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Wagen $u. Edeltraut sah iHv nach wie gebannt. Ihr Gang hatte etwas Wiegendes, und prächtig wie das Bild eines Ritter- fräulems ans dein Mittelalter hob sich ihre stolze Gestalt mit dem grossen Federhut gegen das Grün ab.
Langsam ging Edeltraut nach der Veranda zurück. Ihr war ganz verwirrt zu Mute. Tort die wunderschöne Person mit den vertraulichen Geständnissen — hier diese Zwei! Tiefe Zwei! —
Sie waren natürlich in rasch hinfließendem,. leisem Gespräch, und Edeltrauts Erscheinen unterbrach dieses. Das war wieder sehr unangenehm. Wilhelm saß noch wie vorhin, aber Anne Marie hatte sich so neben ihn gesetzt, daß sie ihn beim Sprechen ansah. Beide fuhren leicht zusammen, als Edel- traut mit spröder Stimme meldete: „Sie ist fort."
„Ist sie?" — rief Anne Marie, sich umwendend, „Traut- chen, Sie sind lieb! Sie haben sic uns vom Halse geschasst. Ich danke Ihnen."
Sie stand auf und mischte ein Glas Zitvonenlimonade, welches sie der Erhitzten reichte, „erfrischen Sie sich doch! — Wie hat Ihnen denn die schöne Dame gefallen?" —
„Sie ist — merkwürdig schön."
„Tamit treffen Sie den Nagel auf den Kbps, sie ist wirklich merkwürdig schön in Anbetracht dessen, daß sie hierzu nie die Kunst zu Hilfe nimmt."
„So schön war sie schon zur Zeit, da unser Helmuth für sie schwärmte" — sagte Wilhelm heiter.
Also doch! dachte seine Schwester, was ich so alles nachträglich erfahre! — Laut fragte sie:
„Wie alt ist sie?" —
„Nein, Kindchen, nein, so dürfen Sie nicht fragen — nie, wenn es sich nm eine schöne Frau handelt. Erwarten Sie nicht, daß ich! Ihnen darauf antworte, dazu bin ich viel zu anständig. Ich will Ihnen aber als geringe Entschädigung gern mein Alter verraten, es beträgt fünfunddreißig Jahr."
„Bierunddreißig," verbesserte Wilhelm, „das weiß ich besser." Es lag beinahe Zärtlichkeit in seinem Ton.
Frau von Troß seufzte, aber ihre Lippen zuckten in verhaltener Schalkheit.
„Wie recht haben Sic, lieber Freund, in unseren Jahren darf man nicht leichtsinnig mit Zahlen umgehen — jeder Monat ist kostbar, der uns noch an die Jugend bindet. Ich gebe also zu, daß ich meinen fünsunddreißigsten noch vor mir habe."
Wilhelm brachte nun das Gespräch auf Loysen. Er wollte nicht von hier scheiden, ohne um Verständnis für den Freund zu werben. Es war eine heikle Aufgabe und es gehörte seine schlichte treuherzige Art dazu, um sich ihrer richtig zu entledigen. Anne Marie hörte ihm mit halbgcschlossenen Augen sein lächelnd zu, und als er geendet hatte, sagte sie:
„Lieber Wilhelm, ich glaube, ich könnte Ihnen stunden- lang zuhörcn . . . ich bilde mir dann ein, daß ich genau so denke wie Sie, und das tut mir wohl."
„Ich wünschte, um Helmuths willen, Sie dächten wie ich!" „Abwarten. Noch einige Zeit in Ihrer Schnle und das Verständnis tagt vielleicht."
„Der Wagen ist vorgcfahrcn" — sagte Edeltraut, die über die Brüstung der Veranda lehnend, ungeduldig Ausschau gehalten hatte.
Endlich saßen sie denn wieder im Halbverdeckten und die Pserdehufe schlugen klappend auf den festen Grund der Landstraße. Wilhelm blieb zuerst schweigend, in angenehme Erinnerungen verloren, dann aber wandte er sich herzlich zur Schwester:
„Tas war für mich ein schöner Tag, — für dich, fürchte ich, hatte er Dornen."
Sie zwang sich zu scherzen: „Ich bin die Rolle der Ehrendame noch nicht gewöhnt, aber mit der Zeit lerne ich es vielleicht."
„Dazu wirst du leider keine Gelegenheit haben, sie bleibt nur noch wenige Wochen, dann kehrt sie zu ihrem schönen Beruf zurück."
„Hat sie dir das ganz bestimmt gesagt?" —
„Ja, wir sprachen darüber, während du Fräulein von Valois unterhieltest. Ihr Entschluß steht fest."
„Aus beinent Ton schließe ich, daß du sie wieder" — die Sprecherin stockte und wurde rot.
„Nein, Edel, ich habe sie um nichts wieder gebeten. Es bleibt alles beim alten, mein Schwesterherz. . . nur nodj eine Freude mehr hat mir Gott in mein schon so reiches Leben gegeben !"
Sie senkte stumm beit Kbps. Es bleibt alles beim alten! Wußte er denn nicht, daß das Alte unheilbar zerstört war feit
jenem Tage, da diese Fremde kam und von seinem Denken und Fühlen Besitz nahm ?
Sie kamen in der Abendkühle an.
