Ausgabe 
21.5.1908
 
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Gstilieh der AnschL.

Von (9. Zitzer (Nicdereifcnhauscn).

(Nachdruck verboten.)

Ter Trieschbauer ist einer von denen, die das Gras wachsen sehen und die Flöhe husten hören. Ein Uebcrgeschciter ist er, der die Weisheit, besonders die ökonomische, mit Löffeln gefressen hat. Mas c r macht, das ist recht und gut, und alles andere taugt nichts.

Landwirtschaftliche Maschinen anschaffen? Unsinn!

Künstliche Düngung? Neumodische Dummheiten!

Genossenschaftlicher Zusammenschluß? Schwindel?

Buchführung? Das fehlte gerade noch für den Bauer!

Darum hat er auch niemals brauchbare Tinte im Haus, wenn der Ortsdiener oder der Briefbote einSchreiwcs" bringt, das unterzeichnet werden muß. In einem schmierigen Arznci- gläschen mit der AufschriftMeußerlich!" ist noch ein kärglicher Bodensatz der schwarzen Flüssigkeit, der im Bedarfsfall schon seit Jahren mühsam mit Wasser angerührt wird.

Unglaubliche Geschichten gehen im Dorfe und darüber hinaus von seinem sprichwörtlich gewordenen Geiz. Natürlich ist er Hagestolz. Man denke doch, was so 'ne Frau im Haus für Um­stände und Kosten verursachen könnte, des Aergxrs gar nicht zu erwähnen! Erstens will sie mal Essen, Trinken und Kleidung haben, und wenn sie krank wird, gepflegt sein. . Und obendrein vielleicht noch ein paar Kindtaufen!

Nein, der Trieschbauer hat sich gehütet vor solch' leicht­sinnigem Streich und wird es auch in Zukunft tun. Im Grunde genommen, ein überflüssiges Vornehmen. Demi^ wer wird den alten Nörgler haben wollen mit seinem kahlen Schädel und den unzähligen Furchen und Falten auf der vorspringenden Stirn und im Gesicht, die von Mißtrauen imb Argwohn reden?

Kein Knecht, keine Magd hält's lange bei ihm aus. Ein­heimische Kräfte bekommt er überhaupt nicht mehr. Sv bezieht er denn seinen Bedarf im Frühjahr von den großstädtischen Ge- sindcvermietungsburcaus, und wenn der letzte Erntewagen hinter dem schief in den Angeln hängenden Scheunentor verschwunden ist, macht er den Leuten das Leben so sauer, daß sie gern von selbst gehen. Etwa noch rückständigen Lohn hält er schmunzelnd ein, wegenböswilligen Verlassens des Dienstes".

Daß das fremde Volk meistens vom Bauernhandwerk - so viel versteht, tote die Kuh vonk Walkzertanzen, sicht ihn wenig an, ist es dochbillig".

Aber einmal ivar er an den Unrechten gekommen.

Meine Name is Jottlieb Schultze mit'm Te-Zätt, jelerntek Stellmacher und seither in die verschiedensten Berufen mit Erfolg tätig jewesen, stehe oogenblicklich voll und janz zu Ihrer Bcr- figung. Reisegepäck nun Papiere vorläufig noch in Depvh bei die Firma Dvllmann u. Ko., Jesellschaft mit haftpflichtiger Be­schränktheit, Menschenhandel en gros et cn detail, und wenn Se mir nn noch mit'n reellen Frihstsck nun 'n Paa abjelegtcn Hosen dienen wollen, so ... .

Haal bat schlaicht Maul!" schnitt ihm der Trieschbauer seine mit unbeschreiblicher Zungenfertigkeit hervorgcbrachte An­trittsrede ab,ower aich schmeiße daich gleich wirrer naus!"

Janz nach Belieben," verbeugte sich Schultze,aber wat haben wir denn da? Hab die Ehre, jnüdiges Fräulein, wohl die Stitze.der Hausfrau? Wat?"

Und ungeniert kniff er der ciutretenden Dienstmagd in die apfelroten Wangen.

