455

Farben bricht sich Bahn. Auffallend und reich kleidet sich der Bnrfch, keck und frei ist der Schnitt seiner Kleidung, und bald kommt es so weit, daß der Rektor durch besondere Kleiderordnung gegen die allzu üppigen Pluderhosen ein­schreiten muß. Aber die wechselnde Mode entwindet sich rasch der Fessel detaillierender Verordnungen. Die spanische Tracht findet in Deutschland Eingang, mit Freude ergreift der Student das Absonderliche, weder Strenge noch Spott noch Mandate können ihn von derschändlichen, überflüssi­gen, übermäßigen, unförmigen und unflätigen" Tracht ab­bringen. Ums Jahr 1600 sehen wir den Jenenser Bruder Studio mit einem hohen hutartigen Gestell aus schwarzem Sammet auf dem Kopfe, über dessen schmalen Rand keck die rote Feder hinausragt. Um den Hals legt sich die steife Krause, im engen roten Wams steckt der Oberkörper, auf dem Rücken wirbelt das purpurrote Kragenmäntelchen, und in gestrickten Trikots stecken die Beine. Der Degen, trotz aller Unterdrückung Sieger, ist längst zum regulären Teil der Studententracht geworden, und locker in der Scheide trägt ihn der Musensohn an der Seite. Die verlockende Freiheit des studentischen Lebens vermehrt den Andrang der Jugend und bereits 1570 zählt Jena über 1000 Stu­dierende. Der Uebergang von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft hat das Leben verteuert; wußte der Scholar des Mittelalters mit 20 Gulden ein Jähr zu bestreiten, so kommt der Jenenser Student des 16. Jahrhunderts mit 100 Gulden im Jabre nur schwer aus, das Schuldenmachen wird zur Tagesoronung und mit ihm sprießt auch jenes Wucherertum empor, das auch in Jena rasch zur Blüte kom­men sollte. Nicht allzueifrig drängen die jungen Herren zu den Quellen oes Wissens. Zwar fehlt es nicht an heil­samen Verordnungen, die Studiengang und Lebensführung regeln sollen; der Student wird angehalten, den Gottes­dienst regelmäßig zu besuchen, das Fluchen zu meiden und ein seder unterstand einem inspector morum et studiorum. 1569 bestimmen die Statuten, daß Faule vermahnt, später die Eltern benachrichtigt werden, und Widerspenstigen drohte die Entfernung von der Universität. Aber die Verordnungen standen auf dem Papier und Uebertretungen waren die Regel. Bald war Jena kein friedliches Zarpath mehr, wo stille Propheten von mildherzigen Matronen gespeist wur­den. Die Bürger nahmen gute Miets- und Kostpreise, die Wohnungen waren rar, und wo früher Stille und Friede geherrscht hatte, tönte jetzt Lärm und Gesang. Markt nnd Gasse hallten wieder von dem frohen Betätigungsdrang einer genußfrohen und übermütigen Jugend. Die milde Wissenschaft läßt den Studenten Kraft genug, um den Pokal des Lebens mit wildem Jubel zu lehren. Das Nachtgeschrei, die grassationes nocturnae, das Fenstereinwerfen und tau­send andere Ausflüsse jugendlicher Unbändigkeit werden zur Regel. Frische, fröhliche Rauflust läßt die Musensöhne mit den jungen Bürgern bald zusammengeraten, alle Augen­blicke kommt es zu Zank und Streit, selbst mit den Bechern gerät rnan zusammen, und einmal wird gar der Rektor verwundet, als er herbeieilt, einen Streit zu schlichten. Keck drängen sich die Studenten ein in die Hochzeiten, die int Rathause gefeiert werden, nnd im Wättkämpf um die Gunst der Bürgerstöchter kommt es mit den Stadtsöhnen zu allerlei Zank und Rauferei. Beim Tanzen erregen die Jettenser Studenten Aergernis durch ihre Unart desAb­stoßens und Verdrehens". Keine Geldstrafen fruchten und keine Statuten können die überquellende Lebensfreude dieser kraftstrotzenden, wilden Jugend dämpfen. Der derbe Geist einer groben uird trinkfrohen Zeit ergreift auch die Stu­denten; umsonst hagelt es Paragraphen und Statuten, die dasVollsanfen und Volltrinken" verbieten. Jede feier­liche Hatrdlung des Lebens wird zur Festmahlzeit, unb wie die Magisterpromotion durch ein Ehrengelage gefeiert wurde, so hat man jetzt seine Aristoteles-Frühstücke, seine Abso- lutions-, Akzeß-, Hoch-, Pennal- und Vokationsschmäuse. Mit weitschweifigen derben Zeremonien wird vor allem die Aufnahme des jungen Studenten gefeiert. Gleich nach der Stiftung der Akademie, schon 1548 wandten sich Striegel und Stiegel an die Söhne Johann Friedrichs mit der Bitte, die förmliche Deposition zu gestatten, damit es sich zeige, daß Jena eine rechte Hochschule sei. In die Statuten von 1558 wird sie ausgenommen und gilt als eine Art Auf­nahmeprüfung, alseyne frei) und ungefährliche ceremonia". Ursprünglich sollte sie symbolisieren, wie der Fuchs, der Beanns, ein einfältig Tier, ans seinen Schülertorheiten herauswachsen muß, um ordentlicher Bursche zu werden.

