Ausgabe 
20.7.1908
 
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In den Worten liegt das innerste Wesen des Gedichtes! nicht, das euch der Dichter geben will. Sie sollen euch Führer sein zu seinem tiefsten Geheimnis. Das ist ver­borgen in ihm wie die Blüte in der Knospe. Sie müßt ihr aufblühen lassen in eurem Herzen. Der Dichter mit seinem Gedicht ist mir ivie ein Mensch, der eia kostbares Schmuck­kästchen aus hellem Silber in seiner Hand hält. Künst­lerische Zeichnungen sind darauf eingegraben, mit goldenen Zieraten ist es übersät. Viele drängen sich um ihn und be­wundern laut das prächtige Gefäß. Einer aber ist unter ihnen, den treibt es, den Schatz zu erschauen, der solcher Bewahrung würdig. Lächelnd reicht ihm der Dichter das Kästlein. Es will ihm nicht leicht gelingen, das Geheimnis zu ergründen, wie es zu öffnen. Aber dem sinnenden Blick zeigt sich auf einmal wie durch Zufall die verborgene Feder. Der Deckel springt auf. Und nun leuchtet ihm auf matter Seide der herrliche Edelstein entgegen oder die köstliche Perle. Freut euch also an dem äußeren Geipande des Ge­dichtes, an seinen glanzvollen Bildern und an seinen tönen­den Worten. Lest es euch laut vor oder hört es an von einer Stimme, die den Klang der tiefen Worte zu finden weiß Und die euch lieb und vertraut ist. Mer sucht die verborgene Feder zu finden, die euch das Geheimnis seiner letzten Schönheit nicht erschließt, aber doch ahnen läßt. Nehmt es mit in eure Einsamkeit und in eure Träume. Die wachen Träume meine ich eurer Sehnsucht. Wenn euch aber nach lairten Tagen nicht die Einsamkeit lockt, und wenn ihr keine Sehnsucht und keine Träume habt, dann lest keine Ge­dichte. Ihr würdet nur eure Zeit, eure kostbare Zeit weg­werfen. Ihr habt ja nie Zeit, wenn man euch. hört.

V. S. Mehr.

2?mm siebtes.

* E i n neues Spiel. Das Diabolo, das sich so schnell eingebürgert hat, hat einen Rivalen gefunden, denn aus London kommt die Künde von einem neuen Spiel, das den NamenNetz­ball" führt. Es handelt sich hier um eine anmutige Abart des Diabolo, die die Vorzüge des altchinesischen Spiels beibehält, ohne dessen Nachteile, die Gefährlichkeit der in die Luft geschnellten Projektile, zu haben. An zwei Stäben, genau wie beim Diabolo, ist ein dehnbares Netz befestigt, das durch Anziehen der Stäbe den Ball in die Luft schleudert und beim Niederfallen wieder auffängt. Das Netz versieht dabei die Funktion einer Schleuder.

* Auch eine Hosenrolle. In der Pariser Scala, einem Variotö, wird jetzt eine Sommerrevue aufgesührt, mit den üblichen mehr aus- als angezogenen Weiblichkeiten und den üblichen Anspielungen auf Tagesereignisse und besonders auf die Politik. Seit einigen Tagen ist in die Revue eine neue Nummer" eingeschoben worden, die Fallisres' Reise nach London behandelt. Fallisres tritt in dieser Szene Hochselbst aus. Wer aber stellt ihn dar? Eine Dame; Fräulein Jeanne Bloch. Die Lavallitzre hat ja einmal in einer Revue Napoleon I. verkörpert. Warum soll Jeanne Bloch nicht Fallisres verkörpern? Das wird einer Dame schwer fallen, denkt man, denn Fallisres hat doch einen beträchtlichen Körperumfang; er kann nicht sehr ähnlich sein. . Im Gegenteil, er ist außerordentlich ähnlich. Man muß Üäinlich wissen, daß Jeanne Bloch einen noch weit größeren Umfang besitzt, als das gewichtige Staatsoberhaupt Frankreichs; das ist sogar ihreSpezialität", und mit ihrer Dicke erzielt sie noch komischere Wirkungen, als mit der Unverfrorenheit, die gewagtesten Dinge als etwas Harmloses vorzutragen. Gerade harmlos sind auch die Witze nicht, die sie als Fallisres zu machen hat; aber der Hauptwitz ist doch der, daß eben Jeanne Bloch den Fallisres spielt! Wenn sich nur nicht die Polizei einmischt.

* Was die Fran des Khedive gekostet hat. Der Khedive von Aegypten, der zurzeit in London zu Besuche weilt, besitzt keinen Harem wie etwa der Sultan. Allerdings gestattet ihm die mohammedanische Religion den Besitz von 4 Frauen; aber Abbas II. begnügt sich wie sein Vater mit einer einzigen. Seine Frau war ehemals eine zirkassische Sklavin und wurde wegen ihrer außerordentlichen Schönheit von der Mutter des Khediven einem türkischen Pascha für nicht ganz 1600 Mark äbgekaust. Der Khedive, der fünf entzückende Töchter und einen Sohn hat, soll seine Fran abgöttisch verehren.

