Ausgabe 
22.8.1908
 
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NMes in die Hand, die in stetigem Einverständnis mit der Denk- Malpflege sich vollzog. Nun gibt es ohnehin keine besondere Ge­legenheit, Organismus und Geschichte eines Bauwerkes kennen zn lernen, als eine solche Umgestaltung und Erneuerung, bei der das Gefüge der Wände, der Untergrund des Fußbodens, die Kvnstruktion des Daches freigelegt wird und der Kenner! bequent übersehen und ablesen kann, was er sonst aus einzelnen! zufällig hervortretenden Merkmalen mit Mühe sich zusammen-? setzen muß- Und hier kam bei Gemeinde und Regierung der ausgesprochene Wunsch hinzu, diese auf lange Zeit letzte Ge-- legenheit zu möglichst vollständiger Erforschung der Baugeschichte des Gotteshauses auszunützen. So sollte auch int Innern der Kirche gegraben und die Spuren einer etwaigen älteren Raum- ?einteilung ausgesucht werden- Vor- altert hoffte man im Innern, nach Entfernung des Verputzes, die vermauerten Türen der beiden Fassadentürmd zu finden, durch diese Türöffnungen den Schutt, mit dem man sie bis zu ihren kegelförmigen Michern hinauf an­gefüllt wußte, herauszuschaffen und die zylindrischen Hohlräume Zur Aufnahme von Wendeltreppen für die neuen Emporen leicht herzurichten.

Es kant alles anders als man erwartet hatte- Allerdings erkannte män in Empvrenhöhe, gerade in den inneren Ecken der Westwand, etwa Mannshohe Mctuerstücke von unregelmäßiger Fügung, als man sie aber beseitigte, stieß man keineswegs auf lockeren Schutt, sondern auf ein kompaktes Gußwerk, das sich von dem Bruchsteinmantel der Türme kaum unterscheiden liefe. Keine Spur also von ursprünglichen Türen; irrt Gegenteil, man hatte hier später einmal Türen einbrechen wollen, aber davon abgestanden, als Man die Türme mit so kompaktem, schwer zu be­seitigendenk Füllwerk ausgegossen fand- Diesmal ließ man sich Mühe und Kasten nicht verdrießen, denn um auf den Emporen selbst Raum zu gewinnen, brauchte man sehr notwendig die Turmtrcppen- Man befreite also, vom Dachboden ausgehend, das Innere beider Türme von diesen Stein- und Mörtclmassen, fand die Mauern zwar unregelmäßig gefügt, aber reichlich fest und ferner brauchbar und hatte sie nur durch je zwei Türen, außen im Portal-, innen in Empör en höhe, zu durchbrechen, und mit steinernen Wendeltreppen zu versehen- , Bei dieser ganzen Arbeit sand sich überraschenderweise nur ein einziges Stück künstlich be­arbeiteten Steins, ein Fragment eines mit Rundbogenfries ge­schmückten kleinen Beckens, wohl eines Weihwasserbeckens, also eines romanischen Werkes des 12- oder 13. Jahrhunderts. Zur Datierung der Türme oder ihrer Füllung half dieser Fund leider nichts; denn was kam darauf an, zu Ivissen, daß man sie nicht vor dem 12. Jahrhundert ausgesüllt habe. Dagegen war viel be­achtenswerter, daß die beiden Rundtürme nirgends mit dem Mauerwerk des Langhauses in Verband standen und daß die in die Türme hiikeiirragendeir Mauerecken noch frischen, Hellen Vechntz aufwiesen; die Türirte waren also sicher nachträglich, doch aber! bald nach Vollendung der turmlosen Fassade angebaut, derselben Fassade, die als integrierenden Bestandteil, weder als älteren Rest noch als spätere Zutat, das Portal enthält- Spätromanische oder frühgotische Türme sind es also, die sich wie mächtige Eck­strebepfeiler an das Kirchcngebäude lehnen; aber cs wäre selt­sam, wenn man so bald eine Verstärkung und gar eine so un­gewöhnlich kolossale, der Fassadenmäner nötig gefunden hatte. Es sind wirkliche Türme, nur ausschließlich vom Dachboden, also nur in ihrem Helm zugängliche Türme, die, wie die ziemlich hohe Kircbihofsmauer verrät/ als Wart- und Verteidigungstürme für Kirche und Dorf dienen sollten- Karolingisch aber sind Türme und Fassade nicht-

