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könne auf ihre Häupter." So ungeheuer war der Aufruhr seiner Empfindungen, daß er in dieser Stunde das verlorene Sprach- Vermögen wiederfaud, seine Anordnungen mit lauter, klar verständlicher Stimme geben konnte.
„Gelobt sei Gott," rief er, das hagere Greisenantlitz unter dem weißen Haar leidenschaftlich bewegt, und faltete die dürren Hande, „gelobt fei der Herr, der auch heute noch Wunder tut und mir die Kraft verleihen wird, diese Rotte au zerstreuen wie Spreu im Sturmwind!"
Als er aber, angetan mit dem vollen geistlichen Ornat, das Barett auf dem Haupte und die Bibel im Arm, die Hand auf die Türklinke legen wollte, schwankte er und stürzte, zum drittenmal vom Schlage getroffen, an der Schwelle zusammen.
Fest hielt der erstarrende Arm die Bibel ans Herz gepreßt.
Acht Tage danach ließ Kommerzienrat Friedheim bekannt machen, daß die Frankensteinsche Weberei und die Barthelsche Töpferei in seinen Besitz übergegangen seien, und daß. er die Ausständigen auffvrdere, die Arbeit zu einem erhöhten Lohnsatz unverzüglich wieder aufzunehmen.
2 0. Kapitel.
Meder brütete die Gluthitze des Hochsommers über den Landen; und Isabella sehnte sich nach dem Wogcnschlage der Nordsee.
Im Nachwinter hatte sie Heinz zu liebe gern und ohne Besinnen auf die gewohnte Rivierareise verzichtet. Jetzt aber, da ihre Koffer und Körbe schon fast zehn Monate unberührt auf dem Schlvßboden stauben — etwas Unerhörtes in ihren: be- iveglichen ^fein — fing das „ewige Zuhausesitzen" doch an, rhr auf die Nerven zu fallen. Und Freiherr von Bannemann verstand es meisterhaft, ihre Phantasie unausgesetzt mit den Reizen des bunten, abwechslungsvollen Strandlebcns zu beschäftigen.
„Geht cs denn nicht, Schatz, daß du ein paar Wochen Urlaub nimmst? Dur hast dir doch wahrhaftig in der: Jahren, die du nun hier int Amte bist, eine kleine Erholungsreise verdient," fragte sie Heinz wieder und wieder.
Der aber blieb bei seiner einmal gegebeneir Antwort;
„Ich fühle mich frisch — wovon soll ich mich also erholen?" „Traurig genug," gab Isabella verletzt zurück, „daß die Auch acht, ein paar Wochen mit mit zu tändeln, zu verträumen, ein paar Wochen nur mir zu gehören, nichts Verführerisches für otd) hat; traurig genug, daß ich dir schon jetzt so langweilig bin, getzt, wo wir kaum dreiviertel Jahr miteinander verlobt sind. Was soll da später werden?" In einem bitteren Lachen klang ihre Rede aus.
Allzuleicht sprang — seit Wochen schon — in Isabellas «Stotteit ein spitzer Ton auf, so große Mühe Heinz sich auch gab, ihre häufigen Mißstimmungen mit Ruhe und Güte zu entwaffnen. Mer Isabella hatte, seit die Reisesehnsucht wieder mächtig in ihr geworden war, immer etwas zum Grollen und Zürnen in petto. War es nicht ihres Bräutigams „Rücksichtslosigkeit", seine ,/itbertrtebene Hingabe an seinen Beruf,: deretwegen sie ihm Bor- Würfe^ machte, oder beschuldigte sie ihn >:icht der „ungerechten Parteinahme" Mr seine Mutter, auf die sie immer schlecht zu wrechen war, so setzte sie ihm wieder mit ihrer Eifersucht auf Martha Bartikvw zu. Und oft ließ sie sich in der Zügellosigkeit ihres Temperamentes zu Kränkungen gegen ihn hinreißen.
EinE Mittags zu Anfang des August war Heinz, dem man am 1. ^uli die Pfairstelle des verstorbenen Reichardt endgültig ragen hatte, bei einem, nur auf ein Stündchen berechneten Vwuch in Fichtenhöhe von einem Gewitter überrascht worden m'1 ^risdheims zu Tisch gebliebeu. Wieder hatte ihn Isabella mit Bitten, doch wenigstens auf vierzehn Tage mit ihr und ihrem Vater an die See oder ins Hochgebirge zil gehen, gemartert — so lange, bis der Kömmerzienrat ihr ungehalten ins Wort gefallen war:
„Aber Kind, ist wirklich Unrecht vvtt dir, Heinz fortwährend zu quälen. Wollte Heinz jetzt, nachdem er vor kaum vier Wochen in ein höheres Amt aufgerückt ist, um Urlaub einkommen, so würde das einen schlechten Eindruck machen. Oder meinst du, er! soll seiner vorgesetzten Behörde Vorstunkern, daß er der Erholung bedürfe?"
_ Verbrechen könnte ich darin nicht scheti", entgegnete Isabella achselzuckend.
_ Heinz starrte auf das Muster des Tafeltuches, Friedheim zauste I seinen Schnurrbart und fuhr dann fort:
„Auch mir würde die Tour, jetzt, tvo ich mit dem Ausbau und der Vergrößerung der Barthelschen und Frankensteinschen Betriebe alle Hande voll zu tun habe, wenig passen. Die ganze Reise- idee hat dir wahrscheinlich wieder Bannemann in den Kvpf gesetzt, *** t e' llTn seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, als Unfrieden zwischen dir und deinem Bräutigam zu stiften."
