Ausgabe 
20.6.1908
 
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Der schlaue Spitz.

Ein Märchen a n§ Oberhessen.

38 oit einem o b e r h e s s is chen Bauer n. (Originalbeitrag derGieß. Fam.-Blätter".) (Nachdruck verboten.)

Dummbachshausen war ein gemütliches Dörfchen, beim da die Stadt weit davon entfernt lag, war geschäftliches Hasten noch nicht in die friedlichen Manern des stillen Ortes gedrungen. Der größte Schatz dieses Dorfes aber war der nute Rat des Bauern Spitz, der die einfältige Dummheit in dem Oertchen auf eine nie geahnte Höhe brachte. Dieser Spitz war ein ganz kurioser Kerl, der eine Stelle im Ge- meinderat sein Eigen nannte, und dessen Ziel die erhabene Würde eines Bürgermeisters war. Den Schmeichelnamen Spitz" verdankte er dem Neide seiner Standesgeuossen, die dem superklugen Manne nicht hold gesinnt waren. Fuhr er aus, um feinen Acker zu bestellen, so zogen die munteren Gassenbuben scharenweise hinter ihm her und posaunten seinen Ehrennamen aus. Zuerst suchte dann der Schlaue sie mit Sirenentönen an sich zu locken. Hatte er die Freude, feinen Versuch mit Erfolg gekrönt zu sehen, so wand sich das arme Opfer seiner Schlauheit unter den wuchtigen Hieben seines derben Stockes.

Im Gemeinderat gab er manchen ergötzlichen Rat. Einst wurde ein Gemeindebrunnen gemacht. Da man nicht itmfste, was man mit der airsgegrabenen Erde anfangen sollte, wurde Spitz um Rat gefragt. Der sagte:Mir machst e Loach ean schebbe die Ere do eneann." Als man den Rat be­folgte und sich getäuscht sah, wurde Spitz arg drangsaliert. Ebenso ging es, als einst derGickel" vom Kirchturm ge­fallen war und der kluge Mann riet, den Turm umzulegen, den Hahn draufzustecken und ihn dann wieder aufznstellen.

Aber an Verfolgungen und Schmähungen lag Spitz nichts; er verfolgte fein ihm vorschwebeudes Ziel uner­müdlich und wurde doch endlich Bürgermeister. Das kam so.

Einst fuhr es ins Feld, um seinen größten Acker zn pflügen. Da er lange zu ackern hatte, nahm er sich ein gutes Frühstück mit. Als er dessen auf dem Wege sich plötzlich erinnerte, wurde er so lustig, daß er sang:Hinaus in die Ferne, mit Botterbrut caitn Moscht, ean ach noch e Schnäpsche, dann gritt mr goar fan Doschd" (Durst. )

Als er ackerte, ließ ihm sein gutes Frühstück keine Ruhe. Endlich setzte er sich nieder, um es zu verzehren. Da kam ein Sperling und ließ sich auf dem einen Horn des faulsten Ochsen nieder, ohne daß dieser es merkte. Der muntere Spatz teilte die Lustigkeit des Spitz und Pfiff: spitz, spitz, spitz. Der Bauer meinte, der Sperling wolle ihn schelten und sagte:Mvas, du willst mich nze? Aich toean dir sch schul ianscilze."

Mit diesen Worten ergriff er den derben Stock und schleuderte ihn mit aller Wucht nach dem Spatz. Aber statt dessen traf er den Ochsen, der eine so schwere Ver- . wundung davontrug, daß er geschlachtet werden mußte.

Mit der Haut des Ochsen machte sich Spitz einige Tage darauf auf den Wkg in die Stadt, um sie dort zu verkaufen. Tie Sonne schien so heiß und die Ochsenhaut lastete so schwer, daß der Spitz sie hinlegte und sich daneben, um ein wenig zu schlafen. Während er schlief, kam ein Schwarm Wespen daher, welche sich schnell in die Haut einnisteten. Als Spitz erwachte, die Sonne sank schon wickelte er die Haut sorgfältig zusammen und ging weiter. Er kam in ein Torf, und da es schon spät war, begab er sich in das erste Haus. Dort traf er nur eine Frau an. Als er um ein Nachtlager bat, wies sie ihm die Ofenbank au, wo er sich seine Ochsenhaut unter den Kopf legte und sich niederlegte. Als er gerade einschlafen wollte, kam plötzlich ein Mann herein, der Liebhaber der Frau. Diese backte schnell Pfannenkuchen und der Ankömmling stellte zwei Flaschen Wein auf sw» Tisch. Nun aßen und tranken beide vergnügt, ließen aber eine Flasche Wttn und ein paar Pfannenkuchen übrig, die sie am anderen Abend ver­zehren wollten. Der Wein wurde unter dem Bett und der Kuchen im Küchenschrank versteckt. Spitz, der sich nur schlafend stellte, merkte alles.

Ta hörte man plötzlich die Tritte des gestrengen .Haus­herrn, der unerwartet zurückgekehrt roar^ In der Angst retirierte der erschreckte Gast in einen Schrank, den die Frau eiligst verschloß.

