Ausgabe 
23.7.1908
 
Einzelbild herunterladen

454

Beschreibung nach fast in jedem uns bekannten Punkte Herrn Darrows Mörder zu gleichen scheine.

.Folgendermaßen trug sich die Sache zu," antwortete Mait-- trtiro auf Florences Bitte, uns mitzuteilen, wie er seinen letzten Erfolg erreicht habe.Als ich die von Weltz-Rizzi bestellten Micher erneut durchstöberte, fand ich in Robert HoudinsDcv entdeckte und entlarvte Betrüger"^ die Beschreibung eines Kniffes, durch den Spieler das Abheben der Karten wirkungslos zu machen pflegen. Dieser Kunstgriff wird folgendermaßen ausgeführt: Wenn die Karten abgehoben find und in zwei Päckchen auf dem Tische liegen, nimmt der Falschspieler mit seiner rechten Hand die Karten ans, die ursprünglich unten lagen. Sie werden dann, wie beim rechten Abheben, über das andere Päckchen gebracht, aber eben, wenn beide Päckchen zusammenkoininen sollen, wird das untere durch Unterschieben des rechten kleinen Fingers gewandt mit einer Seite aufwärts geneigt und das obere schnell darunter geschoben, so daß die Karten genau so liegen, wie vor dem Aufheben. Zu diesem Zwecke wird der Nagel des kleinen Fingers der rechten Hand sehr lang getragen, damit man ihn leichter unter den Pack Karten bringen kann. Hier, sagte ich mir, ist die Möglichkeit zur Erklärung einer Besonderheit meines Gipsabgusses gegeben. Der lange Nagel am linken kleinen Finger kann seine Aufgabe am Spieltisch erfüllt haben. Demnach würde jedoch unser Mann linkshändig zu fein scheinen, während er, wie wir sahen, mit beiden Händen gleich geschickt zu schreiben versteht. Wir dürfen rins also nicht wundern, schloß er weiter, wenn wir hier finden, daß er beiderseits am kleinen Finger lange Nägel trägt. So­gleich zog ich die praktische Folge aus diesem Gedanken und be­suchte alle Spielhöllen der Stadt. Um keinen Verdacht zu er­wecken, spielte ich an jedem Platze ein wenig und nahm eine passende Gelegenheit wahr, mit dem Besitzer eine Unterhaltung anzuknüpfen. Dann kam überall dieselbe Frage. Erinnerte er sich an dkn Herrn, der hierher zu kommen pflegte? Ein Ausländer, der Französisch sprach, etwas über Mittelgröße, ein wenig hinken­der Gang, biß sich die Fingernägel ab usw. usw. In der unteren Stadt hatte ich wenig Glück, obschon mir an einer Stelle der Be­sitzer sagte, es sei ihm so, als wäre ein solcher Mann dagewesen, aber nur ein oder zweimal, und er sei seiner Sache nicht ganz sicher. Als ich aber zum Südende und in die Decaturstraße kam, traf ich einen Mann, der auf meine Frage sofort erwiderte:Bei Gott, das ist Henri Cazot, ganz gewiß, wie er leibt und lebt. Dick da drüben wird Ihnen alles von ihm erzählen. Er hängt bei ihm mit 'ner Ehrenschuld so von 'nem Hunderter. Er hat ihm ein Papier dafür gegeben, und Dick trägts bei sich, nicht weil er denkt, er kriegt je was wieder, sondern weil ihm die Handschrift gefällt. Herr Henri Cazot! Eh, Dick?" und er brach in ein heiseres Lachen aus. Ich wandte mich, um weiteres zu erfahren, an^Dick. Dieser hatte schon ein arg zerknittertes Papier aus der Tasche geholt und glättete es auf dem Tisch.