IM Innern des einfach saalförmigen Langhauses fand sich keine Spur voll Stützen, die Kirche war also von jeher nur ein» fchiffig, ursprünglich mit flacher Balkendecke, die im 18. Jahr­hundert durch eine etwas höher gelegte Vontendecke ersetzt wurde- Man fand mehrere, nicht besonders alte Gräber, die wenig Be­merkenswertes enthielten- Dann aber traten hinter der Fassaden­wand und in dem rechteckigen Chor sehr merkwürdige Fundamente zutage: hier eilt halbrundes, aus dem! hervorging, daß einst an den Turm mit seinem als Altarraum dienenden Erdgeschoß in voller Breite eine halbrunde Apsis sich anschloß, die erst in spätromanischer Zeit einem rechteckigen Chor weichen mußte; dort eine guer an die Fassadenwand sich? anlehnende Grundmauer, die für einen Turm zu schwach und in der Grundrißsorm nicht passend, für einen Einbau irgendwelcher Art jedenfalls zu stark ist- Hier liegen Reste eines Älteren Kirchenbaues vor, der von denk skulptur'en-- geschmückten Portal noch nichts wußte- Und demselben älteren Bau müßte man die Fundamente zuschreiben, die tm Westen, Süden und Norden zwischen den Turmpfeilern liegen, wahrend! das Turmviereck von der alten Halbkreisapsis im Osten durch kein Fundament getrennt ist- Es hat also hier vor der spat­romanischen Zeit, der die erhaltene Kirche und ihr Portal an-, gehören, in der Tat einen älteren Kirchenbau gegeben, von dem nur zwei Komplexe deutlich erkennbar sind: , das Turmviereck mit der nach Osten anschließenden Halbkreisapsis und, genau in der Achse des Turükes, aber erheblich weiter westlich, ein guer-? liegendes Rechteck, dessen Westseite in der erhaltenen Fassade liegt- Der Befund ist so ungewöhnlich!, daß auch! eine ungewöhnliche Erklärung erlaubt sein wird- Ich wage das westlich« Fundament für has einer kleinen Torhalle zu erklären, durch! b.ie man einen.

Borhof der nur aus Turük und Apsis bestehenden Kapelle betrat; die Umfassungsmauern dieses Vorhofes denke iH mir genau int Zuge der jetzigen Kirchemnauern errichtet und nach innen mit hölzerner Halle versehen, die an die Torhalle anschloß und dieser gegenüber zugleich den Eingang der Kapelle schützte. Also eine bescheidene Kapelle, wie sie für so frühe Zeit genügte, doch aber ein größerer umhegter Raum für zahlreiche Andächtige, die bei größeren Festen sich hier zusammenfinden mochtew Das wäre int Prinzip die Anlage der Einhardsbasilika von Steinbach, und der verschwundenen Basilika von Lorsch, von der eben nur die Tvrhalle in her Achse des Kirchenbaues erhalten ist, und in ganz anderem Sinne, als man früher meinte, würde der Großen-? Lindener Bau in karolingische Zeit hinanfrücken-

Während so auf die Bangeschichte der Kirche, mag die vor­geschlagene Deutung der Funde richtig sein oder nicht, ein ganz neues Licht fällt, steht das altberühmte Portal noch auf dem alten Fleck- Zunächst im wörtlichen Sinne: man hat daran gedacht, es zu heben, da der Boden außen und innen jetzt be­trächtlich höher liegt, aber man scheute schließlich vor so starkem Eingriff zurück und glich den Höhenunterschied durch Stufen aus- Dafür ist durch Beseitigung des Schwellsteins es war, die Deckplatte des mittelalterlichen Altars! das Portal in seiner ganzen Höhe und gefälligen Proportion freigelegt, uiid die sknlp- turengefchmückten Gewände wachsen nun wieder aus den schlichten roManischen Basen empor, die ein früherer Umbau ganz unter­drückt und verborgen hatte- Ein Schutzdach zieht sich um den! Portalbogen herum und wird es in Zukunft vor den Unbilden des Wetters nach Möglichkeit bewahren-

