Ausgabe 
22.10.1908
 
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Herr Segmüller hatte die Ellbogen auf seinen Schreibtisch gestützt und die Stirn in seine Hände vergraben, Lecoq vermochte kaum seine Verblüffung zu verbergen. Nur Goquei, der lächelnde Protokollführer, amüsierte sich.

20. Kapitel.

Bis dahin war im Kampf mit dein Angeklagten Richter Scg- rnnller im Nachteil geblieben. Allerdings hatte er noch keinen ernstlichen Angriff gemacht. Er hatte noch von keiner der Waffen Gebrauch gemacht, die Lecoq ihm. in die Hand gegeben hatte. Aber er war verdrießlich, das konnte man leicht an der Art sehen, wie er nach Verlauf einer Minute plötzlich den Ktipf in die Höhe warf.

Ich erkenne an, sagte er zum Angeklagten, daß Sie die drei großen Sprachen Europas fließend sprechen. Das ist ein seltenes Talent.

Der Mörder verneigte sich, ein stolzes Lächeln aus den Lippen.

Aber das beweist noch nicht Ihre Identität, fuhr der Richter fort. Haben Sie in Paris Leute, die für Sie einstehen würden? Können Sie eine ehrenwerte Persönlichkeit nennen, die dafiir garantiert, daß Sie der Artist Mai find?

Ach, mein Herr,, ich habe vor sechzehn Jahren Frankreich verlassen und lebe seit dieser Zeit auf den Landstraßen und Jahr- vrärkten.

Legen Sie <t[uf diese Ausrede kein Gewicht! Die Anklage­behörde würde sich mit solchen Gründen nicht zufrieden geben können. Es wäre leicht, auf diese Weise sich den Folgen von Vorstrafen zu entziehen! Sagen Sie mir etwas über Ihren letzten Prinzipal, Mister Simpson. Was ist das für eine Persönlichkeit.

Mister Simpson ist ein reicher Mann, antwortete der An­geklagte mürrisch, mit einem Vermögen von mehr als 200 000 Franken, und ein anständiger Mann. In Deutschland arbeitet er mit einem Marionettentheater, in England zeigt er eine Kurio- sitätensammlung. Das entspricht dem verschiedenen Geschmack der beiden Länder.

Nein, dieser reiche Mann kann ja zu Ihren Gunsten Zeugnis Megen; er muß leicht aufzufinden sein.

In diesem Augenblick hatte Lecog keinen trockenen Faden mehr auf dem Leibe; er hat es später eingestanden. In zehn Worten mußte der Angeklagte alle Behauptungen von Leooqs Untersuchung bestätigen, oder völlig widerlegen.

Gewiß! antwortete Mai emphatisch. Mister Simpson kann nur Gutes über mich aussagen. Er ist bekannt genug, um ihn ausfindig zu machen, nur wird das Zeit erfordern.

Warum?

Weil er in diesem Augenblick auf dein Wege nachAnierika sein muß. Diese Reise ist gerade der Grund, nmrum ich ihn verlassen habe: ich habe nämlich Furcht vor dem Meer.

Lecoq atmete wieder auf.

Ah! Ah! Ah! sagte der Richter dreimal in verschiedenem Ton.

Wenn ich sage, er ist unterwegs, führ der Angeklagte schnell fort, so irre ich mich vielleicht; möglicherweise ist er noch nicht abgefahren. So viel ist sicher, daß er alles für die Einschiffung schon abgemacht hatte, als wir uns trennten.

Aus welchern Schiff sollte er die Ucberfahrt nach Ainerika machen?

Das hat er mir nicht gesagt.

Mo haben Sie sich von ihm getrennt?

In Leipzig in Sachsen.

Mann?

Letzten Freitag.

Segmüller zuckte verächtlich die Schultern und sagte:

Sie waren in Leipzig, Freitag, Sie? Seit wann sind Sie tanrn in Paris?

Seit Sonntag nachmittag um vier.

Das müßten Sie nachweisen.

Aus dem Zusammenziehen seiner Augenbrauen konnte man darauf schließen, daß der Mörder eine gewaltige Gedächtnis­anstrengung machte. Beinahe eine Minute lang schien er zu suchen, er sah abwechselnd nach der Zimmerdecke und dem Fußboden, kratzte sich Hinterm Ohr, stampfte mit denr Fuß und murmelte:

Aber wie beweisen, wie?

Der Richter wurde endlich des.Wartens überdrüssig und sagte:

Ich. will Ihnen helfen. Die Leute der Herberge, wo Sie in Leipzig wohnten, haben Sie doch bemerken müssen?

Wir sind in keiner Herberge abgestiegen.

Wo haben Sie denn gegessen und geschlafen?

In Mister Simpsons großem Wagen; derselbe war schon verkauft, sollte aber erst im Eiuschiffungshasen abgeliesert werden.

Was i st das für ein Hafen?

