Was für’n Unglück! .. . Was soll aus mir werden? Alles -erbrochen, zerschlagen! Ich bin ruiniert!
Ihr schien nur der Verlust ihres Geschirrs zu Herzen zu gehen.
Nun sag mal, fragte Gsvrol, wie ist denn die Schlacht losgegangen?
Ach! Davon weis; ich ja gar nichts! Ich war da oben und besserte meinem Sohn seine Sachen aus; da hörte ich einen Streit. 1
Und dann?
Na, natürlich bin ich heruntergegangen und da habe ich die drei gesehen, die jetzt daliegen; sie suchten Handel mit diesem anderen, den Sie festgebunden haben, den armen unschuldigen Menschen! Denn er ist unschuldig, so wahr ich eine ehrliche Frau bin. Wenn mein Sohn Polyte da gewesen wäre, so hätte er sich zwischen sie geworfen; aber ich, ’ne Witwe, was konnte ich denn machen? Ich habe ans Leibeskräften um Hilfe geschrien.
Nachdem sie dies Zeugnis gegeben, setzte sie sich wieder hin, als wenn sic dächte, sie hätte nun genug gesagt. Aber Gsvrol zwang sie mit einem rücksichtslosen Griff wieder aufzustehen.
Oh, wir sind noch nicht fertig, sagte er. Ich wünsche noch mehr Einzelheiten.
Was für welche denn, lieber Herr Gsvrol? Ich habe ja doch nichts gesehen.
Der Zorn begann dem Inspektor in seine großen Ohren zn steigen, daß sie ganz rot wurden.
Was würdest du dazu sagen. Alte, wenn ich dich verhaftete?
Das wäre eine große Ungerechtigkeit.
Dazu wird cs aber kommen, wenn du dich aufs Schweigen versteifst. Ich habe so 'ne Idee, daß vierzehn Tage Saint-Lazare dir ganz prächtig die Zunge lösen würden.
Der Name id.es Weibergesängnisscs wirkte auf die Witwe Chnpin, als würde sie elektrisiert. Sie stellte sofort ihr heuchlerisches Jammern ein, richtete sich empor, stemmte stolz ihre Fäuste in die Hüften und begann Gsvrol und seine Leute mit Schimpfworten zu überhäufen: Sie hätten immer etwas gegen ihre Familie, fie hätten ja schon ihren Sohn festgenommen, einen ausgezeichneten jungen Mann. Uebrigcns hatte sie keine Angst vor dem Gefängnis, sie wäre sogar ganz zufrieden, wenn sie ihr Lebend« beschließen könnte, wo sie doch vor Mangel geschützt wäre.
Einen Augenblick versuchte der General, der Megäre Schweigen zu gebieten, aber er erkannte, daß er dazu nicht die Macht besaß. Uebrigcns lachten alle seine Untergebenen. Er drehte ihr also den Rücken zu, trat an den Mörder heran und sagte:
Na, du wenigstens wirst dich doch nicht weigern, uns Auskunft zu geben?
Der Mann zögerte einen Augenblick, dann antwortete er:
Alles, was ich Ihnen zu sagen hatte, habe ich gesagt. Ich habe Ihnen versichert, daß ich unschuldig bin, und eilt Mann, der, von meiner Hand getroffen, im Todeskampfe lag, hat meine Erklärung bestätigt, ebenso diese alte Frau. Was wollen Sie noch mehr? Wenn der Richter mich verhört, werde ich vielleicht antworten. Bis dahin denken Sie nur nicht, von mir ein Wort zu erfahren. !
,. Es war leicht 'zu sehen, daß der Entschluß des Mannes unerschütterlich feststand;_ dies konnte übrigens einen alten Krinnnal- inspektor nicht überraschen. Sehr ost setzten Verbrecher im ersten Augenblick allen Fragen völliges Schweigen entgegen. Trotzdem hätte Gsvrol vielleicht weitere Versuche gemacht; aber man meldete ihm, der „Soldat" habe soeben den letzten Atemzug getan. Er sagte daher: >
Na, wenn es so ist, Kinder, dann werden zwei von euch hierbleiben, und ich werde mich mit den anderen auf die Beine machen. Ich werde den Polizeikommissär wecken nnd ihm den Fall übergeben; er wird sich damit abfinden, und wir gehen vor, je nachdem er seine Entscheidung trifft. Jedenfalls ist meine Verantwortlichkeit gedeckt. Nehmt also unseren! Kunden die Fesseln von den Beinen und bindet der Mutter Chnpin ein bißchen die Hände zusammen; wir werden die beiden im Vorbeigehen auf der Polizeiwache abliefern. '
Alle Beamten beeilten sich zu gehorchen, mit Ausnahme des jüngsten von ihnen, eben jenes, der sich des Generals Lobsprüche zugezogen hajte. Er trat an seinen Vorgesetzten heran, machte ihm ein Zeichen, daß er ihn: etwas zu sagen habe und zog ihn vor die Tür. ;
Als sie ein paar Schritte vom Hause entfernt waren, fragte Gsvrol: ;
Was willst du von mir?
