Ausgabe 
22.7.1908
 
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und unfreundlich, und die beiden hier hängenden herrlichen Rubens haben sich offenbar aus Kummer über den lang­weiligen Platz, hinter dichten Vorhängen verborgen und werden erst sichtbar, nachdem der Fremdling seinem Schönheitsdurst in .Gestalt eines Franken klingenden Ausdruck verliehen hat.

Würdiger und schöner hingen sie sicher in dem Prachtbau des Musee b' Arts, dessen ruhige, vornehme Säle so viel des Schönen in alter und neuer Kirnst bieten, das; ich es mit der Feder des! Laien und im kurzen Rahmen dieses Briefes unmöglich gebührend würdigen kann.

Der nächste Morgen bringt, wenigstens vorübergehend, Sonnen­schein, und meiner alten Liebe folgend, bummele ich zuerst wieder durch den Hasen, lieber eine Stunde weit dehnt sich der Quai, Schiff liegt an Schiff und in den weiten Lagerhallen türmen sich die Erzeugnisse des ganzen Erdballes. Sämtliche Produkte der fremden Erdteile werden hier gelandet, alles, was Europa exportiert, wird hier verschifft: Der Australfahrer bringt Erz, Brasilien schickt Kaffee, Texas Baumwolle. Hier löscht ein Afrika­boot seine Gummiladung, und dort hält ein Transport exotischer Tiere seinen traurigen Einzug in das Land der Kultur. Neben dieser reichen Fülle der Naturschätze des Auslandes zeigt Europa stolz die Erzeugnisse seines industriellen Fleißes: Eine umfang­reiche eiserne Brückenkonstruktion verschwindet, für Chile be­stimmt, ini weiten Laderaum eines Kosmosdampfers. Ein Ost- asienfahrer nimmt Klaviere dutzendweise auf, unsereErlangen" verstaut die gesanitc Einrichtung einer Werkzeugmaschincnfabrik. Die Verladung aller dieser z. T. riesigen Stücke vollzieht sich spielend leicht dank den großen elektrischen Ladekähnen, die, über die ganze Länge des Quais verteilt, mit ihrer gefälligen Eisen- konstruktion fast elegant wirkten. Im Jnnenhafen drängt sich Segelboot an Seegelboot, und man kann hier wirklich ohne Uebcr- treibung von einem Wald von Masten reden.

Vom Hafen zur Stadt führt eine Reihe mäßig sauberer Jye aus je 4 Häuser 3 Kneipen zeigen. Hier ist das ei­gentliche Seemannsviertel, hier war es, wo ein fröhlicher Leicht­sinn und internationale Korruption denBildcck" hatten erstehen lasten, diese weltberühmte Stätte poetisch romantischer Spelnnkcn- wirtschaft.

rrr SnttenRabt bietet mit Ausnahme des Marktplatzes wenig Charakteristisches. Es liegt ja in der Tendenz unserer Zeit, alle Unterschiede zu verwischen, und so werden die Hauptstraßen der Großstädte einander immer ähnlicher. Ernst blickt der ^^^chubens auf dieplace verde" und gibt geduldig seinen anständigen Namen zu allen möglichen Zwecken her. Alles was ruigs herum einen Laden aufmacht, nennt sich nach dem alten Meister, leider ohne daraus die Verpflichtung abzuleiteu, in Aus­lage oder Fassade etwas besonders Malerisches zu leisten. Breit, als durchaus inoderne Straße, zieht dietue Meir" nach Osten, unterbrochen von dem schön angelegtenBoulevard" und an dem imposanten neuen Bahnhof endigend. Dem Straßenbild ist an- Kusehen, daß hier viel und ernst gearbeitet wird; die Menschheit hastet,Restaurants und Cafes stehen tagsüber leer. Aufgesallen ist mir bei der Damenwelt die geringe Zahl wirklich schöner und eleganter Erscheinungen. Auch in der französischen Oper wurde man in dieser Beziehung nicht verwöhnt. Bon ihr könnte ich im Stil des berühmten Engländers sagen: Sie hat zwei SilbentC' CtU Keckstes Ensemble und als Zuhörer deutsche m IE dchf meinen Bericht nicht schließen, ohne noch einer Persönlichkeit gedacht zu haben, die für den deutschen Seemann mit der Erinnerung von Antwerpen unlösbar verknüpft ist. Wenn man ben Seemami fragt, was ist in Antwerpen los und zu sehen, so nennt er zunächst nicht die Kathedrale, nicht das Rathaus, nicht das Museum, auch nicht den Hafen, nein unfehlbar nennt et zuerst9Jc i k e". Ich hatte von der berühmten Dame schon so viel , gehört, daß ich mit aufs höchste gespannten Erwar­tungen säst mit Herzklopfen den klassischen Raum des Restaurants En de Ton" betrat. Der Eindruck war verblüffend: Ein kleines Lokal, gerade so breit, daß zwischen zwei Streifen leidlich blank gescheuerter Tische ein schmaler Mittelgang bleibt. Als Gäste lauter deutsche Seeleute. Viel und laut wird geredet, viel und schwer, oft bis in den frühen Morgen hinein, gezecht. Jede Viertelstunde erscheint irgend ein Bänkelsänger, ein Schlangen­mensch, ein Harfenmädchen, und der gutmütige Gast opfert einen Ricke, nach dem andern für die meist höchst zweifelhaften Pro­duktionen. lind über all dem thront und herrscht wie eine huld­reiche FürstinMike". Dunkel, etwas komplett, im Besitz von einigen dreißig sicher sehr inhaltsreichen Jahren hat sie sich, schlauer wie viele ihrer Mitschwestern, hier noch eine Existenz geschaffen, die ihr ein sorgenloses Alter sichert. Noch ein paar Jahre und sie kannRentiere" spielen. Eine neue Mike zieht ein, fast ohne daß die Gäste viel davon merken.

