Ausgabe 
21.9.1908
 
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mehr mit dieser bescheidenen Ergänzung und greifen gleich zu ganzen anmutig ondulierten hohlen Lockenperücken, die über das natürliche Haar gestülpt werden und abgesehen vor der ersparten Mühe der so umständlichen Arbeit des Frisierens noch den Vorteil bieten, die eigenen Haare zu schonen. Sowohl in Paris wie auch in Amerika ist diese Mode in den letzten Monaten zu einem unabsehbaren Triumph gekommen, und die anmutigen Newyorkerinnen, die als amerikanische Bahnbrecherinnen der Eleganz gelten und die vor zwei Jahren noch allenfalls eine kleine Er­gänzung des eigenen Haares gut hießen, vorausgesetzt, daß sie nicht zu schwer und auffällig tvar, tragen heute in ihren prachtvollen Frisuren eine Fülle fremden Haares, das durchschnittlich ein Gewicht von 16 Unzen repräsentiert, mindestens das Achtfache der früheren Moden. Damit aber ist auch die Nachfrage nach künstlichem Haare außerordent­lich gestiegen, und die Haarhändler in Newyork wie auch in Paris haben ihre schweren Sorgen, woher sie das kost­bare Material schaffen sollen, mit dem die Schönen in den Salons die Blicke der Bewunderer anziehen. In Newyork sind allein in den letzten Tagen mehr als eine Tonne unbear­beiteten Menschenhaares und 22 große Kisten Perücken ein­getroffen, und doch versichern die Sachverständigen, daß damit nur ein kleiner Teil der Wünsche befriedigt iverden könne und daß daniit ein tveiteres rasches Steigen der ohnehin schon hohen Haarpreise nicht ansbleiben wird. Nur wenige der eleganten Frauen, die in blinder Gefolg­schaft der Mode die in ihren Formen so reizvollen ivallen- den modernen Frisuren bevorzugen und daher zu falschen Locken greifen, mögen ahnen, welcher Herkunft das Haar ist, das nach kunstvollem Bleichungsprozeß, nach sorgsamer Färbung und nach geschickter Behandlung dnrch den kundigen Friseur so anmutig und hübsch anssehen kann. Es ist in erster Linie China, das alte himmlische Reich, das das Ver­langen unserer eleganten Damenwelt nach ergänzenden Haarlocken und Haarsträhnen befriedigt. Aber es sind keineswegs die lebenden Chinesen, die für gutes Geld oder etwa aus Sympathie für die schönen Europäerinnen ihren kostbarsten Schmuck, ihren Zopf opfern. Der ausgedehnte Handel an Menschenhaar, der in China betrieben wird und dessen Waren teils in Paris, teils in London so bereit­willige Abnehmer finden, hält sich in erster Linie an die chinesische Justiz, die indirekt dafür sorgt, daß die euro­päischen Händler genügend Menschenhaar erstehen können. Denn es ist Brauch, das Haar der Hingerichteten Verbrecher und Banditen sofort an die Händler zu verkaufen und gerade die letzten Monate mit den blutigen Massenhinrich- tungen gefangener Tschungtschusen und mandschurischer Räuberbanden waren für den Haarhandel eine Rettung aus der Not. Mlein nicht nur das Haar derer, die unter dem chinesischen Richtschwert ihr armes Sünderdasein ver­bluteten, begegnet uns wieder in den graziös gekräuselten Locken unserer Schönen.Seitdem die europäischen und amerikanischen Damen soviel Menschenhaar verlangen," so äußerte sich Kapitän Grimes, der Kommandant der Seneca, die soeben einen großen Haartransport nach Newyork ge­bracht hat,ist die Perückenindustrie unb das Zopfsammel­wesen in China ganz außerordentlich angewachsen. Wenn ein Chinese stirbt, so bringt man ihn im Sarg zum Fried­hof, wo er einige Wochen lang unbegraben liegen bleibt, damit nach dem Volksglauben der Seele Zeit gegeben wird, zu entweichen. Erst dann wird der Sarg vergraben. Aber diese Zwischenzeit wird seit den letzten Jahren von pietät­losen Schlauköpfen und von skrupellosen Händlern syste­matisch und mit aller Umsicht planmäßig dazu ausgenutzt, die Toten ihres Haarschmuckes zu berauben und ihre Zöpfe abzuschneiden. Die großen Sendungen chinesischen Haares, die letzthin nach Europa und nach Amerika gehen, bestehen zum weitaus größten Teil aus Haarmassen, die auf diesem Wege von den Leichen gestohlen wurden, falls sie nicht von Hingerichteten Mördern und Wegelagerern kommen. . . ."

