Ausgabe 
22.10.1908
 
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l?ami aus bcnt Sachsen-

können tu Men drei Gruppen Vorkommen, auch Reise-- beschreibungen. 1

3.

Die unterhaltende Lektüre kann auf die Dauer nicht entbehrt werden, weil ohne sie die freie Elastizität der Einbildungskraft verkümmert. Wenn sich in den Jahren der erwachenden Jugend ein Heißhunger nach Nnterhal- tungslektüre einstellt, so soll man zwar Vorsicht in der Auswahl der geistigen Speisen walten lassen, aber nicht den Hunger selbst als Unrecht verdammen. Große Feldherren und Philosophen haben mitten in ihren schweren Arbeiten ein Bedürfnis nach leichterem Lesestoff gehabt.

4.

Man soll sich nicht scheuen, ein gutes Buch zweimal zu lesen. Oft findet man erst beim zweiten Lesen die inneren Zartheiten der Begriffe oder Gestalten und ge­winnt ein Ohr für die besondere Musik der Sprache. Siehe dir deine Bücher daraus ark, welche von ihnen du ein zweites Mal lesen möchtest! Das Verzeichnis dieser Bücher wird eine Art Lebensbeschreibung von dir selbst sein.

5.

Wer eine fremde Spräche gelernt hat, soll nie ganz anfhören, in dieser Sprache zu lesen, und zwar keines­wegs bloß deshalb. Um die Kenntnis der fremden Sprache zu bewahren, sondern vielmehr noch deshalb, weil wir an der Fremdsprache sorgfältiger und feiner lesen lernen, als .es uns vielfach, bei der eigenen Sprache gelingt. Das Gefühl für die Form der Sprache wächst leichter, wenn die Form uns zunächst einige Schwierigkeiten macht.

6.

Es ist nicht nölig, daß lvir immer das lesen, was «Ile Welt liest. Oft sind die Bücher, von denen heute jedermann spricht, schon im nächsten Jahre völlig ver­gessen. Es ist aber gut, von Zeit zu Zeit sich ein ganz altes Buch hervorzuhvlen, weil mit ihm eine ganz andere Zeit rind Denkweise emportaucht. Etwas von Luther selbst gelesen zu haben, ist besser, als vieles über ihn. Frage dich, welche Bücher dein Großvater lieb gehabt hat! Viel­leicht sind sie gerade wieder einmal voll neuen Saftes für dich.

7.

Bücher, denen man anmerkt, daß sie langsam geschrieben wurden, wollen auch l a n g s a m g e l e s e n sein, weil sonst von vornherein ein Unterschied im Rhythmus zwischen dem Schriftsteller und dem Leser vorhanden ist.

8.

Man soll sich von Zeit zu Zeit zwingen, ein schweres und ernsthaftes B u ch zu lesen, iveil nur dadurch die geistigen Muskeln straff gemacht werden. Es ist ein Zeichen von weichlicher Selbstschonung, daß die Deutschen ihre stärksten Denker und Redner so wenig lesen. Lessing, Kant, Fichte, Schopenhauer, Bismarck, Lasalle!

9.

In jüngeren Jahren soll nian von einigen Büchern sich A u s z ü g e Herstellen, um ihren Aufbau nachzuerleben. Auch später ist es gut, auf dem letzten Blatte des Buches sich neben dem gedruckten Inhaltsverzeichnis sich noch ein persönliches Inhaltsverzeichnis anznlcgen, um das leicht wiederzufinden, was besonderen Eindruck gemacht hat. Auch B l e i st i f t st r i ch e innerhalb des Buches sind nicht zu verbieten, obwohl sie die Schönheit der Blätter beeinträch­tigen. Deine Kinder werden vielleicht später einmal an deinen Bleistiftstrichen sehen, was dir wertvoll oder ziveifel- haft gewesen ist.

10.

Gehe, wenn du in die Großstadt kommst, in den Lese­saal der öffentlichen Bibliothek und wandere recht still nnd behaglich an beit Bücherständen hin, damit du eine Ahnung bekommst, was überhaupt vorhanden ist! ES »rächt einen großen Unterschied, ob man ein Buch jemals gesehen hat oder nur ans anderen Büchern weiß, daß es existiert.

gerade nicht," gab Beaconsfield zurück,ober meiner Mission bin ich müde."

Sie bleiben also bei Ihrem Ultimatum?"

Daran kann sich nichts ändern," erwiderte Beaconsfield mit fester Stimme.

Amten Sie noch eine Stunde, daun bin ich wieder zurück," sprach Bismarck und empfahl sich rasch

Eine Stunde später war der ernste M Walde wieder zur Stelle.

So, jetzt können Sie vielleicht ruhiger schlafen," sing Bis­marck die Unterredung an,ich war bei Schuwaloff, er hat zwar auch schon geschlafen, aber.....er hat nachgegeben."

