Ausgabe 
21.3.1908
 
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schritt geärgert »bet gekränkt haben zu verzeihen hat er mir nichts. Vergebung «ahne ich nur von meinem Vater an aber Gotthard? Tvch was frage ich nach ihm. Mag er denken was er will. Ich habe über ihn gesiegt jawohl, leugne cs Nicht über ihn galt cs siegen.... das hat ihn erbittert. Aber nun bin ich bereit, auch mit ihm zu versöhnen, ja, ich will Friede machen."

Sie Ivar aufgesprungen und ging in der Halle hin und her. Tie Schleppe ihres schwarzen Sainmetkleides fegte über den mit Matten belegten Boden, in jeder Bewegung der seinen Gestalt lag Energie und Entschlossenheit.

Tu weißt, wie Gotthard und ich zu einander gestanden haben" fuhr sic fort, vor der Schwester stehen bleibend, die Noch still und mit einem beWmmerte» Ausdruck im guten, ver­blühten Antlitz dasaßdu weißt. Wir waren Altersgenossen, Spielkameraden, Verbündete. Du warst immer ein Musterkind Md du warst alter wie ich im hast mich nie begriffen. Wir wollten beide hinaus in die Welt er wollte Missionar werden « ich wollte Freiheit und Berühmtheit erlangen. Wir saßen zusammen auf dem alten Nußbaum im /Garten und malten uns das aus: Und grade er grade 'er hat mich dann am härtesten pcrdammt!"

Er wird ja schon kommen" tröstete Frieda zögernd r,nnd wenn er sieht wie Vater alückli'ch ist"

Sie stockte und Luise blickte sie scharf ani

Besonders überzeugt sprichst du nichl" sagte sic,doch sMüg hiervon! Mir fallt eben ein, was ich dich schon ehegestern fragen wollte! Wartet. Ihr denn noch immer auf eine An­stellung?"

Was meinst du? Etwa für Gotthard?".

Rein doch Ihr! Tn und dlrnold."

Verwirrt und bestürzt wandte die Schwester das Gesicht zur Seite.

Ich bin Arnolds Verlobte nicht mehr," sagte sieschon Zange nicht mehr. Er ist seit Jahren Garnisvirpfarrer und verheiratet."

Ach!" sagte Luise ungläubig,wahr? Wer sage mir, tim Himmelswillen, weshalb habt ihr euch denn getrennt?"

Ja da waren so Ursachen ich war ja doch wohl nicht die rechte Frau für ihn. . . ."

Also er löste, die Verlobung. Tas' ist nicht schön von ihm.... sag mal ausrichtig, da war wohl eine andre mit im Spiel?"

Nein, nein.... und wenn cr cs tat, so geschah es aus f laus wohlerwogenen Gründen."

Ja, du hast eine herrliche Seelenruhe oder ist cs Phlegma? Wer das auch so hätte . . . ."

Ta kommen die anderen!" sagte Frieda in bittendem Ton. Luise eilte die Treppe herab und hängte sich an Loyscns Arm

Gegen Abend erst verließen die Gäste das Haus. Loysen verabschiedete sich , von ihnen. Er mußte, um guten Anschluß an die östlichen Schnellzüge zu finden, einen Zug benutzen, der in frühster Morgenstunde, d. h. um, zwei Uhr, Jarowitz passierte. Er bat daher, sich schon abends verabschieden zu dürfen, nm dann nachts möglichst still das Haus verlassen zu können, Ter Kutscher sollte um halb zwei den Wagen bereit halten. So nahm er zur gewohnten Abendstunde von Wilhelm und .Edeltraut Ab­schied und ging dann mit Luise hinauf. Sie wollten beide nicht 8U Bett gehen, aber cr bestand darauf, daß sie sich, auf das Sofa fege, während er noch einige notwendige Briefe schrieb. Ms cr wach einer Stunde damit fertig war, sah er, daß sie fest schlief. Ten Kbps hatte sie in das weiche Sofakissen gewühlt und einen iSchwankmgen nut' die Schultern. gezogen. Schlaf war für sie ein seltener Gast, also legte cti die Feder hin und saß ruhig bei her flackernden Kvrze, umi sie nicht zu Wecken. Dabei kam wieder das starke, mitleidige Empfinden über ihn, welches sein Lebens- verdcrber geworden war aber er hatte nicht den mindesten Wunsch nach einer Aussprache. Ihm wäre es recht gewesen, wenn sie so bis zur Abschiedszeit geschlafen hätte, und es schien ihm fast, als solle dies der Fall sein. Es war schon nach ein Uhr, als sic Mruhig wurde, ausstöhnte und endlich verstört in die Höhe fuhr:

Lohs! Lohs!" rief sie angstvoll.

Er war sogleich bei ihr und nahm ihre Hand.

-.Hast du wieder Kopfschmerzen ?" fragte er. .

Sie sah ihn an und schauerte in sich zusammen.

Nein ich träumte nur. Aber so gräßlich. Zwei Schnellzüge fuhren gegeneinander türmten sich auf zer­splitterten aneinander und aus den Trümmern zog man dich zermalmt blutüberströmt. Reife nicht, Loys, mache alles brief­lich ab reise nicht!"