Der nichtsahnende Hausherr knüpfte alsbald mit Spitz,

der aufgestanden war, ein Gespräch an und fragte ihn, auf die Ochsenhaut deutend:Woas hoste do?" Spitz war zum Scherzen aufgelegt und erwiderte, es sei ein Wahrsage- apvarat. Das machte den andern neugierig und er sagte, wenn er i,hm etwas wahrsage und es träfe ein, gäbe er ihm zehn Pfund Silbergeld. Spitz entgegnete:Doas will aich alcich mache", rüttelte zufällig an seiner Ochsenhaut, wobei die Mesven brummten, ohne daß er selber es merkte, und versickerte dem Frager, unter dem Bett sei eine Flasche Wein und in der Küche Pfannenkuchen. Der Mann, der das ängstlich empörte Gesicht feiner Frau nicht bemerkte, wollte das nicht glauben, sand aber zu seinem Erstaunen die Sache bewahrheitet.

Spitz zeigte sich nun nicht als Unmensch und sagte: Aich will soviel Geald uet hu, geabt mr den Schrank, der do stitt, daun fein aich schu fefrirre."

Tie Frau, die.Spitz längst hatte fürchten gelernt, pro­testierte zwar schüchtern gegen diese Forderung; da der Mann aber einwilligte, mußte sie schweigen.

Spitz lud am andern Tage, nachdem er die Nacht auf der Ofenbank wachsam zugebracht hatte, den Schrank mit seinem Inhalt auf die Schulter und ging davon. Um den Insassen recht ins Bockshorn zu jagen, sagte er unterwegs: Woas fang aich mit dem Schrank o? Aich werf en ian die Bach." "

Ta tönte es aus dem Schrank:Laiwer Mann, nxmit du mich eraus lest, grift de dausig Mark."

Spitz nahm natürlich das erfreuliche Anerbieten an und erhielt auch wirklich das Geld. Glückstrahlend erzählte er daheim, er habe für die Ochsenhaut tausend Mark be­kommen. Das ließ der Bürgerineister, obwohl er es stark bezweifelte, sofort bekannt machen. Wer aber eine Ochsen­haut in der Stadt verkaufen und dasselbe Geschäft wie Spitz machen wollte, sah sich arg getäuscht, und einige Mißvergnügte beschlossen, Spitz nachts im Bett zu über­fallen und ihm eine gehörige Tracht Prügel zu verabfolgen. Spitz aber hatte Lunte gerochen. Er legte sich überhaupt gar'nicht ins Bett, sondern stellte sich als Wache m eine Ecke an der Tür. Als die Verschworenen kamen, verdrosch er sie dermaßen mit einem Knüppel, daß sie einen ge­waltigen Lärm schlugen.

Doch die Frau des Spitz, die krank Ivar, glaubte das Haus voii Räubern überfallen und starb vor Schreck.

Am andern Morgen belud Spitz, der seine böse Sieben nun los war, seinen Magen mit Aepfeln, fertigte eine Strobpuppe an, die seine Fran naturgetreu darstellte, band sie hinten auf den Wagen und fuhr in die Stadt. Dort hielt er vor einem Gasthaus. Da kam ein Bürger daher, der die Strohpuppe für eine Frau hielt. Er fragte:Was kostet das Pfund Aepfel?" Keine Antwort., Als er wieder­holt vergeblich gefragt hatte, geriet er so in Zorn, daß er ber Puppe einen Schlag mit dem Stock versetzte. Diese stel auf das Pflaster und blieb liegen. Das hatte Spitz gesehen. Sofort rief er:Wann du mir uet fiefdausig Mark gebft, sahn ich dr Bolizei, du häßt ntei Fraa dut geschmeasse.

Ter Bürger bezahlte in seiner Angst.

Als Spitz heim fam, erzählte er, er habe all feine Aepfel auf die Straße geschüttet, die Leute hätten sie auf- qelesen und jeder ihm Geld gegeben, so daß er soviel Geld befommen hätte. 9hm fuhren andere Bauern ihre Aepfel in die Stadt und schütteten sie alle auf die Straße. Da kam alles, was laufen konnte, nahm soviel Aepfel, als jeder tragen konnte, aber ans Bezahlen dachte uiemanb.

Nun war das Maß des Spitz in seinem Dorfe voll. Tie Bauern griffen ihn, steckten ihn in ein Faß und wollten ihn ins Wasser werfen. Als sie ihn schon nahe am Ufer hatten, kam ein Bärenführer ins Torf. Der unglückliche Gefangene schrie, was er konnte. Da fam zu seinem Gluck gerade der Gemeindeschäfer mit der Schafherde daher. Mit­leidig fragte er den Spitz:Moarim (warum) hu se dich dann do eneann geftobbt?" Klagend rief der Mann im Fasse:Hanncher, aich soll Borgemaester wearn, do wollt aich uet, do hu se mich iaus Fässi gefaßt ian wollte mich ians Wasser werfe. Ach Heals mr doach erans."

Der Hanncher willfahrte der Bitte des Arglistigen. Als dieser sich aber frei fühlte, steckte er den Schäfer ins Faß und trug ihn seitwärts in die Büsche. Die Schafherde aber trieb er ins Dorf.

Als ihn die Leute sahen, riefen sie:Spitz, wu kuiumste daun her met den Echos? Mir gtabte, du wirscht noch tarn Fatz."