Ausgabe 
23.5.1908
 
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sein Verhältnis zu Amanda mit ihrem unbequemen Drängen nachgerade etwas sengerig.

So beschloß er denn, die Sache zum Klappen zu bringen. Je eher, desto lieber. Aber vorher wollte er dem Alten noch einen Vorschuß abschwindeln. Für alle Fälle. Ter Bauer mochte zwar anfangs nicht, doch was konnte er machen, wo jetzt die Arbeit drängte? Mit Seufzen, zog er den Geldbeutel hervor.

Gottlieb," verkündete er bald nachher eines Abends,mornse- morje wird gemäht, punkt drei Meere Wehn mer uff, nou mach, daß de erans kimmst!"

Mer aber nicht ausstand und sich erst ein halbes Dutzend mal rufen ließ, war Gottlieb Schultze. Weder Bitten noch Droh­ungen vermochten ihn zu rühren. Endlich erhob er sich. Als man mit erheblicher Verspätung im Wiesengrund anlangte, Herr und Knecht mit den Sensen aus der Schulter und die Magd mit Rechen und Heugabel hinterdrein, !var dort schön alles in vollster Tätigkeit. Unter den wuchtigen Hieben der Mäher sank überall das fette Gras in langen Schwaden rauschend zu Boden. Dazwischen klang wie helles Glockengeläute der blanke Stahl unter den>. schärfenden Wetzstein. ;

Nun waren auch die Trieschbauers aus ihrem Besitztum an­gelangt. Tie Männer warfen die Oberkleider ab und Amanda steckte sich die Röcke auf.

Tann legten sie los. Vorneweg der Gottlieb. Aber seine Arbeitslust war nicht äveit her. Ungeduldig mahnte ihn der Bauer zur Eile:Als vorwärts, naut wär druff, «ich haage dir joa die Absatz von de Stiwel oab."

Worauf Schultze höflich zur Seite trat.

Bitte nach Ihnen,- alter Herr!" sagte er mit einladender Handbewegung.

Tot soll dir f(1)111111 basse, ower dot gilt naut, bleib diou nur vorne," gab ihm dieser zur Antwort.

Gleich darauf zersplitterte mit einem Krach des Knechtes Sensenwurf.

Mos haste da gemoicht," schalt der Trieschbauer,wäi kann mer sich nur su. dappig anstelle?"

Aber der Borwurf rührte den Missetäter wenig.

Hin is hin unn futsch is futsch," meinte er,außerdem ham wir ;a noch 'ne Senfe in Reserve."

Ter Alte hätte ihm mit Wonne den Hals umdrehen können, allein er bezwang sich.

Unterdessen wars Zeit zum Frühstücken geworden. Allent­halben int Gründ sah man schon Gruppen sich zum Essen nieder- setzcn. Nur der Trieschbauer war noch nicht gewillt, ein Gleiches zu tun, allein Gottlieb versicherte, so marode zu sein, daß er kaum noch auf den Füßen stehen könne. Da gab er zähneknir­schend nach.

Amanda holte den Korb herbei und reichte jedem sein Brot.

De host joa wirrer Sticker geschnirre, wäi wenn mer vor Noacht net haamkäme," tadelte sie der Herr.

Nach einer Weile erhob sich Schultze,'machte eine hohle Faust und schaute durch diese wie mit einem Fernrohr in der Um­gegend herum. Dann guckte er wieder nachdenklich zur Erde, als ob er da mindestens einen Zwanzigmarkschein verloren hübe.

weit steigender Verwunderung beobachtete sein Herr das son­derbare Treiben.

No, woas sein dos wirrer für Schborjemente?"

Det will ick Ihnen jern nuseinanderlejen, verehrter Herr unn Agrarier," erklärte Schultze,da sehe ick zu meinem jrosten Seelcnscymerze ringsum bei die Nachbarn dre'Bndellje rum gegen, wat bei uns doch janz und jar der Fall nich is, unn so wat stimmt mrch vogenblicklich sehr triste."

. »Ach su, doat hunn aich joa vergesse, häi konim her, Wenns wetrev naut rs."

Damit holte der Trieschbauer ein Fläschchen aus der Tasche und reichte cs fernem Knechte. Der nahm es unbesehen, setzte an und hob und hob: aber kein Tröpflein netzte die lechzende 'Zunge.

, . .»Den Deubel noch," fluchte e« daun,lvat is mich nu det

11 bbtft "!I a'! 3<tu6er, da is ja nich drinne wie atmosphärische x »Tunuettvnrrer joa," verwunderte sich sein Herr,da Schnaps diße Morie woahrhastig vergesse; ower weeßte wnas, Gottlieb, mer wolle su mache, wäi wenn mer trinke däüre, sust hunn de Leure ebbes ze uze. Wann mer heem komme, sollstc dei Tcel rerchnch km;«."

. i11^" erklärte sich Schultze mit grimmigem Humor

einverstanden,markieren wir en bisken Vorspiegelung falscher Tatsachen, na denn Pröstchen!"

einen tiefen Schluck und gab die Flasche weiter, fürchbar^stark!" Jlt keste," wamte er,det Zeug is

,,, dauer das Zeichen zum Aufstehen gab, behauptete

Gottlteb, sich noch nicht erheben zu können, da ihn die Zecherei zu sehr mitgenommen habe. Erst aus Zureden Amandas erhob er stch wieder. Diesmal war der Trieschbauer Vordermann beim MulMi. Gottueb hielt gleichen Schritt mit ihm. Allein, so oft de^ Herren Seche durch die Halme fuhr, begnügte sich der Knecht Mit einem unschädlichen Lufthieb, der keipem Gpäslein was zu leide tat.

