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ein gescheidter und liebenswiirdiger Mann, aber so klug nicht ist, wie die Welt ihn schätzt, die alles, was vorgeht, auf seine Rech­nung schreibt, und wenn es in Ostasien zur unrechten Zeit reg­net, das aus einer übelwollenden Machination des Kaisers er­klären will. Man hat- sich besonders bei uns daran gewöhnt, ihn als eine Art gsnie du mal zu betrachten, das immer nur darüber nachdenke, wie es in der Welt Unfug anrichten könne. Ich glaube, daß er froh ist, wenn er etwas gutes in Ruhe genießen kann; sein Verstand wird auf Kösten seines Herzens überschätzt." Immerhin lebten in dieser zwiespältigen grüb­lerisch phantastischer: Natur nicht gewöhnliche Klüfte und An­triebe und gerade das Unruhig-Rätselvolle seines Charakters, die Verbindung von romantischer Abenteurerlust mit kalter skrupelloser Ueberlegtheit riefen vielfach einen faszinierenden .Eindruck hervor, der durch die wunderlichen Schicksale' seines Lebens, durch seine Abstammung und seine Ziele noch ver­stärkt wurde.

Napoleon ist als der dritte Sohn Louis-Bonapartes, eines Bruders des großen Napoleon, der von 18061810 König von Holland war, und der leichtsinnigen Hortense Beauharnais ge­boren worden. Der Vater, der vielleicht gerechtfertigte Zweifel an der Legitimität seiner Geburt hatte, kümmerte sich wenig um den jüngsten Sprößling, der nichtsdestoweniger als even­tueller Thronerbe offiziell anerkannt wurde; so war der junge Napoleon ganz der Mutter überlassen, die ihn zärtlich liebte und mit ihm nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrlichkeit in unruhigen Jahren der Verbannung von Ort zu Ort zog. In Augsburg besuchte er das Gymnasium und erhielt dort seine erste wissenschaftliche Ausbildung. Dann lebte er mit der Mutter auf dem Schweizer Schloß Arenenberg, wo seine jugendliche Phantasie mit dein berauschenden Stoff der napoleonischen Legende genährt wurde und sich früh in ihn die leitenden Ideen seiner- Weltanschauung entwickelten. Es wären, jene wunderlich heterogenen Ideen von Freiheit und Despotismus, eines Cäsarentums, das sich mit dem Prinzip des allgemeinen Wahlrechts und sozialistischen Tendenzen verband, >emer kosmopolitischen Politik, die doch immer wieder auf den Gedanken der Nationalitäten zurückkam, Anschauungen, die ihm schließlich den Erfolg sichern sollten. Ein Träumer voll phan­tastischer Einfälle, ehrgeizig und schweigsam, in seinem ganzen Wesen schwankend und unentschlossen, dabei doch von zähester Hartnäckigkeit im Verfolgen von Plänen, die sich in ihm einmal festgesetzt hatten.Ein lieber Tickkops" hat ihn die Mutter öfters genannt, die, den Glauben an seine hohe Bestimmung uud die Anlagen einer frivol skeptischen Lebensauffassung in rbm befestigte. Wie die meisten Glücksritter und Abenteurer vertraute er fest seinem glücklichen Stern, war in kleinen wie großen Dingen höchst abergläubisch und brachte auch später im diplomatischen Jntriguenspicl gern solche unwägbarer! Motive vor wie eine instinktive Abneigung gegen dieses oder jenes.

