Ausgabe 
21.11.1908
 
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Vermischter.

* D ie Gefahren d er E ssiges se uz. Unter diesem Titel veröffentlicht der Oberarzt am evangelischen Kranlen- hans der Stadt Köln, Dr. L. Bleibtreu, in der letzten Sep>- tembernummer derMünchener Medizinischen Wochen­schrift" einen Aufsatz, der für alle, die für die Bestrebungen der Volkshygiene ein offenes Herz haben, von großen: In­teresse sein wird. Bleibtreu beschreibt zunächst drei Fälle von Vergiftung durch Essigessenz, die im städtischen Kranken­haus zu Köln zur Behandlung kamen und trotz Anwendung aller ärztlichen Kunst einen tödlichen Ausgang nahmen, und verweist sodann auf eine einwandfreie Privatstatistik, die bereits 132 Todesfälle infolge des Genusses von Essigessenz aufzählt. Bedenkt man nun, daß eine große Anzahl von Fällen überhaupt nicht bekannt wird, sei es, weil der Tod nicht sofort eintritt und kein Interesse vorhanden ist, seine Ursache zu eruieren, sei es, weil diejenigen Personen, die an dem Unglücksfall schuld sind, aus leicht' begreiflichen Gründen alles tun, um das Bekanntwerden der Todesur­sache zu verhindern, kann man die Sache keineswegs leicht nehmen. Dies umsoweniger, als zu den hunderten von Todesfällen sicherlich tausende von Fällen ohne tödlichen Ausgang kommen, in denen aber der Genuß von nicht rich­tig verdünnter Essenz zu dauernden, schweren Magenstörun- geu geführt hat. Diesen Konsequenzen hat sich denn auch die Reichsregierung nicht entzogen; auf tzwund einer kaiser­lichen Verordnung, die am 1. Januar 1909 in Kraft tritt, sind der Essenzindustrie eine Reihe von Kanteten auferlegt, die das Publikum vor den unmittelbaren Gefahren schützen sollen. Allein alle Vorsichtsmaßregeln sind nutzlos, solange unsere Hausfrauen nicht zu der klaren Einsicht kommen, daß Essigessenz in unverdünntem Zustand tödliches Gift ist und wie jedes andere Gift behandelt werden muß. Wer Essigessenz Kindern oder unerfahrenen Personen in die Hand gibt, handelt verwerflich und macht sich strafrechtlich ver­antwortlich.

* M u la y Hafid als Ha u s h e r r. Als Abdul Asis noch Sultan von Marokko war, so erzählt ein deutscher Journalist in Tanger, streute er das Geld, eigenes und ?-eliehenes, mit vollen Händen aus. Sein Haushalt allein ostete ihm monatlich gegen 45 000 Duros Hassani, das sind nach deutschem Gelde annähernd 120 000 Mk. Selbst unter dem Gesichtspunkte, daß davon alles lebte, was zu seiner näheren Umgebung gehörte, Beamte, Diener, Leib­wache, Haremsfrauen, Last- und Reittiere ujto. (im ganzen wohl an 1000 lebende Wesen) waren das übertrieben hohe Ausgaben, und es ist gewiß, daß ein beträchtlicher Teil dieses Hausstandgeldes in die Taschen der beiden Hofbeamten K, die für das leibliche Wohl aller Palastbewohner zu en hatten. Als dann Mulay Hafid in den Sultanspalast einzog, meinten die beiden Beamten, sie könnten ruhig weiter nach der alten Weise wirtschaften, und in dem ersten Monat unter dem neuen Sultan brachten sie ihre Rechnung ebenfalls noch auf die Höhe von 45 000 Duros. Aber zu ihrem Leidwesen rind zum Wohle des Landes ging Mulay Hafid den Sachen auf den Grund. Nachdem er sich die statt­liche Rechnung angesehen hatte, ließ er sich die beiden Be­amten kommen und hielt ihnen ungefähr folgende An­sprache: , Jhr behauptet, mein Hausstand koste monatlich 45 000, Duros. Seht mal, ich habe in meiner Umgebung, alles in allem, genau 120 Menschen und Tiere. Wenn wir nun alle wie die Tiger fräßen und täglich die besten und fettesten Sachen bekämen, wären wir doch nicht imstande, so viel Geld zu verzehren. Wir essen aber, wenn auch sehr gut, so doch auch sehr einfach und nicht mehr als andere Leute. Jetzt setze ich euch eine Summe fest, die auf alle Fälle genügen muß, auch wenn ivir in derselben Weise weiterleben wie früher. Ich bewillige euch für den Hausstand 5000 Duros, keinen Duro mehr, und wehe euch, wenn ihr diese Summe überschreitet!" Seitdem lebt der Hof in Fez fur 5000 Duros monatlich und verhungert nicht dabei. Der Sultan aber spart an seinem Haushalt allein monatlich 40 000 Duros, das sind im Jahre 480 000 Duros, gleich 2 400 000 Pesetas oder 1200 000 Mark. Auch für die Staats­kasse lvetß er, das Geld zusamnteuzuhalten, und er hat mehr Mittel, als man glauben machen möchte; wenn er vielleicht auch nicht imstande ist, die Schulden seines leichtsinnigen Bruders im Handumdrehen zu bezahlen, so wäre es doch

Redatttom E. Anderson. öiototioitobtud und Verla« 6« iöiü

em großer Irrtum, anzunehmen, daß er sich fit chronischer Geldverlegenheit befinde. Das kleine Haushaltgeschichtche», an dessen Glaubwürdigkeit nicht zu zweifeln ist, da es aus sehr guter Quelle stammt, zeigt jedenfalls schon, daß die Marokkaner keinen schlechten Griff taten, als sie fick Mulah Hafid zum Sultan erwählten.

