Ausgabe 
21.10.1908
 
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Ihnen die Zwangsjacke anlegten, und außerdem nun Sie selbst vor Ihrer eigenen Wut schützen wollten.

Hm, machte der Mörder, wieder ernst werdend. Ich bin ihnen noch ein klein wenig böse, und wenn ich einen in einer Zelle hätte . . . aber das wird vorübergehen, ich kenne mich, ich lMüe nicht so viel Galle wie ein Hühnchen.

Uebrigens hängt es nur von Ihnen selbst ab, das; Sie gut behandelt werden; seien Sie ruhig, und man wird Ihnen nicht wieder die Zwangsjacke anziehen. Wer ruhig müssen Sie sein . .

Der Mörder schüttelte traurig den Kopf und sagte:

Ich tverde Also vernünftig sein, obwohl es schrecklich hart ist, int Gefängnis zu sitzen, wann man nichts verbrochen hat. Wenn ich noch wenigstens mit Kümeraden zusarnmeusäße, da könnte man. plaudern, und die Zeit würde hingehen. Wer allein sein, mutterseelenallein, in diesem kalten Loch, wo man keinen Ton hört, das ist fürchterlich. Es ist so feucht, daß das Wasser an den Wänden herabrieselt, und man möchte schwören, es seien, wirkliche Tränen, Menschentränen, die aus dem Stein hervor- brechen.

Der Untersuchungsrichter hatte sich über seine» Schreibtisch gebeugt, um eine Notiz zu machen. Das WortKameraden" war ihm! ja'ufgefallen, und er nahm sich vor, sich später eine Er­klärung darüber geben zu lassen.

Wenn Sie unschuldig sind, entgegnete er darauf, so werden Sie bald freigelassen werden, aber Sie müssen Ihre Unschuld beweisen.

Was muß ich zu dem Zweck tun?

Die Wahrheit sagen, die ganze Wahrheit, recht aufrichtig, lohne Umschweife, ohne Hintergedanken, auf die Fragen antworten, die ich Ihnen vorlegeu werde.

O, dariit können Sie sich auf mich verlassen.

Er hob schon die Hand auf, um Gott und die Brenschen zu Zeugen für seine Wahrhaftigkeit anzurufen, aber Richter Seg- müller winkte ihm ab und sagte:

Angeklagte schwören nicht.

Nicht? machte der Mann mit ganz erstaunter Miene. Das ist merkwürdig.

Der Richter hatte den Angeklagten absichtlich sich gcheir lassen, ihn aber dabei immer im Auge behalten. Er hatte ihn durch diese Einleitung vor allen Dingen sicher machen, sein Mißtrauen beschwichtigen wollen, und er glaubte, daß ihm diese Absicht Nun­mehr gelungen sei.

Noch einmal, begann er wieder, hören Sie mich ganz auf­merksam an, und vergessen Sie nicht, daß. Ihre Freiheit von Ihre« Aufmerksamkeit abhangt, s. Wie heißen Sie?

Mai.

Ihre Vornamen?

Ich habe keine.

Das ist unmöglich.

Der Angeklagte machte, eine unschuldige Bewegung, die cv aber sofort wieder zu beherrschen wußte. Dann sagte er:

Das ist nun seit gestern das drittemal, daß man mir dies sagt. Trotzdem verhält es sich so. Wäre ich ein Lügner, so gebe es ja nichts Einfacheres, als Ihnen zu sagen: ich heiße Pierre oder Jean oder Jacques. Aber lügen ist nicht meine Art. Wahr­haftig, ich habe keine Bornamen. Wenn es sich um Beinamen handelte, ja, das wäre was anderes;, deren Habe ich viele gehabt.

Welche?

Na, zuerst als ich beim Vater Fougasse war, nannte man michWetzstein", weil nämlich. . .

Wer war d ieser Vater Fougasse?

Der König der Tierbändiger, Herr Richter. Ah, der konnte sich rühmen, eine Menagerie zu besitzen, der Vater Fougasse! Tiger, Löwen, Papageien von allen Farben, Schlangen, dick wie mein Schenkel er hatte alles. Zum Unglück hatte er auch eine Freundin, die alles duvchgebracht hat.

Machte er sich lustig, sprach et im Ernst? Es war so schwer zu unterscheiden, daß Segmüller sowohl wie Lecoq ungewiß darüber waren. Goquet der Sekretär lachte, während er sein Protokoll schrieb.

Genug! unterbrach der Richter den Mann. Wie alt find Sie?

Vierundvierzig 'oder fünfundvierzig Jahre.

Wo sind Sie geboren?

Wahrscheinlich in der Bretagne.

In dieser Antwort glaubte Segmüller eine ironische Absicht KU entdecken, die er nicht dulden durfte; er sagte daher streng:

Ich mache Sie darauf auftnerksam, daß es um Ihre Aus­sichten auf Freilassung seh« schlecht steht, wenn Sie in diesem Tone fvrtfahren. Alle Ihre Antworten sind unziemlich.

Die aufrichtigste Betrübnis, mit Unruhe gemischt, malte sich aus den Zügen des Mörders,

Oh, ich wollte Sie nicht beleidigen, Herr Richter! sagte er mit einem Seufzer. Sie fragen mich, ich antworte. Sic würden sofort sehen, daß ich die Wahrheit spreche, wenn Sie mich meine kleine Lebensgeschichte Ihnen erzählen ließen.

