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tzanz gleichgültig gegen alle Vorgänge um ihn her; dabei wagte er aber kaum den Kopf zu erheben, aus Furcht, seine Freude git verraten und in seinen Augen seine Pläne und Hoffnungen lesen zu lassen.

Innerlich verzehrte ihn die Ungeduld. Während der Mörder sich gutwillig allen Maßnahmen unterwarf, die man für not­wendig erachtete, um seine Flucht zu verhindern, waren vier Mann nötig, um der Witwe Chupin die Handgelenke zusammen­zubinden. Sie sträubte sich und brüllte dabei, als ob man sie lebendig verbrannt hätte.

Sie werden wahrhaftig gar nicht fertig! sagte Lccog bei sich selbst.

Sie wurden jedoch fertig. Gsvrol gab Befehl zum Abmarsch und verlieb als letzter das Zimmer, nachdem er seinem Unter­gebenen ein spöttischesAdieu!" zugerufen hatte. Lecoq ant­wortete nicht. Er trat auf die Türschwelle, um sicher zu sein, daß die Patrouille wirUich abmarschiere. Er fuhr zusammen bei dem Gedanken, daß Gsvrol sich die Sache überlegen, zu einer anderen Auffassung kommen und den Fall selbst in die Hand nehmen könne, wozu er völlig berechtigt war.

Seine Angst war unnötig. Allurählich verhallten die Tritte der Beamten, das Geschrei der Witwe Chupin verlor sich in der Stille der Nacht. Man hörte nichts mehr.

Lecoq ging ins Haus zurück. Er brauchte seine Freude nicht wehr zu verbergen, sein Auge funkelte. Wie ein Eroberer, der von einem fremden Reiche Besitz ergreift, stampfte er mit den» Fuß auf den Boden und rief:

Und nun, ans Werk! l

3. Mpitel.

Ta Gsvrol ihn ermächtigt hatte, den Kameraden, der mit ihm in derPfefferbüchse" bleiben sollte, selber auszuwählm, so hatte Lecoq sich an den gewairdt, den er für den unfähigsten hielt. Das geschah von seiner Seite nicht in der Befürchtung, den klingenden Lohn eines Erfolges teilen zu müssen, er empfand aber die Notwendigkeit, einen Helfer zur Hand zu haben, dein ter im Notfälle Gehorsam beibringen könne.

Sein Kamerad war- ein Biedermann von fünfzig Jahren, der bei der Kavallerie gedient hatte und dann bei der Polizei­präfektur eingetreten war. Bon seinem bescheidenen Posten aus hatte er viele Präfekten erscheinen und verschwinden sehen, und mit den von ihm eigenhändig verhafteten Verbrechern hätte man ein ganzes Zuchthaus bevölkern können.

Er war dabei weder klüger noch eifriger geworden. Wenn man ihm einen Befehl gab, führte er ihn mit militärischer Pünkt­lichkeit aus, wie er ihn verstanden hatte. Hatte er ihn schlecht verstanden ei nun ja! Er versah seinen Dienst blindlinks Ivie ein altes Pferd im Göpelwcrk. Hatte er freie Zeit und Geld, so trank er, doch überschritt er dabei niemals einen gewissen Grad von Halbnüchternheit. Seinen Namen hatte man früher einmal gewußt, aber lange schon vergessen. Man nannte ihn nur den alten Absinth.

Selbstverständlich bemerkte er weder den Enthusiasmus, noch den Ausdruck des Triumphes im Gesicht seines jungen Genossen.

Wahrhaftig, sagte er zu ihm, sobald sie allein waren, du hast da eine großartige Idee gehabt, daß du mich hier behieltest, und ich danke dir dafür. Während die Kameraden die ganze Nacht im Schnee herumtrampeln müssen, werde ich mir einen guten Schlaf leisten.

Er war da in einer Spelunke, die von Blut dampfte, im Angesicht der noch nicht erkalteten Leichname von drei ermordeten Menschen, und er sprn-ch von Schlaf! Aber, in Wahrheit, was machte ihm das aus? Er hatte in seinem Leben so -viele ähn­liche Szenen gesehen.

Ich bin eben mal oben gewesen und habe mich da um- tzeguckt, fuhr der gute Mann fort; ich habe da ein Bett gesehen; wir können abwechselnd Wache halten . . .

Lecoq unterbrach ihn mit einer gebieterischen Handbewegung.

Diese Gedanken lassen Sie sich nur vergehen, alter Absinth; wir sind hier nicht um zu bummeln, sondern um die Unter­suchung zu beginnen, um die allergenauesten Nachforschungen an- zustellen, und, wenn möglich, Indizien zu sammeln. In ein paar Ltunden kommen der Polizeikommissar, der Arzt, der Unter» luchungsrichter . . ich will ihnen einen Bericht vorlegen können.