Begierig, möglichst bald eine politische Rolle zu spielen, war er schon mit 20 Jahren in jene italienischen Verschwörungen verknüpft, durch die sein Bruder Napoleon-Louis die Halbinsel von österreichischer Herrschaft befreien wollte. Während dcr Bruder beim Aufstande der Romagna den Tod fand, wurde er ein die Bitten seiner Mutter vor Gefangennahme unb Abur­teilung bewahrt, aber die romantische Geste des Karbouari hat er bewahrt; die Erinnerung an diesen Beginn feiner politischen Laufbahn ist immer wieder aufgctaucht in dem Haß, mit dem btc italienischen Freiheitskämpfer den Abtrünnigen verfolgten, in seiner eigenen Anteilnahme an Italiens Einigung. Gleich daraus sehen >vir Louis-Napoleon in Verbindung mit den Führern des Polnischen Aufstandes die Krone Polens erhoffend, «brr die Einnahme Warschaus läßt diesen trügerischen Traum zerrnineu. Loch nichts vermag ihn zu entmutigen. Als er blfl Tod,des Herzogs von Reichstadt, seines Vetters, erfährt, fühlt er sich nun als alleiniger Repräsentant der napoleonischen Dynastie gegenüber Frankreich, und er ist fest entschlossen, diese Ansprüche geltend zu machen. Unterdessen macht er seinem Tätigkeitsdrang ut einer Reihe kleiner Schrifteii Luft, wie ihm Überhaupt immer eine starke Leidenschaft des Schreibens eigen war, wird Artilleriehauptmann in der Schweizer Armee und lagt em von ihm selbst verfaßtes artilleristisches Handbuch m dcr sranzösi,chen Armee im Geheimen verbreiten. Eine Reche von Freunden hat sich! lvieder um ihn gesammelt; mit Hilfe feiner Geliebten, der Sängerin Eleonore Gord-on, und mit anderen Vertrauten versucht er 1836 einen militärischen Hand­streich, der mißlingt. Auf Bitten der Mutter begnadigt, wird der lästige Prätendent nach Amerika abgeschvben, kehrt aber, kaum in Newyork angekommen, wieder zurück und beginnt von neuem die bonap artistische Propaganda, die nun immer wertere Kreise zu ergreifen beginnt. Die französische Regierung verlangt von der Schweiz seine Ausweisung und droht, als man zögert, mit dem Kriege. Nur in England ist der Sproß w ®onaVorte noch sicher. Hier veröffentlicht er int Jahre 1839 seineNapoleonischen Ideen", in denen er den großen Oheim als den Vertreter und treuesten Diener der Revolution und das Kaiserreich als den Hort der Volksrechte darstellt und zugleich als die Garantie des demokratischen unb sozialen Fortschritts. Sein Vcrschwörungscifer, seine Sucht nach Kon- spiratwnen ist durch die vielen mißlungenen Versuche keines­

wegs abgekühlt. Mit einigen Gelreuen und 60 in französische Uniformen gesteckten Leuten landet er 1840 bei Bvulogue, wo er die französischen Regimenter für sich zu entflammen hofft. Er selbst eilt allen voran, mit dem berühmtenkleinen Hut" des ersten Napoleons angetan, einen Degen in der Rechten, der dcr von Austerlitz sein sollte und von einem gezähmten Adler begleitet, der ihm zu Häupten schweben sollte. Der schön­inszenierte Zug mißlingt; Napoleon wird fliehend aus dem Wasser gezogen und gefangen genommen. Die Pariser Pairs- kammcr sperrt ihn für Lebenszeit in die Zitadelle von Ham. Der unverbesserliche Verschwörer aber setzt in der Gefangen­schaft seine Aufwiegelung der Massen fort, schreibt unzählige Artikel, in denen er mit den gegenwärtigen Verhältnissen ab- rechuet und seine Ideen empfiehlt, seine berühmteVertilgung der Armut", die ihm den Beifall sozialistischer Führer wie Proudhou einträgt und ihn als Märtyrer der Demokratie er­scheinen läßt. 1846 entflieht er aus Ham in den Kleidern eines gewöhnlichen Arbeiters, dessen Name Bandinguet noch an dem späteren Kaiser haften geblieben ist, und geht wieder nach Lon­don, wo er mit phantastischen finanziellen Plänen und Ver­gnügungen aller Art in steter Geldverlegenheit die Zeit hin- bringt und auf den großen Moment lauert, um alsRetter" in Frankreich zu erscheinen.

