Ausgabe 
21.9.1908
 
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Der Dorfkönig.

Roman von Karl Böttcher-Chemnitz.

. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Wie eilte Reliquie faßte sie das halbe Herz an, ordnete die Blumenreste und glättete den Papierstreifen. Ihr schien es, als läge die Zeit, da sie das Herz bekam, ein Menschenalter zurück. Und wie lange war es her? Noch nicht drei Jahre.

Sie schloß die Augen und ließ die ganze schöne Zeit vorüber- zieheu. Und das könnte alles noch sein, wenn sie sich damals besser geprüft, wenn sie damals dem Drängen des Vaters, den das Adelsschild lockte, nicht so schnell nachgegeben hätte.

Sie war an allem selbst schuld, sie und der Vater!

Mit dieser Erkenntnis überkam sie harter Trotz. Sie wollte cs nun auch tragen, sie den -Kummer und der Vater die Kosten.

Sie wollte jetzt nicht mehr heim, sie wollte ausharren auf dem Posten, den sie sich selbst erwählt.

Die bunte Schachtel mit dem Hertz verbarg sie sorgsam in eine kleine, hölzerne Schatulle.

15. Kapitel.

Vier Jahre waren seitdem vergangeit. Die jungen Horbachs wohnten noch immer draußen in Gohlis an der Kanalstraße. Es war noch dasselbe Haus, noch dieselben Räume, noch dasselbe Leben: Ernst v. Horbach, jetzt Rittmeister, nie zu Hause, immer unterwegs, in Berlin, in Hannover, in Baden-Baden, wo es zu rennen gab, zu rennen und zu leben.

Und Erika hatte dafür zu sorgen, daß dem Herrn Rittmeister das Geld nicht ausging.

Sie stand am Fenster! und blickte erwartungsvoll auf die .Straße.

Wie lange der Vater braucht, bis er die Treppe hinunter­kommt !"

Sie hörte die knarrende Haustür. Da kant er.

Der alte Guttermann nickte noch einmal herauf, dann schritt er quer über die Straße mit eckigen Bewegungen und steifen Schritten.

Wie das schlohweise Haar leuchtete! Beinahe ehrwürdig sah der Vater aus. Sie sah ihm nach, bis er an der Ecke ver­schwand, zwei Schritte später erblickte sie nochmals sein weißes Haar durch eine Lücke des Gartenzannes.

Sie wandte sich vom Fenster. Auf dem Tische lagen etliche Bogen. Das war die Abrechnung, die ihr der Vater bei seinem Besuche in Leipzig gebracht hatte, die Abrechnung über alles, was ihr seit ihrer Verheiratung vom. Vater zugeflosseu war. Sie Überlas noch einmal die Zahlen.

10 000 Mk. die Ausstattung,

1000 Mk. die Hochzeitsreise und dann kam ein Heer von Tausenden und darunter die Summe:

114 Tausend Mark in 4Vz Jahren.

Sie lächelte müde. Die Zahlen, die Summen ließen sie so kalt. Was war das Geld, das verlorene Geld gegen die Qualen, die sie in den vier Jahren ertragen!

Das muß anders werden!" hatte der Vater gesagt.

Ja, wer sollte es ändern?.

Am Nachmittag kam Emst.

War dein Vater da?"

Ja."

Gib mir das Geld!"

Geld??"

Na ja dn solltest dir doch viertausend Mark geben lassen." Sie schob ihm ruhig die Abrechnungspapiere zu, auf die -er nur einen Blick warf. Er lachte auf, häßlich und verächtlich. Krämerseele!. Also bitte das Geld!"

Ich habe keins."

Du du hast keins? Du hast kein Geld? Das sagst du mir so kaltblütig ins Gesicht? Du steckst wohl mit dem Geizkragen unter einer Decke?!"

Er war totenbleich geworden, dagegen die Schmarre an der linken Schläfenseite, die von einem Streifschuß aus dem Feld­zuge herrührte, glänzte blutigrot, und die Schmitze der Reit­peitsche tänzelte auf dem Teppich, so zitterte seine Hand.

Erika sah, wie er sich nur noch mühsam beherrschte, sich nicht tätlich an ihr zu vergreisen. Diese Schmach wollte sie ihm und sich ersparen. Deshalb verließ sie das Zimmer und ging in ihr Boudoir.

Wenige Minuten später kam das Mädchen und sagte:

Der Herr Rittmeister läßt die gnädige Fran ersuchen, sich in große Toilette zn werfen. Er habe für heute abend eine Ein- laditng beim Geheimen Kommerzienrat Enkau angenommen."

Sie gehorchte. Sie war das so gewohnt. .Er verfügte Mer

sie. Wenn er sie brauchte, befahl er einfach, wenn er sie nicht brauchte, existierte sie nicht für ihn.

Mit mechanischen Griffen legte sie die Ballkleider an, von dem Mädchen unterstützt.

