Nr. 80
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Donnerstag den 2t- Mai
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Wirket, so lange es Tag ist.
Roman von Maximilian Böttcher.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Na, mein lieber Herr Bruder," sagte <er deshalb im kollegial- verbindlichen Ton, „cs wird wohl das beste sein, wenn ich Ihnen einfach die Anklageschrift gebe und Sie bitte, sie mir int ganzen zu beantworten, ohne daß ich Sie sozusagen Punkt für Punkt vornehme." Und er reichte Heinz den von Frankensteins Hand beschriebenen, von Herrn von Bannemann amtlich weitergegebeiten Aktenbogen zur Einsicht, während er um die Erlaubnis bat, sich eine frische Zigarre anzünden zu dürfen.
Heinz sprach ein höfliches Bedauern aus, das; er selbst keine anzubieten hätte, da er einerseits Nichtraucher und andererseits nie Gastbesuche empfange, und las dann die Anklageschrift mit ruhiger Gründlichkeit durch.
„Ja," sagte er, nachdem er fertig war, und legte das Aktenstück vor sich auf den Tisch, „das eine ist wahr. . . ich habe in der Tat dem Selbstmörder Claus Schwarzmeier kirchliches Begräbnisgeleit 'gewahrt. Ich konnte nicht anders handeln, und ich würde es wieder tun, und wenn mir noch so schwere Strafe drohte. Denn grenzenlos muß die Verzweiflung sein, die einen guten Menschen zu einer solchen Tat treibt, wie Schwarzmeier sie begangen hat, und die Gründe zu solcher Verzweiflung waren da!"
„Ja, ja," warf Dr. Weigler ein, „das hab' ich wohl schon aus den Erzählungen der Frau Pastor Reichardt entnommen, das; die Verhältnisse des Mamres trostlos, ganz trostlos lagen."
„Tie Beschuldigung, das; ich Schulter au Schulter mit beit Sozialdemokraten ginge, weise ich zurück," fuhr Heinz fort. Und er setzte auseinander, weshalb er zu Frankenstein gefahren wäre, ihn um eine Lohnaufbesserung für seine Arbeiter zu bitten.
Heinz erhielt zwei Wochen spater vom Konsistorium einen Brief, in dem geschrieben stand, daß inan die Motive seiner Handlungsweise wohl zu würdigen wisse, das; man ihm aber doch den Vorwurf der Unklugheit nicht ersparen könne und ihn für die Zukunft ernstlich zu größerer Besonnenheit und genauester Befolgung der gegebenen Vorschriften ermahnen müsse. —
Elftes Kapite l.
Als der Frühling sein erstes Grün über dte Erde spann, kehrte Isabella Friedheim nach Fichtenhöhe zurück.
Heinz erschrak, als er sie wiedersah — so blutleer und matt erschien ihm ihr fchmales Gesicht, um dessen blassen Mund ein Zug von gramvoller Resignation deutlich ausgeprägt lag.
Ob ihre Reise sie enttäuscht hätte, fragte Heinz und umschloß ihre Hand mit festem Druck.
Sie schüttelte den Kvpf, indes sie ihre Finger in seiner Hand ruhen ließ, und ein warmer Glanz durch die Müdigkeit ihrer dunklen Augen leuchtete.
Nein, nein... sie wäre nur abgespannt von den vielen Anstrengungen, auch ein wenig erkältet. Aber sonst. . . o, sie Hätte große Triumphe gefeiert.
„Werden Sie weiterschreiten auf der einmal ein geschlagenen Bahn, im nächsten Winter wieder vor die Oeffentlichkeit treten?"
Isabella wollte erst antworten: „Natlirlich doch, selbstverständlich . . ."; aber trotz ihrer großen gesellschaftlichen Gewandtheit brachte sie's nicht über sich, Heinz frei ins Gesicht die Unwahrheit zu sagen. Sie zog die Schultern hoch, als ob es sie rvstelte, und sprach leise mit gesenktem Blick:
„Ich weiß nicht recht. Ihnen — aber nur Ihnen," betonte sie, „will ich gestehen, daß ich die Befriedigung, die ich suchte, doch nicht gefunden habe. Ich habe mir das doch alles ganz anders gedacht. Ach — es ist so viel Unangenehmes, Widerwärtigesi bei dieser berufsmäßigen Künstbetätigung. In Dresden — ach, ich schäme mich eigentlich, es zu erzählen — war ich von einem unserer größten Kaviervirtuosen, der noch dazu verheiratet ist und Kinder hat, Verfolgungen und Anträgen ausgesetzt; und als ich nach einer Szene mit diesem Menschen, einer Kollegin mein Leid klagte, lachte sie mich aus. Ja, du lieber Gott, sagte sie, an solche Intermezzi und Episoden werden Sie sich gewöhnen müssen, wenn Sie vorwärts wollen. . . Und," Isabella fuhr mit einem unsicheren Lächeln fort: „Man muß wähl ein bißchen Zigeunerin sein, um sich da durchfinden zu können; und ich bin doch wohl hausbackener, als ich glaubte."
Sie schwieg. Da aber Heinz, von widerstreitenden Empfindungen gequält, mit gesenktem Blick dasaß, unfähig, einen Laut über die Lippen zu bringen, sprach sie nach kurzer Pause weiter: „Auch der Beifall der Menge erscheint mir jetzt, da ich ihn kennen gelernt habe, nur noch wie eine schillernde Seifenblase, die zerplatzt, ehe mau sie sich genau angesehen hat. Glück. . . das Glück liegt doch wohl anderswo — wehr in der Tiefe — oder auch in der Höhe. Aber schließlich —" sie warf den Kvpf zurück —• „schließlich ist wohl alles, alles im Leben nur schön, so lange man sich darnach sehnt. Wenn man's erst errungen hat. . ." Mit einem Achselzucken brach sie ab und drehte an ihren Ringen.
Heinz schüttelte den Kvpf.
„ES kommt wohl immer nur darauf an, tv«_ wir unser Glück suchen, Fräulein Friedheim. Eins gibt es gewiß: die Hingabe an die Pflicht, in der nicht die traumhafte Sehnsucht, sondern das Erringen, das ernste Vollbringen, die höchste Freude aus-, macht." :
Isabella zog ein wenig die Brauen hoch. ,
„Was Sie da sagen von dein Glück, das in der vollen Hingabe an die Pflicht liegt — die höchste Pflicht, die wir haben, ist doch wohl der Dienst der christlichen Nächstenliebe. . . aber, mir tränen Sie die Hingabe an diese Pflicht öffenbar nicht zu, nach dem traurigen Fiasko, das ich bei unserer Bescherung am Weihnachtsheiligabend gemacht habe?"
„Oh. . ." kam es zögernd von Heinz Vollraths Lippen. Sein Verstand und seine Ehrlichkeit geboten ihm „nein" zu sagen, „nein. . . für diese Pflicht find Sic nicht geschaffen"; — aber er brachte es nicht über sich, Isabella zu kränken, und antwortete schließlich, so banal er sich dabei auch erschien: „Aller Anfang ist schwer. Aber ioo ein fester Wille ist, da findet fich auch das Vollbringen." ;
„Den festen Willen habe ich," erwiderte Isabella mit einem


