Ausgabe 
21.9.1908
 
Einzelbild herunterladen

emr

päißfli nfr rMUM

^Ifäraai WiMOi »»

MZM8 MMW WW^^W

Herr Lecoq.

Kriminal-Roman, von E. Gabvriau.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Man hob ihn mir der größten Vorsicht auf, denn er stöhnte kläglich bei jeder Bewegung; dann setzte man ihn auf den Boden, so daß sein Rücken gegen die 'Wand gelehnt war. In diesem Augen­blick öffnete er die Augen und verlangte mit schwacher Stimme Ku trinken. Man reichte ihm einen Becher mit Wasser; er leerte ihn, tat einen tiefen Atemzug und schien wieder einige Kraft zu gewinnen.

Wo bist du verwundet? fragte Gsvrol.

Am Kopf! Sehen Sie, da! antwortete er, mit einem Ver­such, einen seiner Arme zu erheben. O, tme leide ich!

2er Schutzmann, der dem Mörder den Rückzug abgeschnitten hatte, war herangetreten, befühlte mit einer Geschicklichkeit, um die ein alter Wundarzt ihn hätte beneiden können, die klaffende Wunde, die der junge Mann dicht oberhalb des Nackens hatte, und sagte:

Das ist nichts von Bedeutung.

Aber man konnte sich über ein Zucken seiner Unterlippe nicht tauschen. Cs war klar, daß er die Wunde für sehr gefähr­lich, wenn nicht für tödlich hielt.

Ja, nichts von Bedeutung, bestätigte Gsvrol. Kopfwunden heilen binnen einem Monat, wenn sie nicht auf der Stelle töten.

Der Verwundete lächelte traurig und murmelte: Ich habe

Verwundete mit immer schwächer werdender Bandit Lacheneur hat mich ins Unglück ge-

wudde getäuscht; er gehört hatte.

Ja, ja, fuhr der Stimme fort; dieser Pissen.

Mein Teil.

Bah!

Oh. Dagegen ist nichts zu sagen, ich fühle es. Aber ich beklage mich nicht. Ich habe nur, was ich verdiene.

Alle Beamten sahen sich bei diesen Worten nach dem Mörder um. Sie glaubten, er würde diese Erklärung sich zunutze machen, um seine Unschuldsbeteuerungen zu erneuern. Ihre Erwartung rührte sich nicht, obwohl er sicherlich alles

Lacheneur? . t ,

Ja, Lacheneur, ein früherer Schauspieler, der mich gerannt hatte als ich noch reich war . . - denn ich habe Vermögen gehabt; gber ich habe alles durchgcbracht, ich wollte mich amüsieren . . . Er wußte, daß ich feinen Sou habe, kam zu mir und versprach Mir so viel Geld, daß ich mein altes Leben wieder würde be­ginnen können. . . Und weil ich ihin geglaubt haoe, muß ich jetzt in dieser Spelunke verenden wie ein Hund! ... O, ich will mich rächen! , , ,,, , .

Und von dieser Hoffnung stark gemacht, ballten sich seine Fäuste zilsammen. . ,

Ich will mich dachen! sagte er noch einmal. weiß alles lang und breit, mehr als er glaubt. . . -och werde alles sagen!

Er hatte seinen Kräften zu viel zugemutet. Der Zorn hatte ihin eine augenblickliche Energie verliehen, aber um den Preis der letzten Lebenskraft, die noch in ihm pulsierte. Als er weiter­sprechen wollte, konnte er nicht. Zweimal öffnete er iwch den Mund; aus seiner Kehle drang nur ein erstickter Schrei ohn­mächtiger Wut hervor. Dies war seine letzte Lebensäußerung; ein blutiger Schaum trat auf seine Lippen, seine Augen ver­drehten sich, der Körper streckte sich aus, und unter einem letzten krampfartigen Schauern sank er mit dem Gesicht auf die Erdet

Es ist zu Ende! flüsterte Gsvrol.

Noch nicht! antwortete der junge Polizist, dessen Einschreiten so gute Dienste getan hatte; aber er hat keine zehn Minuten mehr zu leben. Armer Teufel! Er wird nichts sagen.

Der Inspektor hatte sich, so ruhig als hätte er dem alltäg­lichsten Vorkommnis beigewohnt, wieder aufgerichtet und klopfte sorgfältig den Staub von seiner Hose.

Bah! antwortete er, wir werden gleichwohl erfahren, was für uns von Interesse ist. Der Bursche ist Soldat und feine. Regimentsnummer steht auf den Knöpfen seines Mantels. Also . .!

Ein schlaues Lächeln, kräuselte die Lippen des jungen Beamten und er sagte:

Ich glaube doch, daß Sie sich täuschen, General.

Indessen...

Ja, ich weiß; da Sie ihn in Uniform sahen, haben ©te angenommen jedoch Nein! Der Unglückliche war nicht Soldat. Mollen Sie von zehn Beweisen auf der Stelle einen? Sehen Sie nach, ob er die Haare vorschriftsmäßig geschnitten trägt. Wo haben Sie schon einen Kommiß-jungen gesehen, dem die Haare bis auf die Schultern fallen?

Der Einwand verblüffte den General, aber er faßte sich schnell und sagte schroffen Tonest

Denkst du, ich habe meine Augen in der Tappe? Deine Bemerkung ist auch mir nicht entgangen, aber ich habe mir ge­sagt: Schau, ein Windhund, der sich seinen Urlaub zunutze ge­macht hat, um das Haarschneidegeld zu sparen.

Das heißt, ivenn nur nicht. . .

Aber Gsvrol duldete keine Widerrede mehr und sagte:

Genug geschwatzt! Was vorgegangen ist, werden wir alles erfahren. Mutter Chupiu, die Spitzbübin, ist ja jedenfalls nicht tot!

Mit diesen Worten ging er ans die alte Iran zu, die tort­während znsammengekauert auf ihrer Treppe sitzen geblieben war. Seitdem die Schutzleute ähr Haus betreten hatten, hatte sie weder gesprochen, noch sich gerührt. Rur ihr Stöhnen hatte nicht auf- gehört. Mit einer raschen Bewegung riß Gsvrol ihr die schürze von dem Gesicht weg, und man sah ein von Alter, Liederlichkeit, Hunger und Branntwein häßlich gewordenes Weib: runzlig, ws, zusammengeschnurrt, ohne Fleisch auf den Knochen, gelber und dürrer als ein altes Pergament. 1

Vorwärts, ausstehen! rief der Inspektor. Ach was! Deine Jcremiaden rühren mich ganz nnd gar nicht. Du verdientest Prügel für das infame Gift, das du in deine Getränke tust, wo­durch deine Trunkenbolde wahnsinnige Wut in ihr Gehirn kriegen.

Die Alte sah sich mit ihren kleinen geröteten Augen falt Saal um und jammerte mjt wehleidigem Ton: