Ausgabe 
23.1.1908
 
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VssmerMg den 23. Januar

VA D.A,

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W »K

Kelmuth von Loy len.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.).

(Fortsetzung.)

Der Wagen rollte fort und Luisaue stand da, verstört und hilflos. Sie empfand diese» ganzen kleinen Zwischenfall als etwas Entsetzliches, eine maßlose Demütigung. Der Stolz, mit welchen«, sie bisher auf ihre' große, freie Liebe geblickt hatte, als .auf. etwas durch sich selbst Gerechtfertigtes, Abgeschlossenes, er­litt eine furchtbare Erschütterung. Sie verbrachte eine schlaflose Nacht, und säst den nächsten Tag von so qualvollen Kops- schmerzen gepeinigt im Haudschuhlnden, daß die gutmütige. Iaht« sie eine Stunde vor Ladenschluß entließ, mit dem dringenden Rat, . sich zu Bett zu legen und Umschläge zu machen.

Luisaue schlich in das Hinterhaus, in welchen« ihr jetziges ; Stübchen lag, setzte sich an das Fenster und sah hinaus, zu elend, um sich auszuregen. ~

Draußen regnete es seit dem Morgen. Trübselige, graue Dämmerung füllte das Zimmer und den öden Hof. Ein feuchter, nebelartiger Dunst liest alles verschwommen erscheinen, die große,t, laufgestapelteu Holzvorräte glichen formlosen Ungeheuern, die sich in grausiger Schlucht zum- Sprung gelagert hatten.

Wie hange sie so gesessen, wußte sie nicht, da pochte es leise und Loysen tilat, in einen Regenmantel gewickelt, den Loden Hut tief in die Stirn gezogen, ein. Auch ihm war seit gestern sehr unbehaglich zu Mute und da feilte Schwester Marie Anne ab­gereist war, kam er sogleich, um zu erklären, was eigentlich gar keiner Erklärung bedurfte.

Sie stand auf und kam ihm entgegen, hing ihn, Mantel und Hut an einen Nagel und bestrebte sich ihn nicht merken zu lassen, wie trostlos ihr zu Sinne war. In gedruckter Stim- m-uu-g standen sie sich gegenüber.

Armes Ding," sagte er freundlich,du hast Migräne, ich sehe dir's an."

Ich meinte, es Ware zu dunkel, um irgend etwas zu sehen" Mang sie sich zu scherzen,soll ich Lieht anzünden?"

Ach nein, laß nur."

Er begann im Zimmer hin und her zu gehen, unschlüssig und zögernd. Sie sah ihn von der Seite an, ging dann wieder zum Fenster zurück und setzte sich aufs Fensterbrett.

Sei nicht döse, daß ich so lauge nicht kam," sagte er,es- wurde mir schwer genug, liest sich aber nicht ändern. Als ich deinen Brief bekam, wollte ich dir mündlich Antwort bringen, aber es' war nicht möglich."

Nun bist du ja da," sagte sie matt.

Komm, Luisan-e, sei ein bißchen vergnügt! Was hast du denn getrieben in dieser Zeit? Tie La m Peng locke mit Bildern verziert? -Oder auS einen« alten Krug eine köstliche römische Base gezaubert? Ich bin bereit, alles zu bewundern. Tu müßtest denn sehr arge Kopfschmerzen haben, dann will ich dich nicht quälen."

Statt der Antwort sagte sie:LvyS, du hast mir nie gesagt, daß du Schwestern hast."

AVer, liebes Kind, was konnte dich denn das interessieren!" sagte er ausweichend.

Mich? Altes was dich angeht, muß mir wichtig feilt. Düne Familie, deine Freunde, dein Beruf. . . und von alledem weiß ich nichts nichts!"

Ich dachte, cs hatte uns bisher nie au Gesprächsstoff ge­fehlt. Zu was willst du dich um diese Dinge kümmern, die" er stockte.

,-,Tu meinst," sagte sie langsam, mit klangloser Stimme, ich könne da doch nie mit hinein, wo dies alles ist, also wozu mir erst davon reden?"

Betroffen und unruhig rieb -er sich die Stirn.

Liebe Ltiisane, eigentlich hast du ja recht, aber daß es so ist, dafür können mir beide doch nichts."

Sie holte tief Atem und glättete mechanisch das Kleid über ihren Knien, ein bitteres Lächeln auf den Lippen.

Rein,"" sagte sie endlich, ebenso langsam,wir könne» nichts dafür. Die Welt ist nun einmal so verkehrt. Dn liebst mich aber da würdest mich nie, nie deinen Schwestern vorstellen. Tu bist ei» guter Mensch, Lohs, herzensgut, aber du hast mich neulich sogar in ihrer Gegenwart verleugnet. Es war so. Tu konntest nicht anders."

Tas zu hören war ihm nun wieder schrecklich. Sic hatte so eine herbe, unerbittliche Art, die Wahrheit hervorzuzerren. Wie ein dunkler Schatten kauerte sie dort auf dem Fensterbrett utkd preßte die Stirn an die Scheibe.

Kind, gib dich doch nicht so trüben Reflexionen hin, das miacht dich nur krank. Du warst doch bisher so stolz und unabhängig ist es das jammervolle Regenwetter, welches dich so trübe stimmt?"

Ich bitt ja im Grunde ein todunglücklicher Mensch, Lohs, das weißt du. Jetzt endlich steht das Glück in dir verkörpert vor mir und schon fällt ein Wcrmutstropfen in den Frendmkelch, der Gedanke: Er verachtet dich!"

Wie darfst du das sagen?" fuhr er heftig auf,du weißt, daß ich dich achte und bewundere." ~

Aber du würdest mich niemals deinen Schwestern vor­stellen," beharrte sie unerbittlich, resigniert.

Er seufzte ungeduldig auf. Weshalb schwieg sie nicht hier­über? Konnte sie es denn selber wünschen, von Anne Marie mit kühler Verwunderung, von der warmblütigen Marie Anne mit Entrüstung angesehen zu werden? _

Er trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schultern.

Sieh mlal, du tutft mir oft so schauderhaft leid, Luifanel Dies elende Leben, welches du führst. . . wie ost schon bat ich, dir zu einer angenehmen und anregenden Beschäftigung behilf- lieh fein' zu dürfen, dir einen, deinen Fähigkeiten entsprechenden Beruf zu sichern. Du willst nicht."

Sie sah ihn an und der Glanz kehrte in ihre Augen zurück sie lächelte, in seinen Anblick verloren.

Liebster, du mußt dich nicht so nm mein Wohlbefinden sorgen, das macht mich nervös. Mein Wohlbefinden, das bist du!"

Eben möchte ich stark daran zweifeln."

Nein! Du sollst nicht zweifeln!" Sie sprang vom Fenster-