Von einem Haufen Studenten und Magistri werden die Novizen im wilden Auszug zum Dekan der Artistenfakultät geschleppt. Gröbste lateinische Schimpsworte Prasseln auf die Armen hernieder. Ihr Antlitz ist geschwärzt, am Hute ragen krumme Hörner, lange Ohren schmücken das Haupt und in den Mund hat man ihnen große Schweinezähne ge­steckt. Sie dürfen nur grunzen und ein übler Geruch geht aus von ihnen. Man legt sie auf eine harte Holzbank und nun beginnt eine abenteuerliche Prozedur. Mit wunder­lichem Handwerkszeug werden sie gepeinigt, die Hörner ihnen abgeschlagen, die Haare mit grobem Gerät mehr ge­rissen als gekämmt, die Ohren rein gelöffelt usw. Mit Wässer werden sie begossen, widerliche Mixturen werden ihnen eingeflößt und bösartige Pillen müssen sie schlucken. Inmitten des Jubels und des Lärmes aber pflegte ur­sprünglich der Dekan den Beanns in lateinischer Grammatik zu prüfen, aber bald verlor sich auch diese letzte Andeutung eines ernsthaften Momentes und machte einem fratzenhaften Examen Platz. Unter der Tyrannei des Schoristen hat der Pennal bann ein Jahr sechs Monate sechs Wochen, sechs Stunden und sechs Minuten furchtbar zu leiden. Er ist der Sklave des Burschen, geht in abgerissener Kleidung, verrichtet die niedrigsten Arbeiten, putzt das Schuhzeug und wird ohne Erbarmen schikaniert und malträtiert. Bis endlich nach der langen Frist und Folter der Erlösungs­schmaus kommt, bis er das traditionelle Ragout ans Wurst, Salz, Brot, Nessel, Tinte, Butter, Scherben, Kot, Nußschalen unb zerstoßenen Ziegelsteinen herunter würg en darf. Dann aber gürtet er den Degen an seine Seite, wird zum freien Burschen und kann Ausschau halten nach einem Opfer, das nun ihm als Pennal 'das Leben erheitert und die Zeit verkürzt. . . .

Das Mtterschichen.

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

Die Gelehrten sind sich über den Wert des Wetter­schießens, das in der Schweiz zur Verhütung von Hagel­schlag und Gewitterschäden angewandt wird, noch nicht klar. Aber ein großer Teil der Schweizer Einwohner ist von der Zweckmäßigkeit dieser Maßregel überzeugt, und es haben sich in verschiedenen Teilen des Landes Weiterwehren gebildet, die den Kampf gegen die Gewitter und deren Schäden führen. Der Leiter der Wetterwehr von Küßnacht veröffentlichte vor kurzem einen ausführlichen Bericht über das Hagelschießen mit Raketen. Wir ent­nehmen dem folgendes:

Die Wetterwehr Küßnacht bedient sich seit dem Jahre 1903 der Hagelraketen. Diese sind den Kanonen überlegen, denn ihre Wirkung beginnt da, wo die der Kanonen aushört. Für tiesliegende Gewitter werden Raketen ans 400 Meter Höhe und sür hochliegeude solche auf 600 bis 800 Meter gehende verwendet. Die Detonation ist, wie Proben ergaben, sehr stark, ebenso die Lusterschütterung, so­daß die Lust weithin erschüttert und durcheinander geivirbelt wird. Jin Jahre 1904 hatte Küßnacht drei Gewitter, Ivelche mit Hagel­schlag einsetzten. Das erste am 7. Mat Nachmittags 44/,Uhr. Es kam von Südwest: Einsiedeln, Thalwil, Rüschlikon, berührte aus der rechten Seite des Sees Meilen, Herrliberg, Erlenbach, Küßtmcht; letztere Gemeinde hatte keinen Schaden zu verzeichnen, denn aus sofortiges Schießen am Seerand und der zweiten Schützenlinie trat aui unserer Seite ein, was kaum je zu sehen war, daß der Hagel in halbgeschmolzenem Eise niederfiel und somit keinen anderen Schaden anrichten konnte, während in den gegenüberliegenden Gemeinden die Hagelkörner anderen Mittags noch bei warmen Temperatur 5 bis 10 cm hoch die Straßengräben bedeckten. Die beiden anderen Gewitter waren weniger schiver und konntet! mit wenigen Schüssen unschädlich gemacht werden. .

Am 5. Juli 1905 um 31/, Uhr setzte von Ost nach West Hagel mit wenig Regen ein. Mit etwa 15 Schüssen von 15 SchießstaUouen war das Unheil beseitigt. Um 3 Uhr 27 Minuten kam das Gewitter mit Hagelschlaq von Süden retour und wurde in einem Monieute mit 30 Raketen von 11 Stationen unschädlich gemacht. Hirns Minuten später stieß ein vo>i Norden und Südosten kommendes Ge- ivitter in der Mitte unserer Gemeinde mit Hagelschlag zusammen. Der Regen und Sturm waren so furchtbar, daß viele Raketen nicht zünden wollten. Jmmerhiil gelang es, an 19 Stationen nnt 60 Raketen auch dieses Unwetters Herr zu werden, während Nachbar­gemeinden schwer zu leiden hatten. Die anderen süns Gewitter dieses Jahres ivaren weniger schiverer Natur, das Hageln Hörle nach wenigen Schüssen ans. ,

Das Jahr 1906 brachte nur drei Geivltter mit yagelschlag, von denen nur das Gewitter vom 3. August erwähnenswert ist, Es ivurden 61 Raketen von 14 Stationen innerhalb einer Minute abgefeuert, woraus es aushörte zu hageln und nur milder Regen