Mss
Herr Lecoq.
Miminal-Roman von E. Gabor tau,
Nachdruck verboten, (Fortsetzung.)
Zu beständigen Entbehrungen verdammt, suchte er wenigstens in Träumereien der widerwärtigen Wirklichkeit zu entrinnen. Wenn er nach nervenzerreibender Arbeit allein in seinem Dachstübchen war, von den tausend Begehrlichkeiten der Jugend gefoltert, dann dachte er an die Mittel, mit einem Schlage, über Nacht, reich zu werden. Und während er diesen Hirngespinsten nachhing, entdeckte er in sich selbst eine eigentümliche Erfindungskraft, sozusagen einen Instinkt dies Bösen. Die kühnsten Diebstähle, die man als besonders geschickt ausgeführt rühmte, waren in seinen Augen nur hervorragende Stümpereien. Und er sagte bei sich selbst: „ja, wenn ich wollte!" Und dann suchte er, und fand, seltsame Kombinationen, bei denen Erfolg und Strafwsigkeit mathematisch sicher waren. Dies wurde bald bei ihm eine Manie, ein Delirium. Es kam so weit, daß dieser bewunderungswürdig ehrenhafte junge Mensch nichts mehr tat, als in Gedanken die scheußlichsten Verbrechen auszuführen. Er bekam schließlich selber Angst vor diesem Spiel. Es brauchte nur eine Stunde zu kommen, wo er sich vergaß, ititb er ging von dem Gedanken zur Tat, von der Theorie zur Praxis über.
Wie es allen von einer fixen Idee Besessenen geht, so war es auch bei ihm: die sonderbaren Gedanken, die sein Gehirn erfüllten, mußten sich einmal "Luft machen. Eines Tages konnte er sich nicht enthalten, seinem Arbeitgeber einen kleinen von ihm ausgeheckterr und ausgearbeUcten Plan zu erklären, wodurch mmt in London und Paris fünf- bis sechshunderttausend Franken würde eingeheimst haben. Zwei Briefe und ein Telegramm, und die Geschichte war gemacht. Dabei ein Fehlschlag unmöglich und kein Verdacht zu befürchten.
Der Astronom war verblüfft über die Einfachheit des Mittels: & war voll Bewunderung. Nach reiflichem Nachdenken hielt er es aber für wenig vorsichtig, einen so erfindungsreichen Sekretär um sich zu haben. Darum gab er ihm am nächsten Morgen ein Monatsgehalt und entließ ihn mit den Worten:
Wenn man solche Anlagen hat wie Sie, und dabei arm ist, so wird man entweder ein berüchtigter Dieb oder ein berühmter Polizeimann. Wählen Sie!
Lecoq zog sich ganz verwirrt zurück, aber die Bemerkung des Astronomen war auf fruchtbares Erdreich gefallen. In der Tat, sagte er bei sich selbst, warum nicht einen guten Rat befolgen?
Widerwillen gegen die Polizei empfand er ganz und gar sticht. Er hatte oft diese geheimnisvolle Macht bewundert, deren leitender Wille in der Rue de Jerusalem und deren Hand überall ist, die man nicht sieht noch hört, und die trotzdem selber alles hört und sieht.
Ihn verführte der Gedanke, ein Werkzeug dieser Vorsehung im kleinen zu fein. Er fand darin die Aussicht auf eine nützliche und ehrenvolle Verwendung der ihm zuteil gewordenen eigentüm
lichen Begabung, auf ein Leben voller Aufregungen und leidenschaftlicher Kämpfe, voll unerhörter Abenteuer, und er sah als Endziel seine Berühmtheit.
Mit einem Wort, er hatte seinen Beruf gefunden.
Wirklich wurde er schon in der nächsten Woche, Tank ein ent Empfehlungsbrief des Barons Moser, bei der Präfektur ange« trommelt und als Hilfsbeamter dem Dienst der Sicherheitspolizei zugewiesen.
Eine ziemlich grausame Ernüchterung harrte seiner im Beginn seiner Tätigkeit. Er hatte die Ergebnisse, nicht die Mittel gesehen. Er war überrascht wie ein naiver Theaterfreund, der zum ersten Male hinter die Kulissen kommt und die von ferne so glänzenden Dekorationen in der Nähe sieht. Wer er besaß den begeisterten Eifer eines Mannes, der fühlt, daß er auf dem rechten Wege ist. Er wartete geduldig, verbarg seine Begierde, vorwärts zu kommen, unter einem bescheidenen Wesen und ver- tmute darauf, daß einmal früher oder später Umstände eintreten würden, die seine Ueberlegenheit zur Geltung brächten.
Die heißersehnte Gelegenheit, nach der er seit Monaten ausspähte, glaubte er in diesem Augenblick in der „Pfefferbüchse" gefunden zu haben. Während er an dem Fensterladen hing, sah er, von den Blitzen seines Ehrgeizes beleuchtet, den Weg des Erfolges vor sich. Zuerst war dies nur ein Vorgefühl, bald wurde es eine Vermutung, dann eine Ueberzeugung, die sich auf positive Tatsachen gründete, Tatsachen, die allen anderen entgangen waren, die er aber bemerkt und zusammengetragen hatte.
Das Glück entschied sich für ihn! Er erkannte es daran, daß er Gövrol sogar die elementarsten Formalitäten vernachlässigen sah, als er ihn in entschiedenem Ton erklären hörte, man müsse diesen dreifachen Mord einem jener blutigen Streithändel zuschreiben, die unter den Vagabunden an den Barrieren etwas so Gewöhnliches sind.
Meinetwegen! dachte er, verrenne dich in deinen Irrtum; glaube an den Augenschein, da du über diesen hinaus nichts zu entdecken. vermagst. Ich werde dir beweisen, daß meine jung? Theorie ein bißchen mehr wert ist, als diese alte Praxis!
Die Fahrlässigkeit des Inspektors hatte Lecoq berechtigt, die Untersuchung, nebenbei und im Geheimen, für seine eigene Rechnung, aufzunehmen. Alurfo wollte er nicht vorgehen. Indem er seinen Vorgesetzten benachrichtigte, ehe er irgend etwas unter-, nahm, deckte er sich gegen den Vorwurf, ein schlechter Kamerad zu sein. Dies sind schwerwiegende Anschuldigungen in einem Berus, wo die Eitelkeit Nebenbuhlerschaften von erstaunlicher Heftigkeit hervorruft, wo verletzter Dünkel sich durch boshafte Streiche aller Art, oder durch kleine Verrütereien rächen kann.
Er sprach also . . . gerade genug, um im Fall des Erfolges sagen zu können: Ei nun, ich hatte Ihnen doch davon gesprochen — dabei doch so wenig, um die über Gövrols Geist lagernden Finsternisse nicht aufzuhellen.
Die vom Inspektor erhaltene Erlaubnis war schon ein Triumph und ein sehr gutes Borzeigen. Aber Lecoq wußte diesen Triumph zu verbergen, und er bat im allergleichgültigsten Ton einen seiner Kollegen, bei ihm zu bleiben. Während die anderen sich zum Aufbruch rüsteten, setzte er sich aus eine Tischecke, anscheinend