Mike begrüßt jeden (Sintretenben als alten Bekannten. Mike kennt die Schiffsbewegungen wie ein Major a. D. die Rangliste, und so wie die ältesten Kapitäne schon , in ihrer Jugend bei Mike gesesseii sind, so bin ich überzeugt, daß auch die Söhne und Enkel der jetzigen Generation noch dort ein- und ausgehen werden.

Ich hätte die gute Dame sicherlich nicht nur um ihrer schönen Angen willen einer so eingehenden Erwähnung für wert gehalten. Wenn ich so ausführlich von ihr sprach,. so geschah dies, weil

ich sie für einen Thpus halte. Mike existiert nicht nur in Antwerpen, unter irgend einem anderen Namen findet sie sich in Hoboken so gut wie in Sidney, in Buenos-Aires wie in Schanghai ober Yokohama; und überall bietet sie ein beredtes Zeugnis für die gutmütige Anspruchslosigkeit und ein wenig auch für ben sorglosen Leichtsinn des Seefahrers. Nach beschwer­licher Reise kommt er ans Land, das den Reiz der Neuheit für ihn gewöhnlich schon eingebüßt hat. Gebt ihm dann ein bescheidenes Fleckchen, das ein klein wenig heimische Gemütlich­keit atmet oder auch nur vortänscht, gebt ihm dazu ein gutes Getränk, und er ist glücklich und zufrieden, vergißt die Stra­pazen der Reise, vergißt auch, daß die Fremde ihm noch Besseres und Schöneres bieten könnte, vergißt auch den Wert des Geldes, das seine Taschen füllt. Manche hoffnungsvoll begonnene see­männische Laufbahn hat hier schon ihr vorzeitiges Ende ge­funden. _____________

Vsrmischtss.

C.K. Woher stammen unsre Gemüse? Auf diese Frage antwortet die Revue scientifique: Die Ar­tischocken sind eine veredelte Form der wilden Artischocke, die auf Madeira, den Kanarischen Inseln, in Marokko, dem südlichen Frattkreich, in Spanien, Italien uird ans den Mittelmeer-Jnseln heimisch ist. Der Spargel stammt aus Europa und aus dem gemäßigten östlichen Asien. Der Ursprung der Bohnen ist unbekannt, ebenso wie der der Linsen, der grünen Erbsen, der Kicher-Erbsen. Die Mohr­rüben sind in ganz Europa, Klein-Asien, Sibirien, ür Nordchina, Abessinien und im nördlichen Afrika wie auch auf Madeira und den Kanarischen Inseln heimisch. Nahezu den gleichen Umfang hat das Reich des Sellerie. Der Kerbel entstammt dein östlichen Asien der gemäßigten Zone, die Petersilie aus dein südlichen Europa und aus Algier, der Sauerampfer aus Europa, dem nördlicheir Asien, den Bergen Indiens und Nordamerikas, und von dem Spinate nimmt niaii aii, daß das nördliche Asien sein Heimatland ist. Die Tomaten schließlich sind zuerst aus Peru gekommen, die Gurkcii atts Jirdieii und der Kürbis aus Guinea.

* Wie man vor hundert Jahren über die Eisetrbahn dachte. Die Sommerreisenden, die jetzt mit ruhiger Selbstverständlichkeit ihr Leben dem Dampf­roß anvertrauen, uiii Erholung zu suchen, denken beiin An- blick der keuschenden Lokoniotive wohl kaum an das Miß­trauen, die Furcht und die Angst, mit denen die ersten Eisenbahnzüge von den Urgroßvätern betrachtet wurden. Die geringe Geschwindigkeit, die damals die ersten Lokomotiven entfalteten, erfüllte die geruhsamen Bürger mit Schrecken und die Erfinder mit Stolz; die Namen der Lokomotiven spiegeln dieses Selbstgefühl; und in England gab es damals Dampfrosse, die den NamenHasche mich wer kann",Blitz" usw. führten. Die Rivista - mensile del Touring erzählt von der ersten Lokomotive von Stephenson, die mit einem Zug von 13 Tons Gewicht eine Geschwindigkeit von 24 Kilometern in der Stunde erreichte und die ohne Wagen sogar 48 Kilometer entwickeln konnte. Aber in der Oeffentlich- keit hatte man wenig Sympathie für dies neue Verkehrs­mittel und als der Ingenieur vom englischen Oberhaus die Konzession für eine Eisenbahn erbat, traten Redner auf, die zornig darauf hinwiesen, wie der Rauch der Loko­motive die Vögel töten müsse, die Tierzucht auf dem Lande gefährde und vor allem die Wolle der Schafe schwärze. Im Volk regte sich der Aberglaube und in dem Dorf rotteten sich die Bauern zusammen, um mit Gewalt gegen das rauchende feuerspeiende Ungeheuer vorzugehen. Aber Stephenson errang durch seine Zähigkeit schließlich doch den Sieg und als er in einer Kommission behauptete, daß es leicht möglich sein würde, Eisenbahnzüge mit einer Geschwindigkeit von 5060 Kilometer in der Stunde fahren zu lassen, da sanken allmählich die Einwände der Gegner des Fortschritts zu komischen Nichtigkeiten.Aber deicken Sie doch, Mr. Stephenson, wenn der Zug, von dem Sie sprechen, auf seiner Strecke nun eine Kuh trifft: welch furchtbares Unglück!" Aber der Ingenieur blieb ruhig und gab nur die trockene Antwort:Ja gewiß für die Kuh.'.."

* Die Stimme aus dem Sarge. Die Kunst