Das weiß ich nicht.

Weniger geübt als der Richter, seine Eindrücke zu verbergen, konnte Lccoq sich nicht enthalten, sich die Hände zu reiben. Er sah seinen Angeklagten der Lüge überführt,an die Wand ge­drückt", wie er sagte.

Sie habe» also, begann Segmüller wieder, dem Gericht keinen anderen Beweis zu bieten, als Ihre Versicherung?

Warten Sie doch! rief der Mörder. Warten Sie doch! Als ich in Paris ankam, hatte ich einen Stifter.

Nun?

Er ist ganz voll Wäsche, die mit dem Anfangsbuchstabenj meines Namens gezeichnet ist. Ich habe darin Ueberzieher, Bein­kleider, zwei vollständige Akrobatenkostüme. . .

Weiter

Sofort nach meiner Ankunft mit der Eisenbahn habe ich diesen Stifter nach einem Gasthof, ganz dicht beim Bahnhof ge­bracht.

Er schwieg plötzlich, augenscheinlich außer Fassung gebracht.

Wie heißt dieser Gasthof? fragte der Richter.

Ach, nach dem Namen suche ich ja gerade, leider habe ich ihn vergessen, Herr Richter. Aber das Haus habe ich nicht ver­gessen; mir ist, als stehe es vor meinen Augen, und wenn matt mich in die Gegend führte, so tvürde ich es ganz bestimmt wieder- finden. Die Leute int Hotel Würden mich erkennen, übrigens! wäre auch mein Stifter als Beweisstück da.

Lecoq nahm sich heimlich vor, in den Gasthöfen rings um ben Nordbahnhos herum eine kleine Nachforschung anzustellen.

Storni sein! bemerkte der Richter. Vielleicht 1 »erden wir tun, worum Sie bitten. Jetzt aber zwei andere Fragen: Wie kommt es, daß Sie, am Nachmittag um vier Uhr in Paris angelangt, um Mitternacht in derPfefferbüchse" waren, also in einer Ver­brecherhöhle, die tnitten im freien Felde liegt und bei Nacht unmöglich aufzufinden ist, tvemi man sie nicht kennt? Zweitens, warum waren Sie so miserabel gekleidet, wenn Sie doch alle die Anzüge besaßen, von denen Sie erzählen?

Ter Mann lächelte zu diesen Fragen und antwortete:

Sie werden begreifen, Herr Richter, wenn man dritter Klasse reift, so ruiniert man seinen Anzug, deshalb habe ich bei der Abreise das schlechteste angezogen, was ich nur hatte. Als ich dann ankmn und das Pariser Pflaster unter meinen Füßen fühlte, da bin ich rein wie toll geworden: ich hatte Geld in der Tasche, es war Faschingssonntag, ich dachte nur daran, mich in beit Strudel zu stürzen, und ganz und gar nicht daran, andere Kleider aitzuziehen. Da ich mich früher mal an der Barriere d'Jtali« amüsiert hatte, so bin ich dahin gegangen, und in eine Wein­kneipe eingetreten. Während ich einen Bissen, sprachen zwei Männer neben mir davon, daß sie die Nacht imRegenbogen" tanzen wollten. Ich bitte sie, mich mitzunehmen, sie sind ein- verstianden, ich zahle eine Runde, und wir gehen. Aber auf dem Ball fangen die jungen Leute an zu tanzen, und ich lang­weile mich, als ob ich dafür bezahlt bekäme. Ich ärgere mich imd gehe, und da ich nicht nach dem Weg gefragt hatte aller­dings eine Dummheit so verlaufe ich mich und komme aus ein großes ebenes Feld ohne Häuser. Ich will wieder umkehren, da bemerke ich in der Nähe ein Licht; ich gehe gerade darauf los , . . und stimme zu dieser vermaledeiten Schenke.

(Forlsetzung folgt.)

vom Lesen von Büchern.

Von Friedrich Naumann.*)

1.

Die meisten von uns haben dreierlei verschiedenen Lese­stoff zu bewältigen, nämlich die it o t w e n d i g e, die u ü tz - l i cf) e und die unterhaltende Lektüre. Der Zweck der notwendigen Lektüre ist die Ausübung des Berufes, der Zweck der nützlichen die Vermehrung der allgemeinen Bil­dung und die Veredelung des Charakters, der Zweck aber der unterhaltenden Lektüre ist die Sättigung der Einbildungs- kraft mit wechselnden Vorstellungen und Formen.

2.

Ein und dasselbe B n eh kann von verschiedenen Menschen zu verschiedenen Gruppen gerechnet wer­den. Beispielsweise liest der Geschichtslehrer viele Dinge: als notivendig, die uns andern nur als nützlich erscheinen. Schillers Dramen oder Rankes .Geschichtsdarstellungen

*) Aus derHilfe" lHemusgeber: D. Friedrich Naumann'- Berlin-Schöneberg).