19. Kapitel.

Ein redseliger Angeklagter ist so gut wie überführt", sagt ein altes Sprichwort, das in Gerichiskreisen in Ansehen steht. Segmüller war daher froh, dem Wunsche des Angeklagten nachzn- kommetr und antwortete: Erzählen Sie nur ausführlich.

Der Mörder konnte anscheinend kaum seine Freude über diese ihm bewilligte Erlaubnis verbergen. Seine Augen glänzten, seine Nasenlöcher erweiterten sich, wie die eines selbstzufriedenen Säugers, den man ans Piano führt; den Kopf zurückgcworfen, nahm er Position, wie ein Redner, der seiner Redegabe und seines Erfolges sicher ist, fuhr sich mit der Zunge über die Lippeil, um sic aw- ztlfeuchten, und sagte:

Also, Sie wünschen meine Geschichte zu hören?

Ja.

Also, Sie müssen wissen, Herr Richter, daß eines Tages, vor fünfuudvievzig Jahren, Vater Tringlot, Direktor einer Seil- täuzer- und AkvobatentruM, die Chaussee von Guinganip nach Saint-Brietix entlang zog. Natürlich reiste er in seinen beide» großen Wagen, mit seiner Frau, feinem Material und seinen Künstlern. Dicht hinter einem großen Dorf, namens Chatelaudren, guckt Vater Tringlot mal aus dem Fenster, schaut rechts und links und bemerkt, daß auf einem Grabenrand etwas Weihes herum-- krabbelt.Muß doch sehen, was das ist!" sagt er zu seiner Frau, hält an, steigt aus, geht zum Graben, nimmt das Ding und stößt einen Schrei aus. Sie werden mich fragen:Was hatte der Mann denn gefunden?" Oh, mein Gott, das ist recht einfach; er hatte soeben Ihren ergebenen Diener gefunden, der damals ungefähr zehn Monate alt >var.

Bei Miesen letzten Worten machte Mai eine Verbeugung in die Runde; dann fuljt er fort:

Natürlich bringt Vater Tringlot mich zn seiner Gattin, einer- wirklich recht braven Frau. Sie nimmt mich, beguckt mich, befühlt mich und sagt:Er ist stark, der Bengel, und gut gediehen; wir müssen ihn behalten, da seine Mutter die Abscheulichkeit begangen hat, ihn anszusetzen. Ich will ihn unterrichten, und in fünf oder sechs Jahren wird er uns Ehre machen." Man behält mich alfo und sucht gleich nach einem Namen für mich. Man befand sich in 'den ersten Tagen des Monats Mai, es wurde beschlossen, ich solle Mai heißen, und Mai bin ich seit diesein Tage, ohne Vor-, tituliert.

(Fortsetzung folgt.)

Aus dem Buch der Liebe.

Von A n g u st S t r i n d b e r g.*) Undine.

FouquäS Undine ist eine besonders liebenswürdige Erscheinung aus den Tagen der Romantik. Wenn man sie aber jetzt liest, fragt man sich, ob fie erfunden ist; sie ist nämlich mit solchen Ernzel- heiten geschildert, als sei fie erlebt.

Diefes spielerische und etwas boshafte Kind, bcwegltch wte das Wasser des Bachs, Tochter eines Königs des Meeres, trifft ihren Ritter Huldbrand und erklärt ihm ihre Liebe. Mitten in der Liebcsszcnc ruft sic aus:Es muß etwas Liebes, aber auch höchst Furchtbares um eine Seele fein. Wäre cS nicht besser, man würde ihrer nie teilhaftig?" Und da niemand ant­wortet, weil niemand verstanden hat, fährt sie fort:Schwer muß die Seele lasten, sehr schwer. Denn schon ihr annahendes Bild überschattet mich mit Angst und Trauer. Und ach, ich war so leicht, so lustig sonst!" . ,

Das Paar wird getraut, und Undine wird dte Gattin der, Ritters. In einem vertraulichen Augenblick sagt sie ihm ihr Rätsel:Du sollst wissen, mein süßer Liebling, daß es in den Elementen (Wasser, Feuer, Lust, Erde) Wesen gibt, die fast ans- fehen wie ihr (Menschenkinder) nnd sich doch nur selten vor euch blicken lassen. , Wir wären weit besser daran als ihr

* Im Verlag Georg Müller in München erscheint nächster Tage, das neueste Werk August Strindbergs:Ein Bl an­buch. Mit dem Buch der Liebe.". Strindberg hat bert zwei starken Bänden den UntertitelDic Synthese meines Lebens gegeben und von anderer Seite ist es seinTestament" genannt worden. Sicherlich ist dieses Buch, in dem der schwedische Dichter über Gott und die Welt, auch die übersinnliche, über Manu und Weib, Literatur und Gesellschaft, Liebe und Leben spricht und dic Menschheit zur Natur und zum Glauben zurück- führen will, eines der merkwürdigsten Bücher, die seit Jahren erschienen sind. Die Proben, die wir hier mit Genehmigung des Verlags vor dem Erscheinen des Buchs veröffentlichen, können keinen rechten Begriff von diesen Bekenntnissen geben, aber zu ihrer Lektüre anrcgen.