Ausgabe 
21.12.1908
 
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* da fuhr sie zerstört wie aus schweren Trauuren auf, stieß seine Hand zurück und starrte ihn an mit ihren heißen, verweinten Augen, als sähe sie einen Fremden vvr sich.

Anne Marie!" wiederholte er leise, fassungslos.

Sie hob die Hand und stieß ihn »um zweiten Male zurück, ihr Antlitz war so starr und fremd lute das ihres Kindes, hart tiub schneidend klang ihre Stinrme durch den stillen Raum:Dein Kind starb und Du warst nicht da!"

Herzlieb, besinne Dich," mahnte der Mann', dem ihr An- Llick die Tränen heiß, in die Angen trieb aber die aus allen Fugen gerissene Frauenseele veruatzin den Klang dieser milden Morte nicht, wie leerer Schal! hallten sie in ihr vorüber.

Sie entwand sich seinen ausgestreckten Annen und schritt langsam, unsicher durchs Zimmer. Als sie an des Kindes Bettchen vorüber kam, blieb sie stehen und starrte wie geistesabwesend darauf hin. Und daun schüttelte eI iic wie wildes Entsetzen, sie warf die Arme in die Luft und brach üt die Kniee.Mein Kind, mein Kind!" schrie sie in herzzerreißendem Jammer auf und nach einer Meile und mit einer Bitterkeit ohnegleichen:Und Dein Vater war nicht da..."

Wie die nächsten schweren Läge vergingen', Hans Birkholz, wußte es nicht. Aus dem Chaos von Jammer um den toten Liebling und Herzeleid uni die schwer leidende Mutter rang sich ein Gedanke mächtig und immer mächtiger im Geiste des Mannes empor. Der Vater hatte keinen Anteil daran, nur der Arzt. Er trollte das verborgene tückische Leiden kennen lernen, woran sein Kind zu Grunde gegangen, das unzählige kleine, lebensfrohe Geschöpfe hiuabriß in den dunklen! Abgrund. Sein väterliches Empfinden bäumte sich gegen diesen Gedanken auf, schreckte davor zurück wie vvr schwerer Sündenschuld doch der unbeugsame Wille des ArztcS siegte.Zum Wohle der Menschheit," hatte er sich geschworen, als er den schweren Beruf erwählte treu diesem Mort war sein ganzes Wirken eine ununterbrochene Kette von Mühsal und Opfern mt dem eigenen: Ich und trostbringender Hilfe für seine leidenden Mitineniünn gewesen. Vorwärts hatte er gestrebt Schritt für Schritt hier aber stand er vvr dem großen Rätsel, das die Schatten des Todes in sich schloß, er wollte es lösen, es mußte sich ihm offenbaren! Mit harter Hand drückte er gleichsam das aufznckende Vaterherz, zusammen, sein eiserner Wille' zwang die menschliche Schwachheit; ohne jemandem ein Wort zu sagen, schloß er sich in sein Zimmer ein und sezierte die Keine Leiche die Leiche seines Kirckes.

Wie sie es erfahren, wußte Anne Marie vielleicht selber kaum. Ob Miela ein unvorsichtiges Wort geschwätzt, ob der In­stinkt der Mutterliebe es ihr verraten genug, sie wußte davon; und wie sie in guten Tagen mit einer gewissen Scheu, aber doch in gläubigem Vertraue» zu der geistigen Größe ihres Gatten empvrgeblickt, so bäumte sich jetzt, in diesen Tagen des Jammers, alles in ihr das Weib, die Mutter, ja selbst das rein menschliche Empfinden gegen das Tun ihres Mannes auf, dessen hohe Beweggründe sie nicht begriff. Grausam, un- Menschlich, nannte sie ihn' nicht wert, ein Vater gewesen zu sein, und all diese tödlich verletzenden Worte, die sie ihm, ihrer selbst kaum mächtig, ins Gesicht schleuderte, nahm er schweigend hin in dieser Stunde durfte er nicht rechte»' mit dem unglück­lichen Weibe, das seine ernste, ruhige Erklärung überhaupt erst gar nicht zu fassen vermochte. Wie ein eiserner Reif legte sich all der Jammer, die Bitternis dieser Tage und Stunden um sein Herz und preßte es zusammen, daß er daran zu ersticken glaubte. Die Frau ging stumm und tränenlos, mit hartem Antlitz und heißen Augen int Hause umher und an ihm vorüber; er hob zuweilen, fast unwillkürlich, die Hand, um die ihre festzuhalten, sie an sich zu reißen, als das letzte, was ihm noch geblieben sie stieß die treue Hand zurück und sagte mit ihrer heiseren, klang­losen Stimme:Rühr' mich nicht an ich kann es nicht er­tragen !"

Der Tag des Begräbnisses kam und mit ihm Anne Mariens Eltern.

Die Mutter, eine heitere, verständige Frau, bezwang tapfer das eigene Herzeleid um das lote Enkelchen, und bemühte sich in liebreicher Fürsorge um ihre teilnahmslos dasitzende Tochter, deren schmales, verhärmtes Gesichtchen kalt und weiß wie ein Marmor­bild aus dem schwarzen Krepp der Kleidung hervorschaute. Der Weichherzige Vater konnte sein Kind nicht so bitter leidet: sehen, die öde, ungemütliche Häuslichkeit, der man die Vernachlässigung der letzten Tage anmerkte, bedrückte ihn, er nahm alsbald den Schwiegersohn ans die Seite und flüsterte:An: besten, wir nehmen das Kind init, Hans; zu Hanse wird sie sich eher wieder besinnen."

