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firett und lief an den Tisch, wo sie eilig, eine Lampe anzündele, die unter bläulichem Seidenpapicrscheiir , ein zartes ~id)t verbreitete. Stenn fr amte sie in der Tischschieblade, während, sie hastig sortsuhr: „Bitte, Loys, setze dich, sei gemütlich — ja? Ich «rin dir jetzt den Beweis liefern, wie gleichgültig es mir ist, scheint eine kompetente Dame zu sein! Habe zufällig meinem Fähigkeiten entsprechende Stellung finde. Hier, dcefer Brief — du brauchst ihic nicht zu lesen. Er ist von Maxmann, du weißt wohl, daß das der Direktor des Theaters ist? Er fragt mich, ob ich mich dem Schauspiel zürnenden wolle. Seine, Fran, — scheint eine kompetente Tenne zu sein! Habe zufällig meinen Auftreten als „Margarethe" beigewohnt und mein Spiel be- lomldert. Wenn ich gewillt fei, würde er mich engagieren."
„Der Mann hat recht., Ich auch habe dich bewundert. Dein stummes Spiel war Mramidal." .
„So scheint es," versetzte sie achselzuckend, „ich tonnte also Mn, da meine Stimme endgültig vernichtet ist, als Tragödin mein Stück machen."
„Fsamos! — Damit wärest du in deinem Fahrivasfer. Miß- erfolg ausgeschlossen! Und im besinnst dich noch?" , , ,
„Ja," versetzte sie, „so furchtbar gleichgültig ist mir jetzt jalles geivvrden, was nicht in Beziehung zu dir steht. Auch die Kunst."
Er schwieg verstimmt und strich sich den Schnurrbart. Ihr war wirklich nicht zu Helsen.
„Loys? Sagtest du etwas?" —
„Nein, aber da du mich fragst, möchte ich dir doch noch einmal ans Herz legen, daß du nicht ohne weiteres nein sagst. Tn wärst dort an beinern1 richtigen Platz. Weshalb ihn nicht einnehmen?" — m t.
„Ach laß das! Die Mühsal der Vorstudien!, das Lernen der Nollen, die Unruhe — es würde mich alles vonl Gedanken an dich ablenke»."
Sie sah ihn mit in Tränen schwimmenden Augcn au, flehend Und unruhig.
„Nun, da verschiebe es also noch — bis später" ... er wollte hinzusügen: Wenn ich fort bin! — brachte es aber nicht ] heraus, sondern sagte statt dessen: „Es fragt sich nur, ob der Direktor so ins Ungewisse hinaus tourten will."
Sie war ganz weih im Gesicht geworden.
„Spater"... sagte sie tonlos — „das heißt, wenn du ttufgehört hast, mich zn lieben? Loys! Meines Daseins Inhalt bist du — und ich, was biri ich dir? — Eine Episode — eine Erinnerung — und bann vergessen!" —
Sie schrie das letzte fast gellend, warf sich .über den Tisch hin und drückte ben Kopf in die verschränkten Arme.
Er setzte sich nun zu ihr und begann ihr zuznreden, sie zu beschwichtigen, sie durch Zärtlichkeit unb Liebkosungen wieder aufzuheitern. Ob sie sich denn nicht liebten ? Ob ihr das nicht genüge, diese süße Gewißheit? — Ob er denn schuld sei au der Tren- taung, die ihm selbst am schwersten falle? Ob sie sich denn nicht täglich schreiben könnten? — Und dann malte er das Wiedersehen jaus — denn natürlich wird er rviederkommen, so oft er kam. Hat sie etwa daran gezweifelt? Sie muß doch wissen, daß fein Herz ihn hertreiben werde.
Er sprach wie ihm zu Mute war, toie es die augenblickliche Stimmung eingab, und sie saß da, sah ihn an mit flammenden Mugen und trank seine Worte wie einen Labeirunk.
Nicht daß sie an dieselben geglaubt hätte — aber sie sah, daß er glaubte, was er versprach.
VIII.
„Du hast tzmvz recht, liebe Mieze, es wäre besser, toenn Helmuth seinen Nachurlaub bei Euch verbrächte. Nicht wegen der stärkeren LandÜuft, wie Du schreibst, sondern weil er sich hier in Berlin in unliebsamer Weise engagiert zu haben scheint. Du verstehst. Ich weih nichts Näheres und jede Spionage ist meiner Natur unmöglich, doch bemerkte ich schon seit einigen Wochen eine gewisse zerstreute Unruhe au ihm, die deinem harmlosen Blick entging, auch gibt er, der sonst so Mitteilsame, über manche 'Zeitanwendung keine Rechenschaft und dann — aber wozu Einzel- Heiten aufzähken, ick) kenne ihn eben zu gut, als daß er vor Mir eine ihn erfüllende Bewegung verbergen könnte. Neulich bei einer Fahrt durch den Tiergarten glaubte ich ihn auf einem Nebenwege, in Begleitung eines weiblichen Wesens gesehen zu haben. Es war nur ein Augenblick des Vorbeihastens, aber ich habe scharfe Augen, und obwohl mir beide Personen den Rücken kehrten, erkannte ich Brüderchens elegante Gestalt und Früh- kingszivil. Ttes Mädchen, trotz der kalten Luft ohne Jackett, sah mir aus, wie eine kleine Putzmacherin ober Choristin — eigentlich nicht, w,as ich von Hetnrnth erwartet Hütte. Ich denke, die
Langeweile, die ihn nun einmal stets fern vom Regiment plagt, hat schuld daran. Es ist ja schließlich kein großes Unglück, aber doch immerhin verdrießlich, wenn ein junger Mann fein sogenanntes Herz in törichten kleinen Liüsons verzettelt.
