1908
Samstag den 22. August
IBM
Der Dorskönig.
Roman von Karl Böttche r.
(Nachdruck verboten.)
1. K apitel-
Von den Waldhöhen erklang cs wie Donnerkrachcn. Manch- mül war es ein scharfer, kurzer Knall, dann wieder ein langes, poliertes Brummen und plötzlich ein unaufhörliches Knattern wie Kleingewehrfmer.
In der Gesindestube steckten sie die Köpfe zusammen. Alle lauschten denk grausigen Naturschauspiel. Der alte Elan, der Kutscher, stand auf und öffnete die Tür. Der fernklingende Lärm' erhob sich sofort MM betäubenden Gepolter.
„Wie bei Waterloo!" sagte der Alte und starrte dann in die düstere Nacht. — Trotz des weihen, weichen Schnees, der in zackigen Riesenflocken niederrieselte, sah man nicht zwei Meter weit. Von Osten her blies schneidender Wind, —- ab und zu eine Schneewelle in die große, niedrige Stube treibend.
Der Müllerbursche kroch vom' Ofen fort, wo er bisher gehockt hatte, und schlich zu Elan unter die Tür.
Er sagte etwas zum Alten, doch des Donnerlärms wegen verstand dieser kein Wort. Elan beugte sich nieder, und Herald, der Bursche, schrie ihm! ins Ohr: „Was ist das für Krachen? — Sind das die Grenzteufel, die heut zu Silvester Waldfest feiern?"
„Du Dumstter! — — Schneebruch — nichts tote Schneebruch!" — — antwortete Elan und hielt dann sein linkes Ohr lauschend in die Nacht hinaus, während drin am ungehobelten Eichentisch die böhmische Magd immerfort murmelte: „Joseph Maria, — heiliger Alvys', steh uns bei!"
„Mir ist's," meinte jetzt Elan, „als läuteten drin in der Stadt die Silvesterglocken."
Der Vorspannknecht griff zum Glase, in dem rot-gelbe Brühe dampfte, und trank daraus. Dann reichte er cs dem Obermüller, dieser Herald und der Müllerbursche endlich trug es zum alten Elan.
„Ich trink nit solches Zeug, — du Dunüner!" — Herald nötigte nicht zum zweiten Male Und trank begierig den heißen Trank.
„Bei uns int Niederlande ist doch Silvester schöner als hier oben," sagte er und zog fröstelnd die Schultern hoch.
„Und bei uns im Böhmerlande allweil auch! — Da ging um zwölf in der Nacht das Glückwunschlaufen an zur Herrschaft und da gab's Küchen und Grog! — — Aber hier, — hier kümmert sich kein Mensch um einen. —• — Joseph Maria, — heiliger Aloys, steh uns bei; nicht mal ein anständig Stück Blei kriegt man zum Figuren gießen!"
„Bei uns regiert um Mitternacht das Gold und nicht das Blei.--* Der Herr drüben zahlt das Geld, —: da schaut's!"
Auf diese Worte des alten Kutschers drängten die anderen zur Tür und blickten hinüber nach dem massiven Herrenhause. Die großen Spitzbogenfenster des Erdgeschosses waren hell erleuchtet und ließen freien Einblick in das Parterrezimmer.
Elan hatte recht.
Am Tische saß der Herr, gebückt, mit vorgestrccktem Kopfe, und er wühlte in Gold und Scheinen, die er aus einem1 eisernen Kasten nahm.
Die Zuschauer in der Gesindestube standen wie erstarrt. Das Gold bannte sie, sein Anblick machte sie fiebernd-
Da ertönte, erst ganz zaghaft und leise, dann wie langgezogenes Wimmern, ein Glöcklein durch die Luft. Das Krachen des Schneebruches hatte ein wenig nachgelassen, so daß man das Glöcklein deutlich vernahm:
Durch die Lauschenden ging ein Beben und Zittern, denn ein jeder wußte von der Bedeutung der Glocke. — Viele, viele Male war an Winterabenden von der geheimnisbollen Toten- glocke oben im Ecktürmchen erzählt worden, von der Totenglocke, uM die ein Leichentuch gehüllt sei.
Alle wußten: wenn zu Silvester dieses Glöcklein. seine Stimme tönen läßt, niuß im kommenden Jahre eins im Orte sterben.
Aber bisher hatte außer Elan noch niemand die Glocke läuten hören. — —■. — Und nun vernahmen sie e§' alle; ganz deutlich klang von oben herunter das klagende Stimmchen.
„Die Tvtenglocke!" sagte Elan dumpf.
„Die Dotenglocke!" wiederholte ein jeder des Gesindes mit geheimem Grauen.
Auch drüben der Herr, der alte Guttermänn, mußte das Läuten vernommen haben; denn lauschend hob er das Haupt. Deutlich sah man sein scharfgeschnittenes' Profil, die vorspringende Nase, den eingeknifsenen Mund mit den schmalen Lippen.
Er stand auf, raffte mit beiden Händen das Gold auf und toarf's in den eisernen Kasten. Dann reckte er sich, den linken ArM eingewickelt, und den rechten weit von sich gestreckt. Mit einem Ruck stand er gerade und aufrecht, eine Gestalt voll Energie und Kraft, in jedem Zug', in jeder Bewegung eilt Herrscher, ein Despot, dem das eigene „Ich" alles ist, der Rücksicht auf andere nicht kennt.
Die Leute aus der Gesindestube zogen sich sofort zurück.
Nach wenigen Augenblicken trat der Herr mit einer Windlaterne aus dem Herrenhaus und schritt über die Straße in das kleine Gesindehaus. Noch iminer heulte die Totenglocke-
Als Guttermänn in das Zimmer trat, herrschte tiefes Schweigen. Kein Gruß ward gewechselt-
„Dorias?!" — — Das war der Borspannknecht.
„Herr?" , । ;
„Wecke die böhmischen Knechte; sie müssen noch- vor Mittel nacht mit ihrer Mehlfuhre den Berg' hinaus!"
Dorias erbleichte. „Herr, bei dem' Wetter!"
„Schweig! — Was in einer halben Stunde noch in meinest Fluren ist, gehört mir!"
Der Knecht widersprach nicht. Man wußte, der Herr spaßte nicht, — man wußte, daß er durch solche Manipulationen seinen' Reichtum erworben.
Der ganze Ort wär sein, ein jeder ich Ort stand in seinen! Diensten.
So lange Mühlwinkel stand, so lange es Mühltoinkel gab — so lange wären sie auch in Guttermannschen Diensten. Er.


