Ausgabe 
22.1.1908
 
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Mittwoch den 22. Januar

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8.

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Kelmuth von LWlen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

-Ohn'e sich nun noch .über das alles, was fie stäusmelnd vorbrachte, zu kümimeru, umfaßte er sie. und trug sie fast bis zur nächsten Fahrgelegenheit, hob sie in den Wägen und sagte den« sich verwundert umsehenden Kutscher:

Hotel Continental. Aber schnell! Ter Dau re ist unwohl."

Dann sprang er in den Wagen und setzte sich neben. Er dachte, sie würde, sowie das Gefährt sich in Bewegung setzte, irgend einen sinnlosen Sprung aufs Pflaster riskieren, aber ihre anfbäumendcu Lebensgeister waren plötzlich gebrochen.

Wie eilt Häuflein Unglück, haltlos, zufaiMneugesunken, lag sie in den Polstern. Der geliehene Mantel !var von ihren Schul- lern geglitten und hing unbeachtet halb über den Wagenschlag. In ihrem alten, schwarzen Afchenbrödelklcidchen sah sic wieder so erbarmungswürdig dürftig aus. Loyfen zog den Mantel herauf und versuchte ihn ihr wieder über die Schultern zu ziehen. Sie Vchtcte gar nicht darauf, sie hatte das Gesicht in beide Hände ge­drückt und weinte.

Das brachte ihn plötzlich um seine Fassung. Er nahm ihr die Hände vom Gesicht, küßte ihr die Tränen von den Augen, zog ihren Kopf an seine Brust und hielt ihre beiden eiskalten Hände in seiner warmen, gesund pulsierenden Hand. Eine Woge von Mitleid überflutete sein Herz.

Armes Tierchen!" wiederholte er nur immer, es fiel ihm nichts Besseres ein.

Sie lief; cs alles geschehen ein. Balsam! für ihre Qual mußte darin liegen, denn nach und nach wurde sie ruhiger endlich hob sie den Kopf und sah ihn lange an mit tränenheißen Augen:

Nicht alles habe ich verloren dich habe ich noch dich"

Seine Kameraden hätten ihm dies Ende spöttelnd Voraus­sagen können er selbst hatte cs von Anfang an viel zu ehrlich mit demarmen Ding" gemeint, um es für möglich zu halten, das; je ein Tag kommen könne, au dcni cr ihr von Liebe sprechen und um Gegenliebe werben werde, bis sie, mit fortgerissen von seiner Erregung, an seinem Halse weinte:

.Ja, liebe mach und lehre mich, mein Unglück vergessen!"

1, VII.

Wenige Tage genügten und mit der Verzweifelten, deren Zukunftstraum von Künstlerruhm für immer zerschellt war, ging eine merkwürdige Veränderung vor sich. Die leidenschaftliche Auf­regung, welche sie seit Wochen beherrscht und ihre Niederlage iaus der Bühne mit verschuldet hatte, ergoß sich plötzlich in ein Neues Strombett. Dias Ziel, dem sie mit allen Sinnen zustrebte, hieß nicht mehr Ruhm, sondern Glück, lieber die Vergangene heil schien ein Vorhang gefallen, der auch die Erinnerung ab- schloß, und vor ihr stand nur noch der Mann,- den sie liebte, er allein bildete von Stunde au den Inhalt ihres Lebens.

Die Umwälzung war so schnell gekommen, daß er, der diese! Liebe geweckt hatte, fast vor der Heftigkeit derselben erschrak. Was bei ihm ein. aus gutem Mitleid und Sinnlichkeit zufammeuis gesetztes Geftihl war, schien bei ihr eine lodernde Flamme, diff sie zu verzehren drohte. Dabei blieb sie immer die Schenkende. So dringend er es auch forderte, daß sie sich nun von ihm> auS der Misere ihrer notdürftigen Existenz herausheben, ihr LebM verschönen ließe durch äußeren Komfort, es blieb alles Ivie bisher. An ihrem eisernen Willen scheiterte seine Forderung^ sie wies seine Hilfe und seine Geschenke zurück, sie lachte ißht! aus, sie verhöhnte ihn. Wie sie lebte, ob sie darbte, ob sie Hunger litt oder nicht, das ging ihn nichts an, das war ihre Sache nur Liebe heischte sie und gab auch diese doppelt zurück.

Sie hatte von Reichtum und Uebcrfluß geträumt ja= aber nur als Beweis und Begleiterscheinung erlangter Berühmt-, heil wäre äußerer Glanz ihr erwünscht gewesen, an sich war ihr jeder Luxus entbehrlich, sie hatte ihn nie gekannt und stand der Armut mit trotziger Gleichgültigkeit gegenüber.

Fran Jahn, welche au jenem Abend auch im Theater gewesen war und vom dritten Rang herab mit Schrecken die Vorgänge auf der Bühne verfolgt hatte, war gutmütig genug, sich aller Be­merkungen zu enthalten und die gescheiterte Sängerin, ass sie sich aut nächsten Tage im Geschäft wieder einstellte, auf ihrem. Posten zu belassen, als habe dieselbe niemals einen Anlauf ge­nommen, eine unsterbliche Berühmtheit zu werden. Nach einigem Suchen fand Luisane auch wieder eine ihren Mitteln entsprechende Wohnung, ein elendes Stübchen im Erdgeschoß, aus dessen Fenster tniau in einen Holzhof blickte und kaum einen Streifen blauen Himimel sehen konnte. Hier richtete sie sich nun so gut es ging ein und wurde plötzlich erfinderisch, die Dürftigkeit des. Gelasses durch lallte r Hand sinnreichen billigen Tand zu verdecken,, nur um Loysen zu beschwichtigen, der es nicht leiden wollte, daß sie hier wohne und sie mit seinen Bitten, eine gesunde, freund­liche Wohnung besorgen zu dürfen, wild machte. Also benutzte

sie jeden freien Augenblick, den sie erübrigen konnte, malte, klebte, kleisterte und hämmerte, und versuchte den srendloseni

Raum durch alte Tapetenreste, billige Kattnnbchänge,

buntes, in Fächer und Rosetten gefaltetes Seidenpapier ein Helles Ansehen zu geben. Sie durchwühlte ihren Koffer, fand Tüllreste und eilt altes buntes Tuch, zog rote Fäden in phantastischen Mustern durch den Tüll.und drapierte mit beiden das Fenster. Auf dem Tisch lag eine int Ausverkauf erstandene billige Deckff und was sie au kleinen, bescheidenen Niedlichkeiten besaß, Al­bums, Perlmutkerkästchen, einig' Bildchen, eine Porzellanfigich und ein SchIveizerhänscheu, stellte sie auf. Aus einem Jahrgang! derGartenlaube", den ihr die verstorbene Base geschenkt hatte, schnitt sie die Illustrationen, kolorierte sie mit Hilfe eines .Kiluder- Malkaskens, umklebte sie mit Rahmen aus buntem Papier und schmückte die Wände damit. Tie Fächer ans Seiden Papier, einige ulte Schleifen, einige Schilfhalme wurden effektvoll hier und da zwischen den Bildern angebracht. Nach und nach nahm diese, emfigff Tätigkeit, mit der sie oft bis in die Nacht schaltete, eine fast krank­hafte Ausschließlichkeit an. Es war, als habe es nie eine Luisanff gegeben, die sich in fieberhaftem Ebraeiz verzehrte und nun