Ausgabe 
21.5.1908
 
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Seufzer. '-Ach, schon nach den ersten acht Tagen meiner Reise dachte ich innnerzn: Ivie viel besser tätest du, wenn dn deine stl'ast nnd deinen Reichtum den Werken der Barmherzigkeit wid- nietest, anstatt durch die Welt zn fliegen und nach der Seifen­blase des Erfolges zu Haschen. Und gewiss, wenn ich mich nicht so bitter getäuscht hätte, ich hätte meinen Vertrag gebrochen nnd wäre sofort wieder heimgekehrt."

Mit fenchtglänzendcn Augen streckte sic Heinz die Hand hin und fuhr fort:Ich bin Ihnen ja so dankbar, das; Ihr Wort mich den wunderbar tiefen Sinn der christlichen Religion er­kennen lehrte. Wollen Sie mir helfen, die Lehre Jesu noch inniger erfassen zu lernen, cüte_ echte und rechte Samariterin der Annen zu werden? Wollen Sie mich stützen, ivemt ich wieder schwach werde?"

Heinz nahm die darigcbotene Hand und nickte, die Lippen fest zusammenpresscnd.

Er lies; sichs gefallen, daß Isabella nun tviedcr zu jeder seiner Predigten in die Kirche kam, auch einmal an einer'Be­gräbnisfeier tcilnahm und ihn säst täglich zn seinen Armen und Kranken begleitete, denen sie mit immer vollen Händen gab; denn darin, dem Kommerzienrat einen Hundertmarkschein nach dem anderen abzubetteln, war sie Meisterin.

Die Di en erseh ast im Schloß und die Leute in Fichtenhöhe Nnd Achönauc steckten bald flüsternd die Köpfe zusammen:Nein .... läuft das gnädige Fräulein aber unserni Pastor nach. Er muß doch ein Narr sein, daß er da nicht zugreift. Denn eine reiche und schöne Frau zn haben, ist doch auch für einen Geist­lichen tvahrhaftig keine Schande."

Heinz litt schwer an dem Zwiespalt in seiner Brust. Sciim Leidenschaft, von der er während Isabellas Abwesenheit gewähnt, daß sie einschlafen und verlöschen würde, war vom Tage ihrer Heimkehr an wieder emporgelodert und wuchs mit jeder Stunde, die er tu der Nähe des Mädchens zubrachte. Oft, wenn ihui das fliegende Rot auf ihren Wangen, der feuchte Glanz ihrer Augen und der bebende Klang ihrer Stimme verriet, wie sehr sie ihn liebte, mußte er alle Kraft ausbieten, um dem Drang zu wider­stehen, der ihn zu ihren Füßen niederzwingen wollte. Und oft schrie die Stimme des Blutes in ihm: Mag werden, das will. Nimm sie in deine Arme nnd kühle den Brand, der dich ver­zehrt, an ihren Missen! Doch immer, wenn er ihrer Nähe ent» rtirft war, sah -er wieder die Kluft, die zwischen ihnen gähnte. Was sollte sie, diese Treibhausorchidee, in den schlichte!; Räumen -eiiles Pfarrhauses? Es war ja lächerlich. . . Ivar ja Toll- lzect! Isabella, die einen Biererzng kutschierte, zwei Reitpferde zu eigener Benutzung im Stall stehen hatte, sich von einem scywarzenSpezialboh bedienen ließ und Roben trug, von denen mitunter eine einzige das volle Jahresgehalt eines Landgeistlichen kostete, Nie, und wenn sie ihn noch so sehr liebte, luiirbe sie sich mit d-eL einfachen, spartanischen Lebcztsweise abfinden können, die ihm Grundsatz und Ideal war. Unbi wenn er ihr, der Ver­wöhnten, auch bfiS, Einbringen einer mäßigen Mitgift zur Be­streitung ihrer Privatausgaben anheimgeben und ihr manchen Luxus gestatten möchte, an dessen Genuß er selbst nicht teil- nghnr, niemals doch würde er sich einverstanden erklären dürfen, init de« Verschwendungssucht, die ihr so zur zweiten Natur ge- Itotben war, daß sie sie nicht mehr lassen konnte. Nein, nicht mehr lassen konnte! Er sah es Wohl, wie sie sich abquälte, ihm zn Gefallen ihre Bedürfnisse einzuschränken, und Ivie doch all ihr Mühen umsonst war.