Kleiner Hasenfuß!" scherzte cr, aber ein unangenehmes Wchfindcn stieg in ihm auf. . ,

Hörst du? Bleibe hier! Weshalb mich es denn so iw der Ferne fein?" Laß uns doch hier, in der Nähe leben!" sie sprach in fiebernder Erregung.

Hier?" er lächelte bitter,unmöglich. Tas mußt du selber einsehen und was mich betrifft, soll ich's tragen, das Leben, dann je ferner, je besser. Am liebsten ginge ich nach Afrika."

Sie wurde plötzlich ganz lebendig.

Rach Afrika? Tos wäre eine' Idee. Ich liebe alles Un­gewöhnliche. Weshalb hast du mir das noch nie gesagt?"

Wozu denn? Ich tu' es ja nicht. Deinetwegen schon nicht, Henn du würdest ja dein Nima bald erliegen."

Oh, ich bin aus zähem Holz geschnitzt aber jetzt; weshalb siehst du denn nach der Uhr?" unterbrach sie sich1 mußt du schon fort?"

Ja, bald, in zehn Minuten."

Tins nicht, Loys! .... oder nimin mich wenigstens mit! Mir ist so gruselig nach dem schrecklichen Traum ich möchte, weun's sein muß mit dir zerschellen in dem Chaos. Nimm! mich mit!"

Tu träumst noch, Kind! Wie willst du in zehn Minuten reisefertig sein?" '

Ich? Sofort! Weun's weiter nichts ist! Ich komme ja hier bin ich schon"

Sie hatte ihren schwarzen Federhut und einen Mantel auf- gcrafst, sprang vor den Spiegel und stieß hastig die Nadeln durch den Hut doch plötzlich ließ sie die Hände sinken und wandte sich um.

Nein, ich bleibe hier! Wie konnte ich vergessen! Ich kann nicht mit dir in die Fremde ziehen, so lange ich hier einen Feind zuvücklasse einen unversöhnlichen Feind, der nur darauf wartet, alles zu zerstören, was ich mir fo fchwer erkämpft habe. Ich rede von meinem Bruder. Ja. Tu weißt das gar nicht fo. Es' ist nicht Zufall, daß er sich bisher nicht sehen ließ. Ich aber bin nun einmal so, daß ich immer mehr verlange, wie ich erhalten habe. Gotthards Trotz will ich besiegen .... beim es ist Trotz, nichts weiter. Er ist nicht mein Richter, der mich strafen durste."

Laß das lieber!" sagte Loysen kopfschüttelnd. Er hatte den Paletot schon zugeknöpft und stand, den Hut in der Hand, da.

Nein! Tas kann ich nicht lassen. Tas beginnt an mir zu nagen und würde mir in Zukunft mein Glück trüben."

Er seufzte nur. Was sollte er ihr sagen. Wird dieser Geist je Genüge und'Zufriedenheit finden?

Lebewohl, Luise, ich muß fort Hänge keinen abergläubischen Gedanken nach und benutze deine Zeit hier nicht zu Auseinander­setzungen mit deinem Bruder, sondern nur deinem Vater Liebs zu erweisen."

Sie brach plötzlich in Tränen aus und warf sich in seine Arme. Es dauerte eine Weile, bis cr sie beruhigt hatte, und als cr sich endlich losriß und im Dunkeln die Treppe herabtappte, war ihm, als hörte er noch immer ihre leidenschaftliche Stimme: Bleibe hier, Loys du gehst in dein Verderben in dein Verderben!

Ter alte Mariens war unten schon auf dem Posten und schloß die Haustür auf. Tie kalte Nachtlust strömte dem Heraustretenden ins heiße Gesicht, das noch feucht war von den Tränen der Fran. Ihm war schlecht zu Mut. Hatte sie ihn wirklich angesteckt mit ihrer sinnlosen Angst? Angst? Aber wovor denn? Wenn man ihn etwa, noch ehe der Tag anbrach/ Unter den Trümmern des zersplitterten Waggons hervorzog, dann wäre ja für ihn all die Bitterkeit des Lebens vorbei und er war daraus geschieden als ein Mann, der getan hatte, was cr zu tun schuldig war.

Im Hof leuchteten die Laternen des Jagdwagcns, um welchen Loysen gebeten hatte. Er schwang sich auf den Rücksitz und ließ sich seinen Handkoffer herausreichen. Tann zogen die Braunen an und der Wagen rollte durchs Tor in das stille Torf hinein, in welchem die Hunde schlaftrunken auschlngcn.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Partie Villard.

Bon A l p h o n s e D a u d e t. Uebcrsetzt von W. ML. Nachdruck verboten.

Zwei Tage säst ununterbrochen im Feuer gestanden und in der Nacht bei strömendem Regen zu kurzer Rast mit Sack und Pack im Freien gelagert. Und nun: Regen! Regen! nichts als Regen und noch immer keine Zeit gitc Rast, kein trockenes Plätzchen, die ermatteten Glieder aus-> zustreckeu. Seit drei Stunden schon müssen sie still aus- halten und ausharren, ohne Murren, beladen mit allem