Großmamachen schalt und prophezeite Schmerzen, aber Wilhelm war frisch und tatkräftig nnd ging, aus dem Wagen steigend, sogleich in den Hof, wo er mit Meinert einiges für den nächsten Tag zu besprechen hatte. Edeltrant hingegen eilte hinauf in ihr Zimmer. Noch nie im Leben hatte sie dies fülle Asyl mit all den Bildern und Andenken aus der Kinderzeit so oft betreten wie in dieser letzten Zeit. Sonst pflegte sie sich hier oben nur so lange aufzuhalten, wie es das Anziehen für den Mittag erforderte. Alles, was ihr erfreulich oder befremdlich war, trieb sie in Wilhelms Nähe, fein Zimmer unten war es, wo sie sich aufhielt, um jeden Gedanken mit ihm zu teilen. Jetzt war da plötzlich eine Grenze gezogen, als fei ein Schlagbaum über ihren Lebensweg gefallen. Mit dem, was jetzt ihr Hertz beschwerte, konnte sie nicht zu ihm, denn von ihm kam es ja. So saß sie manche freie Stunde oben allein und versuchte, mit sich ins klare zu kommen und die Furcht vor dem Akleinstehen zu überwinden. Sie mußte es ja doch lernen, es war für sie nur entsetzlich schwer.
Zu diesem Seelenschmerz gesellte sich heute noch ein anderes Unbehagen. Sie hatte in der letzten Zeit gar nicht mehr an Loysen gedacht, aus den sie sich doch so stürmisch gefreut hatte. Das Ungeheuerliche, was in ihr Leben gegriffen, stellte alles andre in den Hintergrund, Einer Ada Valois war es Vorbehalten, den Gedanken an den Freund, bett sie ihren zweiten Bruder nannte, wieder in Kraft treten zu lassen. Ihren ersten Bruder steht sie im Begriff zu verlieren, und es scheint, ein gleiches Schicksal steht ihr mit dem zweiten bevor.
Es war ihr noch ganz unglaublich, diese Wiederholung der Geschichte von zwei Herzen, die sich nach Jahren wiedergefunden — aber es schien doch an dem zu sein. Vor ihr stieg die berückend schöne, hoheitvolle Erscheinung auf, an welcher jeder Zoll zu sagen schien: Ich siege, wo ich siegen will! —
Sie suchte nun nach Loysens letztem Brief. Dazu war sie eigentlich hier herausgerommm. Da hatte ja so etwas drin gestanden, worauf sie sich nicht mehr recht besinnen konnte. Der Brief fand sich in der Tasche des Kleides, das sie damals getragen hatte. Nicht mal eingeschlossen hatte sie ihn. Nun trat sie damit ans Fenster, um den Abendschein zum Lesen zu benutzen, nnd las halblaut mit emporgeKogenen Brauen wie staunend. Mein Himmel, was ist das für ein Brief, über den ihr Blick damals verständnislos und gleichgültig hingeglitten war! — Dieser Brief, der mit den Worten schließt: „Es ist etwas sehr Schönes und Liebes, dem ich mit dieser Ungeduld im Herzen entgegeneile, etwas, das längst hätte mein sein sollen!"
Eine kleine Falte grub sich zwischen ihre Brauen. Ja, das war hübsch klar. Auch den soll sie verlieren.
Sie empfand erst jetzt, wie nah er ihr durch den zweijährigen Briefwechsel getreten war, wie er so fortan ganz in ihr Leben mit hiuemgehörte, wie sie immer bei sich gedacht hatte: Komm nur! — Du, Wilhelm und ich — es wird herrliche Zeit!
Und jetzt? Es kam ihr vor, als stünde sie ganz verwaist, allein, hungernd und frierend auf weiter Flur. . . jene beiden hatten sie dort stehen gelassen und gingen ihre eigenen Wege, eint jeder dorthin, wo sein Herz ihn hinzog.
Eine lange Weile stand sie nnd ließ diese neue bittere Er- kenntnis über sich hingehen — es war schier zuviel — zuviel!
iFonsetzung folgt.)
Napoleon III.
(Geboren den 20. April 1808.)
In seinen „weltgeschichtlichen Betrachtungen" spricht Jakob Burckhardt davon, wie schwierig cs vst den Mitlebendcn sei, „Größe zu unterscheiden von bloßer Macht". Dagegen sei die Nachwelt gar streng gegen solche Männer, „die einst bloß mächtig gewesen sind, nnd malt sich dieselben ins Schlimmere aus." Das außerordentliche Ansehen, das Napoleon III. in der Zeit seiner höchsten Machtensaltung genoß, und die jähe Nichtachtung, der er nach seinem Sturz fast allgemein anheimfiel und die noch heute von seinem Namen nicht völlig geschwunden ist, sind eine Bestätigung dieses tiefsinnigen Gedankens. Napoleon III. gehörte zu jenen Persönlichkeiten, die nur mächtig waren, und weil seine Gestalt der Ewigkeitszüge ermangelte, mit den großen geistigen Ideen seiner Zeit nicht notwendig und untrennbar verbunden war, ist et hingezogen über den Staatenhimniel Europas wie ein unruhig flackernder Komet, überall Anfrcguiig und Wirrnis auf seiner Bahn verbreitend, um dann plötzlich zu verlöschen. Bismarck hat schon 1856, gerade als Napoleon III. im Zenith seines Einflusses stand, diese allgemeine Ueberschätzung, an der auch Friedrich Wilhelm IV. teilnahm, richtig erkannt, wenn er dem! König sagte: „Ich habe den Eindruck, daß der Kaiser Napoleon


