Ausgabe 
22.1.1908
 
Einzelbild herunterladen

- 46 -*;

fflV ihre Stinte lebte. Dieses Idol War zerschlagen' ein )teuc§, bisher noch uugekauutes, war erstanden, ihm gehörte all ihr Tonten. Sie lebte nur noch siir ihm, lebte von einem Wieder­sehen zum andern, verrichtete ihr Tagewerk im Haudschuhladew hkit derselben autonnllenhasten Sicherheit wie bisher und dachte dabei an ihn. Ob er kommen würde? Ob sie ihm zufällig be­gegnen mürbe? Ob er sie noch liebe? Und während sie rech­nete oder die Kunden bediente und nie einen Fehler machte oder «ine richtige Antwort versäumte, ersann sie sich schon neue Ber- schöncrrmgei» ihres Zimmers, die aus nichts entstehe,« sollten . . . Denn er sollte cs hübsch und traulich bei ihr finden. Auch das, sie sich Sonntags von ihm Blumen schicken ließ, geschah nur um seinetwillen. In irdene Näpfe und Schalen, wohl auch in «ine mit Goldpapier überzogene alte Weinflasche gesteckt und so verteilt, Ivie sie am besten zur Geltung kamen, schmückten und durchdufteten sie das ganze Zimmer. Sie liebte Blumen nicht, hätte sie nie vermißt, aber aus seiner Hand empfangen, nahm sie dieselben wie etwas Lebendiges, in ihr Dasein Uebergegaugenes entgegen, hegte sie sorgfältig und beobachtete ihr Erblühen und Welken mit abergläubischer Angst: Wie lange wirst du leben? Wirst du seine Liebe zu mir überdauern? So fragte sie die Blüten, denn von Beginn an quälte sie der Gedanke an das Ende dieses so wild aufgeschossenen Glückes.

In den Laden der Jahn kam er fast nie mehr. Das war auch besser so, sie mußte ihm recht geben. Aber arme Augenblicke laute«, in. denen es nichts zu verkaufen und nichts zu buchen «gab, dann saß sie geisterhaft wie ein Gespenst in ihrer Ecke hinter dem Ladentisch und starrte mit glühenden Augen nach der Glas- tür. Die Ladeninhaberin, welche ihr hin und wieder einen mit­leidigen Blick zuwarf, riet dann wohlmeinend:Schaffen Sie sich doch einen Strickstrumpf an, Fräulein Becker, bann würden Sie Wicht so viel daran denken, daß es mit der Sängerei mal nid) jeht!"

Und das Mädchen schwieg und dachte unausgesetzt: Wird er fe)armen? Hat er mich schon vergessen?

Er kam. Entweder trafen sie sich im Tiergarten oder wenn er fürchtete, dort Bekannten zu begegnen, in irgend einer Straße, Jdo er davor sicher war, oder nach Ladenschluß in ihrer Wohnung. Sah er hier mit Staunen, wie sehr sie es verstanden hatte, das armselige Stübchen auszuputzen und zu verschönern, und ließ durchblicken, daß ihm dies peinlich und beschämend sei, so versuchte sie, seine Bedenken wegzuscherzen, doch was sie lachend vorbrachte, war ihr bitterer Ernst:Laß mir doch Meine hungrige Freiheit, Loys, weshalb willst du mich fesseln, kaufe», erniedrigen? Ich bin nicht deine Sklavin. Nimm mir das stolze Bewußtsein nicht, reich zu sein, schenken und be­glücken zu können!"

Tsas rührte ihn nun wieder. Sie konnte sehr reizend und sehr liebenswürdig sein in dieser neuesten Metamorphose ihres Wesens aber beglückte sie ihn wirklich? Er hatte kein Werständnis für djas krankhafte Uebernvaß ihrer Leidenschaft, aber er fühlte sich immer wieder von ihr angezogen, seit ihr Wesen to plötzlich alle Schärfe, alle Härte verloren hatte und sie nur llvch für ihn zu existieren schien.

Als er nun erst wieder zur Besinnung kam, begann ihn fauch schon Reue und Unbehagen zu quälen. Er meinte es zu gut Mit seinemarmen Ding", um sich nicht mit Besorgnis zu fragen, wie sie mir die unvermeidliche Trennung überleben sollte. Um ihretwillen versuchte er manche,! Tag fernzubleiben, aber dann erhielt er jedesmsal ein flehendes Briefchen von ihr. Sie mar immer am Rande der Verzweiflung, wenn ein erhofftes Wieder­sehen scheiterte und so tat er beim, was er noch vor wenig Wochen für eine Unmöglichkeit erklärt hatte er kam um Nachurlaub ein, obwohl sein Arm so gut wie hergestellt war. Er unternahm Ritte und Fahrten mit Anne Marie, war auf Rennplätzen zu sehen und nahm alle Einladungen an. Er meinte, je mehr er sich zeige und an der Geselligkeit Anteil nehme, desto weniger werde »An erraten, was ihn hier festhielt.

, Tsabei sank das Nebenleben, welches er führte, immer tiefer Ml den Grund jenes breiten Stromes herab, der sein Lebens­schiff trug. SeriW Beziehungen zu dem armen Schattenwesen da unten konnte er unmöglich ins helle Licht seines Tageslanfes mit hinein nehmen, ja, um ihretwegen mußte, er wünschen, nie in ihrer Gesellschaft gesehen zu werden.