Dabei weiß ich, daß er feit seiner Knabenzeit so etwas toie eine stille Neigung mit sich herum trägt und daß sein Lebensplan geformt ist. Er hat mir auch dies nie gesagt, aber ich weiß es und du wirst unschwer erraten, in wem sich ihm die Zukmrft
verkörpert.
Wir reifert morgen nach Wiesbaden. Eine Depesche ruft uns an das Krankenbett meiner Schwiegermutter, die ihr Ende nahe glaubt. Helnvuth bleibt hier. Ich muß es also Dir überlassen, ihn hier loszueisen. Es toure besser. Sein Arm ist voll
ständig geheilt.
Anne Marie."
Die Folge dieses Briefes war, daß Helmuth Loysen verstimmt unter den Linden hinschlenderte und einen heftig einladenden Brief seiner ältesten Schwester in der Hand zerknitterte und rücksichtslos in die Brusttasck)e stopfte.
Konnte er denn fort? — Wäre es nicht eine Grausamkeit gegen Lui saue gewesen? Er sagte sich, daß es seine Pflicht sei, hier zu bleiben, und fühlte ebenso lebhaft, daß es seine Pflicht fei, abzubrechen und ein Ende zu machen. Aber er war ein unfreier Mensch getoorben. Dieses jämmerliche, elende Geschöpf, dem er anfangs, wie einem hungrigen Hunde einen Knochen hatte zuwerfen wollen, damit sie „sich nur einmal satt äße", hatte ihm im Laufe dieser Wochen eine Kette angelegt, die zu zerreißen ihm nicht leicht wurde. Denn abgesehen davon, daß sie ihn noch fesselte und anzog, erfüllte ihn die Besorgnis, daß sie, toenn er sie verließ, zum zweitenmal versuchen könne, aller irdischen Pein zu entgehen, und das wäre ihm fürs Leben eine Anklage gewesen. Was sollte aber werden, toenn er sie nicht verließ, toenn er, toie sie sichs in glücklichen Augenblicken ausmalten, feine Beziehungen zu ihr durch Briefe und Besuche aufrecht erhielt, toenn er diese heimliche Kette mit herüber nahm in fein schönes, stolzes, freies Leben freudiger Dienstpflicht! Undenkbar! — Das entschied. Nein, das konnte er nicht, das durfte er gar nicht. Nun, da er hierüber mit sich im Klaren war, glaubte er sich gerade berechtigt, hier zu bleiben, so lange sein Urlaub es ge- shattete. Ja, das darf er sich und ihr doch noch schenken.
Also schrieb er an seine Schwester, daß sich eine Ueber- siedlung nach Bardos kaum noch lohne, bat sie, nicht böse zu sein und blieb. Er wohnte nach toie vor im Troßschen Quartier, wurde von den gut geschulten Dienstboten vortrefflich bedient und lebte sozusagen inkognito, berat seine Bekannten bekamen ihn nicht zu sehen unb glaubten ihn schon wieder in Klippingen.
Statt dessen benutzte er die schönen Frühlingstage, um mit Lnisane spazieren zu gehen. Einen ganzen Sonntag verbrachten sie am Schlachtensee in tiefer, Waldeinsamkeit. Nahm er sie so mit, so litt sie auch gern, daß er sie als Gast behandelte, ließ ihn die Billetts bezahlen und suchte sich auf der Speisekarte des Wald- restanrants aus, was sie gern aß.
(Fortsetzung folgt.)
Drr Prinz von Homburg.
Am 24. Januar 1708 starb Friedrich II., Landgraf von Hefsen-Homburg, hochbetagt als ein wahrer Vater seines Ländchens, dessen Regierung er 1681 nach dem Tode seines älteren Bruders angetreten hatte, unb das feiner tatkräftigen Verwaltung viel verdankte.. Doch der wackere Regent und Fürst würde uns heute kaum noch irgend ein Interesse einflößen, lebte nickst seine Gestalt als Held eines dramatischen. Meisterwerks unvergänglich fort, wäre nicht „Prinz Friedrich von Homburg durch Heinrich von Kleists Schauspiel ein Besitz unserer Phantasie geworden, den uns eines Dichters Größe für immer geschenkt hat. Freilich nur unserer Phantasie, denn die Wirklichkeit iit hier von der dichterischen Schöpfung uodj weiter entfernt als in Goethes Götz und Egmont. Ter Kleistsche Prinz von Homburg entlehnt nur den Namen dem historischen, ja der wirkliche ist in allem fein Gegenteil, kein schwärmender Liebhaber und weicher Phantast, sondern ein „ernster Mann von mittleren und reichem Kindersegen", kein lyrisch empfindsamer, tragisch duldender unb wachsender Held, sondern ein resoluter Lebens- meufch und derber Reitersmann. Jung war er in schwedische Dienste getreten, hatte 1659 bei der Belagerung von Kopem Hagen ein Bein verloren, das ihm durch ein künstliches ersetzt wurde unb den Beinamen „Prinz mit dem silbernen Bern eintrug. Aus kühlster Berechnung heraus heiratete er dann eine reiche Skandinavierin, die um ein Menschenalter ihm voraus war, unb kaufte mit dem eingebrachten Ehegut das traulich« Neustadt a. d. Dvsse, das er durch kolonisatorische unb inbuftneiie Arbeiten zu heben unb zu einem blühenden wohlhabenden tW Erde au machen wußte. Seit 1670 war er zum zweiten MM