* lieber die Befähigung der Mädchen für Mathematik veröffentlicht die Frkf. Ztg. Urteile, die von Schulen gewonnen worden sind, in denen Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden, und nur von sol­chen Lehrern, die den Gemernsam-Unterrtcht erteilen. Im Großherzvgtum Baden ist in den Mittelschulen (Ober-Real­schule, Realgymnasium, Gymnasium) gern ent) ante Erziehung eingeführt; diese hat sich aber für den Unterricht in Mathe- matik nicht bewährt, weil sich bei den Mädchen eine Minder- befähigung gegenüber den Knaben herausstellte. Schüle­rinnen, die Zierden der Massen bildeten und in allen an- dereit Fächern die Note 1 erhielten, mußten sich trotz alle« Fleißes in Mathentatik (auch in Physik) mit einer 3 be­gnügen. Auch in Amerika, deut Lande, voll dem die ge- meinsattte Erziehung ausgntg, ist man ebenfalls zur An­nahme einer Miitderbefähigung der Mädcheit für Mathematik gekommen. Auf dem Aiathematikerkongreß in Rom int Frühjahr 1908 hielt ein amerikanischer Gelehrter, David Eugene Smith, einen Vortrag über den mathematische« Unterricht in Amerika. Er berichtete, der Gedanke der ge- meinsamen Erziehung verliere in Amerika mehr und mehr Anhänger. Für den mathematischett Unterricht liege die Sache heute so: auf der unteren Stufe sei die gemeittsame Erziehung noch immer vorgeschrieben, auf der mittlere« Stufe sei sie gestattet, auf der oberen Stufe sei sie verboten» Alle im Laufe der Jahre in den Schulen gemachtett Erfah­rungen lassen als feststehend erscheinen, daß inGedächtuis- wissenschaften" eine Minderbesähignng der Mädchen nach- weisbar nicht vorhanden ist; eine bedeutende Minderbesähi- gung inproduktiven Fächern" Ivie Mathematik und Physik ist dagegen unverkennbar. Aus den Erfahrungen meinet? eigenen langjährigen Unterrichtspraxis kamt ich so fügt der Einsender der Zuschrift an die Franks. Ztg. noch hinzu anführen, daß ich nur ein einziges Mal eine Schülerin hatte, in der ich in praktischem kaufmännisch em Rechnen das Prädikatvorzüglich" hätte erteilen können; sie ent- stammte aber einer Kaufinannsfamilie nnt> war gleich ihrem gleichzeitig von mir unterrichteten Bruder schon ei: ige Zeit im elterlichen Geschäft tätig und hierdurch entsprechend vorbereitet.

Lilerari'ckes.

Otto Erich Hartleben, Ausgewählte Werke in 3 Bänden. Auswahl und Einleitung von Fran- Ferdinand Heitmüller. Berlin. S. Fischer. 1. Bd-: Gedichte. 2. Bd.: Prosa. 3. Bd.: Dramen- Als Otto Erich Hartlebe« am 11. Februar 1905 in seiner italienischen Villa Halkyone z« Salo am Gardasee die Augen schloß, war er ein weit über die deutsche Grenze hinaus gekannter und geliebter Mann. Allem Zeitlichen entrückt, losgelöst von aller Erdenschwere» tritt heute das heiter-ernste Werk seiner Kunst hervor. Dio dreibändige Ausgabe der Werke Hartlebens enthält das Wesentliche und Wertvolle seiner Dichtung. Die Auswahl ist. unter dem Gesichtspunkte getroffen, nur das Endgültigv dieses Dichters zu geben, das was sein Wesen am reinsten und charakteristischsten widerspiegelt und was inzwischen in das literarische Bewußtsein der Zeit eiitgedrungen ist. w.

Zitaten-Rätsel.

9(u8 jedeni der folgenden Zitate tst ein Wort zu nehmen, s» daß sich ein neues Zitat ergibt:

1. Tie Tat ist flnmm, der Geboriam blind,

2. Tem Unglück ist die Hoffnung zugesendet.

3. Der Wein erhent des Menschen Herz.

4. Jedes Weibes Febler ist des Mannes Schuld.

5. Sicher tst der schmale Weg der Pflicht,

6. Fallen seh' ich Zweig aui Zweige.

7. Betiüglich sind die Güter dteier Erden.

Auslösung in nächster Nummer;

Anflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Verlorene Zeit kehrt niemals wieder.

ildjee Unlvrrsnätü'Buch- und Stemdrucleret, Lt. Lange. Gieße«.