Dieser Vorschlag schien den alten Schutzmann za empören, und er rief:

Ach wozu denn? Ich kenn den General. Wenn er, wie ijeute nacht, den Kommissar holt, so tut ers, weil er weiß, oas; nichts zu machen ist. Denkst du, du wirst irgend was sehen, was er nicht gesehen hat?!

Ich glaube, daß Gsvrol sich irren kann, wie jeder Mensch, cd) glaube, er hat sich zu leicht dem, wie er dachte, ganz klaren

Augenschein hingegeben. Ich möchte darauf schwören, daß dieser Fall anders liegt als es aussieht. Ich biu gewiß, daß wir ent­decken werden, was hinter dem äußeren Anschein verborgen liegt.

Tas Feuer des jungen Polizisten rührte den alten sehr wenig; er gähnte, als ob er sich die Kinnbacken verrenken sollte, und sagte:

Tu hast vielleicht recht. Aber ich gehe zu Bett. Laß dich dadurch nicht vom Suchen abhalten; wenn du was findest, kannst du mich wecken.

Lecoq gab kein Zeichen von Ungeduld; er sagte nur:

Sie werden mir wohl einen Augenblick bewilligen. In fünf Minuten, die Uhr in der Hand, verpflichte ich mich. Ihnen das Geheimnis, dns ich vermute, handgreiflich zu machen.

Also meinetwegen fünf Minuten.

Uebrigens sind Sie Ihr eigener Herr, Papa. Nur ist es natürlich klar, daß ich, wenn ich allein vorgehe, auch allein die Gratifikation einstecken werde, die bei einer Entdeckung unfehlbar für mich abfallen würde.

Bei dem WorteGratifikation" spitzte der alte Polizeibeamte die Ohren. Er hatte eine blendende Vision von einer unendlichen Reihe Flaschen des grünen Likörs, dessen Namen er trug.

Na, dann überzeuge mich nur mal, sagte er, indem er ans einem Schemel Platz nahm, den er wieder auf die Füße gestellt hatte. Lecoq blieb vor ihm stehen.

Zunächst, fragte er, was ist, Ihrer Meinung nach, das von uns verhaftete Individuum?

Wahrscheinlich ein Hafenarbeiter oder dergleichen.

Also ein Mensch aus den allerniedrigsten Ständen, der folglich gar keine Erziehung erhalten hat?

Ganz recht.

Seinen Blick ans die Augen seines Kämeraden geheftet, sprach Lecoq weiter. Er mißtraute sich selber, wie alle Leute, die wirklich etwas können, und er hatte sich gesagt, wenn es ihm gelänge, feine Ueberzeugungen dem verbohrten Geiste des alten Tickkopfs einzutrichtern, so wäre das ein sicherer Beweis für ihre Richtigkeit.

Nun denn, fuhr er fort, was werden Sie mir antworten, wenn ich Ihnen beweise, daß dieses Individuum eine ausgezeichnete, sogar raffinierte Erziehung erhalten hat?

Ei, das wäre ja ganz außerordentlich . . . aber vielleicht bist ich zu dumm, und verstehe dich nicht.

Doch! Und sogar sehr leicht. Erinnern Sie sich der Worte, die er ausrief, als er von meinem Stoß hinfiel?

Sie klingen, mir noch in den Ohren. Er sagte:Tie Preußen kommen!"

Haben Sie eine Ahnung, was er damit sagen wollte?

Was fürne Frage! Natürlich habe ich begriffen, daß er die Preußen nicht liebt, und daß er uns damit eine schwere Be­leidigung sagen tooftte.

Lecoq hatte diese Antwort erwartet.

Nun, alter Absinth, erklärte er ernst. Sie sind auf dem falschen Wege, ja aus einem ganz falschen Wege! Und der Beweis, daß dieser Mensch eine Erziehung genossen hat, die weit über seinen anscheinenden Stand hinausgeht dieser Beweis liegt darin, daß Sie, ein alter Praktikus,. den Sinn seines Ausrufs nicht verstanden haben. Dieser Satz war für mich wie ein Licht­strahl.'

(Fortsetzung folgt.)

Der Dorfkömg.

Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

^,,Das tut ja nichts, bitte ich höre so gern von Meißen. Ich war zwar nur einmal dort, nur auf eine halbe Stunde

Ach! Wann war das?"

Bor sechs Jahren, genau."

Bor sechs. Erlauben Sie, vier fünf wahrhaftig da war ich auch dort. Und Sie haben das Medaillon?"

Bloß die Münze, die Einfassung habe ich mir später machest lassen."

Gesunden wohl die Münze?"

O nein. Die hat mir jemand in die Hand gedrückt."

Erika lachte leise.Wohl eine liebe Hand?"

Gott, ich kann das nicht einmal sagen! Der Geber sagte dazu: Bloß ein Bettler!" Da wuchs sie empor, aus sich heraus und stand vor ihm. In diesem Augenblick trat Kommerzien­rat Enkan hinzu und sagte:Willst du bitte mit Frau Kreis- Hauptmann die Polon-äse anführen, Herald?"