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<908 Nr. 165

Mittwoch den 2(. Oktober

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Kriminal-Roman von E. ®a bortau.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

18. Kapitel.

Von zwanzig Angeklagten, die zum Verhör vvrgesührt werden, sind wenigstens achtzehn mit einem vollständigen Verteidigungs- fystein ausgerüstet, das sie sich in der Stille der Einzelzellen ausgedacht haben. Mögen sie schuldig oder unschuldig sein, sie haben sich eine Rolle zurechtgelegt, die sie in dem Augenblick zu spielen beginnen, wo sie mit klopsendem Herzen die Schwelle des gesührlick>en Kabinetts übertreten, in welchem der unter­suchungsführende Beamte auf sie wartet. Der Augenblick des Eintritts gibt daher den, Richter zu sehr wichtigen Beobachtungen Anlaß, da er aus der Haltung der Angeklagten auf ihr System wird schließen können.

Aber in diesem Falle glaubte Segmüller nicht, gegen trü­gerischen Augenschein sich vorsehen zu müssen. Es stand für ihn fest, daß der Angeklagte nicht daran hatte denken können, eine Komödie zu spielen, daß seine Verstörtheit beim Eintreten ebenso ungekünstelt tvar, tvie jetzt seine Schwäche.

Jedenfalls waren die Gefahren, vor denen der Direktor des Untersuchungsgefängnisses gewarnt hatte, nicht mehr vorhanden. Der Richter setzte sich daher jetzt hinter seinen Schreibtisch. Er fühlte sich auf diesem Platz behaglicher und sozusagen stärker. Er drehte dem Licht den Rücken, fein Gesicht lag im Schatten, und er brauchte sich, nötigenfalls, nur ein wenig vvrzubeugen, um eine Ueberraschung, eine zu lebhafte Empfindung zu ver­bergen. Der Angeklagte dagegen stand int vollen Tageslicht, und feine Bewegung seines Gesichtes, kein Zucken der Wimper konnte einem aufmerksamen Beobachter entgehen.

Mai schien jetzt wieder ganz wohl zu fein, und seine Züge hatten den unbekümmerten Ausdruck der Resignation wieder an­

Fühlen Sie sich jetzt wirklich besser? fragte der Rechter.

Mir ist ganz wohl. , t

Ich hoffe, fuhr der Richter in väterlichem Tone fort. Sie werden sich jetzt zu beherrschen wissen. Gestern haben Sie ver­sucht, sich das Leben zu nehmen. Damit würden Ste ein neues großes Verbrechen zu den anderen hinzugefügt haben, ein Ver­brechen, das. . . , , . .

Mit einer heftigen Handbewegung untervrach der Angeklagte beit Richter. ,

Ich habe fein Verbrechen begangen, sagte er. mit zwar noch rauher, aber nicht mehr drohender Stimme. Ich bin angegriffen worden lind habe mich meiner Haut gewehrt; das ist jedermann.' Recht. Sie fielen wie Wütende zu dreien über mich einen her ich habe getötet, um nicht getötet zu werden. Das ist em großes Unglück, uiid ich gäbe gerne meine Hand darum, konnte ich es »ngeschchen machen, aber in meinem Gewissen mache ich mir darob nicht soviel Vorwürfe.

Bei demsoviel" fuhr er mit dem Dauinemtagel über sein« Zähne.

Trotzdem, fuhr er fort, hat man mich verhaftet und wie einen Mörder behandelt. Als ich mich ganz allein sah in diesem Steinsarg, den Sie eineEinzelzelle" nennen, da habe ich Furcht gehabt, habe den Kopf verloren. Ich habe zu mir gesagt:Mai, mein Junge, man hat dich lebendig begraben. Da ist's besser, du stirbst wirklich, und zwar schnell, als daß du noch lauge leidest." Infolgedessen habe ich versucht, mich zu erdrosseln. Mein Tod brachte keinem Menschen Schaden, ich habe weder Frau noch Kinder, die auf meiner Hände Arbeit angewiesen sind, ich bin mein eigener Herr. Und trotzdem hat man mich nach dem Aderlaß in einen Leinwandsack gezwänkt, wie eilten Wahnsinnigen. Ja, wahnsinnig, glaubte ich, würde ich werden! Die ganze Nacht sind die Wärter um mich herumgewesen, wie Kinder, die ein an­gekettetes Tier quälen. Sie befühlten mich, sie besahen mich, sie sichren (mit der Kerze vor meinen Augen hin und her . . .

Dies alles wurde mit einem Ausdruck tiefster Bitterkeit vor­gebracht, aber doch ohne Zorn, ohne Deklamation; man hörte am Ton, daß es dem Mann aus dem Herzen kam. Der Richter und der junge Beamte hatten beide gleichzeitig denselben Ge­danken :

Dieser Mann ist ein sehr starker Gegner; er wird uns viel zu schassen machen.

Nach einem kurzen Besinnen erwiderte Segmüller:

Man kann sich wohl bis zu einem gewissen Grade eine erste Aufwallung der Verzweiflung im Gefängnis erklären. Wer später, und noch heute früh, haben Sie das Essen zurückgewiesen, das man Ihnen anbot?

Das düstere Gesicht des Mannes erhellte sich plötzlich bei dieser Frage, er zwinkerte auf eine komische Art mit den Augen- lidern, und auf einmal lachte er laut heraus, mit einem so recht fröhlichen offenen wohllautenden Lachen, und rief:

Ja, das ist eine andere Sache! Gewiß habe ich alles zuruck- gewiesen, aber Sie sollen gleich erfahren, warum. Mir waren die Hände durch die Zwangsjacke festgehalten, und die Wärter wollten mir das Essen reichen wie einem Baby, dem seine Amnie den Brei einpüppelt., danke schön! Ich habe mit aller Kraft meine Lippen zusammengepreßt. Da kam einer und ver­suchte, mir den Mund mit Gemalt aufzureißen, um den Los sei hineinzustopfen, wie man einem kranken Hund die Schnauze auf­bricht, um ihm eine Medizin einzuflößen. Na ja! Den habe ich allerdings zu beißen versucht, und wäre mir sein Finger zwischen die Zähne geraten, so wäre er ihn losgewesen. Und deswegen haben sie alle die Arme zum Himmel emporgestreckt und gerufen: was für ein gefährlicher Verbrecher, was für em Hauptschurke !

Die Erinnerung schien ihm noch immer komisch zu sein, beim er lachte wieder aus vollem Halse, zur großen Verblufjung Lecoqs umd zum inneren Entsetzen des guten Protokollführers Gvqnet. Segmüller hatte große Mühe, seine Ueberraschung völlig zu vmbergen^ y^mMg, sagte er endlich, den

Leuten etwas nachzntragen, die nur ans Beseht ihrer Borae e .-.,