Ausgabe 
21.11.1908
 
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des Stoffes bemächtigt haben. In aller Munde ist die Bearbeitung des Poeten und Freiheitskämpfers Gottfried Kinkel (18151883), den Karl Schurz aus dem Spandauer Zuchthause befreite; sie erschien int Jahre 1846 und hat seitdem eine lange Reihe von Auflagen erlebt. Sie verbindet Innigkeit der Empfindung mit frischer uub anmutiger Dar­stellung, weiß das bewegte rheinische Leben «ttschaulich zu schildern. Dies ist das berühmteste und wohl auch beste Gedicht, das Otto bett Schützen feiert, aber nicht das einzige; mehr als zwanzig anderen Dichtern und Dichtgenossen hat die Sage voir dem abenteuerlustigen jungen Landgrafen zunt Vorwurfe eines größeren oder kleineren Werkes gedient. Der eine erzählt die Geschichte in der Form der Ballade »der des Heldenliedes, der zweite in Prosa, der dritte macht ein Theaterstück daraus, der vierte verarbeitet sie zum Operntexte. Aber so vielseitig die Gestalt ist, der Inhalt bleibt im großen und ganzen derselbe. Unter diesen Bearbeitern trägt mir ein einziger einen klangvollen Namen in der Weltliteratur, der Franzose Alexander Dumas der altere.

Die Tatsache bleibt bestehen, daß Volk und Dichter für Otto den Schützen eine auffällige Vorliebe hegten. Wenn man aber den geschichtlichen Kern der Sage heraus­schälen will, dann erstaunt man, daß nicht mehr übrig bleibt als der Satz: Landgraf Otto von Hessen hat Elisabeth von Kleve, die schon verwitwet war, als Gattin heim­geführt. Unwillkürlich regt sich der Gedanke, der Land­graf oder seine Gemahlin mußten Leiden erduldet, Taten vollbracht oder Eigenschaften besessen haben, die das Volks­gemüt begeisterten, einen bunten Märchenkranz auf ihr Haupt zu drücken. Nichts dergleichen läßt sich nachweisen. Elisabeths Persönlichkeit tritt in den Geschichtsquellen nicht besonders hervor; mir einmal wird berichtet, daß sich die hessischen Städte und Ritter der zum zweiten Male Ver- witweten schützeiid annahmen. Sie mag also nach Ottos Tode bedroht oder bedrängt sein, aber ans einer anderen Nachricht scheint hervorzugehen, daß ihr lange und schwere Verfolgungen erspart blieben. Und Otto selbst ist weder von einem derartigen Unglück betroffen, noch durch kriege­rische oder friedliche Taten bedeutend hervorgetreten. Dazu fehlte ihm die Gelegenheit. Teim er hat die Landgrafschaft Hessen ilicht allein beherrscht, sondern bloß als Mit­regent seines ilicht untüchtigen Vaters, der als Heinrich der Eiserne bekannt ist. Wohl führte er Kriege, aber nur im kleinen Maßstabe, nach der Gewohnheit der minber mächtigen Zeitgenossen, die in ihren Fehden friedliche Dörfer verbrannten, einzelne Feinde abfülgen und, wenn es hoch kaut, eine Burg berannten. Auch Verträge schloß Otto, aber ohne Mitlvirknng seines Vaters schiverlich einen voll größerer Wichtigkeit. Außerdem nahm er Anlehen auf denn geld­bedürftig war er wie fast alle mittelalterlichen Fürsten »der er verlieh einem Lehnsmanne ein Gut, aber das find doch keine Handlungen von allgemeiner- Bedeutung, die den Anteil der Menschen verdienen, sie verschaffen auch keinen Eiiiblick in sein Wesen. Bisher kannte man nur Urknuden Ottos des Schützen und die kurzen Berichte der alten Chronikschreiber. Jetzt werden aber sieben Briefe von ihm bekannt.*) Sie sind sämtlich deutsch und tragen bloß die lateinische Neberschrift: Otto lantgravius Hassie junior. Ter Landgraf hat sie nicht mit eigener Hand ge- fchrieben, sondern sie sind aus seiner Kanzlei hervorgegan- geit, also immerhin in seinem Auftrage unb unter seiner persönlichen Einwirkung Abgefaßt. Das^ spricht sich, auch schon beim Datum in der OrtsangabeSpangenberg ait£?. Atif diesem niederhessischen Schlosse hatten Otto und Enfa- beth ihren Wohnsitz in den letzten anderthalb Jahrzehnten ihrer Ehe. Dem Herausgeber ihrer Briese ist es gelungen, ihre Abfassungszeit genau zu bestimmen, sie gehören teils ins Jahr 1362, teils in die kurz vorhergehende Zett. Ihr Inhalt "betrifft Streitigkeiten des Landgrafen mit fernem

*) Im diesjährigen (41.) Bande der Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde Seite 1.217b..