Hier ist der Artikel," sagte er und legte seine Hand aus­drucksvoll darauf.Das Gefecht war blutig. Das Glück war gegen ihn, und er hatte jeden Heller verloren. Jim Macey war Ausgeber, und Cazot fragte nichts danach, setzte immer1 lustig weiter. Sehen Sie, beim Kartenspielen ist schlecht gewinnen, wenn man gegen den Ausgeber spielt. Cazot wußte das nicht, und ich wollls ihm nicht sagen, denn er nahms selbst beim Karten­spielen nicht so genau, toenit man ihm nicht scharf auf die Finger paßte. Also, er pumpte mich an, sagte, sein Mädel sei hungrig, und er hätte keinen Heller, um Brot zu kaufen. Gott, sah er dabei wild aus! Mir kam er immer nicht ganz geheuer vor. Gut, nachdem ich ihn hatte rnpfen helfen, pumpte ich ilynt den Hunderter, und er gab mir das Papier hier. Das ist das letzte, was ich von Herrn Henri Cazot gesehen habe." Dabei reichte ter mir den Zettel hin. Ich warf einen Blick auf die Unterschrift;

war dieselbe Handschrift, die auf die Bücherzettel Weltz und Rizzi geschrieben halte, sogar das unverkennbare % war dasselbe. Nur mit beträchtlicher Anstrengung vermochte ich meine Gefühle so weit zu beherrschen, um nicht durch mein allzugroßes Interesse Verdacht zu erregen. Doch gelang es mir wohl, denn sie ant­worteten ohne Rückhalt, als ich noch mehr von Cazot und seiner Tochter, von der sie gesprochen hatten, wissen wollte. Sie konnten mir aber nichts weiter sagen, als was sie mir schon mitgeteilt hatten.

Nächsten Monat wirds ein Jahr, daß er das Geld von mir hat," fuhr Dick fort.Er sackts ein, stürzt davon, und das ist das letzte, was ich je von ihm gesehen oder gehört Habe. Wundern svlls mich nicht, hätte er sich schon lange selbst das Lebenslicht ausgeblasen. Er sah manchmal höllisch verzweifelt aus. Er war einer von dm Kerlen aus Mont« Carlo, denk ich."

Das ist's, >vas ich erkundet habe, und vorläufig bin ich damit zufrieden. Wir sind wenigstens auf der rechten Fährte.

Nebenbei, Doktor, morgen will ich die Anzeige etwas ändern, indem ich briefliche Behandlung anbiete. Vielleicht beißt unser scheuer Fisch dann eher an. Jedenfalls lohnts einen Versuch."

> 2. Kapitel.

Am nächsten Tage erschien die Zknzeigte in der neuen Form. Unter verschiedenen Anfragen, die darauf einliefen, befand sich eine, in der ich die Eigenheiten der Handschrift von Weltz-Rizzi mit Bestimmtheit wiederzuerkennen glaubte. Sofort brachte ich Maitland das Schreiben. Er warf einen Blick darauf, faßte mich dann erregt am Arm und rief:Beim Zeus, Doktor, wenn der verschmitzte Fuchs nicht sofort, dm Hund wittert, so stellen toir ihn. Wie Sie sehen, hat er keine Wohnung angegeben und unter­zeichnet mit einem neuen Namm. Wir sollen an Charles Cazmove, hauptpostlagernd, Boston, schreiben. Schwerlich wird unser ver­schlagener Freund persönlich den Brief abhvlen, den wir ihm gleich schreiben werden; so muß stets jemand zur Hand sein, der die Person im Auge behält, die er an feiner Statt sendet. Kami ich hierbei auf Ihre Mitwirkung rechnen?"

Ich stehe Ihnen bei bis zum letzten Ende," sagte ich,und sollte ich einen Monat lang das Postamt nicht verlassen dürfen."