Oller Quatschkopp!" lachte die Holde, halb ärgerlich, halb geschmeichelt.

Qnatschkopp? Oochjut! So ne Art Landsmännin? Selbst­redend! Hao ick sleich jeniorieit. Na bet trifft sich ja fein."

Hurre mol, Kerlche'," mischte sich der Bauer jetzt wieder ein,dos will aich der glaich sahn: Gebimbel mit der Mähdot gitt naut in meint Haus! Etz wird Kassie getrünke, umt dann Nichts naus uff die Wisse, und diou, Ami" eigentlich.hieß sie Amandamachst, daß des Gemoiseland haüre noch erimm kimmt!"

Jut jesagt, also nehmen wir zunächst mal den Mokka ein! Da Sie mir keeuen Wagen »ich zur Berfigung gestellt, mußte ick den langweiligeit Weg vom Bahnhof hierher zu Fuß dippeln umt verspüre infolgedessennen mächtigen Kohldamp."

Joa, stopp bei Schlappmaul!" knurrte der Trieschbauer.

Na denn man zu! Sagen Sie mal, Herr, haben denn Hierzuland alle Leute solche Kaffetassens ohne Henkel? Die sind ja verflucht schlecht anznfasscn." ,

Machs wäi aich."

Bewundernd lauschte Amanda der Rede des neuen Haus­genossen. Das war doch mal was anderes wie- die steifen Dorf­burschen. Wirklich ein feiner Kerl! Das kühn emporgezwirbelte Schnurrbärtchen und die lustigen Augen hatten ihr's schon beim ersten Blick angetan. Wenn heut abend der Hannes von nebenan wieder angestolpert kam, wollte sie ihm aber schön heimleuchten. Bum Heiraten war sie ihm ja doch zu gering. Jetzt war der Rechte gekommen.

Diese angenehme Gedankenreihe spann sic später auf dem Gemuseaccer weiter. Ehe die Männer noch aus den Wiesen zurück­kamen, hatte sie ihre Arbeit vollendet, das Vieh versorgt, einen hesserm Rock angezogen, sich die Haare aufgesteckt und in jeder Hinsicht das Möglichste getan, trat sich vorteilhaft zu präsentieren.

Auch schaffte sie schnell ein paar Eier zur Seite und verbarg sie neben der Bratwurst, über bereit rätselhaftes Verschwinden sie vor kurzem eine sehr lebhafte Auseinandersetzung mit ihrem Dienst­herrn gehabt hatte, sorgsam im Bettstroh. Dann hielt sie neuer­dings Ausschau.

Richtig, da kamen sie angezogen, und zwar in schönster Ein­tracht. Und, v Wunder! Der Alte schnitt sogar ein vergnügtes Gesicht, d. h., so weit er daS eben fertig brachte. Nein, so was! Ein Hexenmeister, der Berliner!

Tas kam daher, weil dieser sich wirklich Mühe gegeben und überdies zur großen Genugtuung des Bauern dessen heimlichen Widersacher, den Schreinerjörg, der sich im Vorübergehen eine spöttelnde Bemerkung erlaubte, so gründlich hatte abfahren lassen, daß er, ohne eine Silbe zu erwidern, seines Weges gegangen war.

Also der Trieschbauer war nicht unzufrieden: aber er nahm sich dennoch vor, die Augen offen zu halten. Er hatte auf dem Gebiet schon die bittersten Erfahrungen gemacht. Ter Neue hatte so etwas in seinem Wesen, das ihm ein gewisses innerliches Un­behagen bereitete, wenn er's an Gehorsam und Fleiß auch nicht fehlen ließ.

Um ihm zu imponieren, und die Art seines Betriebs gleich ins rechte Licht zu setzen, legte er dem anscheinend sehr Interessiertes feilte Methode auseinander und betonte, wie er oft mit geringeren Mitteln und Kosten größere Erträge erziele als seine Nachbarn. Ja, er unterdrückte sogar das Wort des Tadelns, als er sah, wie der Städter den Buttertopf während des Abendbrotes in unerhörter Weise in Anspruch nahm.

