Donnerstag den 20. Angnst
1908
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Sie sollen ihn nicht haben!
Novelle aus der Zeit der Eisenbahnfurcht.
Von Johannes Proelß.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Als er sich dann auch von seinem Ressovtchef verabschiedet hatte und im schleunigen Tempo der Extrapost auf der Straße nach Mainz dahinfuhr, war seine Phantasie fieberhaft beschäftigt, den Fluchtplan für Hell zu entwerfen. Die nächtliche Expedition auf die Peters'aue mußte Gelegenheit geben. Einmal lachte er mitten in seinem schmerzlichen Grübeln auf. Er dachte an den Plan seiner Frau, wie der wachhabende Offizier, der Leutnant von Klötzl vom österreichischen 2. Grcnadicrregiment, auf dem gefährlichen Fort genasführt werden sollte.
Troß der Schnelligkeit der Fahrt war eS bereits 10 Uhr abends, als er am Festungstor vor Kastel hielt, und das' Tor ordnungsmäßig geschlossen vorfand. Als er seine Paßkarte dem! öffnenden Wachtposten durch das Wagenfenster reichte, durch- fchauerte ihn der Gedanke: Der hat nun gewiß auch schon Befehl, den unglücklichen Hell hier nicht mehr herauSzulassen!
Ob dessen Haus schon bewacht würde? Er ließ den Wagen vor dem „Bären" halten und näherte sich dann vorsichtig dem hübschen Gartenhäuschen, das Hells bewohnten.
Friß und Käthe saßen im gemütlichen Behagen an dem Tisch, an dem sie zu Nacht gegessen hatten. Unsäglich schwer fiel eS Werner, die ersten Worte seiner Schreckenskunde hervorzustammeln. Schwer siel es ihm auch, Hells Kampflust zu zähmen, der gleich direkt nach Darmstadt wollte, um im Gefühl seiner Unschuld sich dem Minister zu stellen. Werners Hinweis auf Hells journalistische Tätigkeit, die den Minister erzürnt haben könnte, öff- nete ihm die Augen. Nein, schleunige Flucht war hier das einzige! Schleunige, aber nicht übereilte!
Käthe, die immer noch mit den Tränen rang, stimmte eifrig bei. Mit gefaßter Tapferkeit rief sie: „Und ich gehe mit dir!" — „Bleibst du nicht fürs erste besser bei uns?" wandte Werner fragend ein.
Doch Hell umfaßte sein junges Weib. „Nein, sie begleitet mich! Ich versprach eS ihr am Tage meiner Heimkehr!"
Man beriet hin und her. Hoffnung, Trost, Zuversicht stellten sich ein. Käthe, die mit einer Freundin an dem Plan ihrer Schwester, den Leutnant auf dem Petersäuer Fort irrezuführen, beteiligt war, schlug vor, dies Vorhaben auszunützen. Werner rechnete sicher darauf, daß er den ihm zur Verfügung gestellten Polizeileutnant irgendwie werde veranlassen können,, die beiden zur Verhaftung Hells bestimmten Gendarmen tagsüber in Anspruch zu nehmen. Wohl standen die Augen der jungen Frau, alS Werner aufbrach, noch in Tränen, aber schon sprach auch wieder eine frohe zuversichtliche Entschlossenheit auS dem lieben Gesicht, das ihn gerade mit diesem Ausdruck von Lebensmut so lebhaft an die etwas volleren Züge seiner Lotte erinnerte.
Als am nächsten Abend die Sonntagsglocken den Mainzern die zehnte Stunde ansagten, regte sich auf deM Main vor der
Schiffsbrücke ein ungewöhnlich geheimnisvolles Leben. In dunklen Umrissen tauchten große und kleine Lastschiffe auS dem dicht lagernden Nebel auf, um eines nach dem andern lautlos gleich Schatten durch die Lücke zwischen den PontonÄ ink Dunkel wieder zu verschwinden. Nur die roten und grünen Signallichter stachen noch eine Weile schimmernd gleich kleinen Leuchtkäfern durch den Nebel. Und alle diese stillen Schliffe nahmen den gleichen KurS und glitten Herr Strom hinab, der sich zwischen den beiden langgestreckten Inseln, der Ingelheimer und der PeterSaue nach Biebrich zu hinzieht.
Der wachhabende Leutnant auf deM Fort der Petersaue beobachtete anfangs mit Interesse das Schauspiel, das für ihn nichts Uebervaschendes hatte. Wie alle anderen Festungswachen war natürlich auch er von dem Durchzug der Schiffe dienstlich unterrichtet. Bald aber trieb ihir eine innere Unruhe auf die anders Seite des Forts, wo er mit seinem Feldstecher in höchster Span-, nung das Kasteler Ufer absuchtc, als ob er dort ein viel erban- licheres Schauspiel zu erwarten habe. Ein Blick auf die Uhr belehrte ihn, daß er zu ungeduldig sei. Erst um Elf durfte er den Besuch erwarten. Seiner Mannschaft hatte er Erlaubnis erteilt, sich durch Kartenspiel die Zeit zu vertreiben. Er brauchte keine Zuschauer bei dem kleinen Abenteuer, dem er entgegensah! Als er die Leute jetzt noch einmal inspizierte, konnte er zu seiner Beruhigung feststellen, daß diese in den nächsten Stunden für Herzdamen nur in Form von Kartenblättern interessiert sein würden.
Schmunzelnd über seine Schlauheit ging der Leutnant wieder an den Auslug. Der junge von Klötzl war ein verliebtes Blut, und die schönen Mainzerinnen, denen der Karneval alljährlich eine hohe Schule für ein harmlos übermütiges Spiel mit solch leicht entzündbaren Herzen' ist, hatten von ihm manch lustige Geschichte zu erzählen, in welcher er sich alS Held gefühlt hatte, während er in Wirklichkeit nur der Necklust fröhlicher Frauen-, larure zur Zielscheibe diente.
Auf dem großen Maskenball am letzten Dienstag hatten solch ein Spiel drei weibliche DominoS in den Mainzer Stadtfarben mit ihm getrieben. Sie hatten sich Lore, Käthe und Lotte genannt, waren aber in der Maske so schwer zu unterscheiden gewesen, daß er sie immer wieder verwechselt hatte. Jeder hatte er sein Leid geklagt, daß er am nächsten Sonntag Tag und Nacht das Petersäuer Fort bewachen müsse und sie unter heißen Liebes- schwüren um ein Stelldichein auf der „wüsten Insel" gebeten^ um in fröhlicher Fortsetzung der Karnevalslust ihm die Zeit zu vertreiben.
Jede der drei Masken hatte ihn schließlich verhöhnt, weil er ja auch den anderen die gleiche Bitte ans Herz gelegt habe. Am andern Morgen aber hatte er ein duftiges" Briefchen erhalten: sie würden alle 'öwer ihn erbarmungsvoll in seiner Einsamkeit besuchen — abends" gegen Elf — in einem Kahn von Kastel aus, wo sie an dem Abend bei Bekannten eingeladen wären. Wenn er alle drei beim rechten Namen nenne, dürfe er von jeder einen Kuß erbitten.
Bor des Leutnants Augen, welche krampfhaft durch den Nebel nach Kästel hinstarrten, gaukelten die drei Dominos, die abex