Als am 13. Juli der Vertrag dann endlich gezeichnet war,

. 11.

Es sollte in den S ch u l e n mehr v o r g e l e s e n wer- ku?' n das Lesen und Borleseu gelernt wird. Als ich uns unser Geschichtslehrer lange Stücke aus. Archenholz, Niebuhr, Mommsen und Treitschke vor daniit Wir den ersten Schreck vor solchen Werken über- fomitL' freilich vorlesen, weil er sich erst selbst ganz htneingelesen hatte. Erst beim Vorlesen merkt inan, ob der Schriftsteller die Sprache beherrscht.

.'Solange ich ein Buch lese, muß ich Achtung vor seinem Efasser haben, denn er redet selber mit mir. Der Mann, ich in mich aussauge, darf mir kein Gleich- gültiger bleiben, es sei denn, daß es sich um eine bloße äußer­liche <Msaunnenstellung handelt. Finde ich in einem Buche keme lebendige Person, dann stelle ich es in das Regal, ehe ich es fertig gelesen habe. Ich suche seinen Verstand oder seinen Charakter oder seine.Art, sich geistig zu geben. Da­von, daß wir ihn suchen, braucht er aber selbst beim Schreiben gar nichts zu wissen.

Bismarck als Friedensstifter.

Eine Bisinarckerimierung vom Berliner Kongreß.

Bombend der ersten Sitzung les Berliner Kon- gresses, als Bismarck mit feinen Ratgebern nochmals kurz über die Lage verhandelte, wobei er voraussaate, daß sich der ganze Kongreß mirals das Duell zweier Mächte, England nnd Ruß-

Aausstellen >Ee. Gigland war damals durch Lord Bca- eonsfield Rußland durch Schuwaloff vertreten. Speziell vor legerem &ifte Bismarck alle Achtung. Er äußerte sich denn auch dahin, daß er tat russischen Gesandten kaum um seine Aufgabe beneide, beim wie eine Meute würden sich die anderen Mächte auf um stürzen, uauz allein sei er gegen alle, und das sei ein immerhin sehr schwerer Standupukt. lieber Beaconsfield ließ sich der große Kvnz-ler dahin aus, daß er ihn ob seiner Zähig­keit bewundere, eine Zähigkeit, bei der es kein ffikidxn gab. Kurz darauf wurde Beazonsfield Bismarck gemeldet. Er empfing ihn mit aller Liebenswürdigkeit, ließ ihn Platz nehmen und ging bann sofort aus sein Ziel los.

Sie bringen uns entweder Krieg oder Frieden, lieber Lord," begann Bismarck feine Unterhaltung mit der ihm eigenen Offen­herzigkeit.

Ich wünsche Ihnen den Frieden zu bringen," antwortete Beaconsfield,aber sehr leicht ist es möglich, daß es auch der Krieg ist, wenn ich nämlich das nicht durchsetze, was man von mir verlangt."

Acht Tage später sah es denn auch aus, als ob sich das letztere bewahrheiten sollte. ES Ivar am 18. Juni 1878, als man zu der Frage gelangte, ob die Türkei in Zukunft das Recht haben werde, die Balkcmpcifse zu befestigen. Durch den Vertrag von San Stefano hatte Rußland der Türkei nämlich die Ver­pflichtung auferlegt, daß dies nicht der Fall sein dürfe. Lord Beaconsfield erklärte runblueg, daß er einen Vertrag, der wieder einen gleichen Paragraphen enthalte^ niemals unterschreiben werde, weil er eS als eine Demütigung der Türkei ansche, daß man ihr verbieten wolle, Grenzlinien zu befestigen. Schuwaloff wollte jedoch ans nichts eingehen und hielt seine Forderung der Bei­behaltung dieses Paragraphen aufrecht. Die Konferenz schien also an dieser Frage überhaupt zu scheitern. Am 20. früh ließ Bea­consfield Schuwaloff ein Ultimatum zustellen, nach welchem er ihm 24 Stunden Zeit gab, von seiner Forderung zurückzustehen. Schon in der 25. Stunde wollte er, so teilte er mit, wenn feine befriedigende Antwort eingelaufen sei, seine Koffer packen. Als am Nachmittag desselben Tages feine Antwort eingelaufen war, traf Beaconsfield alle Vorbereitungen zu seiner Abreise. Er lag schon in tiefem Schlummer, als es an seiner Hoteltür imMiserhos" krustig pochte.

Wer kömmt denn so spät in der Nacht?", rief der Lord aus feinem Zimmer heraus.

Machen Sie bitte auf, ich bin cs, Bismarck," tönte es von draußen zurück und Beaeousfield öffnete.

Haben die Arbeiten des Kongresses Sie so ermüdet?", fragte Bismarck.