intm'er Wiedel spukhaft zu einer Figur verschwimmen. Schon Ivar es Elf. Wie er so lauschend stand, da war es ihm auf einmal, als höre er aus der Ferne, voM unteren Ende der Insel her, Gesang. Er lauschte gespannt und unterschied nun auch, das; dort das Rheinlied mitten in Nacht und Nebel gesungen wurde. Das war nichts Seltenes : die Biebricher Fischer sangen vst beim nächtlichen Aufbruch zum Fischfang.
Durch den Gesang übertönten Werners Arbeiter auf sein Anraten das starke Geräusch, welche das Ausschütten der Steine verursachte. Die Mainzer aber unter denselben, denen nun doch „ein Licht" aufging, die meinten mit diesem „Sie sollen ihn nicht haben" den Stromlauf und dachten an die Biebricher, und die Freude über den gelungenen Streich, welchen sie jenen spielten, klang aus dem trotzigen Singen.
Der Leutnant sah noch immer in der Richtung nach Kastel ans. Da endlich löste sich drüben vom Ufer ein kleiner Nachen und näherte sich mit kräftigen Ruderschlägen der Jnselspitze. Jetzt hob Herr v. Klötzl sein Perspektiv und suchte so, die lang ersehnten Gäste zu erkennen.
Aber was war das — täuschte ihn der dichter gewordene Nebel? — er sah nur eine Person in dem Kahn! Dann besann er sich und schmunzelte pfiffig: „Ah, um so besser, wenn nur eine kommt! und ganz allein! Rudert selbst!"
Er wurde immer ungeduldiger. Es dauerte ihm eine Ewigkeit, bis der Nachen herankann So scharf er durch das Glas blickte; die Unirisse der heranrudernden Gestalt blieben undeutlich. Wer aber beschreibt seine Enttäuschung, als in diesem Moment ein großer starker Mann in Schifsertracht seine Hülle fallen ließ, sich von' stier Ruderbank erhob und in kräftigem Mainzer Deutsch ihm zurief: „Die Dame lasse grieße. Se dhäte käme, awer noch uet gleich!" . Damit setzte sich der Mann, dessen bärtiges _ Gesicht ein breitkrämp-iger Hut beschattete, wieder hin, ergriff die Ruder und verschwand alsbald, die Jnselspitze in einem Bogen umfahrend, im Nebel.
So mußte Klötzl sich aufs neue in Geduld fassen. Aber astch jetzt blieb sein Warten vergeblich, wenn es auch vier Uhr i«rd, ehe er in großer Erbitterung und stark verschnupft sich w sein Gelaß zurückzvg. Hell aber —- denn dieser war der unwillkommene Bote — durchschnitt mit seinem leichten Kahn, an der Südspitze der Ingelheimer Aue vorbeifahrend, den Strom'. Ungefährdet landete er am anderen User bei Mombach und tiefaufatmend pries er sein Schicksal, das ihn abermals glücklich atis drohender Gefahr gerettet hatte.
Im Mombacher Wald stand ein leichter Wagen und in diesem saß Käthe. Auf dem Bock hielt ein sicherer Mann die Zügel, der schon vor sechs Jahren manche „Flüchtlingspost" erfolgreich Wer die Grenze gebracht hatte. Es gelang ihm auch diesmal . . . Sie sollten ihn nicht haben!
Das gab ein Halloh am anderen Tag, als die Sonne des ersten. März die Nebel von der Rheinflut vertrieb und sich in Biebrsch und Mainz die Kunde von dem neuen Steindamm im Rhein verbreitete. Das Kölner Dampfschiff, das am Vormittag M Biebrich anlangte, versuchte umsonst zwischen den alten Damm und hem über Ngcht entstandenen Staudamm hindurchzukommen; es mutzte umkehren und seinen Weg wie in früheren Zeiten zwischen der Ingelheimer Au und der Nettbergs!-Au nehmen.
Noch am selben Tag war an allen Straßenecken von Biebrich und von Wiesbaden eine Bekanntmachung angeschlagen, daß das Landen der Dampfschiffe in Biebrich infolge Sperrung der Durchfahrt zwischen den beiden vor Biebrich liegenden Inseln vorläufig aufgehoben sei.
Am gleichen Tag erschien der dirigierende Minister von Nassau beim Präsidialgesandten ank Bundestag, Grafen Münch-Belling- hausen trt Frankfurt, um Namens seines Herzogs beim Bundestag gegen Hessen-Darmstadt Klage zu führen. Anderen Tages konferierte d u T h i l in Frankfurt mit Münch, um sich wegen des Gewaltstretchs gegen Nassau zu verantworten. Gerüchte gingen, Ä käme wegen der Rheinspewe bei Biebrich zwischen beiden Landern zum Stiege.
. Ein Federkrieg ja, und ein langwieriger, entstand! Der Ver- nnttlung des Grafen Münch, der selbst an Ort und Stelle er- fchren, gelang es schließlich, einen Vergleich anzubahnen: man mußte sich beiderseits dazu verstehen, von den Steindämmen so
^'"tragen, um einen Durchlaß für größere Schiffe zu schaffen.
4 ■ tnt Tto^'^ien 3"hr Prinz Karneval wieder seinen Einzug
M ■ tz. b« spielte im Feftzug das „Steinleiden" des Vaters Rhein eine tragikomische Rolle.