Schwager, deut Herzoge Ernst von Braunschweig, mit dessen Lehnsleuten und mit seiner Hauptstadt Göttingen und der- gleichen. Haupt- und Staatsaktionen kommen auch hier nicht in Betracht, ebensowenig tragen die sieben Schreiben bei zur Erläuterung wichtiger Lebeusumstättde des Land­grafen; bei näherem Zttschauen lernt man jedoch einiges! Nene ztt Ottos Charakteristik. Eilt ziemlich schroffer Ton herrscht in mehreren Briefen, manche beginnen mit dem gewöhnlichen Eingänge der FehdeerklärungenWisset Ihr . . .", statt mit dem höflichen und üblichenUnfern Gruß zuvor" oderUnsere Gunst zuvor". Eine leicht er­regbare Natur scheint dem Landgrafen eigen gewesen zu sein, er neigte dazu, seinen Zorn auf alles zu übertragen, was irgend mit deut Gegner zusammenhina. Hatte er aber seinen Unmut überwunden, dann schlug er beinahe ins Gegenteil um und reichte rasch nud eifrig seine Hand zu guten Diensten. Fehlte ihm also auch der kühl äbwägende Diplomatensntn, der das Bolksgemüt am wenigsten an zieht, so ' bieten doch seine kitrzen, phantasielosen Briefe keine geuügeube Erklärung dafür, daß sein Name in ein so glän­zendes Licht gerückt ist. Folgerichtig übten die Geschichts­schreiber Zurückhaltung gegenüber Ottos Persönlichkeit; nur eine einzige Sonderarbeit beschäftigt sich mit ihm, und die. ist schon mehr als hundertundsünfzig Jahre alt (Joh. Herrn. Schminke). Das wird vielleicht anders, sobald das große Werk der Landgrafenregesten weit genug gediehen ist, vor­läufig spricht dieser Mangel historischer Abhattdluugen über Otto eine beredte Sprache.

Wenn man des Volkes unb der Dichter Zuneigung für den Landgrafen erklären will, so muß mau zunächst ans feine ihm karg zugemessene Lebenszeit Hinweisen. Er starb im Dezember 1366, nachdem er kaum die Mitte der bter^ger Jahre überschritten hatte. Otto und fein Vater hielten gerade eine Unterredung mit dem Erzbischöfe von Mainz, als der Sohn das Zimmer verließ und draußen so plötz­lich verschied, daß das Gerücht von einem Giftmorde um» ging. Das gab Gelegenheit, seinen Namen häufig und mit aufrichtigem Bedauern zu nennen, der erste Schritt zu einer Legendenbildnug war geschehen, bet der das Mit- leib eine wichtige Rolle spielt. Ottos Nachfolger m der Mitregentschaft und späterer Mlemherrscyer.Hessens wurde sein Vetter Hermann, dessen gute Eigenschaften man über­sah, weit sie von hervorstechenden Fehlern verdeckt wurden- und weil ihn von allen Seiten Feinde Lekämpften, mt biinerü des Landes ebenso viele tote außerhalb. Naturgemäß fiel nun auf den früh verstorbenen Otto em um ^ hellerer Strahl der Volksgunst. Und bte verrauschenden ^ahre und die Phantasie einzelner dichteten weiter zu fi-fuein luthme, und eines Tages erzählte man die fertige Geschtchte von Otto dem Schützen. Man sieht, die Liebe der großen menge und der Sänger läßt sich nicht durch lebenslange redfiche Arbeit gemimten, nicht einmal immer durch hartem Ringen und blutige Kämpfe, sondern sie ist blind, unberechenbar Ä Si'fatr; -h«m t«

die Palme des Nachruhmes unverlangt tu den schosst

Schloß Spangenberg, Ottos ehemaliger Wohnsitz, liegt wie das gleichnamige Städtchen an der Berlin-Metzer Kanouenbahu", zwischen Waldkappel und Malsfeld. Tue Bura hat im Saufe der Jahrhunderte mancherlei, bemerkens-

Nebengemahlin Margarethe von der Saale hielt dort ihren Hof, int siebenjährigen Kriege nahmen dte Franzosen bte Se eilt, in den letzten Zeiten Knrhessens biente sie als Staatsgefängnis, und mancher angesehene 9)Zani^UÄs darin- 1871 barg sie Hunderte von französischen Su g^ Äi «nd »«-ding- « ne iu =i«« w* hergerichtet. Unbestritten schwebt aber noch imnwr der Geist Ottos des Schützen über ihren Mauern und Gebaiwen, und der Besucher vergißt alles andere und forscht einzig und allein (freilich vergebens) nach Andenken .an ben Lt - fing der mächtigen Fran Sage.