Gut; ich schrieb also und gab den Lockbrief zur Post. Mait­land setzte sich mit der Postbehörde in Verbindung, worauf sie uns bereitwillig einen bequemen Beobachtungsposten im Gebäude und unweit des für die Abholung postlagernder Briefe bestimmten Schalters zur Verfügung stellte. Sobald jemand nach dem Briefe fragte, sollten wir sofort Nachricht erhalten. Wir brauchten nicht lange zu warten. Am nächsten Tage machte uns der Postbeamte das verabredete Zeichen, das uns sagte, es habe jemand nach Briefschaften für Charles Cazenove gefragt, und während der Beamte möglichst viel Zeit verbrauchte, unt unseren Brief hervor- zusnchm, traten Maitland und ich unauffällig in die für das Publikum bestimmte Halle, wo sich uns ein ganz unerwarteter Anblick bot. A!m Schalter stand ein junges, schönes, eben zur Jungfrau erblühtendes Mädchen. Ihre offenen blauen Augen trafen die meinen mit dem Ausdruck vollster Unschuld, als ich bei ihr vvrbeiging, um sie zwischen Maitland und mich zu bringen, damit sie uns nicht entgehen könne, welchen Wteg sie auch einschlüge. Wir hatten vorher verabredet, wie wir unserer Beute unauffällig, jeder auf einer Seite der Straße, folgen wollten, aber diese Vorsichtsmaßregeln schienen ganz überflüssig, denn die junge Dame hatte offenbar nicht die geringste Ahnung davon, daß fich jemand für ihre Bewegungen interessieren könnte. Sie schritt gemächlich vorwärts, blieb bann und wann stehen, um einen Blick auf ein Schaufenster zu werfen, und dachte gar nicht daran, auch nur einmal hinter sich zu sehen. Statt den Brief zu verstecken, hielt sie ihn mit ihrem Geldtäschchen in der Hand, und zwar, wie ich sehen konnte, mit der Adresse nach oben. Eine sonderbare Empfindung kam über mich, als ich ihren Schritten folgte. Es war mir zumute, wie, denke ich, einem' Meuchelmörder, der sich an die Fersen seines Opfers heftet, um ihm an einsamer Stelle den tödlichen Stoß beizubringen. Vergebens sagte ich mir, daß ich im Dienste der Gerechtigkeit Mbdelte und nichts Un­ehrenhaftes täte. Ein einziger Blick auf das feine Mädchenantlitz, so frei und offen wie das Morgenlicht, jagte mir die heiße Schamröte in die Wangen. Ich konnte mich von dem Bewußt­sein nicht frei machen, daß ich sie, inbem ich ihr folgte, mit dem Bösen in Beziehung setzen wollte, was mir fast wie eine Entweihung erschien. Doch ich konnte nun nichts weiter tun, als das Angefangene ausführen; fo folgte ich ihr durch ver­schiedene Straßen, bis sie linkshin einbog, und wir beide, Mait­land und ich, sie in ein Haus am anderen Ende dieser Straße treten sahen,

(Fortsetzung folgt.)

Altjenenser Audentenleben.

Cs war nicht mehr der Scholar des 15. Jahrhunderts, der damals in der neuen Universitätsstadt Jena seinen Einzug hielt, nicht mehr der blasse strenge Jüngling mit dem langen Rocke von dunkelfarbenem Tuch und der Kapuze, der in kalten dunklen Wntermorgen, um fünf, wenn die Nacht noch über dem Lande lag, zum Unterricht eilte und daheim mit einer Schar von Genossen gemeinsam in strenger Zucht wohnte. Das 16. Jahrhundert hatte mit dem ge­nossenschaftlichen Zuschnitt des Studentenlebens gebrochen, die neue Zeit löste die Ptersönlichkeit von der Gruppe, aus der klösterlichen Enge der Vergangenheit strebt der Stu­dierende zur freien Bürgerlichkeit. Uno mit der Umwand­lung kommt über den Musensohn das HerrengeMhl. Schon äußerlich prägt es sich aus. Mit einem Ruck ist der dunkle klerikale Talar abgestreift und ein Ueberschwang an lustigen