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könncil und daher auitahm, sie feien von allen auf meiner Liste Verzeichneten diejenigen, über die ich am schwersten Auskunft gewinnen könnte. In der Bücherwahl der andern acht konnte ich keinen leitenden Gedanken finden. Einer hatte entliehen — ich glaube, ich habe noch die Bücher in der Reihenfolge, wie sie entliehen wurden, im Gedächtnis — „Thelma", „Unter zwei Flaggen", „David Copperfield", „Auf einer afrikanischen Farm", „Späte Rache", „Das Zeichen der Vier", „Der Gefangene von Zenda", „Puppennnterhattuugen", „Die gelbe Aster", „Eine Frau zuviel" und „Ideale", Stach diesem Muster etwa hatten auch die anderen sieben ihre Lektüre ausgesucht. Anders stand es aber Lei den Herren Weltz und Rizzi. Hier sah man sofort, das; die Bücher planvoll ausgesucht worden waren.
Ich lese Ihnen die Titel der von Weltz und Rizzi entliehenen Bücher vor, nur um zu sehen, was Sie daraus schließen.
Weltz:
1. „Giitkuude" von M. Orsila (Französisch).
2. „Natterugist und andere Geschichten" von Florence Marryat.
3. „Eine praktische Abhandlung über Krebs" von C. T. Johnstou.
4. „Ter entdeckte und entlarvte Betrüger" von R. Houdin.
B. „TaS Zeichen der Vier" von A. Conan Doyle.
6. „Der Krebs, eine neue Behandlungsmethode" von W. H. Brondbent.
7. „Prozesse wegen Mordes durch Vergiftung" von G. L. Browne und C. G. Steivart.
8. „Praktische Beschreibung von Giften" von 0. H. Costill.
9. „Die Gifte, ihre Wirkung und ihr Nachweis" von Alexander Wynter-Blyth.
10, „Die Gifte, ihre Wirkung und ihr Nachiveis" von Alexander Wynter-Blyth.
Rizzi:
1. „Giftlehre" v. C. P. Galtier (Französisch).
2. „Nalterngist und andere Geschichten" von Florence Marryat.
3. „Eine praktische Abhandlung über Krebs" von C. T. Johnstou.
4. „Der entdeckte und entlarvte Betrüger" von R. Houdin.
5. „Das Zeichen der Vier" von A. Conan Doyle.
6, „Gerichtliche Chemie, ein Führer zur Entdeckung von Giften", Untersuchung von Flecken u. f. w. als Hilss-
. buch zur Gerichtschemie von A. Naguet. Aus dein Fran- zösischen übersetzt von Dr. I. P. Battershall.
7. „Praktische Abhandlung über Krebserkrankungen" von H. Lebert. (Franz')
8, „Praktische Beschreibung von Giften" von O. H. Costill.
9, „Eine Abhandlung über Gifte in bezug auf gerichtliche Medizin, Physiologie und praktische Physik" von Dr. R. Christisoii.
10. „Die Gifte, ihre Wirkung nnb ihr Nachweis" von Alexander Wynter-Blyth.
„Nun, ivundern Sie sich, daß ich in Aufregung geriet, als ich dies las? Doch ehe ich fortfahre, sagen Sie mir erst, was Sie davon halten, Doktor," und er gab mir das Verzeichnis in die Hand.
„Es scheint mir eine ganz auffallende Einmütigkeit zwischen diesen beiden Männern zu herrschen," sagte ich, „nicht nur was die Hauptrichtung ihrer Lektüre betrisft, sondern sie haben in nicht weniger als sechs Fällen das gleiche Buch benutzt. Das ist kein bloßer Zufall. Offenbar sind sie Bekannte nnd arbeiten zusammen nach demselben Plane. Bei ihrem Interesse für Krebs und Giftkunde möchte ich sie für Studenten der Medizin halten. Die Nummern vier nnd fünf stimmen zwar nicht sonderlich äit dieser Annahme, aber es sind nur zwei von zehn. So viel schließe ich daraus." Damit gab ich ihm das Verzeichnis zurück.
„Ihre Ansicht," versetzte Maitland, „ist genau dieselbe, die ich sofort faßte, und ich Weiß nicht, ob ich nicht dabei stehen geblieben wäre, hätte sich mir kein weiteres Beweismittel geboten, als wir hier vor uns haben. Zweifellos stand für mich von vornherein fest, daß Weltz und Rizzi nach einen: gemeinsamen Plane handelten. Um zunächst ihre Wohnung zu erfahren nnd daun mit mir über weitere Schritte zu Rate zu gehen, schlug ich im Bostoner Adreßbuch nach, fand aber, daß es keiyen von beiden Namen enthielt. Ich war schon dabei, in den Adreß^- büchern der Nachbarorte nachzusehen, als mir der Gedanke kam, es sei doch das einfachste, die grünen Bücherbestellzettel zu Rate zu ziehen, nnd ich bat daher, nrir freundlichst Einblick in diese zu gewähren., Während der Beamte die Zettel heraussuchte, sah ich mir noch einmal das Bücherverzeichnis an, und es siel mir auf, daß die meisten der sowohl von Weltz tvie von Rizzi gewählten Bücher so umfangreich waren, daß man sie bei einmaliger Benutzung im Lesesaal schwerlich auch, nur flüchtig durchlesen konnte. Inzwischen hatte der Beamte alle zwanzig Bestellzettel vor mir ausgebreitet. Weltz hatte als seine Wohnung Boston, Staniford- platz 15, angegeben, Rizzi Boston, Oakstraße 5. Als ich den: Beamten die Zettel wiedergeben wollte, fiel mir noch eine .Be
sonderheit in der Art, wie Weltz das z machte, auf, die ich schon in Rizzis Namenszug gesehen zu haben glaubte. Sofort verglich ich daraufhin die zwei Handschriften noch einmal und sand auf beiden Zetteln die gleiche sonderbare Form des z. So sah', es ans" — und er hielt mir ein Stückchen Papier hin, ans den: sich folgendes L befand.
