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Dieses Leben erdrückte sie. Sie hatte sich unbewußt an diesem Muck immer wieder aufgerichtet, ein Nefleix hatte sie erwärmt. Nun es fort war, sehnte sie ich darnach.
Diese Sehnsucht wurde mit oer Zeit so stark in ihr, daß sie fast krank wurde.
Eines Tages tat sie, was sie lange nicht getan hatte. Sie zog die Gardinen von dem Fenster zurück und sah durch die unverhüllten Scheiben, nur um deutlicher sehen zu können. Denn die Kinder drüben hielten das Jüngste unter das Fenster.
Welch ein armseliges blasses Kerlchen es war — wie ihr Jaköbchen es gewesen war. — Und es würde wohl auch zu Grunde gehen. Es konnte ja nicht gedeihen, ihm fehlte die Mutterliebe....
Ja, wenn drüben eine Frau wäre! Der Gedanke ließ ihr keine Ruhe Tag und Nacht.
Und eines Tages —i o Wunder — da trat Anne aus ihrer Stube und ging über die Straße, gerade hinüber in das kleine Haus. Sie konnte die Sehnsucht nicht mehr verwinden, da drüben die Sonne scheinen zu sehen.
„Franz," sagte sie zu dem großen still gewordenen Manne, „ich will mal nach dir und den Kindern sehen. Ich glaube, euch fehlt die Ordnung."
Der sah sie wohl erst starr vor ehrlichem Erstaunen an, doch dann brach ein Funken der Freude darüber aus seinen Augen, daß sie kam, um sich seiner und seiner verlassenen Kinder anzunehmen.
Die Kinder, die sahen auch erst mit großen verwunderten Augen nach der fremden Frau, doch als sie ihnen so mitleidig über die krausen Locken strich, da wurden sie zutraulich, da schmeichelten und schmiegten sie sich an sie, froh, jemanden zu haben, an das sie ihre zärtlichen Kinderherzchen hängen konnten. Trude, die Aelteste, holte auch das Knäblein herbei, das mußte die neue Tante aus die Arme nehmen und mit ihm durch das Zimmer tändeln. Und sie tat das alles mit hochroten Wangen und glänzenden Augen — sie war wie verwandelt.
Wie elektrisiert eilt Md wirtschaftete sie im Hause hin und her. Hier war so viel zu tun, so viel zu ordnen, zu sorgen und zu lieben — und sie war Wch so jung und stark. Sie hatte nie gewußt, daß sich nützlich zu machen eine solche Wonne sei. Täglich kam sie nun herüber.
Es wurde wieder Frühjahr und die Sonne schien wieder hell und golden, Blumen blühten wieder vor den kleinen Fenstern und all die Krausköpfe hatten wieder blanke Augen und rote Wangen. Der Mann trug auch den Kopf wieder hoch und stolz wie früher und sein Auge strahlte, folgte sein Blick dem jungen Weibe, das sich so emsig sorgend der kleinen Schar und seines verwaisten Haushaltes angenommen hatte. Und er dachte wieder zurück an die Zeiten, da sie eben die Kinderschuhe äbgestreift hatte; da hatte sie auch so hier in dem Hause geschaltet und gewaltet, unter ihrer Eltern Regiment, und war ebenso flink und munter gewesen.
Die Eltern schüttelten erst grimmig die Köpfe und wollten nichts davon wissen, daß die Tochter da hinüber ging. Mer mit der Zeit tauten auch ihre harten Herzen auf unter dem frischen Lufthauch, unter der Fülle freudiger Lebenslust, die sie mit herüber brachte.
Drüben, da lachte ja nun wieder die Sonne und das Glück, da sog sich förmlich das arme Herz Annes voll von Wärme und Liebe; die strahlte sie denn zuhause in dem kalten Hause wieder aus und erwärmte es damit.
Geht es doch mit der Liebe wie mit der Sonne. Wo nur ein Strahl hineindringt, der taut und treibt, erwärmt und zündet er. Wer kann kalt bleiben, wenn Liebe wirbt?
Als draußen die Welt in Blüte stand, da stand auch das Herz Annes in neuem Blütenschmucke, und Franz sah ihr in die hellen Augen und sah das alles.
Und als es Sommer wurde, da zog sie ganz hinüber in das Sonnenhaus, als Frau und Mutter. —
Hier sollte sie denn wieder so glücklich werden wie sie einst gewesen war; denn sie war wieder an einem reich — au Liebe!
Die Sonne des Glücks ist auch nicht mehr untergegangen über dem kleinen Hause.
Va§ Mesen der Erkättung.