Vermischtes.

* Wie schützt man sich gegen Cholera? In einer Zeit, wo sich die ganze Welt mit der Choleragefahr beschäftigt rind von allen Behörden die irmfassendsten Vor­sichtsmaßregeln gegen die Einschleppung dieser Seuche ge­troffen werden, erscheint es auch ratsam, persönlich gewisse Vorsicht in der täglichen Nahrung zu beobachten. Mau wird daher gut tun, folgende Empfehlungen genau ein­zuprägen urrd nach Tunlichkeit einzuhalten: Man ver- rneide alle rohen Früchte und Gemüse. Man trinke nur gekochtes Wasser, um die Bazillen zu töten oder Mineral­wasser. Man bevorzuge heiße Nahrung, da die während einer Epidemie sehr verbreiteten Bazillen sich leicht aufs kaltem Fleisch und Fisch ansetzen. Es ist ratsam, wenn auch nicht unbedingt erforderlich, das Brot vor dem Essest etwas zn rösten und den Mund von Zeit zu Zeit mit enterst antiseptischen Mittel, das in heißes Wasser gegeben wird, zu reinigen. Man trinke recht viel heißen Kaffee und Tees sowie Bordeaux-Wein, der wegen seines Tanninreichtums ein vorzüglicher Bazillenvernichter ist. Ferner wasche mast die Flaschen, die Getränke enthalten, und alle Gläser vor dem Trinken gut ab.

* Spanien, das Eldorado der Tabak­raucher. Spanien, das Land der Widersprüche auf allen, Gebieten menschlicher Tätigkeit und Empfindungen ist ent­schieden das Eldorado der Tabakraucher. Die angesehensten Männer rauchen in den feinsten Gesellschaften und in den vornehmsten Häusern zünden sich alle Herren und Damen nach dem Tee ihre Zigaretten oder sogar Zigarren an. Während der Sitzungen rauchen die Abgeordneten und ihr Zigarrenbedarf wird aus der öffentlichen Kassa bezahlt. Jeder Beamte, der dienstliche Reisen zu unternehmen hat, erhält außer seinen Diäten noch eine Entschädigung für das Rauchen. Beamte in allen Aemtern erfüllen rauchend ihre Pflichten und selbst Soldaten rauchen während deZ? Exerzierens, ebenso Polizisten und Gendarmen. Die Letz­teren finden es ganz in der Ordnung, wenn ein gefesselter Verbrecher unterwegs ganz gemütlich seine Zigarette raucht..

An- und Einsichten.

Nichts macht eine schöne Frau so unbeliebt wie die Tugend.

Ein Mensch, der selten Wein trinkt, unb eine Frau, die selten Huldigungen erlährt, werben von der Wirkung berauscht, werden taumeln und kalten. Wer an beides gewöhnt ist, dem steigt eS nicht so leicht zu Kopfe. *

Das meiste ist Zufall im Leben, bisweilen sogar die Treue.

*

Häufig sängt die Liebe mit der geschmeichelten Eitelkeit an unb hört mit der verletzten Eitelkeit auf.

*

Der Kuß ist das Präludium in der Symphonie der Liebe, ec ist aber auch das Leitmotiv, das stets iviederkehrt.

. Emma Friedländer-Werther.

Borsetz-Rätsel.

Es sind 8 Wörter von der unter a. angegebenen Bedeutung zu suchen und sodann durch Vorsetzen eines neuen Buchstabens Wörter von der unter b. angegebenen Bedeutung zu bilden. (Bei­spiel : Strich Estrich.) Sind die richtigen Wörter gesunden, s» ergeben die Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen einen bebeulenbeit Mann bes Jahrhunderts.

a.

Maß, Nagetier, Himmelsrichtung, Raubvogel, Art der Vegetation, Teil des Baumes, Griechischer Philosoph, Stand;

b.

kleines Gemach, biblischer Ort, Sicherung, Vereinigung, männl. Vorname, Bürde, griechischer Redner, Werkzeug.

Auflösung in irächster Nummer.

Auflösung der Chamde in voriger Nummer: W e t t e r a u.

Redaktion: E. Anderson. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.