist gut, daß er dich zweimal geschlagen hat, — — sonst hätten wir nicht gewonnen. Er hätte dich nicht sreigegeben, — des Geldes wegen."
Erika zuckte zusammen. Ein Schauer überlief sie.
Immer und immer wieder das Geld!
Jin Zimmer war es fast dunkel.
„Kämmt Hugo heute nicht herüber von.Altengrün?" fragte müde Frau Guttermann vom Sofa her.
„Der gehört auf seinen Postens sagte hart der Vater.
„Er wollte doch kommen. — Einesteils, um Erika zu be- grüß.cn, dann aber wollte er auch etwas mit dir besprechen!" sagte schüchtern Irene.
„Mit mir?"
„Ja, Vater, wegen — — seiner Heirat mit Magda!
„Kein Wort mehr davon, -— kein Wort mehr! Ihr kennt Meine Meinung: du heiratest nicht ben Hennig und er nicht das Kutschermädel!" ---
Brutal und überlaut schrie ers; dann, verließ er dröhnend das.Zimmer. i
Erika wußte von all diesem nichts. Sie wär eine Fremde 'Mvowew im .Elternhaus.,. Jhte, eigene Sorgenlast die Jahre
hindurch hatte ihre ganze Kraft absorbiert und alles Interesse an anderer Leid und Freud erstickt.
Wohl hatten vor Jahren damals int kleinen Gartenhaus in Altengrün die Geschwister von ihrer jungen, heimlichen Liebe erzählt. Aber seitdem hatte sie nie wieder davon gehört.
Und nun mußte sie erfahren, daß der alte Kampf noch immer gekämpft wurde, daß die Geschwister rangen mit dem Vater, die junge Liebe rang mit Ehrsucht und Geldgier.
Durch die stille, finstere Stube klang nur manchmal ein kurzes Stöhnen der Mutter. — Die große, altdeutsche Uhr im Salon nebenan schlug acht Uhr.
Da trat Hugo ein.
„Guten Abend," sagte er halblaut und tastete sich dann bis an das Sosa.
„Wie gehts — Mutter?"
„Erika ist da."
Seine jüngste Schwester stand neben ihm. Mit tränenerstick- tev Stimme sagte sie: „So ist's nun gekommen!"
Er umfing die vor Weinen Bebende: „Nun wird alles wieder gut — Kind. — Das Schicksal hat es noch gnädig gemacht. Besser: ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!"
Die Geschwister! saßen schweigend in der Fensternische, die Mutter ächzte leise aus ihrem Schmerzenslager.
Es war eine Sorgenkammer, dies Wohnzimmer im Herrenhaus. Das also war das Glück der reichen Leute, der reichsten im Lande!
„Wo ist der Vater?" fragte endlich Hugo.
„Sprich nicht mit ihm, Hugo! — Ich wollte vorhin etwas vorbohren, er ist unerbittlich!"
„So Helf uns Gott!--Nun ist es aus! —: Bis heute
wollt ich noch warten, nun ist es aus! — — Ich gehe meiner Wege! Was nützt mir das Geld, was nützt mir das ganze Dorf?! — Ich verzehre mich, ich gehe zu Grunde!"
„Hugo — was willst dir tun?" fragte Irene voll Zingst.
Er lachte auf, hohl und bitter. „Was weiter? — Ich gehe als Inspektor oder Verwalter--aber heiraten will ich nun !"
„Nimm mich mit, Hugo , — —, nimm mich
mit!" flehte Irene.
„Und mich!" Erika.
Da klang vom Sofa her ein angstvolles Flehen und Klagen: „Kinder, Kinder! Tut das nicht, — laßt mich nicht allein mit diesem Mann." Und vom Sofa spannen sich düstere, heimliche Fäden herüber nach den drei Geschwistern, und jede Träne der Mutter kettete die Fäden fester um die drei, die Fäden der Pflicht, der Kindespflicht.
Hngo hatte die Arme aus den Tisch und den Kopf auf die Arme gelegt und weinte in sich hinein. Die Schwestern gingen leise zur Mutter, setzten sich zu ihr, und eine jede hielt eine Hand der Mutter in der ihren.
Das war eine heilige Silvesterstunde!
Sie brachte zwischen Mutter und Kindern das erste Verstehen seit Beginn ihres Lebens. .....
Stunde um Stunde verrann. Die Jahreswende schob sich herauf. Tas alte. Jahr balancierte auf gefährlicher Klippe. Da kam ein Windstoß, frischer neuer Wind und führte mit sich das junge, neue Jahr. Das schwang keck sein Zepter, das stieß mit jauchzendem Jugendlachen an den schwankenden Jahresgreis aus der Klippe. — Ta stürzte cs in die Tiefe, das alte, und das neue war Herr! c n t
Ein frischer Ostwind hatte es herbeigeführt, aus dem Lande des Morgens, der Hoffnung. ---
Und drüben im Gesindehans standen die Leute in Elans Kämmer. Wie das ersterbende Jahr rang auch der alte, treue Knecht mit dein Tode.
Die verarbeiteten, harten Gesichter der Mühlknechte zuckten beim Anblick des Sterbenden, ihre schwieligen, rissigen Hände verschlangen sich zum Gebet. Die böhmische Magd ließ fieberhaft schnell die schwarzen Kugeln des Rosenkranzes durch die Finger gleiten und die Lippen murmelten mechanisch die Gebete.
Elan richtete sich in die Höhe. — „Wenn nicht das Toten- glöckchen läutet,--sterb--ich--noch--nicht!"
Da fuhr nebenan der Kuckuck zwölfmal aus seinem Häuschen, und zwölsnial ertönte der heisere Schrei.
„Neujahr," flüsterte der Obermüller.
„Hört Ihrs — hört Ihrs — ?" fragte Elan.
.Er breitete die Arme aus.
„Wies ruft, — — wies lockt!"
Man hörte nichts.
„Macht die Fenster auf, '— — daß meine Seele hinaus kann!" f
(Schluß folgt.) , •