„Sie sehen, das ist eine so ungewöhnliche Form des Buchstabens, daß sie mir sofort auffiel, obwohl Rizzi mit der linken Hand schrieb. Als ich nun noch sorgfältiger verglich, bemerkte ich, daß beide Handschriften noch weitere Besonderheiten gemein hatten Kurz, um es mit einen: Worte zu sagen, ich überzeugte: mich, daß ein und dieselbe Person alle zwanzig Zettel geschrieben hatte, und das; diese Person beide Hände gleich geschickt zu gebrauchen verstand. Das schien mir nun eine so ivichtige Entdeckung, daß ich bis znn: Schlüsse der Bibliothek an Ort nnd Stelle zu bleiben beschloß. Glücklicherweise lagen die fraglichen Bücher noch ans dem Tische. Ich suchte mir die auf die Namen Weltz und Rizzi bestellten heraus und uu.terzog sie einer möglichst sorgsamen Untersuchung. Diese Arbeit hatte ich etwa zwei Stunden lang fortgesetzt, als meine Augen auf etwas stießen, das mir fast den Atem benahm. Ich war meiner Sache nicht völlig sicher, aber ich wußte, daß ich, wenn mein Mikroskop mich nicht int Stiche ließ, mein Leben dafür zum Pfände setze:: konnte, daß John Darrows Mörder das Buch geleseu hatte. Den Namen des Mannes kannte ich deshalb freilich immer noch nicht, aber ich konnte dann einen Eid darauf leiste::, daß die Spur hier von derselben Hand herrühre, die den Mord begangen hatte.
Ich Wer zu aufgeregt, um vor der Beantwortung dieser Frage etwas anderes zu tun. So bat ich den Bibliotheksvorstand, nachdem ich ihm angedentet hatte, wie tvichtig die Sache fei, alle Bücher, wenigstens auf einen Tag, heimnehmen zu dürfen. Er hatte nichts dagegen, und so eilte ich mit dem ganzen Pack nach Hause. Sie können sich denken, mit welchem Interesse ich die Seite, die ich untersuchen wollte, unter mein Mikroskop brachte und daneben das Stückchen Glas legte, das ich, wie sie sich erinnern, ans dem Fenster in Herrn Darrows Sterbezimmer geschnitten habe. Es befanden sich zwei Farbflecke auf dem Glas und zwei diesen entsprechende Stellen auf dem Sims. Das eine war eine geschlangelte Linie, als wenn ein Stückchen Schnur, oder vielmehr, da keine Fasern zu sehen waren, ein Gummistrang, an dem vorher etwas Farbe vom Sims hängen geblieben Ivar, das Fenster getroffen hätte. Das zweite tvar der Abdruck eines Daumens. Nun war an den: Tage niemand an das äußere Fenster gekommen, als die beiden Anstreicher, bereit Daumen-, abdrnck, wie ich feststellte, es nicht war, und der Täter. Da aber wissenschaftlich seststeht, daß keine zwei Daumen auf der Welt einander völlig gleichen, so konnte das Glasstück ein unschätzbares Mittel zur Feststellung der Identität des Täters gewähren.
(Fortsetzung folgt.)
Reisebriefe.
Bon Dr. A. Z.
(Originalbeiträge der „Gieß. Fam.-Bl.")
II. Antwerpen.
24 Stunden echten Nordseewetters, für Biele gleichbedeutend mit 24 Stunden des Leidens und der Qual. Es bleibt aber wenigstens die Hoffnung auf baldige Erlösung. Der Abend des zweiten Tages bringt uns das ruhige Wasser der Schelde, Und. gegen 8 Uhr gehen wir angesichts der Feuer von Blissingen vor Anker. Den mit einem guten Schlaf Gesegneten führt der frühe Morgen unbemerkt flußaufwärts, und als ich aus meiner Koje steige, wundere ich mich über die Dunkelheit in meiner Kabine: Es ist die Quaimauer von Antwerpen, die dicht vor meinem Fenster dem Licht den Eintritt wehrt. Freilich allzuviel Licht ist überhaupt uicht vorhanden. Draußen empfängt einem lieblich rieselnder Regen, die Landschaft präsentiert sich grau in grau, und der erste Eindruck ist der gleiche, von dem man eben erst so gerne Abschied genommen hat: Schmutz!
Allerdings tauchten silhouettenhaft aus Dunst und Nässe die Umrisse eines Panoramas, das Schätze verspricht, Wenn cs erst das Aschenbrödelkleid abgeworfen. Endlos dehnt sich der Quai, an bem, Schiffe aller Nationen sich drängen. Eilend huschen die Fischerdampfer, träge ziehen die großen Scheldekähne. Im Hintergrund reckt sich, das Häusermeer beherrschend und überragend, der schlanke Turn: der Kathedrale.
Der Tag bringt Regen ohne Ende, aber ich werde der Stadt in meiner Dankbarkeit ein Denkmal setzen: Sie ist erhaben über die Ungunst der Witterung. Kirchen und Museen sind ja überdacht und bieten so viel, daß es meinetwegen tagelang gießen könnte. Jede Seitenkapelle bet Kathedrale birgt herrliche Schätze von Malerei, Mosaik und Schnitzwerk. Im allgemeinen üiber- wiegt das Einzelkulb, die stille Ecke, ber gegenüber ber Gesamt- einbruck etwas zurücksteht. Das Querschisf wirkt direkt frostig