Isabella .rümpfte die Nase.
„Natürlich. . . Banueinann ist immer Schuld. Und dabei danke ich Gott, daß ich ihn habe. Würde er sich nicht um mich kümmern, mir über manche öde Stunde hinweghelfen, ich möchte oft vor Langeiveile vergehen, nachdem meine Verlobung für "so viele Veranlassung war, sich peu ä peu von uns zurückzuziehen."
„Ein Segen, daß wir „die vielen" los sind. Vivant sequen- teS,' gab der Kommerzienrat mit ärgerlichem Husten zurück. „Aber kommen wir lieber zu einem anderen Thema. Dies kostet mich meine ganze gute Laune." Und er begann, sich mit Heinz in ein Gespräch über Schulbauten zu vertiefen, die seit Mai im vollen Gange waren — weswegen die Kinder im Tanzsaal des „grünen Seidels" und „Weißen Rosses" unterrichtet würden.
Gleich nach Tisch — das Wetter hatte sich verzogen, und der Himmel lachte wieder in strahlender Bläue — sagte der Kommerzienrat, er müsse nach dem Braunkohlenwerk, ivo eine Maschinenstockung eingetreten wäre. Ob er anspannen lassen solle, um mit Heinz zusammen zu fahren, und ihn am Pfarrhaus abzusetzen.
. "Ach bitte," fiel Isabella ihrem Vater in die Rede, „laß mir Heinz noch ein Weilchen. Ich habe die ganze Woche nichts von ihm gehabt."
„Versprichst du mir auch, nicht wieder zu zanken, du Krauskopf?" fragte Friedheim.
„Alles, alles verspreche ich dir." Und sie fiel ihm um den Hals.
„Ra, so bleiben Sie schon noch, Heinz", wandte der Kom- merzienrat sich an Vollrath, _ den es drängte, nach Hause zu kommen, und der deshalb auf dem Sprunge stand. „Ich reite dann nach Schönaus. Reiten ist ohnehin besser für mich als fahren; ich habe seit einiger Zeit eine bedenkliche Neigung zum Fettansatz. Und hoffentlich finde ich Sie bei meiner Rückkehr noch hier; ich trabe los wie ein Hunne und bleibe höchstens eine gute Stunde ans." Und er verabschiedete sich rasch.
Als die Tür hinter ihm ins Schloß gefallen war, warf Isabella sich Heinz an die Brust,
„(Sott sei Dank, daß ich dich endlich wieder mal nach Herzenslust küssen kann."
Und sie wurde nicht müde, ihre blühenden Lippen wieder und wieder auf seinen Mund und feine Augen zu pressen, mit ihren Händen in seinem vollen Braunhaar zu wühlen. Einmal legte sie ihren Kopf an feine Schulter und schloß die Lider:
„So möcht' ich einschlafen, du." Dann machte sie die Augen! wieder auf, sah ihn zärtlich an. „Du glaubst gar nicht. Liebster, wie süß dir die Narbe steht, die du der Bannemannschen Kugel verdankst. Weiß wie Marmor, zieht sie sich durch deine braune Stirn. Schmal und schnurgerade — wie ein Renomierschmiß." Mit dem spitzgeschnittenen Nagel ihres Zeigefingers verfolgte sie dabei die Konturen des Males.
„Nicht doch," wehrte Heinz ab. „Ob ihr denn eigentlich nie der Gedanke gekommen ist," schoß es ihm durch den. Sinn, „daß Bannemann dich mit seinem „Fehlschuß" beseitigen wollte, um wieder freie Bahn zu haben für seine S3eroer6uugeit ?"
Isabella setzte unterdessen das Spiel an seiner Narbe fort. Eben hielt sie ihre Hand dagegen und sagte:
„Sie ist tzenau so lang wie mein Mittelfinger . . . aber ganz genau, wie darnach zugemessen. Spaßig! Weißt du übrigens, Schatz", filhr sie, ihren Kopf wieder an seine Brust schmiegend, fort, „als was du hübsch aussehen niüßtest mit dieser Narbe, - wozu überhaupt deine Figur famos Passen würde?"
.Er zuckte die Achseln.
„Zur Uniform eines Mrassieroffiziers", fuhr sie tändelnd fort, „herrlich müßtest du aussehen mit dem Adlerhelm auf denk Kops. Bloß einen forschen Schnurrbart müßtest du daun natürlich haben. Geht es eigentlich nicht, daß du dir einen Schnurrbart wachsen läßt? Natürlich nur Schnurrbart, keinen Backenbart etwa. Gibt es keine Pastoren mit Schnurrbärten?"
„Wenn es welche gibt, — ich jedenfalls werde ihre Zahl nicht vermehren^, gab Heinz zurück.
(Fortsetzung folgt.)
Off dr Oberhesfische Liseboh.
Bon Jean Schwöbel in Wtzitershaiu.
(Nachdruck verboten.)
Die oberhessisch Eiseboh
Däi lüft bei dreißig Joahr etz schuh.
Es eß häi, wann niet sichs betroacht, Hau off d'r Welt e reine Proacht.
Mann so die ahle Leu verzahn. Was säi sich froiher müßte quähn!


