Ausgabe 
22.2.1908
 
Einzelbild herunterladen

119

weiter zunehmenden Blutung und einer Verletzung des Herzens selbst nicht mehr gezweifelt werden konnte. So entschloß ich mich am späten Abend des zweiten Tages etlöfl 30 Stunden nach der Verletzung zur Operation.

In Chloroformnarkose Bildung eines großen, rechts gestielten Lappens. Nach doppelter Unterbindung der Adern und Venen und nach vorsichtigem Abschieben des unver­letzten Brustfells wurden zuerst der vierte und fünfte Rippen­knorpel, schließlich das Brustbein oben und unten, teils mit der Kuochenschere, teils mit dem Meißel durchschnitten. Nun ließ sich, ohne daß es zu einer Verletzung des Brust­beins gekommen war, den Lappen leicht nach rechts herüber- klappen. Sofort nach Eröffnung des Herzbeutels stürzt in großem Bogen dunkles Blut hervor, im ganzen viel­leicht 200 Kubikzentimeter. Schnell wird die Inzision im Herzbeutel erweitert und das in ganzer Ausdehnung frei­liegende Herz emporgehoben.

An der Vorderseite des Herzens war außer einer linsen­großen Blutunterlaufung an der Spitze eine Verletzung nicht sichtbar, dagegen sah man, nachdem das Herz nach rechts herübergeklappt war, hinten an der Spitze eine etwa li/2 Zentimeter lange, in der Mitte 0.5 Zentimeter breite kraterförmige, von zerfetzten Rändern begrenzte Wunde, die, während das Herz gehalten uitb komprimiert wurde, nur- wenig blutete. Mit drei feinen Seidenknopfnähten wurden die Wundränder exakt vereinigt, der Sicherheit halber wurde auch durch die blutunterlaufene Stelle eine Seidennaht gelegt. Das Halten des überaus kräftig arbeitenden Herzens während der Anlegung der Nähte war trotz der schon zur Vorsicht über die Gummihandschuhe gezogenen Zwirn­handschuhe schwierig und erforderte ziemliche Kraftaufwen­dung. Jedesmal, wenn behufs Anlegung einer Naht auf der Rückseite das Herz nach rechts herumgeklappt tvurde, wurde gemeldet, daß der Puls klein und kaum fühlbar fei, und er wurde sofort normal, wenn das Herz in seine natürliche Lage zurückgebracht wurde.

Nachdem alles Blut sorgfältig aus dem Herzbeutel entfernt worden war, wobei man an der linken Seite die durch ein Blutgerinnsel geschlossene Einschußöffnung in den Herzbeutel sah, ivurde die Einschnittwunde des Herzbeutels durch Catgutnähte vollständig geschlossen,, der Hautknochen­lappen zurückgeklappt und nach Ausschneiden des geschwärz­ten Schußkanals eingenäht. Unter den Lappen wurden em Drain und einige Jodosormgazestreifen geschoben.

Der Patient überstand den Eingriff sehr gut, die At­mung wurde sofort ruhiger und war nach wenigen Tagen ebenso wie der Puls normal. Der Wundverlauf war voll­kommen aseptisch; anfangs bestand ein gewisses Druckgefühl auf der Brust, bc§. aber auch bald verschwand.

Am 22. Juli 1907 verließ der Patient das Bett, und am 5. August 1907 konnte er geheilt aus dem Ktankenhause entlassen werden. Er blieb auch weiterhin gesund, der Lappen ist knöchern fest eingeheilt, weder am Herzen noch an den Lungen sind Mweichungen von der Norm nachweis­bar, und er leistet ohne jede Störung seine volle Arbeit als Tischler in einer Klavierfabrik wie vor der Verletzung."

Wo die im Körper steckende Kugel sich befindet, vermag Professor Sultan nicht zu sagen, sie ist weder mit dem Durchleuchtungsschirm sichtbar zu machen, noch ist es in zahlreichen Röntgenaufnahmen gelungen, sie zu entdecken. Professor Sultan nimmt an, daß die Kugel durch den Schat­ten eines Mrbelkörpers und wahrscheinlich auch durch den Leberschatten verdeckt sein wird.

Ae-eraustrengMg als Arankheitsmsache.