Ueber das Wesen der Erkältung bestehen noch viele irrige Anschauungen. Bor allem kommt man jetzt zu der Erkenntnis, daß es Erkältungen an sich nicht gibt, d. ls. keine Er-
krankungen, die lediglich auf den Einfluß der Temperaturi wechsel uud nicht zugleich auch auf die Mitwirkung von Bakterien zurückzuführen sind. Nach der jetzigen Anschauung vielmehr ist die Anwesenheit gewisser Bakterien für das Zustandekommen einer Erkältung unerläßlich. Man muß sich ebeu daran gewöhnen, die Merkmale einer Erkältung, wie das Niesen, den Hustenstoß und ähnliches von der eigentlichen Erkrankung zu trennen, da sie lediglich auf Kältereizen beruhen können. Der Glaube, daß die Erkältungen uns allein durch den Witterungswechsel oder sonstige Temperaturschwankungen zugebracht werden, liegt recht nahe, denn wir wissen ja alle, daß das Auftreten der Erkältungen gewisse Zeiten des Jahres ganz besonders bevorzugt. Immerhin löst der Witterungseinfluß nur die Krankheit aus, als deren eigentliche Erreger stets Bakterien anzuseheu sind. Da viele Leute sich mit einer peinlichen Regelmäßigkeit im Frühjahr und Herbst ihre Erkältung' holen und man nicht jedesmal eine besondere Ansteckung annehmen möchte, so ist zu vermuten, daß gewisse lebensfähige Reste von Bakterien von einer Erkrankung bis zur nächsten erhalten bleiben. Die bakterielle Natur der Erkältungen geht namentlich auch daraus hervor, daß eine überstandene Erkrankung dieser Art den Menschen eine gewisse Immunität verleiht, wie es ja bei vielen ansteckenden Krankheiten, oder vielleicht bet allen, der Fall ist. Aus diesem Zusammenhang erhellt auch wieder die Notwendigkeit großer Borsicht bei der sog. Mhärtuug, weil eine Behandlung, die dem Körper plötzlich eine erhebliche Wärmemenge entzieht, namentlich bei kleinen Kindern, die Entstehung von Erkältungskrankheiten außerordentlich befördern kann. Daher soll weder zu früh noch zu schablonenhaft' mit Abhärtungsmaßregeln vorgegangen werden. S-Pezialärzte für Erkältungskrankheiten weisen darauf hin, daß es zahlreiche Menschen gibt, die sich fast nie erkälten, trotzdem sie jede Abhärtung verschmähen, sich stets mit warmem Wasser waschen usw. Was den Husten als Merkmal der Erkältung betrifft, so betonen sie, daß es einen reinen physiologischen Husten, der also nur durch einen Reiz aus das Atmungszentrum im Kopfmark zustande käme, nicht gibt, sondern daß der Husten erst durch Rückwirkung einer Erkrankung, z. B. in den Schleimhäuten der Luftwege, erregt wird. Durch den Erkältungsreiz werden die Gefäße erweitert und eine Blutüberfüllung hervorgerufen. Wenn nun aber alle Schleimhäute frei von Bakterien sind, die! eine Entzündung verursachen könnten, so geht der Erkältungsreiz nach erfolgter Wirkung auf die Blutgefäße vorüber, ohne daß Schnupfen, Husten, Katarrhe oder sonstige Erkrankungserscheinungen eintreten. Der Umstand, daß man sich im Sommer seltener erkältet als im Winter hat seinen Grund darin^daß das Leben der Bakterien im Körper vermutlich durch die Ueberwindung der vor kurzem überstandenen Erkrankungen und das der Bakterien in der Außenwelt durch die stärkere Sonnenscheinwirkung lahmgelegt wird. Die Erkältungskrankheiten pflegen bei derselben Person immer die nämlichen Organe zu befallen, und das ist leicht daraus erklärlich, daß diese Organe, nachdem sie eine derartige Erkrankung überstanden haben, nicht mehr in den Zustand vollkommener Gesundheit zurückkommen, sondern anfällig bleiben, indem namentlich das Gewebe an der bereits früher erkrankt gewesenen Stelle derart verändert ist, daß die Bakterien leichter hinein gelangen können. Die Zahl der Bakterienarten, die als eigentliche Erreger von Erkältungskrankheiten betrachtet werden müssen, ist sehr groß. Die bedauerliche Rolle, die den Influenza-Bazillen dabei zufällt, hat man erst in den letzten Jahren besser kennen gelernt, obgleich gerade hier noch manches zu erforschen bleibt. Wahrscheinlich ist namentlich die verborgene Verharrung von lebensfähigen Influenza-Bazillen im Körper bedeutsam nicht nur für ine Entstehung erneuter Affektionen, sondern auch für die Unterhaltung und Verschlimmerung vieler chronischer Leiden. C. Sch.