Eines Nachmittags gegen Ende des Mai, als rings das ganze Land in Blüte stand, ließ-ihn Isabella, die er schon mehrere Tage nicht gesehen hatte, durch den Diener in den Park bitten.

Am Ufer des Schloßteiches saß sie vor dem offenen Rokoko- pavUlon unter einer purpurblättrigen Blutbuche, in einen Trtumph- scssel zurückgelehnt und blickte den kiesbestreuten, im Sonnenlichte glänzenden Weg hinunter, den Heinz- daherkommen mußte. Mit einem fast unmerklichen Neigen des Hauptes, einem langsamen Senken und Heben der feingeäderten Lider erwiderte sie seinen Gruß, -ohne sich aus ihrer Stellung zu rühren.

Werner kann mal ein Viertelstündchen warten," begann sw in nervösem Tonfall.Wollen Sie nicht Platz nehmen?"

; Schweigend verneigte sich Heinz und rückte einen Kvrbsesscl zurecht, die in bunter Menge auf dem erhöhten Pavillonrondell

Forschend streiften seine Blicke dabei Isabellas schlanke Gestalt, die in ein loses Frühlingskostüm aus weißer japanischer Serbe gekleidet war. Da sie die Hände unter dem Kopf gefaltet hielt, Nelen die weiten Spitzenärmel des duftigen Gewandes bis Uber ihre zierlichen Ellenbogen zurück, die zarte Schönheit der schneeigen Arme enthüllend; und unter denk durchsichtigen Ge­webe atmete ihre Brüsk in langen, gleichsam müden Zügen. Die Sonne, deren Strahlen schräg durch das Gezweig der Blutbuche

fielen, zauberte einen rosigen Lichtschein aus das weiße Meid' und das bleiche Gesicht das mit seinen kaum geöffneten Lidern wie das einer Schlafenden erschien.

Wie zu so vielen Malen, hatte Heinz auch jetzt wieder die Empsiiidung, daß «nsabella schöner würde von Tag zu Tag. Und doch Mischte stch-in das Gefühl seiner Bewunderung ein Erschrecken -über dw Krankhafte Blässe und Schmalheit ihrer Wangen, den' Zug des Grames um Augen und Mund, über die Mattigkeit ihrer Härtung, was alles ihm noch tue so zum Bewußtsein gekommen war wre heute.

".Ich.konnte mich in beit letzten Wochen wenig um unsere Ämn.ml kümmern," sprach Isabella Wetter;es geht mir selbst gar nicht gut, und der Professor, den Papa gestern zur Konsul- tativii von Berlin hat herüberkommen lassen, sagt, ich müßte an die Norvfee oder in die Schweiz ich wäre nervös." Sie bracy ao und blickte Heinz forschend an, gleich als wollte sie ergruiideti, welche Wirkung ihre Mitteilung auf ihn machte. Als sie mh, daß er, zn Boden starrend, vergeblich nach eiuemWort der Erwiderung rang, leuchtete es wie leiser Triumph in ihren Augen auf Der Samariterdienst ist -doch viel schwerer, als ich^ dachte," fuhr sie fort.Er befriedigt mich ja sehr . . . gc- wiß. Aber, ich bin wohl zu schwach, ihn zu erfüllen. Wissen Sie kein leichteres Amt für mich als Krankenbesuche bei armen Leuten?"