Ter entscheidende Augenblick kam mit der Revolution von 1848. Er wird als Repräsentant in die Nationalversammlung gewählt und am 10. Dezember ganz unerwartet zum Präsi­dentei! der Republik durch die überwiegende Mehrheit des Volkes gemacht. Der Grund für seine Wahl Ivar, daß die führenden Politiker wie Thiers ihn silr einen unbedeutenden Wirrkops hielten und nicht ahnten, daß sie bald die Angeführten sein sollten, daß die klerikale Partei weitgehendste Versprechungen von ihm erbalten hatte und endlich, daß der Name Napoleon für die Landbevölkerung einen unwiderstehlich werbenden Klang hatte. Der Prinz-Präsident ergriff mit fester Hand die Zügel dcr Regierung und wußte bald seine Popularität zu vergrößern, indem er überall die Erinnernngen an den großen Oheim wieder aufleben ließ. Er reiste durch ganz Frankreich, hielt Ansprachen, in denen er sich als den Vertreter und Beglücker des Volkes hinstellte und strebte immer deutlicher der Kaisern würde zu. Mit scharfsinnigem Blick für die Mäste, die im Volke lebendig waren, unterstützte er, der frühere Karbonaro, die kirchlichen Mächte, stellte den Kirchenstaat wieder her und setzte den Papst in seine Herrschaft ein. Die Armee war durch die wieder ausflaminendcn Traditionen der großen Vergangen­heit an ihn gefesselt, der Klerus stand auf seiner Seite, die Massen aber kettete er an sich indem er der Kammer gegen­über für das allgemeine Stimmrecht eintrat. Als die National- verfammluug sich widersetzte, folgte 1851 am Jahrestage der Schlacht von Austerlitz der Staatsstreich und ein Jahr daraus die Ännahntc der Stuf erwürbe. Durch allgemeine Volksab- stimmungen, die er mit Meisterschaft in Szene zu setzen und nach seinem Belieben zu lenken wußte, wurde das Geschehene gutgeheißen, und der neue Kaiser stand nun vor dcr schweren Aufgabe, die schnell errungene .Herrschaft zu befestigen. Na­poleon hat das eine Reihe von Jahren hindurch mit großem Mut und Geschick getan. Mit feiner Regierung brach für Frankreich eine Epoche reicher materieller und geistiger Blüte an; er hat Frankreich lvieder eine Stellung in Europa geschaffen, wie es sie seit den Tagen des ersten Napoleon nicht mehrs eingenommen hatte; er hat auch zuerst wieder eine zielbewußte französische Kolonialpolitik eingefchlagen und sein Volk hinüberi- gesührt über das Meer.

Tie Motive, aus denen heraus Napoleon in seiner Poli­tik gehandelt hat, liegen nicht immer klar zu Tage; sie sind tief in seiner komplizierten Persönlichkeit begründet und aus kühl berechneten diplomatischen Manövcru und ganz persönlichen Emp­findungen gemischt. Sein Hang zum Jntriguieren, seine Sehn­sucht nach großen berauschenden Erfolgen, das Gewebe unzähliger Projekte, die in seinem unruhigen, träumerisch phantastischen Geiste arbeiteten, das unruhige Hin- und Herflackern zwischen nervöser Erregung und schlauer Berechnung machten ihn leiben» schastlichen, graben Charakteren besonders unsympathisch. Zwei so verschiedene Naturen, wie Victor Hugo und Gustav Freytag, haben den zweiten französischen Kaiser gleich stark gehaßt; die an seinem Hofe akkreditierten Botschafter konnte er durch sein doppeltes Spiel und die stete Unsicherheit seiner Motive, seine schauspielerische Geschicklichkeit und energische Zähigkeit zur Ver- zweiflung bringen.Sein matter Blick," berichtet Graf Hübner, der österreichische Botschafter, dem wir ein so kluges Bild vom Hose Napoleons verdanken,der jedoch zeitweilig Blitze schleu­dert, seine unbeweglichen Züge bilden zugleich eine Maske und einen undurchdringlichen Küraß; man verläßt ihn immer mit dem Eindrücke, daß dieser, dem Scheine nach schwache, in Wirk­lichkeit aber scharfsinnige Geist nicht versteht, weil er nicht verstehen will ober nicht erkennen lassen will, daß er ver­standen habe, um nicht verstanden zu werden." Man hat auch viel von den Einflüssen gesprochen, denen dcr Kaiser unter­worfen gewesen sei, besonders von denen feiner Frau, der schönen Spanierin Eugeme; aber schon Sybel hat die Kaiserin gegen die verhängnisvolle Parteinahme in Schutz genommen, die man ihr zuschreiben wollte, und es ist sicher erst der Na--