. chÜ Die kürzeste Art der Eheschließung finden wir Ist die Werbung des jungen Mannes dem Vater des .Mädchens genehm, so wird ein Zusammentreffen beider Familien vereinbart. Nach einigen Präliminarien drücken Braut und Bräu­tigam sich gegenseitig ein viereckiges Stück Butter ans die Stirn. Von diesem Augenblick ist das derart dekorierte Paar Mann und Weib. Wer die älteste Tochter ehelicht, bekommt zugleich all ihre Schwestern mit in den Kauf; heiratet er die zweite, so wird er zugleich der Gatte auch der jüngeren Schwestern.

Humoristisches.

Ider Rechenstunde. Die Lehrerin fand' einige Schwrerigkelt, den Kindern die Subtraktion klar zu machen und wählte daher ein praktisches Verspiel.Nehmt einmal an," sprach sie,rch hätte zehn Dollars und ging in einen Laden, um mir ettvas dafür zu kaufen. Zuerst kaufte ich mir einen Hut für fünf Dollar. Dann gäbe rch zwei Dollar für Handschuhe aus und einen Dollar und fünfzig Cents für andere Dinge. Wieviel wurde ich dann nachbehalten haben?" Einen Augenblick herrschte tiefste Stille. Dann fuhr die Hand eines Küaben in die Höhe.' Nun, Tommy, rmeviel würde ich nachbehalten haben?"! " haben Sre ^hr Geld nicht nachgezählt?" sagte Tommy entrüsteten Tones.

'Auf der Reise.Was kostet's, wenn Sie den Koffer zum Bahnhof bringen?" 11

Eine Mark."

/»Fünfzig Pfennige ist auch genug."

Na lassen Sie 'n doch da stehn. Bis es Nacht ist, da trägt ihn einer ganz umsonst weg."

Gesmrdhcitspslege.

Eine wichtige Maßregel ist:Nicht essen, weiili man erschöpft, ermüdet oder aufgeregt ist'" Die warme Sommerzeit ermattet ohnehin; arbeitet man nun im Garten oder sonstwo, huldigt mau Spiel oder Sport, unter- nimmtinan Kahnfahrten, Radtouren, Fußmärsche usw., so werden auch die Verdauungsapparate ermüdet und unfähig, sogleich an eine starke Arbeit. heranzugehen, wie dies das sofortige Zusich- üehmen von Speisen, selbst den leichtverdaulichsten, erfordern wurde Man gönne sich bei der ungeheuren Wichtigkeit einer- gesunden Magentatigkeit stets erst eine genügende Zeit Erholung und Ruhe, stelle so die normalen Kräfte her und genieße auch dann noch Speise und Trank mit Bedacht. Direkt schädlich ist sofortiges Trinken kalter Getränke bei großer Erschöpfung. Ist der Durst sehr groß, so trinke man nur schluckweise, dadurch werden die Getränke rm Munde vorgewärmt und zugleich die Mund- schleunhaut erfrischt. Das Löschen des Durstes hängt nicht etwa von der Quantität der Getränke ab, sondern-von der Art, wie man ihn loscht : langsam, vorsichtig, schluckweise! Je mehr man trinkt, desto mehr schwitzt nian nnd bekommt dann neuen und größeren

Albumblätter.

V o r s r e n d e.

Vorfreude ist das Morgenrot

Vor der des Dunkels Schatten ivcicht.

Vorfreude ist des Glückes Lenz, Den uns die erste Rose reicht.

A. Ammann.

*

Die Freundschaft ist die heiligste der Gaben; Nichts Heiliger's könnt' uns ein Gott verleih'». Sie würzt die Freud' und mildert jede Pein. Und einen Freund kann jeder haben, Der selbst versteht, ein Freund zu sein.

*

Halt aus im Leid Halt ein im Genuß.

Rätsel.

Des Wortes erstes Zeichen Mußt tausthen du dreimal um, Dann springen vier Gebilde Jin Kopfe dir herum.

Ein jedes mit vier Zeichen Einsilbig ist gebarit.

Bedrohlich blickt das erste Und ruft mit Hellem Laut.

Das zivcite, des Feldes Zierde, Ein wogend stolzes Heer, Gesucht von Handelsleiiten, Geht über Land iind Meer.

Im Berg und Tale das dritte Wohnt, ein gar froher Gesell, Hört nicht au! mit feinem Geplauder Und schaut dich an so hell.

Das vierte aber scheue I Nie gibt es guten Rat, Und folgst du seinem Rufe, Reut meist dich deine Tat.

A. A m in a n n.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: Paradie §-d) e n.

Redaktion: P. W itlko. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch^ und Steindruckeret, R. Lange, Gießen.