| , Hcwö Bollraths geistigem Blick stand plötzlich, er wußte I wibst nicht, warum und ivie, Martha Bartikows stolze, selbst- | ssA'M'e Gestalt. Es war Abendzeit und nach all den heißen i Muhen, die ihr der lange Tag gebracht, ging sie jetzt, munter uno frifo.) wie am Morgen, mit den Dannenbornschen Kindern ourch c-cn Garten. Unb er sah, wie die Kinder an ihrem Mund hingen und mit Ohr und Auge, den reichen Segen tranken, den die feste, in sich geschlossene Persönlichkeit ihresMütterchens" über sie ausstreute.

., »Ja," sagte er und ivandte den Blick zu Isabella,ja, icy wüßte etwas für Sie. . . etwas Leichteres, Sonnigeres, das 'Ihnen auch wohl besser hinweghelfen möchte über die Leere in Ihrer Brust."

,'üeber die Leere?" fragte Isabella mit bitterem Spott.

lieber die Friedlosigkeit," gab Heinz ruhig zurück, als hätte er den geheimen Sinn ihrer Worte nicht verstanden.

lieber die Friedlosigkeit", wiederholte Isabella leise.Was soll das sein, das mir darüber hinweghelfen könnte?"

Schon lange trage ich mich mit dem Gedanken, eine Abend­schule zu errichten", sprach .Heinz;keine Schule, in der die Kinder ihre elementaren Kenntnisse int Rechnen, Lesen, Schreiben erweitern sollen, sondern ein zwangloses Zusammenkommen zur Anfertigung von Handarbeiten, zu Spiel und Gesang; eine Ver­einigung, dazu berufen, Gemütsbildiing, Freundschaft und Treue und damit zugleich eine edle, und reine Freude am Leben zu wecken. Eine Gemeinschaft, in deren Schoß die Kinder jener seelischen Erziehung teilhaftig werden sollen, die ihnen weder oie überlasteten Lehrer, noch die Eltern bieten können, auch dann nicht, wenn sie den besten Willen dazu haben. Hätten Sie Lust, sich mit irgend einer anderen jungen Dame, etwa mit Fräulein Reichardt, in die Leitung einer solchen Abendklasse zu teilen ?" .

Isabella hatte die Brauen hoch in die Stirn emporgezogen.

O . . . warum nicht!" antwortete sie verbindlich, doch ohne innere Wärme.

Heinz fühlte sich durch ihren Ton enttäuscht, sah zu Boden und erwiderte nichts. Auch Isabella versank in Schweigen und lreß ihren Blick über den See hingleiten, durch dessen leise flutende Wellen zwei schwarze Schwäne silberne Furchen zogen. jIciü) eihCT i(c fnßtc fit*, tvic nu§ tiefen (^ebnnfen heraus;

Stehen Sie eigentlich ganz fest in dem Glauben, bett Sie -uhver Gemeinde predigen? Schwanken und zweifeln Sie niemals?"

Niemals!" gab Heinz zurück-Wie kommen Sie auf diese Erage?" ,

O . . . es schoß mir nur so durch den Sinn", entgegnete Isabella. Noch immer lag sie, die Hände unter dem Kopf, tiep zurückgelehnt in ihrem Triumphsessel.Für mich kontmeu immer wieder und immer wieder solche Stunden."

Vielleicht gelingt es mir, auch Ihren Glauben so tapfer zu machen, daß er keine Untersuchungen und Angriffe mehr zu scheuen braucht. Denn bis das Buch fertig fein wird, das ich über dieses Thema schreibe. . . ."

. , 'pdlh - - - . Sie schreiben ein Buch? ... Wie interessant!" ° rief Jsaoetia und fuhr aus ihrer liegenden Stellung auf.

Ich denke, was man gegen die Welt auf dem Herzen hat, das soll man ihr auch sagen", entgegnete Heinz einfach.

(Fortsetzung folgt.)