Ausgabe 
21.11.1908
 
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samstag den 2|. y-vember

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Herr Lecoq.

Kriminal-Roman von @. Gaboria u.

Nachdruck verboten.

< Fortsetzung.)

Lecoq Ivar keine fünf Minuten in dem Tröoeiladeu geblieben; als er heraus kam, waren indessen Mai und der alte Absinth verschwunden. Acer das macht« nichts. Für den Fall, das; die beiden Beamten sich würden trennen müssen, war vereinbart, das; der eine, der auf Mais S pur bliebe, in gewissen Al stünden mit Kreide auf die Häuserwände Pfeile zeichnen solle, aus deren Spitze der andere die zu verfolgende Richtung entnehmen konnte.

Und tvirklich, gleich am dritten Hause von dem Trödelladen Ivar ein prachtvoller Pfeil zu sehen, der nach dem oberen Ende der Rue Saint-Jacques hinansivics. Bon Unruhe verzehrt, eH.'e Lecoq in der angegebenen Richtung davon. Seine Siegeszuver­sicht vom frühen Dlovgen hatte einen bösen Stof; empfangen. So viel stand jetzt fest: der geheimnisvolle und unauffindbare Komplize des Mörders hatte die Vorsicht so weit getrieben, sogar den unwahrscheinlichen Fall einer Flucht ins Auge zu fassen.

Was enthielt das Paket? dachte Lecoq. Ohne Zweifel Sachen zu einer Verkleidung, Geld, falsche Papiere oder Pässe. Dem Komplizen ist sein Versuch beim Trödler mißlungen, aber er ist nicht der Mann, beim ersten Fehlschlag die Flinte ins Korn zu werfen. Er hat ganz gewiß andere Maßregeln ergriffen. Wie soll ich dies- erraten, um sie zunichte zu Machen?

Lecoq inußte sich wieder nach den wegweisenden Pfeilen um- schen und fand auch bald welch?,' der Flüchtling hatte den Boule­vard Saint-Michel überschritten und war in der Rue Monsieur- le-Prince eingeoogcn.

Ein Umstand beruhigt mich, fuhr Lecoq in seinem Selbst­gespräch fort, das ist Mais Besuch bei dem Trödler und seine Betroffenheit, als er erfuhr, daß der Mann ihm nichts zu über­geben hätte. Der Komplize hatte ihm also seine Aussichten mit­geteilt, aber nicht das Fehlschlägen derselben. Mein Mann ist also jetzt auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen ... die Ver­bindung mit seinem Helfershelfer ist unterbrochen. Jetzt kommt es darauf an, ihre Vereinigung zu verhindern. Darum dreht sich alles. r

Wie freute Lecoq sich jetzt darüber, daß er Mais Wegschaftung aus dem Untersuchungsgefängnis duvchgesetzt hatte! Wenn er überhaupt noch über seinen Gegner triumphieren sollte, so würde er diesen Triumph seinem Mißtrauen zu verdanken haben. Es Ivar anzunehmen, daß der sehlgeschlagene Versuch des Komplizen gerade au dem Tage vor dem Gefängniswechsel stattgesundeu hatte, so daß Mai keine Nachricht mehr hatte bekommen können .

Semen Pfeilen folgend, war Lecoq allmählich bis zum Odoon gekommen. Hier hörten die Zeichen auf, aber er bemerkte den alten Absinth vor dem Schaufenster einer Buchhandlung, an­scheinend ganz in die Illustrationen einer Zeitschrift vertieft. Unauffällig trat er neben seinen Kollegen und fragte:

Nun? Und Mai?

Da! versetzte der Alte, mit einem Blick nach denk Saufe«-« gang de§ häßlichen Gebäudes.

In der Tast Mai saß auf einer Stufe der Steintreppe, die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht zwischen den Hände« verborgen, als hätte cr gesuhlt, daß er den Vorübergehenden den Ausdruck von Verzweiflung, der darauf lag, verbergen mußte. Ohne Zweifel hielt er sich in diesem Augenblick für verloren. Was sollte er anfangen, allein, ohne Heller, mitten im ungeheuren Paris? Ganz sicher wußte er, daß er überwacht, beobachtet, aus Schritt und Tritt verfolgt wurde, daß. beim geringsten Versuch', feinen Komplizen zu treffen oder ihm Nachricht zu geben, sein Geheimnis entdeckt wurde, dies Geheimnis, das ihm wertvolles gewesen war als sein Leben, das er, vermöge übermenschliches Tatkraft und Kaltblütigkeit, bisher bewahrt hatte.

Lecoq betrachtete lange schweigend den unglücklichen Mann, den er trotz alledem achtete und bewmrdertc; dann wandte er sich an seinen allen Kollegen mit der Frage:

Was hat er unterwegs gemacht?

Er ist bei fünf Kleidechändlern eingetreten, aber vergeblich Schließlich hat er einen Hausierer angesprochen, der ihm mit seinem Packen auf dem Buckel begegnete; aber sie konnten nicht handelseinig werden.

Lecoq wiegte bedächtig den Kopf.

Da sieht man, mein alter Absinth, daß zwischen Theorie! und Praxis eilt Abgrund klafft! Da haben wir einen Mann, den die erfahrensten Männer für einen armen Teufel, einen! erbärmlichen Akrobaten hielten, so vorzüglich wußte cr von den Wechselfällen feines Lebens zu sprechen. Run ist er draußen, ist frei und der angebliche Zigeuner weiß nicht mal, wie er seine Kleider, die er ans dem Leibe trägt, zu Geldc machen kann. Der geschickte Komödiant verschwindet, und es bleibt nur. der Mensch übrig, der Mensch, der immer reich gewesen ist und nichts von der Not des Lebens weiß. . .

Lecoq unterbrach sich; Mai war aufgestanden und ging, keine zehn Schritte entfernst bet ihm vorüber. Er war leichcn- vlaß, seine Körperhaltung verriet völlige Niedergeschlagenheit, seins Augen waren unftit, als könnte er zu keinem Entschluß komme». Vielleicht fragte er sich, do es nicht das klügste wäre, freiwillig ins Gefängnis zurückznkchren. Aber bald schüttelte er die Be­täubung von seinem Geist ab, sein Auge funkelte, und, sich trotzig aufrichtend, überschritt cr den Platz und bog in die Rue de l'Ancienne Comsdic ein. Er schritt tüchtig aus, wie ein Mensch der ein bestimmtes Ziel hat. _

Wer weiß, wo er jetzt hingeht! flüsterte der alte Absinth»

Ich weiß es! antwortete Lecoq. Und ich werde mich jetzt wir Ihnen trennen, nm ihm mit einer Schüssel von meiner Er­findung aufzuwarte». Ich fmm mich indessen auch täuschen, und deshalb lassen Sie auf jeden Fall überall Ihre Pfeile, zurück Sollte unser Mann nicht nach deut Marienburger Gasthof gehe»/ so werde ich von diesem Platz aus eure Spur wieder aufnehmen.

Es fuhr »ggwade eine leere Droschke vorbei; Lecoq sprang hinein und ließ sich nach dem Nordbahnhof fahren; um keine Zeit zn verlieren, bezahlte er unterwegs schon den Fuhrlohn, und «ntnahm seinem Tasthenbuch ein Papier, ivomnt xp Gebrauch,