Ich möchte gern wissen, General, wie Sie über diesen Fall denken. s
M denke, mein Junge, vier Spitzbuben haben sich in dieser
Räuberhöhle getroffen, haben Streit bekommen, nnd von Worten ist man zu Schlägen übergegangen. Der eine von ihnen hatte einen Revolver; er hat die anderen getötet. Das ist klar wie Kloßbrühe. Je nach seincni Vorleben und auch nach dem Vorleben der Opfer, wird der Mörder verurteilt werden. Vielleicht ist ihm die Gesellschaft sogar Dank schuldig. . .
Und Sie halten Nachforschungen, Untersuchungen für überflüssig? । ..
Ganz und gar zwecklos!
Der junge Polizist schien nachzudenken; dann begann er. wieder:
Es ist nur. . . nämlich mir selber, General, ist diese Gü- schichte nicht völlig klar. Haben Sie den Mörder beobachtet, feine Haltung geprüft, sind Sie seinen Blicken gefolgt? Habest Sie, wie ich, von ungefähr bemerkt . . .
Was denn weiter?
Nun, mir scheint. . . ich täusche mich vielleicht, aber kurz und gut: ich glaube, wir lassen uns durch den Augenschein! täuschen. Ja, ich ahne so etwas. . .
Bah! Und wie erklärst du dir diese Ahnung?
Wie erklären Sie sich die Witterung des Jagdhundes?
Gsvrol, als eifriger Verfechter der nur auf Tatsachen Gewicht legenden Richtung der Kriminaltheorie, zuckte geringschätzig die Achseln und spottete:
Mit einem Wort: du ahnst hier ein Melodrama. . . eine! Zusammenkunft verkleideter großer Herrschaften in der „Pfeffer- büchse" bei der Chnpin. . . wie im Ambigutheatcr. . . suche, mein Junge, suche! Ich erlaube es dir!
Wie? Sic erlauben?
Das heißt sogar: ich befehle cs dir. Dn wirst hier bleiben, und zwar mit einem von den Kameraden, den du selber wählest kannst. Und wenn du irgend was findest, was ich nicht gesehen habe, so erlaube ich dir, mir eine Brille zu schenken!
! 2. Kapitel.
Der Beamte, dein Gsvrol eine von ihm selbst für überflüssig! gehaltene Untersuchung überließ, war ein Anfänger.
Er hieß Lecog.
Er war ein Mann von 25 bis 26 Jahren, beinahe bartlos, blaß, mit roten Lippen und sehr dichtem, gewelltem schwärzest Haar. Er war ein bißchen klein, aber gutgewachsen, und alle! feine Bewegungen verrieten eine nicht gewöhnliche Stärke. Sonst war an ihm nichts Auffallendes, außer dem Auge, das bald aufblitzte, bald erlosch, wie bas Feuer eines Leuchtturmes, nnd der Nafe, deren breite, fleischige Flügel eine überraschende Beweglich/- keit zeigten.
Als Sohn einer reichen und angesehenen Familie der Normandie hatte Lecoq -eine gute und gediegene Erziehung empfangen., Er hatte eben seine Studien der Rechtswissenschaft in Paris begonnen, als er im Laufe einer Woche Schlag auf Schlag erfuhr^ daß sein Vater vollständig ruiniert gestorben wäre, und daß seine Mutter ihn nur jwm wenige Stunden überlebt hätte.... Er stand also allein in der Welt, -ohne Mittel, und er mußte leben. Da konnte er so recht ermesfen, was er eigentlich verstand; cs' war gleich Null.
Die Universität gibt auf das Abiturientenzeugnis hin keine! lebenslängliche Rente. Was halle also der Verwaiste von feinest Gymnasiastenkenntnissen? Er beneidete die Leute, die einen praktischen Beruf verstehen und kühn beim ersten besten Arbeitgeber eintreten und sagen können: „Ich möchte Arbeit haben."
Sie können arbeiten und haben zu essen.
Leeoq suchte sein Brot in allen Berufen, die den Deklassiertest zugänglich sind. Undankbare Berufe! Es gibt hunderttausend Deklassierte in Paris.
Einerlei! Er ging mit Tatkraft ans Werk. Er gab Unterricht und kopierte Akten für einen Advokaten; er war Kolporteur, Jnseratensammler, B-ersich^rimgsagent....
Zuguterletzt erhielt er eilte Stellung bei einem Astronomen, dem berühmten Baron Moser. ' Er hatte den ganzen Tag Be- rechnitngcn zn kopieren, bei deren Zahlen ihm der Kopf wirbelte, nnd er bekam dafür monatlich hundert Franken. Davon konnte ep notdürftig leben. 1
Mer ihn überkam eine große Mutlosigkeit. Nach fünf Jährest war er immer noch auf demselben Fleck. Eine Mut stieg in ihm auf, wenn er ast alle gescheiterten Hoffnungen, vergeblichen Versprechen, erlittenen Demütigungen dachte.' Die Vergangenheit war traurig gewesen, die Gegenwart war beinahe unerträglich, die Zukunft drohte fürchterlich zu werden.
(Fortsetzung folgt.)


