Ausgabe 
22.7.1908
 
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1908

Mittwoch den 22. Juli

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John Darrows Tod.

Roman von M e l v i n L. S e v e r y.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) i

IV.

Meltz und Rizzi.

1. Kapitel.

In der nächsten Zeit liess, Maitland sich nicht sehen. Ein Tag verging nach dem andern, und kein Maitland kam. Als eine Woche um war, konnte Florence die Ungewißheit nicht mehr ertragen und schickte mich in seine Wohnung. Ich fand ihn, wie er mit großen Schritten im Arbeitszimmer auf und nieder ging; er schüttelte mir freundlich die Hand und sagte:Sie wollen mich schelten, weil ich mich nichr habe sehen lassen, aber ich brauchte Einsamkeit, um einen neuen Weg zu finden."

Und Sie haben ihn gefunden?"

Ich hoffe."

Lassen Sie hören!"

Ich hatte bisher den Mörder zu entdecken gesucht, ohne genau zu wissen, wie da? Verbrechen begangen worden toar. Ich wollte mir nun darüber klar werden, wie ich selbst wohl unter den gleicher! Umständen solch ei» Verbrechen begehen könnte ohne dabei andere Beweise für die Tat zu hinterlassen, als die wir besitzen. Ich sing daher an, Detektivgeschichten zu lesen und griff natürlich zuerst nach denen von Conan Doyle. Sherlock Holmes' Behauptung, es gebe nichts Neues auf dem Gebiete des Ver­brechens, verbrecherische Taten wiederholten sich so gut wie die Ereignisse der Weltgeschichte, machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich fragte mich sofort:Wenn unser Mann nichts Originelles erdachte, wo nahm er sein Muster her?""

Als ichDas Zeichen der Bier" las, das ich mir aus der öffentlichen Bibliothek geholt hatte, fand ich die erste Spur. Das Verbrechen, von dem in dem Buche erzählt wurde, war in so eigentümlicher Weife begangen worden, daß es sofort meine Auf­merksamkeit erregte. Das Opfer war allem Anschein nach ge­tötet worden, ohne daß jemand das ZimMer betreten oder ver­lassen hatte. In dieser Beziehung war das Problem deut gleich, das wir zu lösen hatten. Konnte nicht etwa, sagte ich mir, dieses Buch dem Mörder den Weg gewiesen haben? Ich ging daher zur Bibliothek und bat dort um die Angabe der Personen, die das Buch in den letzten Monaten vor dem Tode Herrn Darrows entliehen hatten. Daß meine Aussichten, auf diese Weise etwas zu erfahren, sehr gering waren, verhehlte ich mir keineswegs. Immerhin konnte es nichts schaden, eine ernstliche Probe auf die Richtigkeit meiner Theorie zu machen. Von den Bibliotheksbeamten erfuhr ich, das Buch sei viel gelesen worden, und sie schrieben mir einige zwanzig Namen von Personen auf, die das Buch in der fraglichen Zeit entliehen hatten. Mit diesem Verzeichnis saß ich nun da und dachte nach, was weiter zu tun sei. Ich überlegte mir: Ich will einen Mörder aufspüren und habe diese Methode erwählt in der Hoffnung, sie werde mich zum 3ick_

führen. Kann sie mir überhaupt etwas helfen, so ist das nur der Fall, weil der Gesuchte gerade dieses Buch in Händen ge-, habt hat. Ich kann also von vornherein annehnien, der Name des Mörders befinde sich unter denen, die hier vor mir stehen. Meine nächste Frage tvar:Besteht eine Möglichkeit, daß das Ver­brechen von einer Frau ausgeführt tvurde?" Darauf antwortete ich mir:Ja, eine Möglichkeit besteht, aber sie ist so schwach, daß ich sie fürs erste ganz ausscheiden kann." Nachdem ich in­folgedessen alle Namen von Leserinnen ausgestriche» hatte, blieben noch achtzehn übrig. Verschiedene Entleiher hatten nur mit den Anfangsbuchstaben unterzeichnet, und der Beanrte war bei der Abschrift ihrem Beispiel gefolgt. Sv ninßte ich mich an bett Listenführer wenden, um die Frage des Geschlechts zu lösen, und dabei notierte ich mir auch das Alter der Entleiher. Nur bei zweie» konnte es mit der Listenführer nicht angeben, bei I. Z. Weltz und B. W- Rizzi. Als ich ihm sagte, ein Beamter habe mir die Namen von den Bibcherbes^llzetteln abgeschrieben, belehrte er mich, wenn ich den Beamten fragte, so würde ich jedenfalls erfahren, daß die beiden letzten Namen von grünen Zetteln genomnren seien, wie sie für die int Lesesaale benützten Bücher verwendet würden, denn weder Weltz, noch Rizzi besitze eine Leihkarte.

Ich beschloß nun, zunächst von den beiden Namen abzusehen, und die anderen vorzunehmen. Ich glaubte, annehmen zu dürfen, der Mörder John Darrows sei ein Mann von reifem Urteil und außerordentlicher Schlauheit, wahrscheinlich ein Maitn in höherem. Alter und auf alle Fälle das konnte ich ruhig Vvraussetzen: Aber einundzwanzig Jahre alt. Damit ging mein Verzeichnis auf zehn herunter. Wie konnte ich aber das Ausscheidungsver» fahren weiter fortsetzeu? Das tvar die Frage, die sich mir nun aufdrängte. Abgesehen davon, daß ich die Herren persönlich auf» suchen konnte, lva8 ich aber zunächst noch nicht tun mochte, fiel mir nur noch ein einziges Mittel eilt, nämlich festzustellen, welch« anderen Bücher die zehn unmittelbar vor und nach demZeichen der Bier" eittliehen hatten. Demgemäß beschloß ich vorzugehen.

Wenn Sie mich fragen, warum ich so hartnäckig in meiner Nachforschung eine Bahn verfolgte, von der eigentlich jeder sagen mußte, daß sie durch ein halbes Wunder allein zum Ziele führen konnte, so kann ich nut sagen, ich fühlte mich dazu gettiebeu. Vielleicht lag der Antrieb darin, daß ich jede neue Theorie, die mir nur einigermaßen wahrscheinlich vorkommt, geduldig und gründlich zu prüfen pflege, oder in irgend einer anderen Ursache, von der ich keine Rechenschaft zu geben vermag. Jedenfalls be­schloß ich, mir über die zehn Personen alle nur mögliche Klar­heit zu verschaffe». Mit Hilfe eines freundlichen Angestellten schrieb ich von jedem einzelnen fünf Bücher auf, die et vor dem Zeichen der Vier" bemißt hatte, und die fünf nächsten, die er später entliehen hatte. Ich enthielt mich aller Schlußfolgerungen, bis das Verzeichnis fertig war, obgleich ich schon bei der Zu­sammenstellung einiges Interessante beinerkte. Schließlich sah ich die hundert Büchertitel vor mir und setzte mich hin, um in aller Ruhe zu prüfen, was sich daraus gewinne» ließe. Absichtlich sparte ich mir die vo» Weltz und Rizzi entnommenen Bücher bis zuletzt auf, weil ich übet diese beiden gar nichts hatte erfahrest