Dann saß sie neben ihm im Wagen mit steinernem Gesicht und den großen starren Augen. So stieg sie auch an seiner Seite in Enkaus Villa die Marmortreppe hinauf.

Mach nicht solch fürchterliches Gesicht!" raunte er barsch. Da legte sich, wie das verstellbare Rampenlicht im Theater, im Augenblick sonniges Lächeln über ihr blasses Gesicht. Sic konnte das, sie brachte das fertig, sie hatte das gelernt unter seiner Erziehung. Sie ftmittc lächeln mit zuckendem Herzen, wenn er cs so wollte.

Geheimer Kommerzienrat Enkan begrüßte sie freundlich und stellte sie eilitfjen Herrschaften vor. Es war eine illnstre Ver­sammlung. Viele Uniformen, viele Orden, große Toiletten, klang­volle Namen und Tittcl.

Ihr Mann hatte sich zu etlichen Kameraden gesellt und Erika stand einen Augenblick allein, immer noch das befohlene Lächeln auf den Lippen. Ein Herr, groß und schlank und in tadellos sitzendem Fracke, trat zn ihr. Der Kommerzienrat hatte ihn vorhin mit vorgestellt, aber sie hatte kaum hingehört, viel weniger sich seinen Namen gemerkt.

So verlassen, Gnädigste?"

Erika zuckte zusammen. Das Lächeln vertiefte sich.

Unter so viel Glanz einen Augenblick für sich, tut wohl!" Ganz absichtslos, ganz konventionell sagte sie das.

Sie haben recht! Eine Minute des Sammelns braucht man, und besonders einer, der sonst einsam ist."

Sie blickte den Herrn an. Es schien ihr, als habe sie in ganz, ganz fernen Zeiten ein Gesicht wie dies schon einmal gesehen. Doch das mochte eine Täuschung sein. Sie sagte leise: Einsame Menschen fühlen sich nicht wohl unter der lauten Fröh­lichkeit. Die stille, innere Fröhlichkeit ist für sie mehr."

Wd haben gnädige Fran solche Weisheiten geschöpft? Man findet sie sonst nicht bei der schönen Jugend."

Ein schmerzliches Lächeln, jetzt ein wahres, gab ihrem Ge­sicht eilten rührenden Ausdruck. >

Sie klappte nervös den Fächer aus und zu und blickte zn Boden. Ihr Blick fiel auf ein Berlocke an seiner Uhrkette.

In der Absicht, auf ein anderes Thema überzulenken, fragte sie ihn, woher er den seltsamen Schmuck habe. Er nahm das Berlocke in die Hand. Es war -ein alter, sächsischer Knpfer- breter in goldener Einfassung. Tie Münze war schmutzigbraun nur ein kleiner, glänzender Fleck stach hervor.

Das ist mir ein liebes Kleinod, nicht nm mein Leben seil. Ich habe es aus Meißen."

Aus Meißen?! tonen Sie die Elbstadt? Ja?! Ach, dann wollen wir davon sprechen; bitte recht viel und recht für uns!" Leichtes Rot belebte ihr blasses Gesicht, die Augen blickten nicht mehr so starr.

Sie schritten nach einer Fensternische, wo große Blumen­arrangements aufgestellt waren. Unter einer prächtig blühenden Hortensie setzte sie sich ans einen geschnitzten Hocker und er lehnte sich an eine Säule.

Erika erzählte nun von der alten Markgrawttstadt und von Madame Hennig und von ihrer Schwägerin Beate von Horbach, die jetzt in Rußland sei als Gesellschafterin der Gräfin Dosky, und die Gräfin Dosky sei keine andere als ihre Pensionsjchwester Doris.--- Der große, schlanke Mann blickte ihr immerfort

in das Gesicht und lächelte still. Ein wehmütiges Lächeln.

Ach da erzähle ich Ihnen wie einem alten Bekannten meine Backfischgeschichten und ich kenn Sie nicht einmal dem Namen nach." (Fortsetzung folgt.)

Die Geheünmße des modernen Haarmarktcs.

Mit den wachsenden Dimensionen der modernen Damen- hntc, die mit den neuesten Herbstmoden einen Gipfel der Ausdehnung erreicht zu haben scheinen, sind auch die Fri­suren gewachsen und wo früher in leicht gewellten Locken das weiche Haar die Linien des Schädels mit bescheideneren Abweichungen variierte, türmt die moderne Modedame jetzt breit ausladende in weiten Schwingungen ondulierte Coif­furen, die einen Reichtum natürlichen Haarwuchses ahnen lassen können, der mit der Wirklichkeit nicht immer über- einstimmt. Wenn früher allein jene Frauen, deren Haar­wuchs den Anforderungen einer kunstvollen Frisur nicht voll entsprechen konnte, zum falschen Zopfe ihre Zuflucht nahmen, so begnügen sich die Eleganten von heute nicht