I« diesen Tagen kant seine älteste Schwester, Marie Anne twN Recknitz, deren Mann ein Großgrundbesitzer in Schlesien war, nach Berlin. Sie hatte die Reise gern unternommen, um die Schwester zu besuchen undHelmi" nach seinem Unfall wieder zu sehe«. So verschieden die beiden Schwestern auch waren, in der Liebe zu dem jüngeren, einzigen Bruder waren sie sich gleich. W wetteiferte eilte mit der andern, »nb auch der Wunsch, ihn

bald und glücklich verheiratet zu sehen, war bei beiden gleich stark vorhanden. Frau von Recknitz war eine vielbeschäftigte Hausfrau und konnte nur drei Tage von ihrer Familie fern- bleiben, so wirr es natürlich, daß der Bruder sich ihr in diesen Tagen ganz widmete.

Drei Tage lang wartete also Luisaue vergeblich auf ihn und sie wußte nicht einmial, was ihn abhiekt, ihr ein Lebenszeichen zu geben. Ein Billett, welches sie ihut schrieb, blieb mibemtfa wortet. 1

Am dritten Tag saß sie in der Mittagsstunde im Laden und packte eine Sendung Prager Handschuhe aus. Ganz spitz und hohläugig War ihr Gesicht in den Tagen des Wartens und der Zweifelsgual geworden. Mit zuckenden Händen schob sie die verschiedenen Päckchen in ihre Behälter, sprang dann zum Pult und suchte nach einem Bogen und Kuvert. Daran tu ar nichts Auffälliges, sie führte auch die Geschüftskorrespondenz.

Lassen Sie man den Brief an Meyer'n noch," sagte Fran Iah» aus der Hitilerstube tretend,ich will mir's noch über­legen. Rechnen Sie mir doch mal im Buch die Außenstände zusammen."

Ja," sagte sie, nahm« das lange schwarze Buch vor, beugte sich tief darüber und schrieb auf ein weißes Billett: Ich sterbe, wenn du nicht kommst . . .

Tu klirrte die Glastür und zwei Damen traten in den Laden, vornehme Tarnen, mit einem Etwas in Haltung, Stimme und Gesichtsschnitt, was Luisaue jaches HerMopseu verursachte feine Stimme, seine Züge, namentlich bei der einen, die statt­lich und blühend, gerade solche graublaue, dimkelbewimperte Augen hatte.

Fmu Jahn stand schon auf ihrem! Posten, beflissen und diensteifrig. Ob sie Handschuhe eintausche? Ter Herr Bruder habe nicht ganz die richtige Nunmuer getroffen? Aber natürlich tausche sie ein. Sie bitte die Damen nur zu wählen. , Ja, diese hier dürften besser passen. Ob die Handschuhe sonst ihren Beifall hätten? So sehr, versicherte die eine Dame so liebens-! würdig, daß sie sich noch ein halbes Dutzend mitnehmen wolle.

Während Frau Jahn suchte und verglich, sprachen die beiden leise und heiter zusammen.

Tie von ihnen noch gar nicht bemerkte kleine schwarze Person am Pult beugte den verzansten Kopf tiefer und tiefer, strengte das Ohr zum äußersten an, daß ihr doch nichts entgehen möge. Allerlei Namen, kleine -vertrauliche Mitteilungen sing sie auf, es hatte «lies Bezug auf ihn, gehörte zu feinem Leben, blieb ihr aber ganz unverständlich. Sie zerdrückte das kleine Papiersetzchcu in ben Fingern und drückte die Zähne auf die Handknöchel, um ihre Aufregung zu meistern. Erst als die Blonde, Rosige sagte: Wir wollen Troß und Hellmuth nicht länger warten lassen," fuhr sie aus und sah, daß vor dem Laden ein offener, hoher Wage« mit ungeduldig stjampsenden Pferden hielt, bereit Zügel ein hagerer, nachlässig dasitzender Herr führte. Neben diesem saß er Lohse»,

Tie Damen verließen ben Laden und ein Diener, der bisher vor den Pferden gestanden, half ihnen auf den hohen Rücksitz. Lnisane konnte sich nicht länger halten; ehe die erstaunte Frau Jahn begriff, was sie beabsichtigte, hatte sie die Klappe dis Ladentisches aufzeschlagen und fuhr zur Glastür hinaus. Tta stand sie, mit beiden Händen hinter sich ans Glas greifend und sah mit brennenden Augen em por.

Loysen sah seh« verstimmt aus und blickte an ihr vorüber ohne Gruß. Sehr gegen feinen Willen hatte Anne Marie plötzlich hier halten lassen, ohne daß er etwas dagegen hätte sagen biirfen. Was denn? Die nach Bandes an die Recknitz geschickten Handschuhe hatten sich doch als zu groß erwiesen und sollten emgetauscht werde».

(Fortsetzung folgt.)

Uunft- und Denkmalspflege in Hessen.

Obgleich im neuen Staatsvoranschlag für 1903 bei der Aufstellung der Anforderungen in den einzelnen Verwaltungs- zweigen mit größter Sparsamkeit zu Werke gegangen werden mußte, wird es mit der Pflege der Kunst und des Denkmals- wesens in Hessen auch im neuen Jahre nicht schlecht bestellt sein. Das neue Landesmuseum, das von den ersten deutschen Autoritäten als vorbildlich hingestellt wird, hat seine Anforderimgen von 62 800 Mk. im Jahre 1906 auf nahezu 100 000 Mk. im Jahre 1908 erhöht, worin für sachliche Ausgaben, d. i. für Vermehrung der kunst- und naturwissen­schaftlichen Sammlungen, Unterhaltung, Beaufsichtigung -G 49 940 Mk. angesetzt sind. Die Denkmalspflege er­freut sich in Hessen einer ganz besonderen Fürsorge»,