Wenn auch die einzelne Ueberanstrengung von Körper oder Geist nicht gleich von nachhaltigem Einfluß auf unseren Gesamtorganismus zu sein braucht, so kann doch ein öfteres Ueberanstrengen zu vorübergehender oder gar zu dauernder Schädigung derjenigen Organismen führen, denen wir zu­viel zugemutet haben. Es gibt nur zu viele Menschen, die ihrem Körper ein Uebermaß an geistiger oder körper­licher Kraftleistung zutrauen und die dann plötzlich vor­der Erkenntnis stehen, daß sie sich in ihrer Gesundheit geschädigt haben. Neber die verschiedenen Arten solcher Ueberänstrengung machte Sanitätsrat Dr. Dippe in Leipzig jüngst recht beachtenswerte Mitteilungen, aus denen wir y. a. folgendes entnehmen:

Man muß zunächst unterscheiden zwischen einer Nebcr-

anstrengung des Herzen und zwischen solchen Erscheinung gen, die auf eine Steigerung der Körpertemperatur im allgemeinen hindeuten. In einem in seiner Gesamtkonstitu­tion schwachen Körper kann schon eine einmalige, über ba§' gewohnte Maß hinausgehende Anstrengung zu einer dauern-, den Schädigung führen. Die Menschen sind eben körper­lich und geistig von der Natur so verschieden ausaestattet, daß die gleiche Arbeit von dem einen mühelos, von dem andern dagegen nur mit Anstrengung geleistet werden kann. Hier ist das bei beiden, bei dem Kräftigen wie bei dein Schivachen gleich ausgebildete Gefühl der Er­müdung ein Gradmesser, an dem inan erkennt, inwieweit man dieser oder jener Arbeit gewachsen ist. Wir können uns aber auch dadurch vor Ueberanstrengung schützens daß wir Körper und Geist in steter Spannung erhalten, daß wir beide nicht erschlaffen lassen. Durch regelmäßige Hebung werden die Muskeln gestärkt, sie erhalteil jene Elastizität und Widerstandskraft, die sie auch zu angestreng-' terer Arbeit befähigt. Eine besondere Stellung in der menschlichen Muskulatur nimmt das Herz ein auch etrt Muskel, von dessen regelmäßiger Tätigkeit alle übrigen Funktionen int Körper angetrieben werden. Bedenklich wird daher eine Ueberanstrengung, wenn sie die Tätigkeit des Herzens beeinträchtigt; dann tritt leicht Herzerweite­rung und in deren Gefolge Herzschwäche ein. Solche Er­scheinungen können z. B. Vorkommen, wenn ein junger Mann nach dem Verlassen der Schule und beim Ein­tritt in einen Beruf gleich anfangs schwere Arbeit verrichten muß, der er, der unvorbereitete und ungeübte, naturgemäß nicht in vollem Umfange gewachsen ist. Auch sportliche Ueberanstrengung kann zu Herzaffektionen führen. Matt beule z. B. an einen Berg­steiger, der, bauend auf seine Gesundheit und Kraft, sich die Besteigung eines Gipfels vorgenommen hat und der dann plötzlich auf dem halben Wege erkennen muß, daß eine Herzbeklemmung, begleitet von sich steigernder Atem­not, ihn am Weitersteigen hindert. In gleicher Weise können andere Organe unseres Körpers durch zu starkes einseitigen Gebrauch überanstrengt werden. Sänger, Offi­ziere, Geistliche, Lehrer und ähnliche, auf den Gebrauch der Stimme angewiesene Berufe sind leicht der Ueberanstrengung des Kehlkopfes ausgesetzt, wenn sie dieses Sinnesorgan nicht besonders hüten und widerstandsfähig halten. Aehn- lich bestellt ist es mit Magen und Darm, die durch un­vernünftig starke Nahrungsaufnahme gefchwächt und dann untauglich werden zur Vornahme des Berbauuugsprozesses. All diesen Schädigungen läßt sich am besten vorbeugen' durch eine geregelte Lebensweise und Diät, durch früh­zeitige Stählung und Abhärtung des Körpers, durch weiss Verteilung von Arbeit, Ruhe und Schlaf auf das normale Maß. Es ist vor allem notwendig, daß das Turnen in der Schule ganz systematisch betrieben werde, nicht als' eine Nebendisziplin, sondern als ein Hauptlehrstoff int Stundenplan jeder Schule. Nicht darauf kommt es beim Turnen an, daß großartige gymnastische Leistungen ein­zelner hierzu besonders befähigter Schüler erzielt werben, sonbern darauf, daß die Gesamtleistungen aller Schüler, auch der schwächeren und wenig beanlagteu, befriedigen.

Schließlich noch ein Wort über die geistige Ueber­anstrengung, bei der es weniger auf das Matz, als auf die Art der Arbeit, die zu der Ueberanstrengung führt, ankommt. Geistige Ueberanstrengung äußert sich in einer gewissen nervösen Reizbarkeit und chronischer Schwäche, in Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Zerstreutheit und noch manchen anderen üblen Folgeerscheinungen. Vorbeugen kann man hier nur durch vollkommen geregelte, das nor­male Maß nicht überschreitende Arbeit, die mittags mtä abends unterbrochen werde durch Ruhe, Erholung und' Schlaf, sowie durch reichliche Bewegung an frischer Luft und durch geistige Zerstreuung (Lektüre, Musik, Spiel, Unterhaltung) nach getaner Arbeit. Nichts hebt den Men­schen mehr, nichts' macht ihn glücklicher, stolzer und zu­friedener, als. die. Arbeit, die sich als. Erfolg für M