Aber Mit der Deutung der Skulpturen sind wir keinen Schritt weitergekommen- Da stehen sie immer noch? an den Gewänden, der Bischof, die Träger des Kreuzes und der Prozessionsfahne, der Zimmermann mit Beil und Winkelmaß, der Baumeister mit Schlüssel und Hebezange, alle die Gestalten, die nach einer tieferen Deutung gar nicht zu verlangen scheinen- Aber schon der Schlüssel-, träger gilt manchem vielmehr als Petrus, und bann tritt em keulenbewehrter Drachenkämpfer auf, der weder Michael noch Georg zu heißen verdient, und irrt Bogen über den tier- und menschenverschlingenden Löwen sieht man wunderliche Szenen dar-, gestellt: eine Enthauptung vor Zuschauern, eine Schmiedeizene, fahrende Wagen, einen Jäger, der mit drei Hunden einen Ha;eN hetzt. Ist das alles Genre ober. Historie oder Legende? Von den urgermanischen Stoffen hat fich kaum etwas gehalten; aber die Legende ist nicht viel besser daran. Ein ernstlicher Versuch des Großen-Liubener Pfarrers Schulte, tiefe Szenen in der Legende des h. Wenzel nachzuweisen, der sichere Beziehungen zu Großen- Linden hat, ließ sich bis jetzt nicht zu voller Befriedigung durch­führen- DeM Legendenforscher und dem Kunsthistoriker, am besten beiden zusammen, bleibt hier ein Problem auch ferner gesteckt; Pflicht der Gegenwart war es vor alleuk, diese kostoaren Bild-? werke, die schon 700 Jahre glücklich überstanden haben, unvmeyrt der Zukunft zu überliefern-

Die Umgestaltung des Kirchenbauch, von der hier bisher nur gelegentlich die Rede war, hatte vor allem vier Ylufgaven. Freilegung des TurMerdgeschosses, das durch den mastigen Kmizel-? aufban der Zopfzeit unschön gesperrt war Erweiterung des Lang­hauses nach Norden, Erneuerung der Enkporen und der Decke. Nach außen bemerkt man davon nur die Erweiterung, die in einep neuen Nordwand mit hohen Barockfenstern ihren Abschniß findet; aber auch diese Wand rückt noch nicht in eine Lime mit dem nördlichen Eckturm, läßt also das charakteristischste Merkmal der Kirch«, das Hervortreten der Fassadentürme fast ungeschmälert zur Geltung kommen- Im Innern findet man vortrefflich ge-? formte hölzerne Empören, die sich? den wuchtigen Steinpfeilerrt des neuen nördlichen Seitenschiffes harmoniich anschließen, diej Künzel an der Südgrenze des alten roManischen TriumpAogens, so daß sie den neu geschaffenen Gesamtraum gut beherrscht, den bisher verödeten Chor dein Gottesdienst nutzbar gemacht, indem auch hier Gefühl Platz gefunden hat- Die farbige Gesamt-. Wirkung des Kirchenraumes wird bestimmt durch schwarzgrauen Lungstein, weiße Tünche und diskret bemaltes Holzwerk, ernst und unverkennbar mittelalterlich ist diese Wirkung^ aber sie.ist echter und ehrlicher, als wenn pian mitstilvoller romanischer Wandmalerei, wie sie tatsächlich vorgeichlagen war, dieser Dorf­kirche eine pomphafte Jnnenerscheinung gegeben hatte, Dtc sie nie gehabt hat-

- Es ist ein eigener Zufall, daß in nächster Nähe Gießens in demselben Sommer zwei historisch interessante Dorfkirchen eine nicht minder interessante Anpassung an moderne Bedürfnis!e er­fahren- War in Leihgestern die Konservl«üng des alten Lang­hauses eine Unmöglichkeit, eine radikale Erneuerung also Reckst und Pflicht des Baumeisters, so war in Großen-Linden mit einer gewiß nicht verschleierten, aber auch incyt aufdringlichen und störenden Anpassung das Mte in seinen Gruitdzügen zu retten. An beiden Bauten wird nian noch ttt ferner Zukunft deutlich und, wir dürfen es hoffen, mit Freude wahrnehmen können, wie man airt Anfang des.0- Jahrhunderts es verstand, zu modernisieren, ohne das gute Alte zu opfern, und zu konservieren, ohne die Rechte der Lebenden zu schmälern. Sauer.