Hier ist ihr Zuhause," erwiderte Birkholz kurz.

Freilich, freilich, mein lieber Sohu, Aber bedenke doch Mr, du bist dm Halben Tag fort, dann sitzt sie ganz allein und

hangt ihrem Kum'mer nach!. Besser, sie kommt eine Zeitlang zu uns, da sind die Geschwister, die sie aufheitern mrd zerstreuen, und die Mutter so eine Mutter weiß doch am besten mit ihrem Kinde umzugehen."

Ich. dächte, der eigene Mann sollte dies am besten verstehen/' lautete die bittere Antwort.

An ihir, den Vater, den des Kindes Tod doch mit gleicher Härte getroffen, dachte niemand; mochte er sehen, wie er allein mit sich und seinen: Kummer sertig wurde!

Er wollte Anne Marie selber befraget:, sie bitten, bei ihm zu bleiben, aber sie wich ihm aus sogar ihr Bett hatte sie zur Mittter hiuübertragen lassen, um nur nicht mit ihrem Gatten allein zu sein. Zu all den: Bittet: und Drängen der Ihrigen sprach sie kein Wort, keine:: Blick hatte sie für das abgehärmte Antlitz ihres Gatten, kein Verständnis für die stumme, traurige Bitte seiner Augen: gleichgültig ließ sie es geschehen, daß die Mutter, um die Gesundheit der. Tochter nun ernstlich besorgt, ihre Sachen zusammenpackte und zur Reise rüstete.

Birkholz gab endlich den: Dränget: und Zureden seiner Schwiegereltern nach, müde und mürbe vot: allein Elend der letztet: Tage und während auf das kleiue, mit Kränzen bedeckte Grab die ersten Schneeflocken niederrieselten, brauste der Nachtzug über die weite Ebene dahin, der Anne Marie und ihre Eltern der alten Heimat entgegeuftihrte.

Und Hans Birkholz blieb zurück jetzt wieder doppelt allein. Seine Magenfahrt an jenem Unglücksnwrgen siel ihm eit:, und seine eigenen Gedanken dabei. Er lachte bitter vor sich hin: der Menschei: Gedanken zerstieben Ivie Spreu im Winde. Nun war. er ja wieder der einsame Spatz einsamer denn je! Hatte er wirklich einmal Weib und Kind besessen? Ter eiserne Reifen legte sich fester und fester mit sein Herz, als ein Tag um den anderen verging, ohne daß sein Weib ihm wiederkehrte, ohne daß auch nur eit: Briefülatt mit kargem Gruß zu ihn: geflogen kam. Er giug seinen Weg nach, so pflichttreu wie früher, tuiv schweigsamer noch als früher und wenn cs etwas gab, was diese freudlosen, einsame:: Wege erhellte, so war es das Be- wußtseiu, drei oder vier jener kleinen, wimmernden, hilflosen Geschöpfe den: Tode entrissen zu haben, weil er in: Leibe seines! eigenen Kindes unter tauseich Schmerzen des finsteren Rätsels Lösung gefunden. Die Tage kamen und gingen einmal, als er in einem Schubfach etwas suchte, geriet ihm! ein weiches, feines, himmelblaues Kinderkleidchen in die::de. Er saß lange und starrte auf die schöne kunstvolle Stickerei und merkte cS nicht, daß ein paar heiße, schwere Tropfen daranf niedersielen bittere Tränet: des Mannes, die in leincr Seele brannten wie glüheN-t des Blei.

*

Anne Marie war nun daheim, und was Elternliebe ver­mochte, geschah, um sie ihren: finsteren Brüten zu entreißen, denk sie sich einen Tag wie den andern in eigensinnigem Schweigen hingab. Aber der sorgenden Liebe der Mutter, die in < freund­lichem Drängen auf sie eittredete, widerstaud ihr verdüsterter: Geist ebenso wie den naiven Ausheiderungsversuchen der Ge­schwister.

Wenn alle Mütter so verzagen wolltet: wie du, was sollt« dann werden?" sprach die Fran, die sich in guten und bösen Tagen jhrei: heiteren Lebensmut betvahrt hatte.Mir nahm der liebe Gott zwei schöne blühende Kittder. Dein Vater war iw Verzweiflung, und ich war es, die ihn trösten mußte. Ich durst« nicht Tage und Tage lang sitzet: und jammern."

Ich jammere ja nicht," gab die Tochter zurück.

Aber du gr-ä:i:st dich alle Tage tiefer in dein Leid hinein." Ach, laß mich, Mutter! Du verstehst mich doch nicht!" Ich verstehe dich wohl, mein Kind. Wer selber solch eiiti kleines liebes Geschöpf zur letzten Ruhe legen tnußte. . ." sie wandte sich ab verschmerzt eine Mutter je den Tod ihres Kindes?

Anne Marie bemerkte es wohl, und in ihrem «erzen gnoll es auf. Leise fragte sie:Mir der Vater bei dir, als deine Kinder starben, Mama?"

Und die Mutter, in jette schmerzliche Erinnerung versunken/ erwiderte:Gewiß war er bei mir..."

(Fortsetzung folgt.)

wie Kriedrich Hebbel Weihnachten feierte.

Von Kurt Küchler (Gr. Flottbek).

Das Fest der Weihnacht war für Friedrich Hebbel stets wie ein schöner, milder Stern, der auch durch das trübste und ,sorgen­schwerste Jahr freundlich und erlösend leuchtete. In dte letd- volle, von: Kinde freilich kaum gefühlte, aber vom Knaben schon auf das bitterste empfundene Armut, des Elternhauses und tn das