Montag den 20. Juli
1908
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John Darrows Tod.
Roman von Melvin L. S e v r r y.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Eine gewaltige Aufregung bemächtigte sich meiner kleinen Zuhörerschar, als ich so weit gelesen hatte, und ich selbst fühlte mich zunächst unfähig, fortzufahrcn Ragobah unschuldig! All unsere Kombinationen über den Haufen geworfen! John Darrows Furcht und Verdacht unbegründet, — und doch dies geheimnisvoll-schickliche Verbrechen! Wer war nun der Mörder? Oder war auch diese Vermutung falsch und hatte irgend ein unerklärter Zufall Herrn Darroivs Leben geendet?
Alle diese Fmgen stürmten auf uns ein und fanden Worte in jeneir erregten Augenblicke!:. Florence und meine Schwester sprachen gleichzeitig durcheinander, und auch ich selbst vermochte nicht zu schweigen. Verhältnismäßig am ruhigsten war Maitland; als er sich wieder vernehmlich machen konnte, sagte er langsam: „Ich hübe so etwas geahnt. Mir wollte verschiedenes nicht mehr stimmen. Aber lassen Sie uns zunächst noch hören, was Herr Siddons weiter schreibt."
Ein tiefes erwartungsvolles Schweigen folgte dem aufgeregten Reden, und so fuhr ich fort in der Verlesung des Briefes: „Wie die Sache lag, war es unmöglich, Ragobahs Verhaftung aufrecht zu erhalten. Er mußte freigegeben werden, doch sah ich kein Zeichen der Freude auf seinem finsteren, von Leidenschaften zerrissenen Gesicht, als diese Entscheidung fiel. Auch klang es merkwürdig, üls er mich beim Gehen um das „Vergnügen" einer privaten Unterredung in seinen: Hause bat. Ich habe diese Unterredung gehabt, und cs war mir ein merkwürdiges Gefühl, den Ort zu betreten, wo die Geliebte unseres toten Freundes so sehr gelitten hat.
Ragobah empfing mich mit ernster Höflichkeit, lud inich zum Sitzen ein und sagte daim nach einem kleinen Schweigen: „Sie haben mir die Ehre angetan, Sahib, — denn ich empfinde es als solche, — mich für den Mörder von John Darrow zu halten. Ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen zu sagen, daß ich all ineinen irdischen Besitz daruin geben und willig ein langes Leben voll Qualen ertragen würde, wenn ich in Wahrheit sagen könnte: „Ich, Rama Ragobah, habe John Darrow getötet!" Wer zu meinen: Schmerz muß ich sagen: Ich bin unschuldig! Seit mehr als zwanzig Jahren habe ich nur einen Vorsatz, einen Gedanken gehabt, — Rache zu nehmen an ihm, der mich um die Liebe des geliebtesten Weibes gebracht hat. Dieser Wunsch hat :nich verzehrt. Jahrelang habe ich nach der Spur des Verdammten gesucht, die er bei seinem Fortgehen von Bon:bah so geschickt zu verdecken gewußt hat, daß ich Indien vergeblich in allen Richtungen durchstreift habe, um sie zu finden. Erst vor wenigen Monaten gelang es mir zu erfahren, daß er unter seinem richtigen Namen — er hat ihn für längere Zeit abgelegt gehabt, wie ich jetzt weiß, — in Dorchester mit seiner Tochter lebte. Die Freude hat mich beinahe toll gemacht; jetzt sah ich die Vollendung meines Lebenswerkes vor mir! Und.,
nun denken Sie, was ich empfand, als ich endlich in Amerika gelandet war und Dorchester betrat, nur um zu hören, daß John Darrow wenige Tage zuvor durch Selbstmord geendet habe!
In meiner aufkochenden Wut beschloß ich, mir ein anderes Opfer zu stutzen und seine Tochter zu töten. Auch dieser Plan ist niißlungen, — und ich bin jetzt froh darüber. Was hätte der Tod eines unschuldigen Biadchens meiner Rache genützt? Sie ist unbefriedigt geblieben, mein Leben ist verfehlt, und ich hoffe und glaube, daß es nun bald zu Ende geht. Schmerzen, wie ich sie seit Jahren erduldet habe, zerschneiden, die Wurzeln des Lebensbaumes."
Tas ist alles, was ich noch zu berichten hatte. Nach dem Eindruck, den ich von Ragobahs Persönlichkeit und seinen Worten empfangen habe, halte ich es für vollkomnten ausgeschlossen, daß er bei dem Tode unseres Freundes doch die Hand in: Spiele gehabt und ettva durch einen Helfershelfer den Mord verübt hat. Kttnn ich Ihnen irgendwie noch diene::, so bin ich stets dazu bereit, doch glaube ich, daß die Spur des Täters nur dort in Amerika zu suchen ist."
Niemand sprach zunächst, als ich zu Ende war. Bkeine Schwester hatte ihren Arm um Florences Schultern gelegt, als ich von Ragobahs Mordanschlag auf sie gelesen hatte, und saß noch in dieser Stellung. Maitland war der erste, der das Schweigen brach. „Es ist nicht anders," sagte er, „wir müssen uns mit dem Gedanken abfinden. Tie Ragobah-Spur war ein völliger Fehlgriff, obwohl uns — das können wir getrost zu unserer Rechtfertigung sagen — nichts anderes übrig blieb, als sie bis zu ihrem Ende zu verfolgen. Ich gestehe, ich bin noch niemals so enttäuscht gewesen wie über den völligen Fehlschlag unserer Berechnungen. Jedoch werde ich mit Fräulein Darrows Erlaubnis zun: ersten Ausgangspunkt zurückkehren und noch einmal von vorn ansangen."
„Sie machen mich so sehr zu Ihrer Schuldnerin," versetzte Florence langsam, „daß ich die Rechnung niemals begleichen kann."
„Es steht wohl fest, daß Ihnen eine Rechnung zur Begleichung nienmls zugeht," entgegnete er. Florences Wangen färbten sich, aber sie antwortete nur mit einem dankbaren Blick.
„Sie sehen," fuhr Maitland fort, „:vas die Lösung unseres Geheimnisses so schwierig macht, ist die Tatsache, daß alle unsere Entdeckungen wohl von: größten Nutzen sein würden für die Ueberfiihrung des Mörders, daß sie aber ivertlos finb, so lange seine Person nicht bekannt ist. Da wir jetzt auch außer stände sind, einen Beweggrund für das Verbrechen zu finden, so sehen Sie, wie gering unsere Hoffnung auf Erfolg ist. ' Glückt es uns je, zufällig den Täter ausfindig zu machen — denn ich fühle, das hängt mehr vom Zufall, als von planmäßigem Vorgehen ab — so, denke ich, iverden wir ihn fctjoi: überführen können. Hier zum Beispiel," sagte er zu mir und hielt ein Stückchen Glas in die Höhe, das er nach seiner Angabe aus dem Ostfenster des Mord- zimmcrs geschnitten hatte, „hier ist etivas, das ich bisher weder Ihnen, noch. Fräulein Darrow gezeigt habe. Es kann uns zur .Aufspürung des Tä.tcrs .nicht das geringste helfen, aber, haben