Seitdem hat längst die Rheinkorrektion, für welche Hessen-- Darmstccht und Nassau viele Millionen aufwendeten, auch die letzten Spuren der Dämme beseitigt, und wer heute in dem flinken Traiektboot die majestätische Rheinflut zwischen Mainz
und Biebrich kreuzt, wird durch nichts erinnert an den trag^ komischen Streit, der hier in der Zeit des Rheinstaatenzolls um das Strombett geführt worden ist.
Tie Reaktion von 1841, zu deren ersten Opfern unser Fritz Hell zählte, fand in den Märztagen des Jahves Achtundvierzia em glorreiches Eiide. Hell hat nach seiner Rückkehr noch an manchen deutschen Eisenbahnen mitgewirkt, und es war ihm vergönnt, zu erleben, was er selbst als verfolgter Journalist vorahnend prophezeit hatte. Die Dämmd der Eisenbahnen wurden M Fundamenten am Bau der deutschen Einheit, in deren Zeichen heute der Rhein zollpolitisch wirklich frei ist und die deutsches Schiffe unter der Flagge des Reiches stolz das Weltmeer 6^' fahren. Weit ist der Befestignngs'gürtel der Reichsfestung Mainz hinausgefchoben; sieben Eisenbahnlinien münden auf ihren Bahn-, Höfen; von der Mainspitze bei Gustavsbuvg führt eine riesige Eisenbahnbrücke nach dem Südbahnhof unterhalb der Zitadelle und die mächtigen Bogen der doppelgleisigen Kviserbrücke überwölben die Petersaue, die keine Befestigung mehr hat. Die Stadtumwallung von Kästel ist gefallen. Großartige Hafenanlagen zeugen von dem Aufschwung, den der freie Schiffsverkehr auf dem Rhein zum Vorteil 'der Stadt genommen hat.
Auf der Sonnenseite.
Von M. T. in Gießen,
Nachdruck verboten.
(Schluß.)
Da waren drüben in dem Hanse zwei Engel aus- und eingeflogen, einer, ein heller freundlicher, früh morgens/ der brachte ein kleines Mädlein, das zappelte und schrie nun in der großen Wiege — und der andere, ein schwarzer düsterer, gegen Mend, der brachte Schmerz und Verzweiflung in das kleine Haus und vertrieb alle Freude, allen Frohsinn mit eiseskalten, unbarmherzigen Händen.
Der Mann, der sonst so fröhlich geschafft hatte für Weib' und Kind, dem jedes neue Kindchen ein neues Glücksgeschenk des Himmels gewesen war, stand tote zerschlagen, wie erstarrt im Schmerz. Er konnte und wollte nicht begreifen, daß ihm sein Bestes, sein herziges, fröhliches Weib, genommen war. Und die Kinder gingen scheu um den Vater herum, der aus einmal so anders geworden war, so fremd, so kalt —
Sie verstanden ja das Unglück noch nicht, das sich auf sie herabgeseukt hatte. Sie fühlten es aber schon trüb und schwer und es nahm ihnen alle Munterkeit.
Die Totenfrau sagte, Mütterchen sei gestorben und der liebe Gott habe sie zu sich genommen. Nun würde sie wohl nie mehr mit ihnen spielen, nie mehr mit ihnen lachen und scherzen. Das war ein trostloser Gedanke für sie ... .
Und das alles beobachtete von drüben mit brennenden Augen die einsame Frau. Nun hatte sie, was sie im Stillen erhofft hatte. । .-|;. । . .
Doch sie konnte sich nicht freuen darüber. Ihr fehlte nun etwas, in ihr wurde es noch kälter. Nun sie noch nicht einmal mehr den Reflex des Sonnenscheins hatte, fror sie bis ins Herz hinein. So furchtbar trostlos und traurig, so zum Sterben elend war ihr. Und sie sehnte sich mit einem Male nach etwas Erwärmendem, nach etwas Sonne, nach etwas Liebe. Doch klar war sie sich nicht darüber. Sie empfand es, sie dachte es nicht.
Wochenlang war nun die Frau drüben schon tot. Immer noch ging der Mann herum mit gesenktem Kopfe, schlichen die Kinder hinter ihm her mit blassen, verängstigten Gesichtern. Und die Sonne wollte nicht wieder kommen. Es' regnete, regnete es war eben Herbst.
Dann kam der Winter und brachte Schnee und Eis und Anne fror — fror bis ins Herz hinein.
Drüben sah sie die K'rausköpfe der Kinder unordentlich und zerzaust hinter den Fenstern, wo sonst die Blumen gestanden hatten. Die blühten sonst im Winter innen aus der Fensterbank.
Sie vermißte die Blumen drüben so sehr wie das Glück. — Es müßte wieder eine Frau hinüber, die Ordnung schaffte, kam ihr der Gedanke. Dann würden wieder Blumen an den Fenstern blühen, dann hob der Mann gewiß wieder den Kopf hoch und stolz und schaffte so freudig und tüchtig tote ernst. Dann würden auch wieder die Kinder singen und springen und fröhlich sein und jubeln und lachen in den Tag hmetn.
Wenn doch das Glück drüben wieder einziehen, die Sonne wteder lachen wollte!