No, Gottlieb, wos sagste dann dorzu?" erkundigte er sich schließlich, begierig, seine Weisheit aus dem Munde des Vieh gereiften bestätigt zn finden. 1 . i: ii

Wat ick sage? Wie mein Jroßvatev mütterlicherseits', bet ceit sehr jelehrtes Haus jewesen is: Et is nid) ausjeschlossen, bet die Jntellijenz mancher Oekonpmen merschtendeels in direktem Widerspruch zu bie Jrößc ihre Knollcnjewächse zu stehen scheint."

Wäi meenste dos?" fragte der also Belehrte argwöhnisch!

Wie ick bet meene? 9? n bi erlief) jebe ick Ihren jroßartigen Bestrebungen um bie Hebung der heimischen Landwirtschaft alle Anerkennung."

Tann hob der Trieschbauer bie Tafel auf, stopfte sich die hölzerne Pfeife und begab sich ins Dorf zu seiner ebeufals ledigen Schwester, um mit ihr die Ereignisse des Tages zu besprechen. Vor dem Weggehen aber schärfte er Amanda äußerste Vorsicht gegenüber dem Knechte ein und gab ihr den Rat, ihre Kammer sorgfältig zu verschließen.

Nur ferne Sorje nid), Herr, ick laß mir nick) in die Wimpern klimpern. Nee, nee, von die Sorte is .die Amanda keene," wehrte das Mädchen ab.

No, aich sahn dirsch noch amol, de weeßt joa, wu aich cnaus will," brummte er int Abziehen,dou woaru daich!"

Auf diesen Mgenblick hatte Schultze gewartet.

Jott fei jeirommelt und jepsiffeu, jut, bet die olle Schieietz- eule weck) is!"

Und dann setzte er sich zu Amanda aus die Mchenbank.

_Weeßte, Meene, haste nich noch wat zum Nachtisch, die Speisekarte vvns Suppe« war nich jerabe reichhaltig."

Een Momeng," sagte sie,ick will bloß mal nachsehen, er wirklich fort is."

Darauf krachte sie die gemopsten Eier.

Kick mal an," freute er sich,hat der Osterhase Visite ge­macht? Die wollen wir aber mal jlcich intus nehmen, hab lange keene Volksaustern mehr jenossen."

Nach einer Weile rückte er etwas näher.Sag, Amauda- chen, seht bet immer so?"

Wenn du artig bist," gab sic mit schelmischem Seitenblick zurück.

Na, an mir soll et nich fehlen," gelobte Gottlieb,aber haste nich eene «njewchte Ziehjarre in pctto odern kleencn Kurzen?

Nach so langen Leiden.

Neid) "mir mal die Kimmelbulle her, Kimmelbulle her!" Hör man bloß uff mit bet Jesiuge,n Schnaps kann ick dir nich jebe», der Olle hat die Schlüssel, abern paar Ziehjarrcn will ick dir holen beim Budicker."

Ach laß mal," meinte er,gib mir lieber 'n Küßchen, bet schmeckt auch jut."

Und er versuchte, beit Arm um sie zu legen.

Hand wech!" wies ihn Amanda ab,so schnell, so plötzlich' seht daS nich!"

Janz nach Belieben, mein Schatz, was nich iS, kann noch werden. Nu will ick mir aber mal bet Nest hier, sozusagen den Schauplatz meiner künftigen Heldentaten, bei bie Düsterheit be­trachten und mtr bet die Jelegenheit 'n Jlas Bier jenehmigen. Ra denn jute Nacht!"

Draußen rannte er etwas unsanft mit einem Burschen zu­sammen. Es war der Hannes, der dort offenbar auf der Lauer gestanden hatte.

Nn brat mir aber eenernen Storch, aber recht knusprig," entrüstete sich. Schultze,wo hält ick denn jebacht, bet hier so'n Verkehr «ff die Straße wäre, immer rechts ran, junger Manu, immer rechts!"

Böser Ahnungen voll suchte Hannes die Amanda auf. EP fand seine Befürchtungen bestätigt. Schon nach den ersten Worteit