.Wie sich der Trieschbauer nun ümdrehte und diesen neuesten

Eulenspiegelstreich besah, lvurde er vor Gift und Galle puterot im Gesicht. Anfangs war er sprachlos, er glaubte, im Zorn er­sticken zil müssen. Höhnisch grinsend, stand der Berliner vor ihm.

Ta brach das Gewitter los.

Himmeldunnerwärrer, e Gewirrer soll daich erschlahu, diou verfluchter Mekkes, diou Heilunk, diou Goarschtvuhl, alleweil will aich der ower helfe!"

Aber ehe er noch an den Windbeutel heran kommen konnte, hatte dieser seine kostbare Haut schon in Sicherheit gebracht.

Immer ruhig Blut, Männeken," rief er dem Bauer zu, wat wollen Se denn, oller Döskopp, ick dachte mau blos, wo zum Schein j e t r u n k e n wird, könnte m a n s mit die Arbeet jrade so machen. Leben Se recht wohl, unn wenn Se wieder mal ne tüchtige Kmft brauchen, so halte ick mich bestens empfohlen."

Dann schwenkte er iwch einmal grüßend die Mütze, und der Trieschbauer hatte ihn zum letztenmal gesehen.

Ausschluchzend sank Amanda ins Gras.

Mit des Bauern Absicht, sich an den Sachen des Durchgebrauu- teu schadlos zu halten, wars auch nichts, denn der Gerieben«; hatte sie schon mir Tage vorher beiseite geschafft.

Dafür warf er aber den Dorfschuster elendiglich aus der Tür, als ihm der Atme eine Rechnung für ein Paar gelieferte Stiesel präsentierte, die sich Gottlieb Schultze auf Kdnto seines Diensh- hevrn hatte bauen lassen.

VsrMLschtss.

"Religiöser Wahnsinn. In dem Orte Nazareth in Pennsylvanien ist ein kleines Mädchen auf grauenhafte Weise das Opfer religiösen Wahnsinns geworden. Den Vor­fall schildert dieNew-chorker Staatszeitung" unter dem 29. April wie folgt: DieTeufelsjäger", wie sich die neue Sette nennt, begann ihren Kreuzzug in Pennsylvanien vor gerauuicr Zeit. Einer der ersten, die sich bekehren ließen, war Robert Bachmann, und er seinerseits überzeugte seinen Schwager Smith von demgottgefälligen" Werk der Ex­orzisten. Das Austreiben des Teufels geschieht nach der Lehre der furchtbaren Sekte durch persönliche Peinigung, und an grauenhaftem Fanatismus stehen ihre Anhänger in nichts den berüchtigten Flagellanten oder Geißelbrüdern des Mittelalters nach. Spät am Samstag abend hatten sich die Austreiber im Hose der Bachmannschen Farm versammelt. Die Smiths hatten ihr fünfjähriges Töchterchen mitgebracht und sofort begannen die schauerlichen Zeremonien der Beschwörer. Wie ein Rasender tanzte Bachmann halb bekleidet umher, während die Gemeinde sang und betete. Das kleine Mädchen fürchtete sich offenbar vor dem tollen Treiben und fing an zu schreien. Mit rollenden, blutuuterlcuifenen Augen brach Bach­mann seinen Tanz ab und verlangte, daß man das Kind, das den Gottesdienst störe, in ein Zimmer im Farmhause einschließe. Dies geschah und die Tenselsaustreibung nahm ihren Fortgang. Eine der Lehren der Sekte ist, daß während der Dauer der Zeremonien weder Speise noch Trank die Lippen der Anhänger berühren darf. Zwei Tage und zwei Nächte dauerte nun die Orgie. Unaufhörlich sangen und tanzten die verzückten Männer und Weiber und niemand dachte an die kleine Irene, die endlich halb verhungert ans Fenster kam und um Hilfe schrie.Der Teufel ist imHause", brach mm Bachmann los. Und mit seinen Anhängern stürmte er in das Gebäude und die Orgie des Fanatismus wurde in den Zimmern fortgesetzt. Sämtliche Möbel wurden zerschlagen und dann sielen die Teufelsanstceiber über Frau Bachmann her, die behauptete, daß der Leibhaftige in sie gefahren sei. Man schlug die Frau erbarmungslos und während die Hiebe hageldicht fielen, bat die Wahnsinnige ihre Genoffen, nur noch härter zuzuschlagen. Schließlich mußten die Teufelsaustreiber aus purer Erschöpfung von Frau Bachmann ablassen. Sie sielen auf die Knie und beteten wieder. Aus dem verschlossenen Zimmer, in dem Irene weilte, tönte das Wimmern des Mädchens herüber. Bach­mann stahl sich aus der Reihe der Andächtigen und eine halbe Stunde wohl war er schon anwesend, als ein furcht­barer Schrei die Teufelsaustreiber aufschreckte. Sie eilten in die Kammer und fanden dort den entseelten Körper des Kindes, über dem Bachmann seinen Hokuspokus der Teusels- austreibuug fortsetzte. Die Smiths nahmen ihr Kind auf den Arm und trugen es aus dem Hause. Sie waren so sehr von der furchtbaren Orgie besessen, daß sie das Schreckliche