Ausgabe 
22.10.1908
 
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1908

Donnerstag den 22. Oktober

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Herr Lecoq.

Kriminal-lstvman von E. Gaborian.

Nachdruck Verbote».

(ö-orticßung.)

Er unterbrach sich, sein Blick wanderte von einem seiner Zu- hörer zum anderen und zum dritten, als hätte er eine Aeußerung des Beisalls erwartet. Da dieser Beisall nicht kam, fuhr er sort:

Vater Tringlot war ein einfacher Mann uni) verstand nichts von den Gesetzen. Er meldete seinen Fund nicht bei der Behörde an. Daher lebte ich wähl, aber ich existierte nicht, denn, um zu existieren, must man in ein Standesamtsregister eingetragen fein. Solange ich noch ein Knabe war, beunruhigte ich mich darum nicht. Später, so etwa mit sechzehn Jahren, kam die Nachlässigkeit des guten Mannes mir zum Bewußtsein, aber ich freute mich innerlich darüber. Ich sagte bei mir selbst:Mai, mein Junge, du bist in fein amtliches Register eingetragen, folg?* lich brauchst du nicht zur Aushebung zu gehen, folglich wirst du kein Soldat." Zum Soldatwerden hatte ich ganz und gar keine Lust.

Viele Jahre später, als ich längst über das Alter des Soldat­werdens hinaus war, sagte ein Advokat mir, wenn ich um bürger­liche Papiere ein Kime, so würde ich Unannehmlichkeiten haben. EinNienmud" zu fein, das hat seine guten und seine schlechten Seiten. Ich habe allerdings nicht gedient, aber ich habe auch niemals Papiere lgiehabt. Na! das hat mir öfter als mir lieb war Gefängniskost verschafft. Aber da ich tatsächlich niemals etwas begangen habe, so bin ich immer mit einem blauen Auge davongekommen. . . Das also ist der Grund, warum ich keine Bornamen habe, und warum ich nicht genau weiß, wann und wo ich geboren bin.

Wenn die Wahrheit einen besonderen Akzent hat alle Lehrbücher der Moral behaupten dies so hatte der Mörder diesen Akzent getroffen. Stimme, Gesten, Blick, Ausdruck alles paßte zueinander; jedes Wort in der langen Erzählung war an seinem Platz gewesen.

Nun sagen Sie gefälligst, sagte Segmüller kalt, wovon Sie leben. , ,

Der Mörder machte ein so enttäuschtes Gesicht, daß man hätte schwören mögen, er hätte darauf gerechnet, nach seiner (Zählung als freier Mann das Gefängnis zu verlassen.

** Ich habe einen Beruf, sagte er mit saurer Miene, den, welchen mir Mutter Tringlot bei gebracht hat. Ich leoe davon und haoe davon gelebt, in Frankreich wie in anderen Andern

Der Richter glaubte in dieser Aussage eine Blöße zu er­spähen und fragte:

Sie haben im Ausland gelebt? , .

Na, ich denke doch! Seit 16 Jahren arbeite ich bald tn Deutschland, bald in England, bei der Truppe des Mister vimpson.

Also Sie sind Jahrmarktskünstler. Me kommt es, daß bei einem solchen Beruf Ihre Hände so weis; und weich smb ?

Nicht int geringsten in Verlegenheit gebracht, streckw rm Gegen- teil der Angeklagte seine Hände aus und betrachtete sie mit sach­lichem Wohlgefallen, während er sagte:

Das ist wahr, sie sind hübsch; ich pflege sie aber auch.

Man bezahlt Sie also fürs Nichtstun?

Oh, nicht doch. Aber ich bin, Herr Richter, nur dazu d«, die Ansprachen aus Publikum zu halten, das Kompliment z» machen, wie wir sagen und, ohne mir schmeicheln zu wollen, ich habe eine gewisse Fertigkeit darin.

Segmüller strich sich das Sinn, was bei ihm ein Zeichen war, daß seiner Meinung nach ein Angeklagter in die Schlinge ging, und sagte:

Wenn das so ist, so wollen Sie mir, bitte, eine Probe voll Ihrem Talent geben!

Oh! rief der Ästann, mit einem Gesicht, als hielte er diese» Befehl für einen Spaß. Oh!

Gehorchen Sie gefälligst! bemerkte der Richter trocken.

Der Mörder sträubte sich nicht mehr. Seine beweglichen Gesichtszüge nahmen plötzlich einen ganz neuen Ausdruck an, ein seltsames Gemisch von Dummheit, Unverschämtheit und Spott. Statt eines Taktstocks nahm er vom Schreibtisch des Richters ein Lineal und begann in einer schneidendem Falsetstimme mit komischer Betonung:

Stille, die Musik! Und du, große Trommel, sei ruhig! Meine Damen und Herren, gekommen ist die Zeit, die Stunde und der Augenblick für die große und einzige Vorstellung des Wandertheaters auf dem Gebiet der Trapezübungen und des Seiltanzes, ohnegleichen auf der Welt in allen Arbeiten der Ele­ganz und der Kraft, unter Mitwirkung von Künstlern aus der Hauptstadt, fbfce die Ehre hatten ...

Genug! unterbrach ihn der Richter. Das trugen Sie tli Frankreich vor, aber in Deutschland?

Natürlich beherrsche ich die Landessprache.

Lassen Sie mal hören! befahl Segmüller, dessen Mutter­sprache das Deutsche war.

Ter Angeklagte ließ sein albernes Gesichterschneiden, nahm den Ausdruck komischer Wichtigkeit an, und begann ohne Zögern im hochtrabendsten Ton:

Mit Bewilligung der hochlöblichen Obrigkeit wird heute vor hiesiger ehrenwerter Bürgerschaft zum erstenmal ausgeführt: Geno­veva oder die ....

Genug rief der Richter in hartem Ton.

Er stand auf, vielleicht um seine Enttäuschung zu.verberge», und tilgte hinzu:

Man wird einen Dolmetscher holen, um uns zu sagen, ov Sie sich auf Englisch ebenso gewandt ausdrücken.

Lecoa trat bescheiden vor und sagte:

Ich spreche englisch

So, sehr gut. Sie haben gehört, Angeklagter...

Schon Hatte der Mann sich abermals verwandelt. Auf seinen» Gesicht lag britannisch-phlegmatischer Ernst, seine Bewegungerk waren steif und abgemessen und er deklamierte:

Ladies andGentlemen! Long lito to our Queen and to the honourable mayor of that town. No country, England oxcepted our glonotB England sbould produco auch a stränge thing, such a paragoa of en riosity .... , ,

Noch eine ganze Minute sprach er ununterbrochen weiter.